THE ALARM: Transformation

In den Monaten vor seinem Krebstod war THE ALARM-Frontmann Mike Peters noch äußerst kreativ und nahm mit seiner Band neue Songs auf. Die posthum erschienene „Transformation“ zeigt erneut, dass ein Album im Angesicht einer lebensbedrohlichen Krankheit keine düstere Elegie sein muss. Es ist eine hoffnungsvolle und optimistische Feier des Lebens.

Am 29. April 2025 verlor THE ALARM-Bandkopf Mike Peters nach mehr als 30 Jahren seinen Kampf gegen den Lymphkrebs. 66 Jahre alt wurde der Frontmann, der auf eine fast 50-jährige Karriere als Musiker zurückblicken konnte. Seine letzten Lebensjahre waren geprägt von unzähligen Chemo- und Immuntherapien; immer wieder verbrachte er Wochen oder Monate in Kliniken und Reha-Einrichtungen. Auch seine Frau Jules Peters, Teil der Band, kämpfte seit 2016 gegen Brustkrebs. Mehrfach musste sie operiert werden, auf ihrer Haut zeugen tiefe Brandnarben von den Folgen der Strahlentherapie.

Die Antwort, die Peters auf diesen Leidensweg fand, war schon auf dem 2023 erschienenen Album „Forwards“ verblüffend. Wo andere vielleicht mit elegischen und schmerzgetränkten Songs reagiert hätten, wählte Peters den gegenteiligen Weg. Songs voller Kraft und Lebenshunger, die sich optimistisch und kämpferisch gaben. Engagiert und leidenschaftlich sang der Waliser gegen das Dunkel an. Und genau diesen Weg beschreitet er auch mit „Transformation“ fort, dem posthum erschienenen 21. Album von THE ALARM. Das Motto der von ihm mitgegründeten Krebsstiftung „Love Hope Strength Foundation“ machte Peters kurzerhand zum Leitmotiv seiner Band. Liebe, Hoffnung und Stärke.

Die Aufnahmen zum Album begannen am 7. Oktober 2024 und wurden am Abend des 15. Januar 2025 beendet – einen Tag, bevor Peters eine neue Krebstherapie begann, die sogenannte CAR-T-Therapie. Dabei werden körpereigene Immunzellen im Labor so verändert, dass sie Krebszellen gezielt bekämpfen. Peters hatte zu diesem Zeitpunkt noch Hoffnung auf Heilung. Er wusste aber auch bereits, dass es mit ihm zu Ende gehen könnte. „This could be it“, sagte er dem People-Magazin. Er selbst verstand „Transformation“ nicht als Abschiedsalbum, sondern als den Beginn eines neuen Lebensabschnittes. So erklärt sich auch der Albumtitel, an dem nun fast trotzig festgehalten wurde – trotz seines Ablebens.

THE ALARM spielten ihren Stadionrock mit Punk- und Indie-Appeal

Geboten bekommen wir nun ein letztes Mal den typischen Trademark-Sound der Band. Eingängige und hymnische Songs, die irgendwie schon Stadionrock sind, ihre Wurzeln im politischen Punk der späten 70er und im Folk aber nie ganz verleugnen. Als hätten U2 und THE CLASH ein gemeinsames Kind gezeugt. Doch während die Megaseller um Bono irgendwann immer gefälliger wurden und zunehmend auf Radiotauglichkeit setzten, haben THE ALARM ihren Indie-Appeal und ihre Working-Class-Ästhetik nie ganz abgelegt. Zuletzt hatte Peters seinen markanten Vokuhila gegen einen Irokesenschnitt eingetauscht.

Der Opener „New Life“ eröffnet mit einem Schlagzeugrhythmus, der an den versetzten Schritt eines trabenden Pferdes erinnert. Es ist ein Song, der den Blick in die Zukunft richtet: „100 milliliters of brand new life / killing the past / generating the future“, singt Peters über weit ausholenden, hallenden Gitarrenakkorden. Um dann einen Refrain auszupacken, den U2 seit gefühlt 30 Jahren nicht mehr auf die Reihe bekommen haben. „Ich werde dich im neuen Leben sehen“ – es ist eine Stärke seiner Texte, dass er auch bei der Reflexion seiner Krankheit nicht bei der Innenschau stehen bleibt, sondern ein „Du“ anspricht, Hoffnung teilt und den Hörer einbezieht. Wut und Resignation, die noch die wichtigen Alben der 80er prägten, sind heute ermutigendem Zuspruch gewichen.

Im zweiten Song „Chimera“ macht Peters seine CAR-T-Therapie zur Metapher. Die Chimäre – das Mischwesen der griechischen Mythologie – wird zum Sinnbild eines Menschen, in dessen Körper plötzlich zwei genetisch unterschiedliche Zellpopulationen nebeneinander existieren. Die Gitarren in „Chimera“ wecken Erinnerungen an den schnörkellosen US-Rock der 80er – irgendwo zwischen HUEY LEWIS & THE NEWS und Heartland Rock, während die Hammondorgel sogar ein leichtes DEEP-PURPLE-Feeling einfließen lässt. Drängend und rau singt Peters im Refrain: „Sie nennen mich Chimäre/ Zweifache DNA“.

