AKHLYS: Melinoë

Oh, wie sie mich lockt. Jede Nacht will ich die finstersten Ecken der Innenwelt und der Außenwelt erkunden, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob ich „Melinoë“ selbst treffen will. Doch die griechische Göttin der Albträume will mir die Wunder des Nacht selbst zeigen. Nicht erst seit ich „Melinoë“ zum ersten Mal gehört habe, zieht es mich hinaus in die Nacht, hin zu dem, was in den Schatten lauert. Ich weiß genau, dass dort der eigentliche Reichtum des Lebens verborgen ist. Und so scheint es auch dem Oneironauten Naas Alcameth zu gehen, der mit AKHLYS seine Traumwelten beschreibt. Nur dass er offensichtlich noch viel tiefer in die Schwärze taucht, als ich es mir vorstellen kann.

„Melinoë“ ist ebenso hässlich wie faszinierend, wie ein feuchter Traum von H.P. Lovecraft. Das Sonderbare, das von dieser Musik ausgeht, nistet sich im Unterbewussten ein und brütet eine Menge Bilder und Stimmungen aus. Sie wirken somit nicht nur besser als das meiste, was es aus dem Black Metal zu hören gibt, AKHLYS klingen auch wirklich eigenständig, obwohl die Handschrift von Naas Alcameth auch bei vielen anderen Projekten präsent ist. Und doch, diese Atmosphäre gibt es so nirgends sonst zu hören, geschweige denn zu spüren. Ein unterschwellig bedrohliches Dröhnen liegt die ganze Zeit unter der Musik, die Gitarren rasen mit schrillen Disharmonien darüber und bleiben dank geradezu spastischer Melodik schnell haften. Der Klang ist so fremdartig, dass ich mich manchmal frage, ob es nicht doch ein Synthesizer ist.

Eine derart surreale Atmosphäre, wie sie AKHLYS auf „Melinoë“ bieten, gibt es im Black Metal kein zweites Mal

Vier der fünf Stücke kommen wie eine Bilderflut über mich. Blast Beats, schneidende Gitarren, überzogen von Membranen aus verstörenden Synthesizern und das giftige Geschrei sorgen für eine dichte Atmosphäre und schicken Wellen von Gänsehaut über den Körper. Naas Alcameth brilliert auf diesem Album als Komponist, denn trotz der vielen Dark Ambient-Passagen und seiner Komplexität – was da alles unter der Oberfläche abgeht ist faszinierend – wirken die Songs extrem definiert und straff. So wie ein intensiver Traum, der mich vom Anfang bis zum Ende nicht loslässt. Unabhängig von traditionellen Songstrukturen fließt die Musik, sodass selbst „Pnigalion“ mit seinen knapp 13 Minuten zum, naja, Hit wird. Doch egal welches der vier Black Metal-Stücke, alle brillieren durch Songwriting, Performance und Atmosphäre. So explodiert “Ephialtes” nach kurzem Anlauf und das abschließende “Incubatio” wirkt wie ein geflügeltes Wesen, das erst über mir kreist und sich dann auf mich stürzt und in dessen Maul ich durch die Lüfte getragen werde. PAYSAGE D’HIVER lassen in den letzten Minuten grüßen.

In der Mitte steht das sechsminütiges Dark Ambient-Stück „Succubare“, das voller Geheimnisse zu sein scheint, jede der zahllosen übereinandergelegten Schichten hält seinen eigenen Schrecken bereit. AKHLYS, die mit ihrem Debütalbum „Suppression“ noch ein reines Dark Ambient-Projekt waren, wissen, dass Intensität auch ohne Black Metal-Überbau erzeugt werden kann. Aber auch die Produktion und das bemerkenswert dichte Mastering von Dave Otero hat großen Anteil daran, wie kompakt und gleichzeitig multidimensional und tief sich AKHLYS zeigen. Für die Wirkung des Albums ist auch das kompromisslose und unglaubliche tighte Drumming von Eoghan wichtig, es bildet in all der surrealen Materie einen letzten Anker zum hier und jetzt. Und nicht zuletzt hat auch das verstörende Cover von Dennis Forkas Kostromitin Anteil daran, dass „Melinoë“ gleichermaßen anziehend wie abstoßend wirkt.

Würde C.G. Jung noch leben, AKHLYS wären seine Lieblingsband

„Melinoë“ ist Herion zum Hören. Es mag ungesund sein, es macht süchtig, lässt uns träumen und hinter jeder Ecke lauern Schrecken und Wunder, mehr noch als auf dem schon brillanten Vorgänger „The Dreaming I“. Black Metal, den in seiner Einzigartigkeit, Boshaftigkeit und Konsequenz in diesen Zeiten höchstens noch REBIRTH OF NEFAST bieten. Die von „Melinoë“ ausgehende Sogwirkung ist beängstigend, denn Zeit und Raum verlieren ihre Bedeutung – unglaublich, wie kurz das fünfundvierzigminütige Album wirkt. Es ist, als wäre da ein Tor in der Nacht, durch das ich schreite, in eine finstere, feuchte Welt voller Bilder, die das Nachtbewusstsein ausspuckt, wenn es entsprechend stimuliert wird. Würde C.G. Jung noch leben, AKHLYS wären seine Lieblingsband.

Wertung: 4,5 von 5 Traumreisen

VÖ: 14. Dezember 2020

Spielzeit: 46:05

Line-Up:
Naas Alcameth – Guitar, Bass, Keys, Lyrics and Vocals
Eoghan – Drums
Chthonia – Backing Vocals

Label: Debemur Morti

Produziert von Dave Otero

AKHLYS „Melinoë“ Tracklist:

1. Somniloquy
2. Pnigalion
3. Succubare
4. Ephialtes
5. Incubatio

Mehr im Netz:

https://akhlys.bandcamp.com/

https://www.facebook.com/Akhlys-1512419082356682

https://www.instagram.com/akhlys_official/