Wenn die Shirt-Preise des Headliners ausnahmsweise die der Vorbands unterbieten, dann ist das keine Dumping-Strategie, sondern ein Zeichen des Respekts. Natürlich können sich HEAVEN SHALL BURN als Teilzeit-Band ein solches Vorgehen eher leisten als andere und doch scheint es für die Thüringer Ehrensache zu sein, ihren Anhänger:innen auf Augenhöhe und mit Wertschätzung zu begegnen.
Es ist schließlich ein Geben und Nehmen zwischen Band und Fangemeinde, das heute auf weitere Art und Weise zelebriert wird: Als Teil der „Pay With Your Blood“-Kampagne stellte die Melodic Death Metal-Band in Zusammenarbeit mit dem WACKEN OPEN AIR ein gewisses Ticket-Kontingent vorab im Tausch gegen eine Blutspende zur Verfügung. Auf Worte lassen HEAVEN SHALL BURN Taten folgen: Gesellschaftliche Verantwortung ist kein bloßes Lippenbekenntnis.
Und dennoch stehen bei diesem Tourfinale in erster Linie die Musik und das Miteinander im Zentrum: Interessierte können sich zwar am Peta-Infostand schlau machen, wer jedoch lieber den Barbetrieb vorzieht, darf auch schlicht ein reguläres Metalkonzert genießen. Als solches fährt die Veranstaltung zusätzlich zum Hauptact ohnehin dicke Geschütze aus: Neben der Supergroup THE HALO EFFECT stellen die Veteranen THE BLACK DAHLIA MURDER und die texanische Death Metal-Formation FROZEN SOUL das Vorprogramm.
FROZEN SOUL

Schleppend und unheilschwanger erklingen die ersten Töne, bevor „Encased In Ice“ an Fahrt aufnimmt und den Münchner:innen die Marschrichtung der nächsten 30 Minuten aufzeigt. Ihren Death Metal intonieren FROZEN SOUL meist nach den Gepflogenheiten der alten Schule: oft walzend und mit Groove, wobei auch die eine oder andere schnelle Passage für Trubel sorgt. So darf sich das Quintett schon zum Auftakt über einen Mini-Pit vor der Bühne freuen, obgleich die Resonanz in den Randbereichen der Halle noch ungleich verhaltener ausfällt.
Bis zu einem gewissen Grad ist das sicherlich auch dem suboptimalen Soundmix geschuldet: Der dominante Bass verschluckt feinere Facetten, so dass uns der Sound der US-Amerikaner vor allem dann erreicht, wenn sie das Tempo reduzieren und auf nackenbrechende Rhythmen à la „Morbid Effigy“ oder „Arsenal Of War“ setzen.
FROZEN SOUL halten sich nicht lange mit Ansagen auf

Ihre Spielzeit vergeuden FROZEN SOUL indes nicht mit Ansagen oder sonstigem Terz: Indem die Band nahezu pausenlos einen Song an den nächsten reiht, kommt der harte Kern im Zentrum schon früh ins Schwitzen. Dirigiert wird der Moshpit derweil souverän von Frontmann Chad Green, dessen theatralische Gestik für die sonst bewegungsarme Performance entschädigt – zumindest, wenn er nicht gerade den Mikrofonständer zur Langhantel umfunktioniert.
Fotogalerie: FROZEN SOUL










THE BLACK DAHLIA MURDER

“Meine Herren und Damen!” Die Ankündigung der eigenen Band aus dem Off passt wie die Faust aufs Auge zum manchmal etwas unbeholfen wirkenden Stageacting von Brian Eschbach. Als Frontmann versprüht der ehemalige Gitarrist weiterhin eine etwas skurrile Aura, führt aber immerhin sympathisch durch das Programm. Leider haben THE BLACK DAHLIA MURDER heute Abend kaum mehr als das zu bieten, denn der Sound im Zenith ist während des Sets mit katastrophal geradezu schmeichelhaft umschrieben.
Tatsächlich haben wir in der akustisch herausfordernden Halle wohl vor rund 20 Jahren das letzte Mal einen derart undifferenzierten Mix hinnehmen müssen. Obwohl wir mit dem Material der US-Amerikaner bestens vertraut sind, können wir Klassiker wie „What A Horrible Night To Have A Curse“ oder „A Vulgar Picture“ nur erahnen – selbst ein kleiner Spaziergang durch die Halle lindert die Umstände nicht im Geringsten: Ungenießbar ist der Klang an jedem Fleckchen, das wir aufsuchen.
Der Sound macht THE BLACK DAHLIA MURDER heute einen Strich durch die Rechnung