Offenheit für Soul und dezente elektronische Elemente

„Transformation“ ist dabei keineswegs ein Album, das sich einfach auf den typisch hymnischen Rock beschränkt, auch wenn dieser mit Songs wie „Saviour“ oder „Live Today“ in gewohnter Qualität vertreten ist:

„Outlier“ zeigt zwar die rauen, kreisenden Gitarrenriffs mit punkiger Powerchord-Anmutung, zugleich öffnet das gebrochene Rhythmusmuster den Blick in Richtung Drum’n’Bass der 90er Jahre. Darüber legt sich ein tingelndes Piano von Ehefrau Jules. Fast trotzig-aggressiv setzt sich Peters’ Stimme darüber.

Der Text beschreibt nicht nur den 30-jährigen Kampf gegen den Krebs, sondern ist zugleich die Standortbestimmung eines Musikers, der – trotz zuweilen spöttischer Kritiken und jenseits von Trends – konsequent sein eigenes Ding durchzog. „I’m an outlier / a decider / I’m a finisher / never outthought“ – ich bin ein Ausreißer, ein Entscheider, ein Beender, nicht zu überlisten.

90s-Trip-Hop-Reminiszenzen gibt es in „Wired“, einem Song, der von schweren, tiefen Pianoakkorden getragen wird, während der Bass knarzig um die Harmonien kreist. Der Refrain wirkt fast leitmotivisch und verschmilzt teilweise mit der Strophe. Immer wieder brechen auch die Drums den rocktypischen Fluss auf und zitieren neben geradlinigem Spiel rituelle, fast tribal wirkende Muster. Neben Schlagzeuger Dave Morait steuert auch Mike Peters’ Sohn Evan zusätzliche Rhythmusparts bei.

Die politische Seite zeigt sich in Songs wie „Soul Town“, der – wie es der Name verrät – eine Verneigung vor dem Motown-Soul ist, wie ihn sich die Briten in Zeiten der Mods und Mopedroller zu eigen gemacht haben. Auch der Text ist eine Hymne an die Menschen einer kaputten Industriestadt, die es weniger gut erwischt haben: „Ums Überleben kämpfen / seit dem Tag, an dem du geboren wurdest / durch bankrotte Straßen / und zerbrochene Träume / wo sich die einfachen Leute treffen.“ Die Gitarre kreist funkig, der Rhythmus ist leicht und beschwingt. Als Antithese zu den Entbehrungen der besungenen Stadtbewohner, die Botox und Selbstbräuner im Gesicht tragen, entfaltet der Song eine fast fröhliche Ausstrahlung.

Hymnen auf das Leben und die Liebe

Am besten sind THE ALARM immer dann, wenn sie hymnische Songs schreiben und dabei auch vor großen Gesten nicht zurückschrecken. Und so gerät das letzte Drittel des Albums zu einer Feier des (Über-)Lebens und der Liebe. Man kann überlegen, ob im akustisch getragenen Rock von „In Unity“ eher Bono oder doch BOB MARLEY anklingt, auch wenn der Song auf typische Reggae-Offbeats verzichtet und stattdessen auf eine staubige Westerngitarre zugreift. Peters besingt Einigkeit und Zusammenhalt: „One Love / One Life / In Unity“, begleitet von souligen Frauenchören.

Ohne graue Wolken kommt auch „To Be Alive“ daher, obwohl darin menschliche Probleme nicht ausgespart werden. Habe keine Angst, ängstlich zu sein, und entschuldige dich nicht dafür, dass du dich entschuldigst, so spricht Peters den Hörer direkt an – es ist okay, nicht okay zu sein. Aber es ist ein wundervoller Tag, um am Leben zu sein, und in deinen dunkelsten Stunden wirst du dich nie alleine fühlen. Hier haben wir erneut einen optimistischen Titel, der es sich irgendwo zwischen Brit Pop und U2 zu „The Joshua Tree“-Zeiten gemütlich macht.

Die große Beschwörung der Liebe gibt es im epischen Finale „Love makes love“, in dem die Liebe als eine sich selbst schaffende und rechtfertigende Kraft erscheint. Frauenchöre erheben sich über einer leicht psychedelischen, kraftvollen Ballade mit Gospel im Blut, die im Spannungsaufbau auch an neuere MARILLION erinnert. Peters scheidet mit einer Umarmung aus dem Leben.

Empowerment-Rock und Mutmach-Hymnen für die dunkleren Momente im Leben. Es gibt schlechtere Möglichkeiten, sich dem Tod zu stellen, als Optimismus und Mut zu spenden. Und selbst wenn nicht jeder Refrain das einlöst, was die Strophe verspricht, ist da immer noch dieser drängende und leidenschaftliche Gesang, der selbst den einfachsten Chorus zu etwas Besonderem macht. Peters geht mit einem Lächeln. Und wir bleiben mit einem Lächeln zurück – mit Songs, die viel Zukunft in sich tragen.

Veröffentlichungstermin: 29.05.2026

Spielzeit: 46:00

Line-up

Mike Peters: alle Gitarren und Leadgesang
George Williams: Bass und Keyboards
Dave Morait: Schlagzeug und Percussion
Jules Jones Peters: Piano und Backgroundgesang
Evan Peters: Drums

Produziert von George Williams

Label: Twenty First Century Recording Company

Homepage: https://thealarm.com/

THE ALARM „TRANSFORMATION“-Tracklist

1. New Life
2. Chimera
3. Outlier (Video bei Youtube)
4. Saviour
5. Metaverse
6. Wired
7. One In A Million
8. Live Today (Video bei Youtube)
9. Soul Town
10. In Unity
11. To Be Alive
12. Love Makes Love