Blasphemiealarm in der Synthpop-Welt. MIRACLEs drittes Album, betitelt „The Living Likeness Of My Electric Daemon“ wird verbunden mit einem Cover, das der Pietà nachempfunden ist, nur eben im Cyberpunk-Stil. Der eigentliche Skandal ist aber ein anderer, und zwar dass niemand diese Band kennt. Denn so subversiv die Ästhetik von MIRACLE auch daherkommen mag, sie wissen, wie man beeindruckende Songs schreibt. Und da kann man kurz in die Vergangenheit reisen. Es gibt diese magischen ersten Male im Leben, wie damals, als zum ersten Mal „The Visitor“ von MIRACLEs Debüt-EP „Fluid Window“ lief, dieser Moment als MOTHLITE und ZOMBI eine Einheit fanden und alle neonfarbenen Retro-Sci-Fi-Träume Realität wurden. Ehrlicherweise: Die EP und das Debütalbum „Mercury“ (2013) hatten einige gewaltige Hits zu bieten, aber in der Gesamtheit mitreißend waren die Veröffentlichungen noch nicht.
„The Strife Of Love In A Dream“ wählte mit dunklerer Herangehensweise, Industrial-Ästhetik, Space-Psychedelia der Achtziger und einer überraschenden Heaviness eine andere Gangart, vielleicht auch im Angesicht der aufkommenden Synthwave-Welle. Die beiden Protagonisten, Instrumentalist Steve Moore (ZOMBI) und Sänger Daniel O’Sullivan (ex-MOTHLITE, ex-ULVER) zeigten sich da deutlich schwerer verdaulich, und nun, ganze acht Jahre später ist MIRACLEs drittes Album so etwas wie das Bindeglied zwischen der stampfenden, dunklen Schwere des Vorgängers und dem brillanten Songwriting, das sich schon in einigen der frühen Songs gezeigt hat. Dabei startet das Duo sehr offensiv: „Ambrosia“ ist eines der Stücke, die mit stampfenden Beats (denke nur ich an KRAFTWERK?), einer gewissen Düsternis, eklektischen Synthesizern, aber auch dem bekannten ZOMBI-Bass, Gitarren und einem beschwörend singendem Daniel O’Sullivan eine Menge zu entdecken haben.
Steve Moores Synthesizer und Daniel O’Sullivans beschwörender Gesang als Basis von MIRACLE erzeugen die große Bandbreite von „The Living Likeness Of My Electric Daemon“.
„Ambrosia“ mag ein schwerverdaulicher Start sein, aber MIRACLE schaffen es in der Folge sehr gut, zwischen diese Songs atmosphärische, schöne Stücke einzubauen. Die Singles „Fluid Window“ und „Eternalize“, sowie das abschließende „Cities Of The Interior“ fokussieren sich auf die spacige Seite der Band, und gerade hier berühren sie immer wieder sehr, auch wenn wie im letztgenannten Song das Gitarrensolo durchaus cheesy ist. An Cheesiness kaum zu überbieten ist dann „Time Is The Fire“, das mit einem ganz offensiven Synthesizer und Chorus beginnt und irgendwie an „The Final Countdown“ erinnert. Ganz klar der geilste Song auf „The Living Likeness Of My Electric Daemon“. Besser sind MIRACLE nur dann, wenn sie Power, Atmosphäre und verboten gute Eingängigkeit verbinden. Dann entstehen Songs mit einem deutlichen Spannungsfeld, wie „Consolamentum Day“, „The Charnel Pit“, „The Eye“ und „The Cross“ mit seiner perfekt ausbalancierten dynamischen Steigerung.
Ironischerweise ist nur die erste Single „PVC Vest“ nicht auf demselben Level wie die restlichen neun Songs, da hätte es bessere, packendere Kandidaten gegeben. Vielleicht versuchen RELAPSE ihr Stammpublikum mit einem wuchtigeren Vorabsong zu ködern. MIRACLE zeigen sich auf „The Living Likeness Of My Electric Daemon“ gleichzeitig experimentierfreudig, wie auch auf der Suche nach verboten guten Hooks. Dass das wirkt, als wäre es die einfachste Übung der Welt, zeigt, was für gute Musiker und Songwriter Steve Moore und Daniel O’Sullivan sind. Die gewaltige Bandbreite an Synthesizern, an Beats, die weiteren eingestreuten Instrumente, O’Sullivans Gesang, der mal cool und mal sehr emotional ist, das alles erzeugt viel Raum, um richtig gute Musik zu entdecken. Schade nur, dass auf diesem Album A.E. Paterra nicht den ein oder anderen Drum-Cameo-Auftritt hat.
Das klare Bekenntnis zur Cheesiness ist MIRACLEs große Stärke: „The Living Likeness Of My Electric Daemon“ hat einige echte WTF-Momente.
MIRACLEs drittes Album „The Living Likeness Of My Electric Daemon“ zählt zu den vielen Überraschungen des Jahres 2026, auch mit dieser Rückkehr war nicht zwingend zu rechnen, Steve Moore und Daniel O’Sullivan zeigen sich aber spielfreudig und kreativ wie nie zuvor, auch wenn dadurch dem Album ein wenig die klare Linie fehlt. Sei es drum, mindestens die Hälfte der zehn Songs sind knallharte Hits, mit denen MIRACLE zwar vermutlich nur in einem gerechten Universum in den Clubs gespielt werden, aber inmitten der abklingenden Synthwave-Welle sind sie eben – und das ist ein Kompliment – zu nischig. Hatten wir eingangs von Blasphemie geschrieben? Bitte das aus den Köpfen streichen. „The Living Likeness Of My Electric Daemon“ ist himmlisch.
Wertung: 8 von 10 Ikonen
VÖ: 26. Juni 2026
Spielzeit: 48:30
Line-Up:
Daniel O’Sullivan
Steve Moore
Label: Relapse Records
MIRACLE „The Living Likeness Of My Electric Daemon“ Tracklist:
1. Ambrosia
2. Consolamentum Day
3. Fluid Window (Official Video bei Youtube)
4. PVC Vest (Official Audio bei Bandcamp)
5. Eternalize (Official Audio bei Youtube)
6. The Charnel Pit
7. Time Is The Fire
8. The Eye
9. The Cross
10. Cities Of The Interior
Mehr im Netz:
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