POPPY ACKROYD: Liminal

„Liminal“ zeigt POPPY ACKROYD nicht nur als versierte, experimentierfreudige Pianistin und Violinistin, sondern auch als Komponistin, die es schafft, gegensätzliche Gefühle gleichberechtigt nebeneinander stehenzulassen.

Da war doch was. POPPY ACKROYD war vor einigen Jahren aus den Playlisten des Autors nicht wegzudenken, dann trennten sich unsere Wege; vorerst. Und POPPY ACKROYD, die Pianistin und Violinistin, seit deren letzten Album „Paused“ fast fünf Jahre verstrichen, hat viel zu erzählen. Umzug aufs Land, Familiengründung, Verlust. Der Titel sagt es bereits: „Liminial“ ist eine Schwellenerfahrung. Zwischen Freude und Trauer, zwischen Frieden und Zerrissenheit liegen die acht Stücke des fünften Soloalbums der Multiinstrumentalistin.

POPPY ACKROYD lädt ihre Musik emotional auf, sodass „Liminal“ mehr ist als nur pianobasierte Hintergrundmusik.

Schon der Beginn lässt den Atem stocken. Die schweren und doch zarten, punktgenau gesetzten Akkorde von „In The Mist“ lassen erahnen, dass über der Nebelwand die Sonne scheint. Die Stille eines nebeligen Herbsttages wird in dreieinhalb Minuten perfekt eingefangen. Diese sanfte Melancholie dürfte eigentlich ewig dauern, doch „Shimmer“ durchbricht dieses Gefühl mit einem Pianostück, das Lebensfreude ausstrahlt. Die Harmonien spielen und tanzen miteinander, unterlegt von leichten Rhythmen. Die Playlisten der großen Streamingdienste mögen voll mit Klavierstücken sein, hier wird klar, worin der Unterschied liegt. Doch POPPY ACKROYDs Kompositionen sind komplex und vielschichtig, sodass „Shimmer“ und auch das verspielte, fast schon heitere „Weightless“ nicht nur mit schlichtem Schönklang dahinplätschern.

Und genau dieser Unterschied macht sich auch in den verschiedenen Emotionen bemerkbar. „Liminal“ ist kein pures Schwelgen, keine Hintergrundberieselung fürs Büro. Das Stück „Continuum“ ist dramatisch und schwermütig, und hier ist neben dem Klavier zum ersten Mal seit über zehn Jahren auch wieder Violine zu hören. Langsam wird das Streicherarrangement größer und intensiver und POPPY ACKROYD schafft es, die Aufmerksamkeit der Hörer*innen zu behalten, auch ohne Druck anzuwenden. „For Those Who Wait“ ist mit über sechs Minuten eines der längsten Stücke des Albums, startet schlicht und leise in getragenem Tempo, wird dann aber großer und dichter. Die beiden Pole, Freude und Trauer, verbindet POPPY ACKROYD immer wieder, „The Unknown“ perlt wie ein Sommerregen, aber es ist auch unterschwellig bedrückend. Den umgekehrten Weg nimmt „Drift“, das sich aus der Melancholie langsam aber sicher befreit.

„Liminal“ ist ein Zeugnis von POPPY ACKROYDs Liebe zur Musik und ihrer Freude an Komposition.

„Liminal“ ist nicht nur durch die instrumentale Perspektive eine Rückkehr zu ihren früheren Soloalben. Das Klavier wird durch Streicher ergänzt, richtig große Epen entstehen daraus nicht, es bleibt wunderbar intim. POPPY ACKROYD klingt sehr nahbar, denkt nicht mit einem Ensemble, sondern bleibt eher auf einem Level wie FEDERICO ALBANESE. Verglichen mit dem letztjährigen neoklassischen Highlight „Reverie“ von den Schwestern REBECCA FOON und ALIAYTA FOON-DANCOES ist „Liminal“ doch etwas schwermütiger und weniger greifbar. „Liminal“ verlangt somit mehr Aufmerksamkeit, ist aber eben auch etwas persönlicher geprägt, als „Reverie“. Dennoch, beide Alben passen gut zueinander.

POPPY ACKROYDs Rückkehr mit „Liminal“ lässt die Zerrissenheit und den Schmerz spüren, aber vor allem wird die Liebe zur Musik und die Freude an Komposition auch für die Zuhörenden erlebbar. POPPY ACKROYD experimentiert und erlebt eine fast schon kindliche Entdeckungslust. „Liminal“ fehlt vielleicht manchmal das große, cineastische Momentum, aber es ist eben ein Album für die leisen Stunden im Leben. Keines für pure Wohlfühlatmosphäre, und genau deshalb so reizvoll. Und es zeigt deutlich auf, worin der Unterschied besteht zwischen schlichtem Schönklang für nebenbei und eben einer Künstlerin, die uns an ihrem Innenleben teilhaben lässt und an das wir auch andocken können, mit unserem eigenen emotionalen Zustand.

Wertung: 6 von 8 Schwebezustände

VÖ: 5. Juni 2026

Spielzeit: 40:42

Line-Up:
Poppy Ackroyd – Instrumente, Komposition, Mix, Produktion

Label: One Little Independent Records

POPPY ACKROYD „Liminal“ Tracklist:

1. In The Mist
2. Shimmer (Official Video bei Youtube) 
3. Continuum (Official Video bei Youtube) 
4. For Those Who Wait (Official Video bei Youtube) 
5. The Unknown
6. Drift
7. Weightless
8. Between Two Worlds

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