Dass es zur zweiten Hälfte ab „Mammoth’s Hand“ minimal besser wird und zumindest die Leadgitarre manchmal den Brei durchdringt, hilft letztlich wenig: Die Stimmung in der Lokalität wirkt unterkühlt, so dass selbst zu „Nightbringers“ nur wenige Fans im Takt springen. Schade ist das, weil wir das Material THE BLACK DAHLIA MURDERs eigentlich sehr schätzen. Dass das Ende von „Utopia Black“ nach 35 Minuten unerwartet kommt und irgendwie unfertig wirkt, passt wenigstens ins Bild: Das war leider nichts, meine Herren.
THE BLACK DAHLIA MURDER Setlist – ca. 35 Min.
1. What A Horrible Night To Have A Curse
2. Kings Of The Nightworld
3. Aftermath
4. A Vulgar Picture
5. Mammoth’s Hand
6. Cursed Creator
7. Nightbringers
8. Everything Went Black
9. Utopia Black
Fotogalerie: THE BLACK DAHLIA MURDER

















THE HALO EFFECT

So langsam dürften THE HALO EFFECT alle größeren Spielstätten der bayerischen Landeshauptstadt von innen gesehen haben. Es ist das vierte Gastspiel der Göteborger in München, aber das Erste im Zenith. Dass dort die Supergroup selbst als Special Guest die Unterstützung des Publikums hinter sich weiß, erkennt man auf Anhieb, als lauter Jubel das Intro „This Curse Of Silence“ quittiert.
In der Tat hat die Melodic Death Metal-Band eine ganze Reihe von Fans in die ehemalige Ausbesserungshalle gelockt: Die Stimmung ist auf Anhieb ausgezeichnet, ganz gleich ob die Hits „Feel What I Believe“ oder „Detonate“ das Tempo anziehen oder im stampfenden „Become Surrender“ eine Flut an Crowdsurfern den hiesigen Seegang austestet.
Bei THE HALO EFFECT ist eigentlich alles wie immer: Spielfreude trifft auf Routine

Auf der Bühne wiederum agieren THE HALO EFFECT routiniert wie immer: Mastermind Niclas Engelin genießt das Rampenlicht nicht nur während der Soli, während Frontmann Mikael Stanne (DARK TRANQUILLITY) seinerseits im Applaus zu baden scheint. Geerdet und sympathisch agiert der Sänger dennoch – das verschmitzte Dauergrinsen im Gesicht kennen wir nach so vielen Aufeinandertreffen bestens.
Abgenutzt haben sich die Songs darüber hinaus nicht: Wir sehen THE HALO EFFECT heute zum fünften Mal und hätten trotzdem gerne ein wenig länger gemacht. Gerade weil die Skandinavier mit dem treibenden „Our Channel To The Darkness“ sowie dem gefühlvollen „Between Directions“ gleich zwei Stücke erstmalig in der Tour-Setlist haben, dürfen auch wir uns über frischen Input freuen.
Zum Ende verschenken THE HALO EFFECT ihre Bühnendeko

Wie sehr die Chemie zwischen Band und Fangemeinde stimmt, erfahren wir gegen Ende des 45-minütigen Auftritts, als Tour-Gitarrist Patrick Jensen die Münchner:innen das Outro von „A Truth Worth Lying For“ im Chor singen lässt, während die Musiker nach und nach die eigene Bühnendeko ans Publikum ausgeben: Rote und weiße Herzluftballons segeln alsbald über die Köpfe der Anhängerschaft hinweg, obschon es auch Verluste zu beklagen gibt: Ausgerechnet Stanne selbst lässt das knallrote Souvenir versehentlich bersten. Immerhin wissen wir jetzt, warum Popsängerin NENA im Anschluss nur 99 solcher Flugobjekte am Himmel zählt.
THE HALO EFFECT Setlist – ca. 45 Min.
1. This Curse Of Silence (Intro)
2. March Of The Unheard
3. Feel What I Believe
4. The Needless End
5. Detonate
6. Become Surrender
7. Gateways
8. Our Channel To The Darkness
9. Between Directions
10. A Truth Worth Lying For
11. Shadowminds
Fotogalerie: THE HALO EFFECT























