Die STARBENDERS sind wieder da! Es ist kein Geheimnis, dass ich einen ziemlichen Crush auf die Band aus dem Südosten der USA habe – und das nicht nur wegen meiner Vorliebe für schlechte Wortspiele. „The Beast Goes On“ (Himmel!) ist das mittlerweile vierte Studiowerk der Band um Frontfrau Kimi Shelter (Herrgott!) betitelt. Wer hier nicht gleich zwei sehr schlechte Sprachspiele erkennt, der zählt Captain Obvious nicht zu seinen Freunden.
Die Sternenverbieger mischten auf ihren Vorgängeralben alles zusammen, was nur auf den ersten Blick nicht wirklich zusammenpassen will. Sie nahmen das Schmieröl und die übersteuerten Gitarren aus der Motor City Detroit, hörbar an den Protopunks MC5 geschult. Sie rührten auch Haarspray hinein und zitierten den wild frisierten Sound des frühen L.A.-Hairmetals. Als Extras kamen die Plateauschuhe von KISS hinzu und die sonnigen Gesangsharmonien von FLEETWOOD MAC, die zwar nach Westcoast klingen, aber bekanntlich aus Großbritannien kamen. Und schließlich noch ein Schuss Pop-Punk und moderner Alternative Rock.
Diese Zutaten in einen Shaker getan, ordentlich geschüttelt – und BÄM: klar, dass diese Mixtur explodieren muss. „Sex with Attitude“, der Sound verschwitzter Großstadtclubs und klebriger Sofas in kinky Kellerbars, dazu der röhrende Auspuff eines Dodge Challengers. Was für sich genommen schnell in der Ecke „Classic Rock“ landen und leicht ranzig nach Bierzelt riechen könnte, wirkte hier plötzlich wieder wie eine Dynamitstange. Das liegt auch am Charisma von Frontfrau Shelter, die dem Ganzen einen deutlich feministischen Subtext verpasst. Der Sex ist präsent, ebenso die Anzüglichkeiten – aber gefiltert durch eine weibliche Perspektive.
„The Beast Goes On“ klingt süßer als seine Vorgänger
Unter diesen gesetzten Prämissen ist „The Beast Goes On“ zunächst eine kleine Enttäuschung. Die Platte klingt süßer, polierter und zugleich eingängiger als das Vorgängeralbum. Zwar tragen die Gitarren von Shelter und Kriss Tokaji (Yo, STARBENDERS sind durch und durch eine Band im Sternzeichen der Gitarre) noch diesen leicht übersteuerten, knarzigen Klang in sich, und auch der Bass pulst stark verzerrt im Mix. Insgesamt aber wirkt alles sortierter, sauberer produziert und hörbar zurückgenommen – zugunsten einer neuen, glatteren Eingängigkeit.
Und es treten neue Sounds stärker hervor, die auf den vorherigen Veröffentlichungen zwar anklangen, dort aber weniger ausgeprägt waren: mehr Melancholie, wenn auch mit einem verspielten Grundton, dazu Synthie-Pop im 80s-Style und stellenweise auch deutliche Post-Punk-Einflüsse. Unterstützt wird die Band beim Songwriting vom früheren Hausproduzenten Nico Constantine, der den Job an den Reglern aber nun an Matthew Pauling (ATREYU, BLINK 182) abgegeben hat. Er zimmerte dem Album einen modernen, aber transparenten und differenzierten Klang.
Es gibt zudem einen Wechsel im Line-up zu vermelden: Qi Wei ist neu an den Drums. Die aus Wuhan stammende Musikerin bringt eine sehr songdienliche, variable Spielweise mit und setzt immer wieder kleine rhythmische Raffinessen, die den neuen Songs zusätzliche Beweglichkeit verleihen. Mit mehr als 100.000 Follower*innen auf ihren Social-Media-Profilen steht sie für die wachsende Sichtbarkeit von Schlagzeugerinnen im digitalen Raum – und wird für viele junge Girls und Frauen zur möglichen Identifikationsfigur.
Der Opener wirft uns direkt in den Refrain
Welches Risiko die neue Rezeptur mit sich bringt, macht bereits der Eröffnungstrack des Albums deutlich. Keine Sekunde vergeht, bis „The Beast Goes On“ uns in seinen eingängigen Refrain wirft – der Song ist dabei vergleichsweise schlicht gebaut und setzt klar auf maximale Catchyness. Das Motiv der toxischen Beziehung ist sofort wieder da, das Shelter bereits auf früheren Veröffentlichungen verarbeitet hat. „Ich liebe die Art, wie du mich dazu bringst, dich zu hassen“, singt sie. Um festzustellen: „Dieses hungrige Herz kennt kein Maß / Du bist meine neue Religion.“
Doch sie bleibt nicht in einer Opferhaltung stehen: Vielmehr wechselt sie die Perspektive und schlüpft in die Rolle eines Vampirs. Sie steigert das Spiel aus Nähe und Gewalt bis zur Zuspitzung: sie trinkt das Blut der angesprochenen Person, um sie „zu verbiegen und zu brechen“. Ein gegenseitiges Wechselspiel aus Leidenschaft und Schmerz, totaler Hingabe und Zurückweisung.
