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LORNA SHORE: Pain Remains

LORNA SHORE agieren auf “Pain Remains” zwar die meiste Zeit am Anschlag, meistern die Gratwanderung zwischen den Stilen aber mit Leichtigkeit. Ihren kometenhaften Aufstieg darf die Deathcore-Band somit erstmal fortsetzen.

„I’ll touch the sun“, schreit ein geifernder Will Ramos mit Verweis auf die griechische Figur Ikarus im Refrain der Lead-Single „Sun//Eater“. Das gefährliche Spiel unter der Sonne haben schon viele Künstler vor ihnen durchlebt, doch so steil nach oben wie LORNA SHORE schossen im extremen Metal vermutlich nur die wenigsten. Wer hoch steigt, kann auch tief fallen, weshalb „Pain Remains“ nun möglicherweise das wichtigste Werk in der Karriere der Symphonic Deathcore-Band sein könnte.

Die Geschichte ist ja mittlerweile hinlänglich bekannt: Nach dem Sängerwechsel 2020 und der EP „…And I Return To Nothingness“ im Folgejahr bildete sich zwischen viralen Hitsingles und fast schon unheimlicher Fan-Huldigung der einzelnen Musiker eine Erwartungshaltung, ein Hype, dem man in der Realität wohl kaum gerecht werden kann. Betrachtet man „Pain Remains“ also vor diesem Hintergrund, ist die eigentliche Meisterleistung bereits, dass sich LORNA SHORE mit ihrer vierten Full-Length-Platte die Flügel weder verbrennen noch das Wachs aus selbigen zu tropfen beginnt.

Die meiste Zeit agieren LORNA SHORE am Anschlag

Im Gegenteil, das Quintett behauptet sich über eine Stunde hinweg mittels spieltechnischer Expertise, einem Hang zur Dramatik, dem Gespür für einprägsame Melodien und einem Furor, der uns unablässig und verbittert vor sich her scheucht. Dieses Erfolgsrezept ist jedoch mit einigen Sternchen versehen: LORNA SHORE mögen sich nicht vor Emotionen oder zeitweise ruhigen Passagen verschließen, die meiste Zeit jedoch agieren die US-Amerikaner am Anschlag. Durchgehende Doublebass und Blast-Salven dominieren das Fundament, über das Synthesizer, orchestrale Arrangements und Gitarrenspuren gelegt werden. Zusammen mit Sänger Ramos’ beachtlichem Stimmvolumen und seines unermüdlichen und unerbittlichen Einsatzes gleicht „Pain Remains“ oftmals einer kontrollierten Reizüberflutung.

Produziert ist das entsprechend druckvoll und steril – vor allem das Schlagzeug klingt klinisch und kalt, was angesichts der unentwegt einprasselnden Trommelschläge allerdings wohl kaum anders zu lösen wäre. Kurz gesagt, dem hochmodernen und überproduzierten Ansatz LORNA SHOREs muss man sich öffnen wollen, um die folgenden 60 Minuten Deathcore-Revolution überhaupt durchstehen zu können.

Die Gratwanderung zwischen den Stilen gelingt LORNA SHORE auf “Pain Remains” geradezu spielend

Zwar hat das Gespann weder bezüglich der symphonischen Elemente noch des spürbaren Hangs zum Black Metal Pionierarbeit für das Genre geleistet, doch die Gratwanderung zwischen den Stilen gelingt der Formation aus New Jersey mit geradezu spielender Leichtigkeit. Wo die ebenfalls fantastischen SHADOW OF INTENT etwas überlegter ans Werk gehen und CARNIFEX den klassischen Deathcore-Strukturen verbunden bleiben, treiben LORNA SHORE den Stilmix auf die Spitze: Die hochmelodische Single „Cursed To Die“ garniert etwa das ohnehin schon flotte Tempo mit verspieltem Melodeath-Riffing. „Sun//Eater“ verleiht dem eingängigen Refrain dank Streicher-Bombast einen herrlich theatralischen Anstrich und der Opener „Welcome Back, O‘ Sleeping Dreamer“ kontrastiert die schwarzmetallischen Klangfarben mittels massiver Breakdowns.

