Es ist nicht so leicht mit den Avant-Black Metal-Bands, dem Black Metal-Pendant zum Tech-Death. Wenn Technik wichtiger wird als das Gefühl, wenn Performance die Atmosphäre aussticht, verliert diese Musik auf lange Sicht. Entsprechend schwierig ist es auch mit KRALLICE, die sich auf dem Weg befinden, es etwas zu übertreiben. Die Band um Mick Barr hat in den vergangenen 20 Jahren mit sehr hohem Output geglänzt, immer fern vom Easy Listening. Komplex, überbordend, ungezügelt, dem Verfasser immer etwas zu viel. KRALLICE sind musikalisch extrem versiert, kein Wunder: Mit Colin Marston, Nicholas McMaster und Lev Weinstein sind hervorragende Musiker in der Band, und die Formation ist seit Beginn so eingespielt, dass hier sehr vieles möglich ist, oder viel mehr: wäre.
KRALLICEs Avant-Black Metal ist technisch beeindruckend. Leider mangelt es „Scour Order“ an Atmosphäre und Emotion.
„Scour Order“ ist ein rasantes Album, mit über einer Stunde ungebremstem, technischen Black Metal. Und daraus resultieren zwei Mängel: ein Mangel an Variation und ein Mangel an Atmosphäre. KRALLICEs instrumentales Niveau ist in einer ganz hohen Liga, und doch bleibt trotz spannender Wendungen nicht das Gefühl, etwas wirklich Tiefes gehört zu haben. „Scour Order“ hat dabei immer wieder sehr spannende Momente, morbid-dissonante Leadgitarren und irre Ideen, aber insgesamt rauscht „Scour Order“ auch nach einem halben Dutzend Durchläufe ohne großen Impact vorbei.
KRALLICE blasen in ein anderes Horn als ihre Genrekollegen LITURGY, aber das Ergebnis ist ähnlich: Es wirkt verkopft, obwohl es das eigentlich nicht sollte. Das Drumming mit seinen waghalsigen Tempowechseln knüppelt nicht nur Stumpf, sondern mit einigen spannenden Twists, der Bass pumpt und pulst, und gerade hier integrieren die Rhythmiker immer Fusion-Elemente in ihr Spiel, die nicht zu hören, aber zu spüren sind. Derweil sind die Songs mal ein wenig catchy, mal wollen sie gar nicht ins Ohr. Gerade aus den kürzeren Songs „Grievous Corrector“ und „Living Useless Ritual“ schälen sich erfreulicherweise mehr als nur kurze prägnante Momente heraus. In den meisten Songs gibt es dieses eine Lead oder das eine Riff, die dann doch wieder Spaß machen und faszinieren.
Rasant, anstrengend, überfordernd – und zwischendurch immer wieder kurz zugänglich: KRALLICE fordern auf „Scour Order“ viel von ihrem Publikum
Am Ende ist und bleibt „Scour Order“ anstrengend und kann überfordern, gerade in den längeren Songs wie „Her Green Arms“, die praktisch keine Verschnaufpause zulassen. Black Metal kann, wenn der Minimalismus und die Monotonie richtig ausgespielt ist, Trance erzeugen – vergangene Woche haben das FLUISTERAARS eindrucksvoll bewiesen. KRALLICE gehen den exakt anderen Weg, und statt durch ihre Komplexität zu faszinieren, ermüden sie hier eher noch. Doch ausgerechnet im letzten Song, dem 13-minütigen Titeltrack channeln sie endlich ihre ganze Kraft: Ein hypnotisch-dissonantes Riff, Vocals, ähnlich abgründig wie von PORTAL und ein episches Finale retten „Scour Order“ vor der totalen Verkopftheit. Ähnlich wie IMPERIAL TRIUMPHANTs „Spirit Of Ecstasy“ erzeugen KRALLICE mit „Scour Order“ vor allem anerkennendes Nicken in Bezug auf die instrumentale Darbietung, weniger auf das Gefühl, das sie hinterlassen. Immerhin sie selbst scheinen in diesem Exzess ganz daheim zu sein.
Wertung: 6 von 10 Riffberge
VÖ: 18. September 2026
Spielzeit: 63:12
Line-Up:
Mick Barr – Guitar, Vocals
Colin Marston – Guitar
Nicholas McMaster – Vocals, Bass
Lev Weinstein – Drums
Label: Profund Lore
KRALLICE „Scour Order“ Tracklist:
1. Agonal Shining
2. Grievous Corrector
3. Kill The Guardian (Official Audio bei Youtube)
4. Unceasing Path
5. Living Useless Ritual (Official Audio bei Youtube)
6. Indecipherable Divinities
7. Her Green Arms
8. Scour Order
KRALLICE „Scour Order“ Full Album Stream bei Youtube
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