Woher diese Motive stammen, ist schnell herauszuhören. Wann hat mich zuletzt ein Song so sehr an den dunkelromantischen Goth-Metal-Pop von HIM zu „Razorblade Romance“-Zeiten erinnert? Das hier wirkt wie eine weibliche Variante dieses Sounds. Und damit kein Missverständnis entsteht: Das ist keineswegs ein schlechter Song. Aber er ist zu schnell durchschaut, der Zuckerguss liegt etwas dick darüber.
Nuancen setzen die Hammondorgel im Refrain und die gewohnt knarzigen Gitarren in der Strophe, sodass man hier noch nicht von einem Abklatsch sprechen muss. Sehr wirkungsvoll ist auch die bittersüße Bridge mit ihren sanften Chorgesängen gesetzt, in der Shelter beweist, dass sie auch mit klarer und unerwartet hoher Stimme eine gute Figur macht.
Mit einer Rockband unterwegs durch ein zombifiziertes Amerika
Den Gegenpart liefert das folgende und unerwartet raue „Nothing Ever Changes“, auf der wir eine Rockband durch ein abgefucktes und zombifiziertes Amerika folgen. Hier knarzen und knurren die Gitarren tatsächlich in MC5-Manier, Kimi Shelter faucht wie in ihren besten Momenten. Der Rocktraum ist zerfetzt und zerfleddert, der Motor stottert bereits – ohne, dass er komplett aufgegeben wird. „We Sold Our Souls to Rock ’n‘ Roll“ werden BLACK SABBATH zitiert.
Die STARBENDERS halten an den Rockidealen fest, was bleibt ihnen auch anderes übrig? Neues Blut fließt, das Dynamit wird gezündet – „Wir sind die letzten Überlebenden eines sterbenden Traums“. Die Parolen klingen nach Aufbruch und Konfrontation, bleiben aber letztlich Schlagworte einer immer gleichen Pose. Rebellion wird hier zur vertrauten Geste, zur selbstzerstörerischen Leerformel im Dauerbetrieb. Und selbst der Anspruch auf Veränderung kippt ins Gegenteil: „Nothing ever changes for you and me“. Ein Song, der tatsächlich direkt im Gesicht explodiert, ausgebremst durch einen fast hymnisch-sakralen Prechorus, der sich dezent vor KISS verbeugt.
Ganz wunderbar ist auch das nachfolgende „Chantilly Boy“, das schroffe Gitarrenriffs mit maximalem Ohrenzucker kreuzt. Muss nur ich bei den Eröffnungsriffs an den schweißgetränkten Working-Class-Ethos von SAXON zu „Wheels of Steel“-Zeiten denken? NWOBHM-Zitate: Das hat die Band eben auch drauf. Dem entgegen stehen ein Prechorus und ein Refrain, der mundet wie ein Lollipop in Regenbogenfarben. Das hätte so – wirklich genau so – auch auf dem Debüt der jungen Popqueen MADONNA stehen können. Hier versteht es die Band wunderbar, Kontraste einzufangen: den Glamour und das Modebewusstsein von 80s-Hochglanzmagazinen und den Schweiß einer Kohlebaustadt wie dem britischen Barnsley.
Auch dieser Song spielt mit dem Kontrast aus Rock-Lifestyle und hereinbrechender Dunkelheit. „Chantilly Boy“ startet wie ein klassisches Road-Movie im Overdrive. Das Radio wird auf Anschlag gedreht, die Grenzen der Bundesstaaten werden vom Tourbus im Vorbeifahren geschluckt. Doch in diese Euphorie bricht etwas hinein. Zwischen „lost souls floating through the rock clubs“ und „cold hands around my soul“ wird die Clubwelt zur Durchgangsstation für etwas deutlich Dunkleres: Vereinzelung, Kälte und Kontrollverlust. „Chantilly Boy, trage dein Make-up auf“, singt Shelter im Refrain: Der Glamour ist auch Schutzschicht und Maskierung.
