„Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen“, schrieb einst der deutsche Dichter und Journalist Matthias Claudius. Und in diesem Punkt möchte ich meinem Kollegen keinesfalls widersprechen. Was er allerdings verschwieg: Es gibt Reisen, bei denen man hinterher erst einmal sortieren muss, was man überhaupt erzählen soll. Wie fasst man drei Tage Ausnahmezustand in einem Festivalbericht zusammen?
Eines vorweg: Das JERA ON AIR gehört nicht zu den Events, die für ihre Superlative bekannt sind. Rund 40.000 Besucher empfängt das niederländische Festival durchschnittlich an drei Tagen – nicht einmal halb so viele wie ROCK AM RING mit seinen rund 90.000 Gästen. Aber genau hier liegt auch sein Charme. Während sich am Nürburgring alljährlich eine riesige Festivalstadt erhebt, verwandelt das niederländische Dorf Ysselsteyn seine idyllischen Wiesen für ein Wochenende in einen Treffpunkt der Hardcore-, Punk- und Metalcore-Szene. Alles wirkt eine Nummer kleiner, aber deshalb keineswegs weniger besonders.

Anders als größere Festivals, die inzwischen jeden Musikgeschmack bedienen und dabei immer häufiger stilistische Experimente wagen, macht das JERA ON AIR einen erfrischend fokussierten Eindruck. Das Booking folgt einem roten Faden, statt einer möglichst breiten Zielgruppe. So entsteht ein Line-up, das jedes Jahr aufs Neue authentisch wirkt und der Szene treu bleibt. Neben etablierten Namen wie PAPA ROACH, THE OFFSPRING oder ARCHITECTS bekommen auch aufstrebende Bands ihren Platz auf der Bühne.
„39 Grad und es wird noch heißer…“
In die Festivalgeschichte sollte das 32. JERA ON AIR aber nicht wegen seiner Besucherzahlen oder des Line-ups eingehen, sondern wegen des Wetters. Bereits Tage vor Beginn kündigten sich Temperaturen von bis zu 40 Grad an. Keine idealen Voraussetzungen für ein Festival, das größtenteils auf einem weitläufigen, offenen Gelände stattfindet und nur wenige natürliche Schattenplätze bietet.

Die Veranstalter reagierten darauf, richteten Wasserstellen ein und erlaubten den Besuchern, bis zu 500 Milliliter Wasser mit auf das Gelände zu nehmen. Trotzdem blieb die Hitze ein ständiger Begleiter. Vor den Wasserstationen bildeten sich vor allem am Freitag und Samstag lange Schlangen und unter den Zelten staute sich die Luft. Die überdachten Bereiche vor den Vulture- und Eagle-Bühnen wurden schnell zu den gefragtesten Spots des Festivals. Viele Besucher legten sich auf den Boden, bastelten sich Fächer oder versammelten sich vor den installierten Industrieventilatoren.

Mit vollem Einsatz versuchte das Team vor Ort, auf die außergewöhnlichen Bedingungen zu reagieren. Die Sicherheitskräfte verteilten Getränke, überschütteten das Publikum in den ersten Reihen mit Wasser und waren sofort zur Stelle, wenn Besucher einen wackeligen Eindruck machten. Gegen fast 40 Grad ließ sich allerdings auch mit den besten Maßnahmen nur bedingt ankommen. Dass die Organisatoren umfangreiche Maßnahmen ergriffen und nach Lösungen suchten, war deutlich erkennbar. Dennoch zeigte das Wochenende auch die Grenzen dessen auf, was sich bei solchen Wetterlagen noch verantwortungsvoll organisieren lässt.

Gold wert war hingegen die Zusammenarbeit mit dem benachbarten Center Parcs Limburgse Peel. Das zeigte sich vor allem am letzten Festivalabend, als die Rekordhitze von einem heftigen Unwetter mit Sturm und Regen abgelöst wurde. Während auf dem Campingplatz zahlreiche Zelte beschädigt wurden und viele Besucher Schutz in ihren Autos suchen mussten, konnten die Gäste des Ferienparks das Unwetter entspannt aussitzen. Ein echter Sicherheitsgewinn, der in den nächsten Jahren unbedingt beibehalten werden sollte. Und das nicht nur wegen der praktischen Shuttle-Busse, die von den Festivalbesuchern gut angenommen wurden.

