Schön, dass ihr alle da seid! Das hatte ich nicht erwartet.
Uwe: Heute hatte jeder Zeit. Sonst treffen wir uns oft nur zur Probe oder zu Konzerten.
Sven: Klar, wenn vampster ein Interview macht, ist das wie wenn der Rolling Stone anruft!
Haha! Glückwunsch zum neuen Album „Back Home“. Man hört, wie ihr euch als Band entwickelt habt.
Uwe: Wir hatten natürlich auch 28 Jahre Zeit gehabt, uns zu entwickeln. Das erste Album haben wir 1997 aufgenommen in Berlin, erschienen ist „Sun Meditation“ im April 1998. Für die zweite Platte „Heavy Burden“ haben wir glaube ich 2014 angefangen Songs zu Schreiben und aufzunehmen. Auf jeden Fall hat die zweite Platte viel zu lange gebraucht. Wir waren zwar einmal im Studio, da haben wir live aufgenommen. Wir hatten uns aber kein zeitliches Limit gesetzt. Du hast dann immer neue Ideen, die du erweiterst, und verzettelst dich. So war das bei „Heavy Burden“.
Und bei „Back Home“?
Uwe: Diesmal war es deutlich fokussierter. Wenn etwas nicht funktioniert hat, musste man es eben nochmal machen, aber es ist nicht so ausgeufert. Beim letzten Mal hat mich das irgendwann genervt, aber das lag auch an mir.
Sven: Mit dem neuen Album wollten wir es eigentlich ähnlich machen wie beim letzten, also die Basic Tracks live aufnehmen, das hat dann ja auch geklappt.
Uwe: Als Matze mit SACRED STEEL im Studio war und aufgenommen hat, hatten wir das gar nicht richtig auf dem Schirm. Ich bin am Wochenende mal hingefahren, als Matze mit Benjamin Hölle aufgenommen hat und ich war ziemlich begeistert, wie das abgelaufen ist. und der Typ war auch noch nett! Und dann haben wir zwei Wochen später auch schon aufgenommen.
Matze: Ich glaube, im Januar 2025 haben wir SACRED STEEL aufgenommen und im Februar NAEVUS. Da lagen nur ein paar Wochen dazwischen. Wobei das neue Material für „Back Home“ schon lange fertig war.
Sven: Genau das war aber auch das Problem. Wir hatten schon wieder angefangen, Sachen umzuschreiben und haben parallel nach dem richtigen Setup und einem Termin gesucht. Dann kam diese schicksalhafte Begegnung mit Benjamin, das hat dem Ganzen einen Arschtritt verpasst. Wir waren dann auch alle dabei, als das Schlagzeug aufgenommen wurde. Diese Live-Dynamik, zusammen in einem Raum zu sein, ist auch wirklich passiert, obwohl im Wesentlichen nur Schlagzeug aufgenommen wurde.

Habt ihr im Studio dann also nicht mehr viel verändert?
Uwe: Die Songs hatten wir schon jahrelang geprobt, im Studio haben wir nichts mehr umgestellt. Das gibt Sicherheit. Man muss nicht mehr überlegen, welche Parts kommen, es geht nur noch um das Feeling in einem Song. Wir waren ziemlich fokussiert. Als Matze aufgenommen hat, hat er meistens zwei oder drei Takes eingespielt. Benjamin Hölle hat uns gepuscht: „Das war richtig geil! Und jetzt mach es noch mal.“ Dann legt man oft nochmal eine Schippe drauf. Bei mir war es mit den Gitarren ähnlich. Ich habe sie mit Benjamin aufgenommen, ganz klassisch, mit Verstärker und großem Gitarrenturm.
Olli, du hast deine Gitarren zu Hause aufgenommen?
Olli: Ja, in meinem Schlafzimmer-Studio. Mit einem Capture-System, das echte Amps digitalisiert. Ich habe das zu Hause ausprobiert, mit vernünftigen Studiomonitoren und dachte so: Das kann nicht sein, dass das so gut klingt. Ein Wermutstropfen war für mich: Die anderen hatten immer irgendjemand dabei, der draufgehört hat. Ich habe die ganzen Aufnahmen alleine gemacht. Mir hat keiner gesagt, mach es nochmal. Es war keiner dabei, der eventuell was kontrollieren hätte können. Ich habe Zuhause die ersten Tracks gemacht, mich mit dem Benjamin abgestimmt und dann war das für mich klar, dass ich das daheim aufnehme. Ich saß da dann nächtelang in meinem Schlafzimmerstudio. Mir kam das nur irgendwann, bei allen war jemand dabei, der nochmal gegengehört hat, nur bei mir nicht. Ich habe das immer dem Benjamin geschickt und er hätte sich schon gemeldet, wenn etwas nicht gepasst hätte…
Sven: Das ist halt Doom. Das ist das Leben…
Uwe: Also wir hatten Spaß, der Olli nicht so.
Man hört es dem Album überhaupt nicht an, dass ihr das so unterschiedlich aufgenommen habt, es klingt so organisch.