Mehrfach spielt die Band ihre Stärken voll aus
So gibt es auf dem Album durchaus Nummern, in denen die Band ihre Stärken voll ausspielt – wenn auch diesmal mit anderen Mitteln. Die vorab ausgekoppelte Single „Tokyo“ ist ein treibender 80s-Synth-Rock-Song, der funkelt und flimmert wie die nächtlichen LED-Reklamen der gleichnamigen Metropole. Wir treiben mit den Menschenströmen durch die Straßen, verlieren uns in Clubs und Bars, wir spüren eine Verheißung von Sex und Abenteuer. Die Luft ist schwer, feucht und warm, wir tragen nicht viel Kleidung auf der Haut. „Ich habe Gott um Mitternacht in Tokio gefunden“ – die Euphorie eines geheimnisvollen Ortes, an dem sich sämtliche Möglichkeiten wie eine Offenbarung zeigen.
In der Strophe zitieren die Gitarren dezent KILLING JOKE und JOY DIVISION, eine kühle nächtliche Brise. Der Refrain öffnet sich dagegen weit und hell, im besten FLEETWOOD-MAC-Spirit, getragen vom warmen zweistimmigem Gesang. Und ich könnte schwören, dass die Band hier ganz bewusst ein analoges, aber elektronisches Schlagzeug einsetzt, um mit leicht nostalgischem Spirit in die nächtliche Zauberwelt abzutauchen.
In die Kategorie „Weltklasse“ fallen auch Songs wie „June“ und „To Be Allright“, die uns mit sehnsuchtsdurchtränkten Harmonien und 70s-Flair direkt in den südkalifornischen Sommer beamen, leichtes Folk-Feeling inklusive. Wir tragen Blumen im Haar und fahren mit offenem Verdeck die langen Küstenstraßen entlang, um den Pazifikwind zu spüren. Auch letztgenannter Song eröffnet wieder mit Hammond-Klängen: Hier schmeckt die Süße nicht nach Billigzucker, sondern nach sonnengereifter Frucht. Öfter ist eine glockenklare Stimme zu hören, die Shelters raue, verrauchte Darbietung ergänzt – ist sie das selbst oder singt die neue Schlagzeugerin? Hier greift das Rezept, die Zügel etwas anzuziehen und den Songs den Dreck zu nehmen.
Ganz wunderbar ist auch „Summon My Heart“, eine tiefe Verneigung vor dem Sound von PAT BENATAR („Love is a Battlefield“, Ihr nichtwissenden Banausen!) zu Beginn der 80er Jahre. Treibender und hymnischer Radiorock, zu dem man sofort im Kreis springen oder die nächste Karaoke-Bar entern will. Nice! Und wirklich nicht die schlechteste Referenz. „Somebody Else“ hat diese zuckersüßen 80s-Momente, in denen ich sogar kurz denken muss: Singt da etwa KATE BUSH?
Es gibt zum Glück nur wenige Skip-Momente
Warum aber habe ich dann von einer kleinen Enttäuschung geschrieben? Auf der anderen Seite gibt es eben diese drei bis vier Nummern, die es sich etwas zu einfach machen – und gefährlich in die Nähe zum AOR/Pop-Punk-Radiorock geraten.
Dazu gehören die fröhlich swingende Nummer „Forever Mine“ und das verschleppte „Hello Goodbye“ mit seinen elektronisch gefärbten Rhythmen, die uns – ähnlich wie der Opener – etwas zu schnell in den Refrain werfen und zu einfach gebaut sind. Hier muss die Band aufpassen, nicht zu sehr in generische Radio Bob/THE RASMUS-Gefilde abzurutschen. Es würde mich aber auch nicht wundern, wenn aus genau diesen Gründen die Songs Airplay bei den üblichen verdächtigen Nebenbeihör-Rockformaten erhalten.
Am Ende bleibt in Summe doch ein starkes Album – weniger rau, weniger Dreck, mit mehr Synthies und neuen Referenzen. Und einigen Skip-Momenten. Es ist kein Beinbruch: Ich setze mich nach wie vor gern zu dem – nun nicht mehr ganz so wilden – Quartett ins Cabriolet. Hoffen wir, dass die Band diesmal endlich eine breite Hörerschaft findet und ihren Status als „beste Vorband der Welt“ verlassen kann.
Veröffentlichungstermin: 27.02.2026
Spielzeit: 46:00
STARBENDERS Line-Up
Kimi Shelter – Gesang, Gitarre
Aaron Lecesne – Bass
Kriss Tokaji – Gitarre, Synthesizer
Matt Pauling – Gitarre
Qi Wei – Drums
Produziert von Matthew Pauling
Label: Sumerian Records
Offizielle Webseite: https://starbenders.com/
STARBENDERS „The Beast Goes On“ Tracklist
1. The Beast Goes On (Video bei Youtube)
2. Nothing Ever Changes
3. Chantilly Boy
4. Cold Silver
5. Forever Mine
6. Hello Goodbye
7. Tokyo (Video bei Youtube)
8. Saturday
9. Summon My Heart
10. Somebody Else
11. To Be Alright
12. June