POPPY ACKROYD: Escapement

Ein Sprungbrett in eine neoklassisch angehauchte Welt, in der alles ein wenig besser ist. Von "Escapement" kann man schneller süchtig werden, als man denkt.

Ein passender Titel, den sie für ihr Debütalbum gewählt hat, die liebe Poppy. Was gibt es Schöneres, als sich einfach gehen zu lassen, sich treiben zu lassen, aber dennoch ein wenig gefordert zu werden. Denn bedenke, wer rastet, der rostet. Wenn Escapement läuft, dann fällt der Stress des Alltags im Handumdrehen von uns ab, dann ist man irgendwie sofort zu Hause. Dann gibt es weder Chaos noch Hetze, sondern einfach eine halbe Stunde voller Harmonie und Wärme. Entschleunigung? Auf jeden Fall. Aber seicht ist Escapement, das Debütalbum der HIDDEN ORCHESTRA Pianistin und Violinistin auf keinen Fall, dafür aber leidenschaftlich und doch mit britischem Understatement versehen.

POPPY ACKROYD wählt einen ähnlichen Weg wie der stets verspielte NILS FRAHM, der Escapement im Übrigen gemastert hat, und das junge Genie ÓLAFUR ARNALDS – die Musik ist zeitgemäß, experimentell, verspielt, poetisch, Grenzen gibt es kaum. POPPY ACKROYD schafft es, eine erstaunliche Bandbreite auf Escapement zu vereinen: Da sind einerseits die unwahrscheinlich leichtfüßigen, wie schwebend wirkenden Stücke wie Aliquot, Glass Sea und Seven, dann gibt es wieder traurige und melancholische Stücke wie Rain, Lyre und Grounds, die aber nicht bedrückend wirken. Die Lebensfreude und Kreativität von POPPY ACKROYD ist jederzeit spürbar, die Multiinstrumentalistin ist hörbar keine Frau, die der Trauer nachgibt. Stattdessen packt sie auf Escapement besondere Stimmungen und Eindrücke in Musik, ihre Klavierarbeit ist federleicht, es scheint so, als würden ihre Finger völlig losgelöst auf den Tasten des Klaviers tanzen. Nur wenn sie zur Violine greift, wird es manchmal ein wenig schwermütig.

Daneben zeigt POPPY ACKROYD, dass sie von detaillierter Arbeit viel versteht. Statt die Songs mit Field Recordings, Synthesizern und Effekten vollzustopfen, wird an genau ausgewählten Stellen die Musik unterstrichen und der Gesamteindruck erweitert: Hier und da ein ganz dezenter Beat, dann wieder ein stimmiger Loop bringt viel mehr als eine alles umschließende Soundwand. POPPY ACKROYD zeigt auch im Alleingang, fernab vom Schreiben von Soundtracks und der Arbeit mit HIDDEN ORCHESTRA, wie man Kopfkino erschaffen kann. Escapement hat eine unwahrscheinlich beruhigende Wirkung, ist pure Harmonie, durchzogen von einer homöopathischen Dosis Melancholie. Dass POPPY ACKROYDs Debütalbum so reif kling verwundert nicht, ihre bisherige musikalische Arbeit war reichhaltig, und ihre ganze Erfahrung gipfelt in diesen sieben Stücken.

Das Artwork ist genauso filigran, raffiniert und komplex wie die Musik, es deutet schon an, wohin die Reise geht – wir werden aus dieser grauen Realität schlicht heraus katapultiert. Escapement als Sprungbrett in eine Welt, in der alles ein wenig besser ist. Es ist eigentlich eine Frechheit, wie kurz dieses Album ist, von dieser Musik kann man schneller süchtig werden, als man denkt. Denn statt ausufernder Kompositionen, gibt es von POPPY ACKROYD kompakte Songs zu hören, die unverschämt zugänglich sind. Und sie lassen das Herz aufgehen, wie der krönende Abschluss Mechanism, das ein wundervolles Happy End gänzlich frei von Kitsch darstellt. Freunde von moderner Neoklassik, Hörer von ERASED TAPES – und DENOVALI -Künstlern können mit Escapement gar nichts falsch machen.

Veröffentlichungstermin: 14. Dezember 2012

Spielzeit: 31:23 Min.

Line-Up:
Poppy Ackroyd – Instrumente

Produziert von Poppy Ackroyd
Label: Denovali Records

Homepage: http://www.poppyackroyd.com

Mehr im Netz: http://www.facebook.com/poppyackroydsounds

Tracklist:
1. Aliquot
2. Rain
3. Seven
4. Glass Sea
5. Lyre
6. Grounds
7. Mechanism