Die 23-jährige Zürcherin Luana (Selma Kopp) trägt viel Weltschmerz in sich: Ihre Eltern sind geschieden, sie lebt bei ihrer Mutter, mit der es viele Konflikte gibt, ihr Vater ist schwerkrank und hat sich in den letzten Jahren nie besonders viel um sie gekümmert, den Job als Erzieherin führt sie eher halbherzig aus. Luana findet Trost im Black Metal. Passenderweise ist ihr Cousin Domi (Fabian Künzli) Drummer der Black Metal-Band WLVS. Hier hängt Luana bei den Proben ab und hört danach mit ihm Platten. Die Dinge nehmen Fahrt auf, als bei WLVS einen neuen Sänger einsteigt. Wiktor (Bartosz Bielenia) ist ein stiller Typ mit einer geheimnisvollen Aura und starker Bühnenpräsenz. Als die Band auf ihre erste Tour geht, beginnen Luana und Wiktor sich näherzukommen. In einem Underground-Laden, in dem ziemlich fadenscheiniges Publikum unterwegs ist, zeigt sich, dass Wiktor wohl mehr ist, als nur ein Edgelord.
Gaslighting, Hörigkeit und toxische Beziehungen: WOLVES behandelt die Themen klassischer Dramen im Black Metal-Kontext.
Bricht man die Story von WOLVES herunter, handelt es sich bei dem Film um ein klassisches Drama: Es geht um Gaslighting und toxische Beziehungen, sowohl in der Liebe als auch im Sozialgefüge. Die Geschichte über Hörigkeit könnte also auch in vielen anderen Kontexten stattfinden. Der Schweizer Filmemacher Jonas Ulrich hat sich als Umgebung dafür die Black Metal-Szene ausgesucht, was sehr passend ist. Dort wird an mancher Stelle kokettiert mit Tabubrüchen, mit Undurchsichtigkeit, mit Extremisierung, und gerade deshalb ist dieses Setting so gut geeignet für die Themen, die sich zwischen den Protagonisten abspielen. So ist in einer frühen Szene zu sehen, wie Luana in der Plattensammlung ihres Cousins stöbert und eine NSBM-Platte darunter findet. Sie stellt ihn zur Rede und schließlich wird die Platte mit einem Morgenstern (!) zerschmettert.
Doch diese Abgrenzung halten WLVS nicht immer: Als sie im ersten fadenscheinigen Underground-Laden eintreffen, ein verfallenes Hotel mit Runenfahne an der Fassade, ist schnell klar, dass hier nicht alles sauber zugeht. Die Band weist Wiktor auf eine Keltenkreuz-Flagge hin, er reißt sie von der Wand und fragt, ob es nun OK sei, dort zu spielen. Abwiegelungen und Whataboutism spiegelt sich in Wiktors Verhalten wider: Während er niemals rechtsradikales Gedankengut äußert, distanziert er sich auch nicht vom Rechtsradikalismus. Auf einen Shitstorm bezüglich seines Schwarze-Sonne-Tattoos reagiert er nicht, lässt kein Statement zu, sondern verteidigt es als uraltes Symbol, das von den Nazis zweckentfremdet worden sei. Die Band? Zieht noch mit. Luana? Fühlt sich immer noch zu Wiktor hingezogen. Es ist kaum auszuhalten.
WOLVES stellt die großen Fragen der zeitgenössischen Black Metal-Szene: Was ist Provokation und was ist Fanatismus?
Und so werden die Mechanismen der rechten Szene dezidiert dargestellt. Wiktor reißt die Band und Luana immer tiefer in den Abgrund. WOLVES besteht aus vier Kapiteln: „Rituals“, „Symbols“, „Void“ und „Solstice“, mit denen Jonas Ulrich die Handlung konsequent vorantreibt. Während das Publikum sich denken mag: „An dieser Stelle hätte ich mich getrennt / Wiktor aus der Band geworfen“, zeigt Ulrich aber, wie schleichend sich Menschen in diesen Strukturen verlieren können. Das Erzeugen dieses unguten Gefühls ist nicht das Einzige, was an WOLVES richtig gut macht. Mit WLVS wurde eine tatsächliche Band erfunden, die auf Tour ist, das Album „Rooted In Ancestral Memory“ gibt es auf Vinyl bei FUCKING KILL RECORDS. Geschrieben wurden die Songs von Manuel Gagneux (ZEAL & ARDOR) und liegen zwischen AFSKY und WOLVES IN THE THRONE ROOM.
Die Sequenzen der Konzerte sind roh und undergroundig. Hierbei haben auch AMENRA einen Gastauftritt, die tatsächlich von WLVS im Kiff Aarau supported wurden. Einen Cameo hat hierbei auch Colin H Van Eckhove, der mit Wiktor so freundschaftlich umgeht, als würden sie sich schon lange kennen. Eine irgendwie unbequeme Szene, da die Zuschauer hier schon lange wissen, wie Wiktor tickt. Hier verschwimmt die Grenze zwischen Erzählung und Realität am wirkungsvollsten. Der Soundtrack ist abgesehen von der Filmband mit AMENRA, OATHBREAKER und SPIRIT ADRIFTrelativ wenig Black Metal-lastig. Immerhin, als zweite Liveperformance einer echten Band ist auch DARKSPACE im Film zu sehen. Auch die Bandmitglieder der fiktiven Band WLVS sind seit Jahren aktive Musiker. So ist Drummer Fabian Künzli bei UNGFELL, KVELGEYST, ÄTEIGGÄR und TEMPLE WOLF aktiv.
