Aus dem Weg! Hier komme ich – mit gefühlt 72 Stundenkilometern und maximaler Selbstüberschätzung. Auf meinem Skateboard: Fledermaus, Totenkopf, sehr stylisch. Nur bremsen… da bin ich noch in der Testphase. Und die Treppe da vorne? Ach komm – das sind doch nur 50 Stufen. Kann mich bitte jemand auffangen? Whoaawhoa… der Asphalt glüht!
Was macht das Skateboard im Horrorpunk?
Die Frage, warum ich mich auf einem Skateboard befinde, lässt sich ziemlich schnell beantworten. Ich habe mir „Blade Manor“ geangelt, das Debüt der kalifornischen Horrorpunks DARK RIDE. Und schon höre ich die Einwände: Horrorpunk und Skateboard – passt das überhaupt zusammen?
Müsste man sich nicht eher zu Halloween in einem Freizeitpark wiederfinden oder als untoter Statist aus dem Grab steigen? Wo bleiben Dracula und Frankenstein? Vielleicht wäre die Totenkutsche, gezogen von schwarzen Rössern mit glühenden Augen, die passendere – und deutlich ungefährlichere – Fortbewegungsart. Oder gleich ein Cadillac-Leichenwagen aus den 50ern. Doch stattdessen: Skateboard. Maximaler Bildfehler.
Mein Irrtum hat einen Grund. Ich frage mich schon seit längerem, wo eigentlich das große Melodic-Punk-Revival bleibt. Bands wie BAD RELIGION, PENNYWISE oder THE OFFSPRING – also jene Vertreter, die Ende der 80er und Anfang der 90er mit schnellen Songs und eingängigen Singalongs die Tony Hawk’s dieser Welt dazu brachten, mit ihren Brettern die Straßen in improvisierte Halfpipes zu verwandeln. Genau hier kommt ‚Blade Manor‘ ins Spiel – das kommt der Sache schon verdammt nahe. Wenn der Himmel eine Halfpipe ist, wie OPM einmal behauptet haben, warum dann nicht auch die Hölle?
Ein wenig MISFITS, ein wenig poppiger Skate- und Surfpunk
DARK RIDE wurden 2019 ursprünglich als Soloprojekt von Emilio Lenze gegründet. Der Sänger und Multiinstrumentalist aus dem Pazifikparadies Santa Cruz – wo Surf- und Skatekultur zum Alltag gehören – ist auch Frontmann der MISFITS-Coverband PLAN 9, die weltweit unterwegs ist. Zuvor stand er bei den Psychobilly Horror Punks STELLAR CORPSES am Mikro, die von 2005 bis 2023 aktiv waren. Ein Newcomer ist er folglich nicht – eher jemand, der weiß, wie man Untote zum Singen bringt.
Begleitet wird Lenze von Jesus Lopez am Bass, Rob Hyodo an der zweiten Gitarre und Schlagzeugerin Briana Mota, die auf dem Album allerdings erst bei zwei Songs zu hören ist. Als Einfluss nennen DARK RIDE dabei ausdrücklich die MISFITS – und auch optisch wird das deutlich: Teufelstolle, schwarze Lederkluft, Muskelshirts, Schweißbänder. Auch ein leicht schauriges Goth-Feeling ist dezent vorhanden.
Allerdings setzt Lenze dabei einen eigenen Akzent: Seine Stimme ist deutlich weniger aggressiv, eher melodisch geführt und nicht so komplett testosterongeschwängert wie bei den großen Vorbildern. Sie bewegt sich eher im mittleren Register und wirkt insgesamt weniger düster, als es das Image vermuten lässt. Die Songs selbst sind dabei fast ein wenig zu fröhlich, um wirklich dunkel zu sein. Catchyness wird hier in größtmöglichen Lettern an die Friedhofsmauer geschrieben.