Mit solchen Tempowechseln lassen LORNA SHORE ihre Songs immer wieder zielgerichtet gegen die Wand fahren. Das ist teils natürlich plakativ angelegt, verfehlt jedoch selten seine Wirkung, auch da Frontmann Will Ramos durch dämonisch tiefe Growls und fiese Screams stets den richtigen Ton zu treffen weiß. Das kommt dem brachial angelegten „Into The Earth“ genauso zugute wie der chorgestützten Dramatik in „Apotheosis“.

Mit der abschließenden “Pain Remains”-Trilogie heben LORNA SHORE ihren charakteristischen Sound auf ein neues Level

Dass Drummer Austin Archey während all dem nahezu durchgehend die Doublebass und Snare-Drum in halsbrecherischem Tempo bedient, wird auf Dauer allein deshalb nicht eintönig, weil das Zusammenspiel aus Orchestrierung, pfeilschnellen Soli und melodischem Riffing meist eine recht klare und einprägsame Melodieführung hinzuaddiert. Der rote Faden ist folglich gesichert, selbst wenn Frontmann Ramos teils unermüdlich seine Stimmbänder spielen lässt.

Seinen Höhepunkt nimmt „Pain Remains“ aber mit der abschließenden Titel-Trilogie, die als bittere wie ergreifende „Deathcore-Ballade“ beginnt und über rund 20 Minuten zwischen Wut, Trauer, Verzweiflung und Entschlossenheit eine Vielzahl an dicht verwobenen Emotionen navigiert. Tatsächlich heben LORNA SHORE ihren charakteristischen Genre-Mix im ausladenden Schlusskapitel auf ein Niveau, das den eigentlich starken Mittelteil des Albums plötzlich geradezu nüchtern erscheinen lässt.

Auch mit dem vierten Album setzen LORNA SHORE ihren kometenhaften Aufstieg fort

Wir könnten daher durchaus diskutieren, ob „Pain Remains“ mit etwas kürzerer Spieldauer als Gesamtwerk noch stärker gewesen wäre. Doch missen wollen wir Gegenzug eigentlich keines der zehn Stücke, wenngleich wir am Ende der 61 Minuten doch gut bedient sind. Nichts anderes haben wir allerdings von LORNA SHORE erwartet, die auch mit dem vielleicht wichtigsten Album ihrer Karriere den kometenhaften Aufstieg der vergangenen zwei Jahre fortsetzen. „I’ll touch the sun“, verkündete Sänger Ramos großspurig in der Lead-Single. Spätestens nach „Pain Remains“ nehmen wir ihm und seinen Mitstreitern diese Worte durchaus ab.

Veröffentlichungstermin: 14.10.2022

Spielzeit: 61:05

Line-Up

Will Ramos – Vocals
Adam De Micco – Guitars
Andrew O’Connor – Guitars, Programming
Michael Yager – Bass
Austin Archey – Drums

Produziert von Josh Schroeder

Label: Century Media

Homepage: https://lornashorestore.com/
Facebook: https://www.facebook.com/LornaShore/

LORNA SHORE ”Pain Remains” Tracklist

1. Welcome Back, O’ Sleeping Dreamer
2. Into The Earth (Video bei YouTube)
3. Sun//Eater (Video bei YouTube)
4. Cursed To Die (Video bei YouTube)
5. Soulless Existence
6. Apotheosis
7. Wrath
8. Pain Remains I: Dancing Like Flames (Video bei YouTube)
9. Pain Remains II: After All I’ve Done, I’ll Disappear (Video bei YouTube)
10. Pain Remains III: In A Sea Of Fire (Video bei YouTube)