Realität trifft auf Erzählung: Die Filmband WLVS war tatsächlich auf Tour. WOLVES gewinnt dadurch an Authentizität.
Das Tempo von WOLVES passt gut zur Story. Der Film nimmt schnell Fahrt auf und setzt die zentralen Figuren an ihre Plätze. Klar im Zentrum befinden sich Luana, Wiktor und Domi sowie Amélie, die alle gut gezeichnet werden. Die restlichen Figuren hätten ein wenig mehr Tiefe vertragen, wie die beiden WLVS-Musiker Ruben und Sebi oder auch Luanas Eltern. Aber so wird auch klar der Fokus auf die wichtigsten Personen gesetzt. Newcomerin Selma Kopp ist die Zerrissenheit anzumerken, die im Laufe des Films größer und größer wird, sie spielt auch gut gegen ihren Partner an: Bartosz Bielenia, der schon im verstörenden Film CORPUS CHRISTI eine beeindruckende Präsenz bot, prägt WOLVES ganz besonders. Ein wenig Gaahl, ein wenig Varg Vikernes, und fertig ist ein faszinierender Antagonist, der in den allermeisten Momenten überaus glaubwürdig ist.
Jonas Ulrich ist mit seinem Spielfilmdebüt das gelungen, was Jonas Åkerlund mit LORDS OF CHAOS nicht schaffte: WOLVES hat das Zeug, als erster ernstzunehmender Spielfilm dem isländischen Kleinod METALHEAD vom Underground zu zählen, da er die Dynamik der Figuren an die erste Stelle stellt und auf Gewalt und Schockeffekte verzichtet. Mit einer sehr direkten, rohen Kameraarbeit, die nah an den Figuren ist, aber gleichzeitig auch große Bilder zu erschaffen versteht, einem soliden Schnitt und tollem Sounddesign ist WOLVES unbedingt empfehlenswert für diejenigen, die fasziniert sind vom Black Metal, egal ob sie ihn vergöttern oder abstoßen. Sehr empfehlenswert!
VÖ: 21. Mai 2026
Spielzeit: 97 Minuten
Besetzung:
Selma Kopp – Luana
Bartosz Bielenia – Wiktor
Fabian Künzli – Dominik
Anna Sauter-McDowell – Amélie
Iso Merkli – Ruben
Sebastian Vogt – Sebi
Moritz Fabian – Jan
Thomas Ott – Father
Judith Hofmann – Mother
Lale Yavas – Daycare Owner
Michael von Burg – Wolfgang
Wero Rodowicz – Venue Manager
Colin H. Van Eeckhout – Self
Jonas Ulrich – Regie, Drehbuch, Schnitt
Luzius Fischer – Ausführender Produzent
Philipp Ritler – Ausführender Produzent
Manuel Sieber – Co-producer post-production
Anne Sommer – Co-producer post-production
Jonas Ulrich – Ausführender Produzent
Nicole Ulrich – Produzent
Manuel Gagneux – Original music
Michael künstle – Original score
Matteo Pagamici – Original score
Tobias Kubli – Kamera
Mirjam Schillinger – Casting
Benjamin Gaschen – Szenenbild
Mira Luna Berclaz – Kostüme und Maske
Katherine Huber – Produktionsleitung, Regieassistenz
Andrea Padovan – Assistant sound designer
Marcus Uhlmann – Sound recordist
Oscar van Hoogevest – Re-recording Mixer / Sound Designer
Daniel Loepfe – Visuelle Effekte
Daniel Blumensev – Second assistant camera & dit
Sven Brauchli – Second assistant camera & dit
Hannes Cullum – Second camera operator
Lukas Graf – Lighting technician / second camera operator
Jan Humbel – Concert lighting design
Mischa Müller – Lighting technician / second camera operator
Raphael Schulze-Schilddorf – First assistant camera
Nino Ubezio – First assistant camera re-shoots
Daniel Blumensev – Schnittassistenz
Zoé buess – Schnittassistenz
Daniel Loepfe – Postproduktionsbetreuer
Sislej Vece – Schnittassistenz
Pirmin Marti – Music Supervisor
Simon Hardegger – Colorist
Anna Frutig – Produktionsassistent
Joris Keller – Produktionsassistent
Gion Tschümperlin – Produktionsassistent
Distribution: Meteor Film
Mehr im Netz:
https://www.wlvs.ch
https://jonasulrich.com/wolves
https://thetruewlvs.bandcamp.com
https://www.facebook.com/people/Wolves-WLVS/61585212750583/
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