Asche auf unser Haupt: Als wir 2024 IMMINENCE endlich am Ende ihrer Identitätsfindung wähnten, interpretierten wir das dramatische „The Black“ fälschlicherweise als „Coming of Age“-Werk: eine Art Reifeprüfung, mit welcher die Schweden ihren zuvor schrittweise erarbeiteten Stil festigten. Dass das Quartett jedoch auch hier noch auf der Durchreise war, offenbart sich erst zwei Jahre später.
Vielleicht also ist gerade das die DNA der Band: Verschiedene Einflüsse und neue Ausdrucksweisen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Diskografie, welche nun jedoch an einem Punkt angelangt ist, wo der Drang nach Veränderung mit augenscheinlichem Profitdenken kollidiert. Denn das Songwriting ist auf „Axis Mundi“ vor allem geradlinig und einfach gehalten, während sich IMMINENCE mittels zahlreicher Synth-Spuren und ausufernder Post-Produktion dem gegenwärtigen Zeitgeist anbiedern.
IMMINENCE kleistern auf „Axis Mundi“ Eddie Bergs Stimme mit zahlreichen Effekten zu
Größtes Opfer ist hierbei Eddie Bergs Klargesang, dessen sonst so emotionale Stimme teils derart mit Effekten zugekleistert wird, dass wir uns fragen müssen, warum man sich überhaupt noch die Mühe macht, eine Person aus Fleisch und Blut hinters Mikro zu stellen. Diese Modulation beginnt bereits mit den ersten Tönen des Openers „Twisting In The Wind“, wo sie der Darbietung des Frontmanns die Menschlichkeit raubt.
Der getragen-melancholische Auftakt wird so zum Stotterstart, da IMMINENCE neben der Emotionalität auch ihre Identität ein Stück weit aufgeben. Die lauten Eruptionen kontrastiert die Gruppe mit poppigen Anleihen, Drumcomputern und einer dezenten RnB-Note, die sich augenscheinlich lose am Erfolgsrezept SLEEP TOKENs orientiert. Besonders deutlich wird dies in „Didn’t Think About You (Lately)“, wo Eddie Berg über flächigen Synthscapes seinen inneren Vessel heraufbeschwört, doch bei allem Popappeal und der süßlichen Gesangslinie zum Trotz das Charisma des vermeintlichen Idols nicht replizieren kann.
Insbesondere die zweite Albumhälfte von „Axis Mundi“ will nie so recht in die Gänge kommen
Als Zäsur, um die gewohnte Kruste aufzubrechen, wäre das Stück ja eigentlich ein cleverer Schachzug, im Gesamtkontext von „Axis Mundi“ allerdings markiert es den Auftakt in eine zweite Albumhälfte, die nie so recht in die Gänge kommen will. Statt klassischem Riffing gibt es simpelste Breitwandgitarren und Schmachtgesang, der in Selbstmitleid zerfließt: Seinem Namen wird „Leviathan“ in keiner Hinsicht gerecht, zumal Berg hier auch lyrisch in seinen alten Trott verfällt, diverse Redewendungen aneinanderzureihen und ad nauseam zu wiederholen.
Das anknüpfende „Shed Your Skin” wiederum ist mit seinem Indie / Post Rock-Anstrich gar nicht so uninteressant, bringt naturgemäß jedoch nicht den Schwung mit, welchen „Axis Mundi“ zu diesem Zeitpunkt bitter nötig hätte. Es fehlt an packenden Arrangements, wenn IMMINENCE in „Power Divine“ lieber auf Downtuned-Chugging und behäbige Streicher-Theatralik setzen, als der aufgestauten Energie endlich mal ein Ventil zu schaffen.
Das Experimentieren mit zeitgenössischen Stilmitteln gelingt IMMINENCE nur im Einzelfall
Stattdessen stolziert „Exodus“ in der Schnittmenge jüngerer ARCHITECTS und SLEEP TOKEN, ohne dem Resultat eine wirklich individuelle Note zu schenken. Doch so lange Gitarrist Harald Barret lieber medienwirksam den Cello-Bogen über sein Instrument fährt, dürfen wir wohl kaum noch mit richtigen Riffs rechnen, sondern müssen mit dem hypermodernen Alternative-Geschrammel Vorliebnehmen, das uns „Devil May Try“ mit bescheidenem Erfolg schmackhaft zu machen versucht.
Bleibt mit „False Light“ immerhin ein Song, in dem das Experimentieren mit zeitgenössischen Stilmitteln dank der Violine einen schönen Kontrast aus Intensität und Schwermut erwirkt – auch weil das Schlagzeug hier zwischendurch endlich von der viel zu eng geführten Leine gelassen wird.
„Axis Mundi“ steht für die sogenannte Weltachse: das Zentrum der Welt, um es vereinfacht auszudrücken. Dass IMMINENCE in dieser perfekten Mitte vor allem einen Konsens aller musikalisch angesagten Trends vermuten, ist fast schon ironisch. Wenigstens sollte der Aufenthalt der Skandinavier auch hier nur von kurzer Dauer sein; hat uns die Vergangenheit doch gelehrt, dass es die Gruppe nur selten lange an einem Ort hält.
Veröffentlichungstermin: 02.10.2026
Spielzeit: 46:14
Line-Up
Eddie Berg – Vocals, Violine
Harald Barrett – Gitarre
Alex Arnoldsson – Gitarre
Christian Höijer – Bass
Produziert von IMMINENCE, Henrik Udd, Drew Fulk und Thomas „Plec“ Johansson (Mastering)
Label: Sumerian Records
Homepage: https://imminenceswe.com/
Facebook: https://www.facebook.com/imminenceswe
Instagram: https://www.instagram.com/imminenceswe
Bandcamp: https://imminenceswe.bandcamp.com
IMMINENCE “Axis Mundi” Tracklist
- Twisting In The Wind
- The Sword That Never Bends (Video bei YouTube)
- Devil May Try
- Crestfallen (Visualizer bei YouTube)
- False Light (Video bei YouTube)
- If Not Now, When (Video bei YouTube)
- Didn’t Think About You (Lately)
- Leviathan
- Shed Your Skin
- Power Divine
- Exodus