Und hier beginnt der Spaß. Denn auch wenn die Musik ungefähr so originell ist wie Omas Goldrandteller – die Riffs etabliert und simpel, der Songaufbau mit Strophe, Prechorus und Chorus schnell durchschaut –, entfaltet genau diese Mischung aus Horror- und klassischem Melodic Punk eine ziemlich infektiöse Wirkung. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Menze hier Hit um Hit auf den Hörer loslässt. Und auch wenn das Album in anderen Rezensionen aus den genannten Gründen nicht gut wegkommt – ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt beim Hören eines Albums so viel Spaß und gute Laune hatte.
Vom Spukschloss der Küste entgegen
Am ehesten an Horrorpunk erinnern noch Songs wie der atmosphärisch schöne Opener ‚Blade Manor‘, der mit spinettartigen Klängen beginnt – das Instrument überzogen von Spinnweben, das Notenblatt mit Blut beschrieben, und auf dem Hocker bedient eine Frau in weißem Gewand die Tasten, ohne sich im Spiegel zu zeigen. Die Band lockt uns mit einer Geste der Verführung in dieses Album, hinein in ein gespenstisches Szenario, das zugleich faszinierend, erotisch und unbehaglich wirkt:
Rotwein und Geheimnisse fließen über
ihre Lippen und von ihren Zungen.
Schwarzes Leder, ewig jung.
Ihr brodelndes Lied –
ja, es lockt dich hinein
in ihre Hallen und verborgenen Türen.
Angst steckt in den Dielenbrettern.
Heißes violettes Wachs trocknet und reißt
auf ihren Schultern
und ihren Schlüsselbeinen.
Du wirst es berühren wollen,
du wirst es wissen wollen!
Doch schon im zweiten Song ‚Coffin‘ verlassen wir die verwunschenen Räume und rasen mit hoher Geschwindigkeit der Küste entgegen. Ein hochmelodisches, punkiges Gitarrenriff, dazu Singalongs im Refrain – wer hier nicht an Bands wie BAD RELIGION oder auch neuere IGNITE denken muss (letztere vor allem wegen des melodischen Gesangs), ist selbst schuld. Das funktioniert großartig!
Wir haben es hier definitiv mit Monstern zu tun, die sich gern auch einmal am Strand die Sonne ins Gesicht scheinen lassen. Der Text selbst schlägt dabei deutlich leisere Töne an: Ein Untoter, gegen den kein Messer etwas ausrichten kann, trauert seiner Liebsten nach, die im Grab liegt. Doch auch die Melancholie und der leicht wehmütige Gesang bremsen die Energie kaum aus.
Der beste Partysong des Jahres?
Und in dieser Schlagzahl geht es weiter. ‚Rewind‘ ist eine Hommage an die Zeit, als in Videotheken noch B-Horrorfilme die am heißesten gehandelte Ware waren. Lenze selbst hat zehn Jahre in einer Videothek gearbeitet – es sei die beste Zeit seines Lebens gewesen, wie er erzählt. Der Song eröffnet mit einem verrauschten Saxophon-Sample, bevor auch er Fahrt aufnimmt und in einen hymnischen Chorus mündet. Den Refrain hat man nach dem zweiten Hören drauf – Mitgrölen ausdrücklich erwünscht. Merkt Euch schon einmal diese Zeilen!: „And Saturday Nights / of sacrifice and psychopaths / who love their knives / Will we be dead by dawn? / Or will we lose our minds?“ Am Ende wird das Tape zurückgespult.
Ihr wollt ne Pause? Vergesst es – es gibt Stromschläge! ‚Electrocuted‘ verspricht uns, dass selbst eine Elektroschocktherapie uns nicht sterben lässt – auch wenn wir uns von der lebenden Hülle verabschieden müssen. Es hat keinen Sinn, sich ins Grab zu legen, heißt es sinngemäß. Warum auch? Wir rasen weiter im Hymnenmodus, getragen von fröhlichen Melodien und maximaler Energie. Das, was hier aus den Boxen kommt, hat 15.000 Volt.