HEAVEN SHALL BURN

Statt alter Pop- und Metalhits halten HEAVEN SHALL BURN die Beschallung während des Changeovers dezent. Ruhige, doch schwelende Streicherarrangements schüren die Spannung, die sich schlussendlich in der Dramatik des Openers „War Is The Father Of All“ entlädt. Mit dem Vorhang vor der Bühne fallen auch alle Hemmungen, als der Track mit Chor- und Orchesterbombast bei auffallend differenziertem Sound loslegt: Das Gedränge vor der Bühne schürt die Band mit kraftvollen Riffs, wobei es zu Beginn Marcus Bischoff ist, der uns am meisten beeindruckt.
Dass sich der Frontmann nach seiner letztjährigen Stimmbandverletzung nicht nur zurückgekämpft, sondern aktiv an seiner Technik gearbeitet hat, ist kaum zu überhören. Bischoff klingt heute mächtig und boshaft, aber vor allem: konstant. Gepresst-gesprochene Zeilen sind tatsächlich die Ausnahme, klang der Shouter doch zuletzt wohl vor 15 Jahren ähnlich überzeugend. Ein Umstand, den der Musiker kurz darauf selbst thematisiert: Spätestens seit diesem Schlüsselerlebnis sei ein solcher Abend für ihn alles andere als selbstverständlich.
HEAVEN SHALL BURN halten die Intensität meist hoch, finden aber auch Zeit für mahnende Worte

Wie sehr letztlich bei aller Nachdenklichkeit die Freude überwiegt, ist der engagierten Darbietung zu entnehmen, die Marcus Bischoff in jede Ecke der Bühne führt, um die stolze Haarpracht kreisen zu lassen. Damit sich die Münchner:innen angesichts solcher Explosivität im Gegenzug nicht gleich in der Bringschuld sehen müssen, lassen sie im Zenith ihrerseits nichts anbrennen. Crowdsurfer segeln ab dem Evergreen „Voice Of The Voiceless“ eigentlich pausenlos über die Köpfe, so dass selbst die Fans außerhalb des Pits alle Hände voll zu tun haben.
Verschnaufpausen sind an diesem Samstag rar gesät und eigentlich nur vorgesehen, wenn die Band zwischen den Stücken die Gelegenheit nutzt, um ein paar Worte ans Publikum zu richten. Hier zeigen sich HEAVEN SHALL BURN meist bodenständig, werden aber vor dem getragenen „Armia“ durchaus politisch, als Gitarrist Maik Weichert an die schrecklichen Zustände in der Ukraine erinnert, die vor dem Hintergrund des Stücks – der Widerstand der Bevölkerung im besetzten Warschau der 1940er Jahre – umso eindringlicher nachwirken.
Bei der Songauswahl überraschen HEAVEN SHALL BURN mit der einen oder anderen Rarität

Dass begleitend dazu das Bühnenbild Feuer fängt, unterstreicht die Botschaft auch visuell: Eine Ruinenlandschaft hat sich die Band auf die Bühne gestellt, wo im Hintergrund statt großer Videotafeln diesmal das verwüstete Berlin als Backdrop mahnt. Mittendrin sitzt erhöht Schlagzeuger Christian Bass, dessen Ausblick deutlich ermutigender sein dürfte: Vor ihm springen tausende Fans zu „Confounder“ im Takt, ballen im Finale von „Counterweight“ entschlossen die Fäuste und stürzen sich im Flammenschein todesmutig in den Pit – Klassiker wie „Godiva“ oder das obligatorische „Endzeit“ machen es möglich.
Lobenswert ist ohnehin die Songauswahl: Trotz beeindruckender Hitdichte im eigenen Backkatalog gönnen HEAVEN SHALL BURN Dauerbrennern wie „Hunters Will Be Hunted“, „Combat“ oder „Bring The War Home“ eine wohlverdiente Pause, um die eine oder andere Rarität zurück ins Rampenlicht zu hieven. Neben dem erwähnten „Armia“ gibt es heute etwa den Oldie „The Martyr’s Blood“ vom „Whatever It May Take“-Album (2002) sowie die lange nicht gespielte Moshgranate „The Weapon They Fear“.
Für die Münchner Fans halten HEAVEN SHALL BURN sogar ein paar Geschenke parat