Hart, härter, JERA ON AIR
Der Stimmung tat die Hitze trotzdem keinen Abbruch. Im Gegenteil: Vom ersten bis zum letzten Festivaltag zeigte sich die Crowd gut gelaunt und voller Energie. Auch bei rekordverdächtigen 39 Grad verzichteten die Besucher nicht auf Circle Pits, Crowdsurfing und lautstarkes Mitsingen. Das merkten auch die Musiker, die sich von der guten Laune mitreißen ließen. So wie RISE AGAINST-Frontman Tim McIlrath, der immer wieder die Nähe zum Publikum suchte und am Ende kurzerhand selbst in der Menge abtauchte. Mit Songs wie „Prayer Of The Refugee“ sorgten RISE AGAINST für echte Gänsehautmomente, die Hitze, Durst und Schweiß kurz in den Hintergrund geraten ließen.
Auch die Jungs von A DAY TO REMEMBER zeigten sich von ihrer gut gelaunten Seite. Frontmann Jeremy McKinnon war vom ersten Moment an in bester Stimmung, feuerte das Publikum immer wieder an, wirbelte über die Bühne und suchte die Interaktion mit den Fans. Überhaupt wirkte die gesamte Band, als hätte sie an diesem Abend genauso viel Spaß wie die Menschen vor der Bühne. Trotz der sommerlichen Extremtemperaturen und einer laufenden Europatour zeigten die Musiker – die mittlerweile auch schon in in ihren 40ern angekommen sind – keine Anzeichen von Müdigkeit.

Die Band setzte vor allem auf ihre Klassiker und spielte mit Songs wie „I’m Made of Wax, Larry, What Are You Made Of?“ genau die Tracks, mit denen viele Fans der Generation Myspace aufgewachsen sind. Entsprechend laut und begeistert fiel die Reaktion des Publikums aus. Als schließlich bunte Ballons über die Menge schwebten und Konfettikanonen gezündet wurden, war die Festivalstimmung endgültig auf ihrem Höhepunkt angekommen. Und genau diese kleinen Showelemente waren es, die aus einem ohnehin starken Auftritt ein rundes Gesamterlebnis machten – wild, bunt und voller Euphorie.
Abseits der großen Namen
Natürlich lieferten auch die Headliner ab. THE OFFSPRING, PAPA ROACH und ARCHITECTS präsentierten sich gewohnt professionell und spielten ihre Sets mit der Routine von Bands, die seit Jahren die größten Stadien dieser Welt füllen. Dennoch waren es ausgerechnet die nicht ganz so großen Namen, die auf dem JERA ON AIR die nachdrücklichsten Gänsehautmomente hinterließen.

THE OFFSPRING überzeugten musikalisch zwar auf ganzer Linie, wirkten auf der Bühne jedoch vergleichsweise zurückhaltend. ARCHITECTS wiederum setzten auf eine aufwendig inszenierte Lichtshow mit permanenten Stroboskop- und Blitzeffekten. Die Inszenierung passte zwar zur Wucht der Musik, fiel stellenweise aber so intensiv aus, dass sie die Aufmerksamkeit fast stärker auf das Licht als auf die Band lenkte.
Die emotionalsten und mitreißendsten Konzerte kamen deshalb von anderen Acts. Bands wie PENNYWISE, BURY TOMORROW oder WE CAME AS ROMANS punkteten mit ihrer sichtbaren Spielfreude, der Nähe zum Publikum und einer Energie, die sich unmittelbar auf die Menge übertrug. Und es waren genau diese Auftritte, die das JERA ON AIR einmal mehr in Erinnerung bleiben lassen sollten.

Fazit
Das JERA ON AIR hat auch 2026 bewiesen, warum es für viele Besucher zu den beliebtesten Festivals der europäischen Metalcore-Szene gehört. Das familiäre Umfeld, ein konsequent kuratiertes Line-up und spielfreudige Bands sorgten für ein gelungenes Wochenende, das trotz aller Strapazen lange in Erinnerung bleiben wird.
Diese Strapazen hatten es allerdings in sich. Temperaturen von fast 40 Grad stellten Besucher, Bands und Veranstalter vor enorme Herausforderungen. Den Organisatoren kann dabei kaum mangelndes Engagement vorgeworfen werden. Zusätzliche Wasserversorgung, Sonnencreme-Stationen sowie regelmäßige Sicherheitsupdates auf Instagram zeigten, dass das Team die Situation ernst nahm. Auch die Kooperation mit dem benachbarten Center Parcs erwies sich sowohl während der Hitzewelle als auch beim Unwetter am Samstagabend als sinnvoller Baustein des Sicherheitskonzepts.

Angesichts solcher Wetterextreme stellt sich dennoch die Frage, ob ein Termin Ende Juni auch künftig noch die richtige Wahl ist oder ob eine Verlegung auf einen früheren Zeitpunkt langfristig sinnvoll wäre. Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht – die Diskussion darüber dürfte nach diesem Festivalwochenende jedoch an Bedeutung gewinnen. Sollte das JERA ON AIR künftig einen Weg finden, sich besser gegen solche Wetterextreme zu wappnen, dürfte das Festival seinen Ruf als eines der sympathischsten und authentischsten Events der Szene weiter festigen.
Tickets für das JERA ON AIR 2027 vom 24. bis 27. Juni 2027 können interessierte Besucher ab sofort auf www.jeraonair.nl/de/tickets vorbestellen.