Und dann kommt er: der Song, der vielleicht schon jetzt Anspruch auf die Krone des besten Partysongs des Jahres erhebt. ‚I Bury Boyfriends‘ ist ein blutiger Spaß, der sofort mitgesungen werden will und in den Moshpit lockt – ob auf Sommerpartys, auf Friedhöfen oder in überfüllten Supermärkten. Ein klimperndes Piano über Handclaps-artigen Rhythmen:
„I bury boyfriends / beheaded husbands / No dream-date getaway / cuz it’s their dying day… all men to be slayed“. Männer haben hier schlechte Karten, die Aufschneider, Aufreißer und Verführer. Hier zeigen sich die Stärken des Genres wie unter dem Brennglas (äh, sorry: wie auf der glühenden Klinge): derber Witz, Singalongs und verdammt gute Laune.
Ein Album, das durchgehend Spaß macht
Letztendlich ist das hier ein Album, das fast durchgehend enormen Spaß bereitet. ‚Life at the End of October‘ ist eine melancholische, zugleich im Uptempo gehaltene Nummer mit einem melodischen Refrain, der zumindest mich wieder an BAD RELIGION oder frühe AFI erinnert.
‚Fever Dream‘ überfährt einen im Skatepunk-Modus mit schnellen Rhythmen – klassisches Melodic-Punk-Feeling inklusive. Und ‚Ruined‘ mischt schließlich BAD RELIGION mit frühen MISFITS und RAMONES. Erst dann stellen sich leichte Ermüdungserscheinungen ein. Bei welchem Song sind wir eigentlich? Fast am Ende der Rennstrecke.
Und nein, dieses Album ist keineswegs perfekt. Natürlich kann man bemängeln, dass die Songs zu ähnlich gebaut sind und es der Band auch an Eigenständigkeit fehlt. Eine erste Idee für einen eigenen Sound ist mit der Kreuzung von Horror und Westcoast-Skatepunk aber gefunden. Und oft übertreibt es die Band mit den ‚Whooawhooawhooa‘-Chören, die in fast jedem Song auftauchen – mal auch als ‚Hooohooohooo‘, mal als ‚Whooowhooowhooo‘. Das haben die Songs nicht nötig, sie funktionieren auch ohne solche Effekte.
Aber kann man das einem Album verübeln, das gut unterhält und einfach Laune macht? Also: kommt mit aufs Skateboard – wir rumpeln gemeinsam die Treppe hinunter. Wir pimpen unseren fahrenden Sarg und statten ihn mit Breitreifen aus. Wir lassen uns eine MISFITS-Tolle wachsen und buchen einen dreijährigen Urlaub in Kalifornien. Wir laden die Geister, Vampire und Zombies zur Sommerparty ein. Und jetzt alle: „I bury boyfriends / beheaded husbands…!“
Veröffentlichungstermin: 13.03.2026
Spielzeit: 41:00
DARK RIDE Line-Up
Emilio Menze – Vocals, Gitarre, Bass
Rob Hyodo – Gitarre, Backing Vocals
Jesus Lopes – Bass, Backing Vocals bei „Life at the End of October“ und „Rest In Pieces“
Henry Chadwick – Drums
Briana Mota – Drums bei „Life at the End of October“ und „Rest In Pieces“
Randy Moore – Gitarre bei „Coffin“, „Fever Dream“ und „Do Or Die“
+ weitere Gastmusiker
Produziert von Randy Moore und Olav Tabatabi
Label: Fiend Force Records
Facebook: https://www.facebook.com/DarkRideSC/
DARK RIDE „Blade Manor“ Tracklist
1. Blade Manor
2. Coffin (Video bei YouTube)
3. Rewind (Video bei YouTube)
4. Electrocuted
5. I Bury Boyfriends
6. Life at the End of October
7. Seascape Samhain
8. Fever Dream
9. Ruined
10. Rest In Pieces
11. Do Or Die
12. Psycho Summer