Bevor Letzterer jedoch den Zugabenblock einleitet, darf ein wenig Fanservice selbstverständlich nicht fehlen: „Übermacht“ und „Black Tears“ begleiten meterhohe Flammensäulen, die neben den extensiv eingesetzten CO2-Werfern das Rückgrat der visuellen Show bilden. So eindrucksvoll die Effekte sein mögen, wäre ein wenig mehr Abwechslung schön gewesen, zumal HEAVEN SHALL BURN in der Vergangenheit in dieser Hinsicht durchaus schon breiter aufgestellt waren.
Essentiell ist das freilich nicht, zumal die Chemie am heutigen Abend stimmt, sowohl musikalisch als auch zwischenmenschlich. Nach dem Massenrudern in „The Martyr‘s Blood“ – ein expliziter Wunsch von Sänger Marcus Bischoff -, revanchiert sich die Band freigebig mit ein paar Präsenten. Man habe den eigenen Proberaum geplündert und so noch ein paar alte Shirts ausgegraben, die man nun weitervermachen möchte – eine Premiere, wie Bischoff betont. Allein Beschwerden über die falsche Größe wolle man nicht annehmen, so die einzige Bedingung, bevor es nach einer guten Stunde endlich wieder trockene Textilien im Pit gibt.
Im Zugabenblock holt HEAVEN SHALL BURN-Sänger Marcus Bischoff einen Nachwuchsfan auf die Bühne

Es ist eben ein Geben und Nehmen zwischen HEAVEN SHALL BURN und ihrer Anhängerschaft, die kurz darauf musikalischen Nachschlag fordert und diesen selbstverständlich auch bekommt. Drei zusätzliche Songs hat man klugerweise noch in der Hinterhand, wobei es nach dem erwähnten „The Weapon They Fear“ für einen ganz bestimmten Fan noch eine unvergessliche Überraschung geben soll: Als Marcus Bischoff in der ersten Reihe einen der jüngsten Konzertbesucher entdeckt, lädt er jenen umgehend zu sich auf die Bühne ein. Zwar braucht es zunächst etwas Überzeugungsarbeit der eigenen Eltern, doch letztlich darf der kleine Luca nicht nur im ermutigenden Jubel der Menge baden, sondern den kompletten Song an der Seite des Shouters die Meute anstacheln. Natürlich nicht für lau: Als Belohnung dürfe sich der Nachwuchsfan etwas am Merchandise-Stand aussuchen.
Eine herzliche Geste, die letztlich das Bild vervollständigt, das sich den ganzen Abend über bereits abgezeichnet hat: In einer oftmals schrecklich unpersönlichen Industrie bleiben HEAVEN SHALL BURN bodenständig, nahbar – oder eben schlicht menschlich. Das beginnt bei human bepreisten Merchandise-Artikeln, setzt sich im wertschätzenden Dialog fort und endet mit gesellschaftlicher Verantwortung, wie sie die „Pay With Your Blood“-Aktion vorlebt.
Die Konzertbühne ist augenscheinlich nicht nur für HEAVEN SHALL BURN wie eine zweite Heimat

Dass all das im Rahmen eines Konzerts stattfindet, ist kein Zufall: Immerhin seien Kulturveranstaltungen an sich bereits ein Ausdruck von Politik, wie Gitarrist Maik Weichert im August 2024 auf dem SUMMER BREEZE OPEN AIR erklärte. Und tatsächlich bewirkt ein solcher Abend viel Positives, gerade in gemeinschaftlicher Hinsicht. Eine wichtige Säule übrigens auch für das, was sich HEAVEN SHALL BURN für ihr letztes Album und eben für diese Tour auf die Fahnen geschrieben haben und das geschätzt 4.000 Fans bestätigen können, die vor der Konzertbühne so etwas wie eine zweite Heimat gefunden haben.
HEAVEN SHALL BURN – ca. 95 Min.
1. War Is The Father Of All
2. Voice Of The Voiceless
3. My Revocation Of Compliance
4. Godiva
5. Counterweight
6. Armia
7. Confounder
8. Endzeit
9. Black Tears
10. Übermacht
11. The Martyr’s Blood
12. March of Retribution
13. Thoughts And Prayers
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14. The Weapon They Fear
15. A Whisper From Above
16. Valhalla
Fotogalerie: HEAVEN SHALL BURN






















Fotos: Tatjana Braun (https://www.instagram.com/tbraun_photography/)