BLEED FROM WITHIN: Shrine

BLEED FROM WITHIN finden auf “Shrine” die richtige Balance: Metalcore-Urgewalt trifft auf filigrane Streicher, Experimentierfreude auf klassische Trademarks. So bleiben die Briten frisch, ohne das Rad neu erfinden zu müssen.

Sie meinen es wirklich ernst. Schon in der Vergangenheit konnten BLEED FROM WITHIN es jederzeit mit Konkurrenten außerhalb ihrer Gewichtsklasse aufnehmen. Eigentlich kriminell unterbewertet war der Metalcore-Formation der große Durchbruch bislang nicht gelungen, auch wenn mit „Fracture“ (2020) der Weg nach oben bereits klar skizziert wurde. Das soll sich nun ändern: „Shrine“ ist ein selbstbewusstes Statement und eine Studie dessen, was für die Schotten und ihren Sound musikalisch machbar ist, ohne die eigene Essenz über Bord zu kippen.

Album Nummer sechs ist zum einen ein bewusster Schritt nach vorne, der auch auf ein gewisses kommerzielles Publikum abzielt, und gleichzeitig eine Rückversicherung, dass das Quintett nach wie vor mit beiden Beinen fest verankert auf dem Boden steht. Unnachgiebig sogar: „We fought tooth and nail to get here!”, lässt uns Fronter Scott Kennedy direkt zum Auftakt wissen, während „I Am Damnation“ uns akribisch verdeutlicht, wie diese gegenläufigen Ansätze unter einen Hut gebracht werden.

Zwischen filigranen Streichern und Metalcore-Urgewalt finden BLEED FROM WITHIN die richtige Balance

Mächtige Riffs, mörderischer Groove und eine dennoch transparente Produktion bilden das Rückgrat der dynamischen Komposition, die sich natürlich – und nicht nur aufgrund Kennedys ähnlich gelagerter Vocals – von den jüngeren PARKWAY DRIVE hat inspirieren lassen. Aber BLEED FROM WITHIN gehen einen Schritt weiter, indem Drummer Ali Richardson wahnsinnige Fills aus dem Handgelenk schüttelt, Gitarrist Steven Jones etwas Klargesang hinzuaddiert und ein Streichquartett noch eine Ladung Dramatik oben draufpackt.

Letzteres treffen wir im Verlauf immer wieder an, wo es etwa dem eingängigen Refrain von „Levitate“ eine gewisse Eleganz verleiht oder im Interlude „Skye“ ein paar Augenblicke der Introspektion ermöglicht, bevor „Stand Down“ mit Urgewalt und erbarmungsloser Verbissenheit die filigrane Szenerie in Schutt und Asche legt. Hier zeigen sich BLEED FROM WITHIN dank fantastischer Riffs, sattem Groove und einem giftigen Frontmann von ihrer besten Seite.

“Shrine” ist weder erdrückend noch berechenbar, obwohl BLEED FROM WITHIN das Rad nicht neu erfinden

Doch ist es am Ende doch stets die penibel feinjustierte Balance, die „Shrine“ zum Siegeszug macht: Klassischen und eher technisch orientierten Metalcore-Kompositionen stellt die Band experimentelle Ausflüge zur Seite. „Flesh And Stone“ ist da wohl das offensichtlichste Beispiel, das mit Blast Beats, Chorälen und Streicher-Arrangements die genretypischen Trademarks in neuem Licht erscheinen lässt und schließlich in einem dramatischen Finale kulminiert.

Dass die klar gesungenen Refrains, die bei weitem nicht allgegenwärtig und doch eine größere Rolle spielen als auf „Fracture“ (2020), nicht zwangsläufig Radio-Format haben, ist für uns derweil kein Kritikpunkt. BLEED FROM WITHIN suchen weder nach der nächsten Hitsingle noch konstruieren sie ihre Songs um eingängige Gesangslinien. Der Klargesang in „Shapeshifter“, „Temple Of Lunacy“ oder „Invisible Enemy“ ist vielmehr ein weiteres Stilmittel, um die diversen Versatzstücke miteinander in Einklang zu bringen. „Shrine“ ist zu keiner Zeit erdrückend oder berechenbar, obwohl hier eigentlich das Rad nicht neu erfunden wird.

“Shrine” ist vielleicht das Album im Metalcore-Jahr 2022

Stattdessen freuen wir uns selbst nach Wochen noch über jeden neuen Durchlauf mit seinen Wendungen, dem starken Drumming und der immer hochwertigen Gitarrenarbeit – allesamt Werte, die BLEED FROM WITHIN seit Jahren vorleben. Was „Shrine“ allerdings auszeichnet, ist seine Vielfalt: Statt einer kalkulierten Ansammlung von „Hits“ haben die Briten ein von Anfang bis Ende schlüssiges und doch wandelbares Album konzipiert. Vielleicht sogar das Album im Metalcore-Jahr 2022. Ein Statement also, das BLEED FROM WITHIN durchaus ernst meinen – und wir genauso.

Veröffentlichungstermin: 3.6.2022

Spielzeit: 47:46

Line-Up

Scott Kennedy | Vocals
Craig Gowans | Guitar
Steven Jones | Guitar
David Provan | Bass
Ali Richardson | Drums

Produziert von BLEED FROM WITHIN, Adam ‚Nolly‘ Getgood (auch Mix) und Sebastian Sendon (Mix)

Label: Nuclear Blast

Homepage: https://www.bleedfromwithin.com/
Facebook: https://www.facebook.com/bleedfromwithinband/

BLEED FROM WITHIN “Shrine” Tracklist

01. I Am Damnation (Video bei YouTube)
02. Sovereign
03. Levitate (Video bei YouTube)
04. Flesh And Stone (Video bei YouTube)
05. Invisible Enemy
06. Skye
07. Stand Down (Video bei YouTube)
08. Death Defined
09. Shapeshifter
10. Temple Of Lunacy
11. Killing Time
12. Paradise