Der Abend des 6. September 2026 läuft bei mir anders ab, als bei vielen Anderen. Ich kann das Smartphone trotz der Wahlergebnisse in Sachsen-Anhalt relativ früh aus der Hand legen. Während eine Vielzahl an Menschen bestürzt über dieses Ergebnis sind, ist dieser Fiebertraum für mich erstmal zu Ende. Fakten wurden geschaffen, das fast Schlimmstmögliche ist eingetreten. Die Ängste, die mich schon Wochen vorher umgetrieben haben, sind vorbei und durch Tatsachen ersetzt worden. Nicht falsch verstehen, ich würde mir nichts sehnlicher wünschen, als dass der Albtraum der immer stärker werdenden AFD, endlich vorbei wäre. Mein Gehirn geht nach den Ergebnissen sofort in den Bewältigungsmodus. Jetzt müssen wir doch alle, die wir nicht am rechten Rand stehen, zusammenhalten, richtig? Jetzt müssen sie doch alle ihre Ellbogen einfahren und in einen konstruktiven Modus gehen, die Konservativen und die Linken gleichermaßen und sich wirklich bemühen, etwas zu schaffen, das für die große Mehrheit wirklich stimmig ist. EMMA RUTH RUNDLEs Song „Powerless“ von „These Killing Times“ begleitet mich durch diesen Abend, und spendet Hoffnung:
Let me walk here with a lantern in my hand
One for finding one for showing something better
Let me die here with a hammer in my hand
One for smashing one for making something better
„These Killing Times“ handelt von dieser Disruption der Gesellschaft, und wie dennoch Hoffnung vorherrschen kann, das ist auf Deutschland 2026 ebenso anwendbar wie auf die USA. Das fünfte Soloalbum der Musikerin mit Wahlheimat Portland, Oregon zeigt eine ganz andere Seite von EMMA RUTH RUNDLE. Die Musikerin, die sich sehr offensiv und direkt mit ihren inneren Dämonen auseinandergesetzt hat, kämpft nun an einer anderen Front: Seit die unselige Ära Trump 2 angebrochen ist, bezieht sie deutlich Stellung, immer und immer wieder. Somit klingt auch „These Killing Times“ deutlich extrovertierter als „Engine Of Hell“ oder „Marked For Death“. Und nein, es ist kein Hardcore-Punk-Album, aber durch und durch ein Protestalbum, selbst wenn es nicht immer auf den ersten Blick so erscheint. Insofern ist „These Killing Times“ erstmal schwer zu greifen, es besteht aus dem Widerspruch des Öffentlichen und des Persönlichen und ist weniger direkt als für ein politisches Album sonst üblich, aber direkter als von EMMA RUTH RUNDLE gewöhnt. Der Erstkontakt ist also nicht so ganz einfach.
So direkt war EMMA RUTH RUNDLE bisher nie: „These Killing Times“ zeigt, dass die US-Amerikanerin es auch versteht im Außen zu kämpfen.
Und doch ist die Musik vertraut. Wer die bisherigen Alben der US-Amerikanerin kennt, spürt vermutlich die Verbindung der neuen Songs zu „On Dark Horses“, aber EMMA RUTH RUNDLE fährt ein viel breiteres musikalisches Spektrum auf als auf ihren früheren Alben. Der von Metal und Sludge inspirierte Sound der Singer-Songwriterin war schön öfter heavy – siehe die verzerrte Westerngitarre, die sie live verwendet, aber „These Killing Times“ ist größer gedacht und ausgeführt. Nicht nur die zahlreichen Gastmusiker*innen, die EMMA RUTH RUNDLEs Songs Farbtupfer verleihen um ein volles, aber nicht übervolles Bild zu gestalten, haben einen Einfluss auf die Songs, auch Drummerin Jess Gowrie und Bassist Troy Zeigler agieren als solides Rückgrat. „These Killing Times“ blickt musikalisch immer wieder in die Neunziger, lässt sich inspirieren von SOUNDGARDEN („Anvil“, „Enought“) bis JEFF BUCKLEY („Catherine Wheel“) und ist dank des charakteristischen Songwritings und der einmaligen Stimme eindeutig zu erkennen. Dazu gibt es verschiedenste Lead-Gitarrist*innen, deren Spiel immer etwas Besonderes ist und den Songs guttut.
