Ist das alles? Es ist eine so einfache wie tiefgründige Frage. Ein Ausdruck existenzieller Verzweiflung, der in gewissen Stufen des Lebens geradezu entmächtigend wirken kann. Genau hier setzt „Alt Som Finnes“ an: Der Prozess der Sinnfindung ist aber keine ebenerdig geteerte Straße, sondern ein steiniger Weg, wie wir im Verlauf der rund 43 Minuten zu spüren bekommen. Mastermind Roman V. eruiert den Kontrollverlust, ergründet das Gefühl, nur Statist im eigenen Leben zu sein, und die Flucht aus der Realität, um sein wahres Ich zu ergründen.
Entsprechend rastlos und launisch zeigen sich die acht Kompositionen bisweilen, die von plötzlichen Stimmungswechseln durchzogen sind und daher so viel zu geben haben, wie sie gleichzeitig einfordern. Denn „Alt Som Finnes“ lässt sich kaum in eine Schublade stecken, ist so vielseitig, wie es unser eigenes Dasein mit all seinen Höhen und Tiefen ist. Das knackige „Hun“ dient dabei fast schon als erweitertes Intro, dessen energischen Charakter eine sphärische Leadgitarre durchdringt.
Das traditionelle Black Metal-Korsett sprengen BIZARREKULT mit Freude
Gallig und roh greift „Blikket Hennes“ diesen Faden auf, webt Dissonanzen und einen zähfließenden Mittelpart mit ein, der schließlich mit getragenem Klargesang und feinen Gitarrenarrangements auf ein Finale zusteuert, das wir durchaus in der Nähe ENSLAVEDs verorten würden. Frostig und mit eiskalter Entschlossenheit beginnt „Drøm“, wobei BIZARREKULT auch hier das traditionelle Black Metal-Korsett letzten Endes sprengen, um mittels entrückt-träumerischer Post Rock-Anleihen samt Gastbeitrag von PREDATORY VOID-Sängerin Lina R. in andere Sphären zu entfliehen.
Bei so viel Wandelbarkeit fällt ein vergleichsweise geradlinig konzipiertes Stück wie „Avmakt“ fast schon aus dem Rahmen. Hier zeichnen BIZARREKULT eine düstere Atmosphäre, die uns in einen Sog aus wiederkehrenden Mustern zieht, bis wir uns unserer eigenen Ohnmacht gewahr werden: nicht immer schön im klassischen Sinn, aber eben der eingangs erwähnte Kontrollverlust in seiner tongewordenen Ausweglosigkeit. Melancholie sowie Schwermut wiederum bilden das Rückgrat von „Håp“, das mit sonorem Damengesang überrascht und aufgrund seiner unverzerrten Gitarrenarrangements eine Art dramaturgischen Ruhepol repräsentiert.
Hinter „Alt Som Finnes“ verbirgt sich mehr, als es zunächst offenbaren will
Das latente Unbehagen aber bleibt hier genauso wie im kompromisslosen Genre-Stück „Verdens Verste“, das sich erst für die letzte Minute ein wenig öffnen will. Daran anzuknüpfen ist der nächste logische Schritt, der „Alt Som Finnes“ zu seinem würdigen Schlussakt führt. Schleppend und schwerfällig ist das Fundament von „Aversjon“, das sich durch die prägnante Leadgitarre ein klares Profil schenkt, bevor das englischsprachige „Tomhet“ mit Unterstützung von MØLs Kim Song Sternkopf nochmals die Post Rock-Seite der Band erstarken lässt. Der kreativste Moment des Albums ist der Rausschmeißer in Abwesenheit überraschender Kniffe zwar nicht, ein kompetent ausgeführter Genre-Beitrag mit klug gesetzter Eruption bleibt das Stück aber allemal.
Ist das also wirklich alles? Ja und nein: Denn die Freude an „Alt Som Finnes“ steckt im Detail. Nicht jedes Arrangement klingt auf Anhieb berauschend, reißt uns aus dem Alltag in eine nie dagewesen Welt. Doch haben wir uns da noch nicht dem Prozess hingegeben: Wie die Sinnfindung seine Zeit braucht und auch Eigeninitiative voraussetzt, verbirgt sich auch hinter BIZARREKULTs Drittwerk mehr, als es zunächst offenbaren will. Wir müssen nur bewusst danach greifen.
Veröffentlichungstermin: 20.02.2026
Spielzeit: 42:46
Line-Up
Roman V. — Vocals
Ignat P. — Guitars & Bass
Alexander P. — Drums
Produziert von Miguel Tereso
Label: Season of Mist
Facebook: https://www.facebook.com/bizarrekult
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Bandcamp: https://bizarrekult.bandcamp.com/
BIZARREKULT “Alt Som Finnes” Tracklist
1. Hun (02:58)
2. Blikket Hennes (06:18) (Video bei YouTube)
3. Avmakt (06:10) (Audio bei YouTube)
4. Håp (06:22)
5. Drøm (04:42) (Video bei YouTube)
6. Verdens Verste (04:22)
7. Aversjon (05:24)
8. Tomhet (06:27)