Waren diese bestimmt ausgesprochen sympathischen US-Post-Black-Metaller BOSSE-DE-NAGE mir bislang einfach zu verkopft unterwegs gewesen, so sind sie nach einer langen Pause nun in sich gegangen und haben mit ihrem neuen Album alles auf eine Karte gesetzt, und die heißt „Emotion“. So zumindest die Theorie, mit der sie das Album promoten wollten. Aber wo ist sie denn bloß, die Emotion? Das habe ich mir gedacht, mit frisch erwachter Liebe zu verkopftem US-Post-Black-Metal (siehe z.B. AGRICULTURE) ausgestattet. Ich spürte sie nicht.
Und doch: Sie war da. Nach wiederum einer Pause, „Hidden Fires Burn Hottest“ schon gedanklich als Enttäuschung abgelegt, hatte ich plötzlich Bock auf dieses Album. Und ach du meine Güte: Ein Vorhang tat sich auf, der zuvor geklemmt haben musste, ein Schleier zog davon. Da war sie, die Emotion und hat mich plötzlich aber sowas von mitgenommen!
Woran hat’s gelegen, fragt man sich dann ja gerne. Na ja, vermutlich konnte ich sie endlich in Kopf und Herz sinnvoll miteinander verbinden, die angenehm unkonventionellen, in Kurzprosaform geschriebenen Songtexte, bei deren Lektüre ich durchaus an die Miniaturen von Autoren wie Heinz Strunk und Franz Kafka denken muss, und die eindringliche, intensive Musik irgendwo zwischen Post Hardcore und Black Metal. Dass die Band sich selbst nicht ganz ernst zu nehmen scheint – ein grinsendes Corpse-Paint-Gesicht z.B. wird als Promo verwendet – tut ihr Übriges, um mich für sie einzunehmen.
Eine spannungsgeladene Melange von Literatur und Musik
Von vorne: „Where To Now?“ beginnt mit einem angeekelten Ausspucken und hat mich damit ja eigentlich sowieso direkt. Dann wird geballert und Spannung aufgebaut. Wie die Band diese dann mittels herrlicher Gitarrenharmonien auflöst, das ist schlicht als meisterhaft zu bezeichnen und hat Methode, denn so geht es im Grunde weiter. Immer wieder wird Intensität durch Disharmonie und Rhythmus aufgebaut, aber auch genau so konsequent wieder abgelassen, so dass zahllose Faust-in-die-Luft-reck oder Episch-in-die-Gegend-starr-Momente entstehen, immer wieder durchbrochen von leisen Zwischenspielen, die das beinahe einstündige Album auf Dauer erst so richtig glänzen lassen.
Ebenso die Texte: Was ich an Hardcore nicht mag, sind u.a. die meist vollkommen belanglosen Texte, an denen nichts lyrisch oder kunstvoll ist, die aber dann von ellenlangen Erklärungen begleitet werden, in denen die Texter:innen darlegen, weshalb sie jetzt gerade irgendeinen Satz von sich gegeben haben. BOSSE-DE-NAGE kommen zwar aus dieser Tradition, brechen sie aber, indem ihre Texte auch ohne die Musik als Literatur funktionieren und auf jede Erklärung verzichten:
Immortality Project
The skull – once emptied – becomes a site of vast potential. Voided, examined and discarded, its previous contents can be forgotten entirely in favor of the limitless possibilities of uninhabitated space.
So ist es, und man fühlt es und kann drüber nachdenken, und mehr ist ja gar nicht verlangt von einem Kunstwerk. Dabei ist dies das Geringste der hier Versammelten. Mein Lieblingsstück ist „No Such Place“, eine Meditation über das Nichts, aber auch das unglaublich epische Finale „Leviathan“ wirft Fragen auf, derer sich die Deutschen, deren Lieblingstier bekanntlich ein stinkender Wal der Hoffnung war und ist, eigentlich nicht entziehen können.
Ein großartiger Sound und ein grenzenloser Raum der Möglichkeiten
Das Wechselspiel von Spannung und Anspannung, kluge, unkonventionelle Texte, kathartische Momente und eine Prise Humor: BOSSE-DE-NAGE wissen, wie sie mich kriegen. Trotzdem hätten sie mich letztlich vielleicht doch nicht gekriegt, wenn sie nicht so einen unglaublich schönen Gitarrensound hinbekommen hätten. Der ist gar nicht so ungewöhnlich, und doch habe ich das Gefühl, ihn noch nie gehört zu haben. Er schenkt mir ein so wohliges Gefühl an und für sich, dass ich mir sogar vorstellen könnte, ihn einfach nur so zu hören. Irre. Da konnte ich mich dann schließlich auch an die ein wenig, nun ja, „knödeligen“ Vocals gewöhnen, wenn nicht sogar sie liebgewinnen, denn dieser an das wütende Geknurre eines irren Philosophieprofessors erinnernde Gesangsstil ist einfach auch ziemlich einzigartig, und das mag ich.
Wie dem auch sei: Wer auch nur ein bisschen was für Post Black Metal übrig hat, wird „Hidden Fires Burn Hottest“ vermutlich längst kennen. Wer es bisher versäumt hat, sollte das schleunigst nachholen. Und wer bei alledem nur Bahnhof versteht, der sei getröstet: Ein grenzenloser Raum der Möglichkeiten tut sich auf.
Spielzeit: 55:32 Min.
Veröffentlichungsdatum: 06.03.2026
Label: The Flenser
Tracklist – BOSSE-DE-NAGE – „Hidden Fires Burn Hottest“
1. Where to Now?
2. Mementos
3. In the Name of the Moth
4. With a Shrug
5. No Such Place
6. Triangular Dream
7. Underwater
8. Frenzy
9. Immortality Project
10. Leviathan