Sie singt, sie faucht, sie flüstert, sie lebt auch diese Songs. Die Kämpfe, die EMMA RUTH RUNDLE in der Vergangenheit mit sich selbst austrug, kämpft sie nun im Außen. Der Stil, die kreative Handschrift ist dabei natürlich unverkennbar, auch trotz kleinerer Veränderungen. Passend dazu ist ihr eigenes Klavierspiel ist mal verträumt und leicht jazzy, dann wieder schwer und groß, die Riffs mal eher hintergründig, dann zentnerschwer. RUNDLEs Stimme ist präsenter als auf „Engine Of Hell“, aber noch immer fern von klassischen Singer-Songwriterinnen, die sich selbst ins Zentrum stellen. „These Killing Times“ besteht aus acht Songs, die allesamt für sich selbst stehen und trotzdem einen schönen Gesamteindruck ergeben, der sinnvollen Anordnung der Stücke sei Dank. Mit „Powerless“ steht das wichtigste Stück bereits am Anfang der Dreiviertelstunde. Die Heaviness im Refrain schleicht sich fast unbemerkt ein, nachdem der Song mit zarter Melancholie beginnt. Eine Kampfhymne gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung, voll weiblichem Furor. Danach wird es leiser, aber nicht weniger eindringlich: „God‘s Picture“ und „Anvil“ bestehen aus Akustikgitarre und Klavier, sammeln Trauer und bringen sie zu einem groß arrangierten Finale inklusive Saxophon-, beziehungsweise Streicher-Einsatz. Diese Songs zünden nicht sofort, sondern pflanzen ihre Saat im Herzen der Hörer*innen, bis sie schließlich aufgeht.
„These Killing Times“ ist sehr facettenreich: EMMA RUTH RUNDLE schafft den Spagat zwischen leiser Intimität und brachialer Heaviness.
Auch die restlichen Lieder brauchen ihre Zeit, bis sie sich entfalten. So ist das unauffällige „Don’t Delay Heaven“ ein sehr subtiles Stück, das zwischen den groß angelegten Songs zunächst etwas unterzugehen droht, dann aber umso eindringlicher wird. Mehr Spannung baut „Enough“ auf, das die Rastlosigkeit und spürbar macht, bis es schließlich einen eruptiven dissonanten und verflucht lauten Schluss bekommt und so den heftigsten Teil des Albums darstellt. Ebenso abenteuerlich ist das doomige „Human Kindness“, bei dem die Vocals meditativ um ein angezerrtes Riff kreisen – kein Wunder, dass diese achteinhalb Minuten wie im Flug vergehen. Das krasse Gegenteil dieser beschwörenden Düsternis ist „Catherine Wheel“, der Song der von EMMA RUTH RUNDLE der am ehesten das Zeug dazu hat, ein Alternative Rock-Hit zu werden, mit groß gedachten Arrangements, simpler und effektiver Grundidee und viel Kraft.
Am eindringlichsten ist die Musik von EMMA RUTH RUNDLE immer dann, wenn der Schmerz unmittelbar spürbar wird. Entsprechend war „Engine Of Hell“, diese ultimative Austreibung aller Dämonen, so intensiv, dass heute, fünf Jahre später, dieses Album nur noch selten in meinen vier Wänden läuft, einfach weil es so unmittelbar schmerzhaft ist. „These Killing Times“ ist selbstredend auch ein Album, das unter die Haut geht, aber der persönliche Schmerz ist hier in anderer Form spürbar, denn die Dissonanz der Welt um uns herum sickert auch in uns ein. Somit ist „These Killing Times“ als politisches Album, als Protestalbum, in dieser Konsequenz auch äußerst persönlich, aber eben auf einer ganz anderen Ebene als das Vorgängerwerk, nur eben nicht ganz so schmerzhaft. Auch wenn „Some Heavy Ocean“ und „Marked For Death“ unerreichbar bleiben, für die Zeiten, in denen wir leben, ist „These Killing Times“ ein wertvoller Begleiter. EMMA RUTH RUNDLE bleibt eine eindringliche Musikerin und Komponistin, deren Songs und Lyrik gerade wegen all des Schmerzes und der Verletzlichkeit so stark und kämpferisch sind, dass man nicht anders kann, als mit hoffnungsvollem Ernst in die Zukunft zu blicken, egal wie die Dinge sich gerade entwickeln.
Wertung: 7 von 8 Tage der Befreiung
VÖ: 18. September 2026
Spielzeit: 43:45
Line-Up:
EMMA RUTH RUNDLE – Vocals, Guitars, Keys, Percussion
Jess Gowrie – Drums
Troy Zeigler – Bass, Handrum
Amelia Baker – Vocal Harmonies
Nick Reinhart – Electric Guitar Leads
Patrick Shiroshi – Saxophone
Camille Getz – Violin
Jason Adams – Cello
Gina Gleason – Electric Guitar Leads
Bryan Tulou – additional Electric Guitar
George Clarke – Additional Vocals
Sonny Diperri – Swarmatron
Bryan Funck – Additional Vocals
Lucas Frank – Additional Vocals
Marissa Nadler – Additional Vocals
Label: Errant Child
EMMA RUTH RUNDLE „These Killing Times“ Tracklist:
1. Powerless (Official Video bei Youtube)
2. God’s Picture (Official Video bei Youtube)
3. Anvil
4. Catherine Wheel
5. Don’t Delay Heaven
6. Enough (Official Video bei Youtube)
7. Human Kindness
8. Oceans Of Time
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