Uwe: Das war Olli da verwendet hat, das Quad Cortex, habe ich jetzt auch. Ich komme noch nicht so richtig damit klar ehrlich gesagt, aber es kommt da ein guter, zuverlässiger Sound raus. Da rauscht nichts und man muss nicht mehr so viel schleppen, das ist schon praktisch.
Ihr klingt auf „Back Home“ reifer. Würdet ihr dem zustimmen?
Uwe: Nach 30 Jahren haben wir uns musikalisch verändert. Einflüsse und Geschmäcker ändern sich, aber es funktioniert immer noch. Das ist der Kern. Wir sind immer noch die gleichen, die zusammen Musik machen.
Sven: Dass wir reifer klingen, kann ich auf jeden Fall nachvollziehen. Wir entwickeln uns nicht gerade in Lichtgeschwindigkeit, eher in Doom-Speed. Wir machen ständig Musik, auch in anderen Projekten. Uwe hatte VOODOO SHOCK, Matze spielt bei SACRED STEEL. Das bringt Erfahrung und erweitert das Repertoire. Früher hat Uwe alles alleine gemacht, er war quasi der Glen Danzig des Dooms. Mittlerweile ist es ein bunter Haufen an Kreativität, wo sich jeder einbringt.
Matze, dein Schlagzeugspiel wird oft hervorgehoben.
Sven: Matzes Art zu spielen ist ein riesiger Zugewinn, er bringt eine solch untypische Power in dieses Doom-Zeug rein, ohne sein Schlagzeug wäre das Album nicht so geil geworden.
Olli: Ich glaube, wir sind alle musikalisch in Summe gereift, und deshalb ist das Endergebnis so, wie es ist. Wir verstehen uns auch auf einer Metaebene gut, das funktioniert einfach.
Das merkt man euch auch live an. Ihr seid unglaublich homogen auf der Bühne.
Uwe: Das ist eine Sache, die sich entwickelt hat. Ich hätte mir gewünscht, schon vor 30 Jahren so gelöst im Jugendhaus zu spielen. Früher waren wir viel verbissener. Heute ist es lockerer.

Matze: Diese Reife, und auch die Live-Situation, die du beschrieben hast, kommt daher, dass wir seit fast 30 Jahren in dieser Besetzung spielen. Mit Unterbrechungen, aber seit vielen Jahren wieder regelmäßig. Es gibt viele Bands, die sind geile Musiker, aber die schicken sich Dateien zu, treffen sich eine Woche vor der Tour und spielen da erstmals zusammen. Dieses Gefühl, dass es zusammen reift, bekommst du aber nur, wenn du regelmäßig gemeinsam spielst. Das macht dann diese Reife aus, die man auf dem Album hört und bei Konzerten sieht.
Sven: Das gehört zu so einem Reifeprozess dazu. Jeder bringt das Beste mit rein, am Ende muss das Ergebnis zählen. Wenn du uns fragst, welcher Song der Beste ist auf dem Album, sagt wahrscheinlich jeder etwas anderes. Aber in Summe sind wir alle stolz auf das Album. Als ich das fertige Album zum ersten Mal auf Vinyl gehört habe, hatte ich Tränen in den Augen. Ich dachte, das ist eine andere Band. Dieses Momentum, das musst du erstmal schaffen. Das hat jetzt auch dreißig Jahre gebraucht, aber es hat geklappt.
Uwe: Es ist vielleicht das Beste, was wir je gemacht haben, das ist wirklich so.
Juckt es euch da nicht in den Fingern, häufiger neues Material aufzunehmen und mehr zu veröffentlichen, wenn ihr doch regelmäßig probt und euch so gut versteht?
Olli: Da wir alle im Alltag recht stark eingebunden sind, bleibt dafür gar nicht so viel Zeit, dass wir regelmäßig ins Studio gehen und neue Sachen aufnehmen könnten.
Sven: Jetzt genießen wir erstmal das Album und spielen ein paar Konzerte. Ich glaube aber nicht, dass wir noch mal zehn Jahre für das nächste Album brauchen werden.
Die Abstände zwischen den Alben haben sich immer halbiert. Demnach müsste das nächste Album in vier Jahren kommen.
Uwe: 2027.
Sven: Echt? Das schaffen wir!
Ich wäre eigentlich zum dreißigjährigen von „Sun Meditation“ 2028 erwartet, habt ihr da irgendwelche Pläne?
NAEVUS Alben heute und früher
Sven: Da hab ich noch gar nicht drüber nachgedacht! Uwe, da müssen wir liefern.
Uwe: Dann müssten wir dieses Jahr dreißig Jahre „Autumn Sun“ Demo feiern. Ne, es wird keinen Re-Release geben oder so.
„Back Home“ bekommt durchweg gute Kritiken. Wie fühlt sich das an?
Uwe: Erwartungen hatten wir keine. Wir wussten, dass die Songs ein bisschen catchy sind aber man weiß natürlich nicht, wie es ankommt.
Olli: Wir waren überzeugt davon, dass wir ein gutes Album gemacht haben, und wer da etwas anderes darüber denkt… das geht uns ehrlich gesagt am Arsch vorbei.
Sven: Ich war immer derjenige, der zum Uwe gesagt hat, das sind hammer Songs und hab ihn angestachelt, aber das war eher so bandintern.
Man merkt aber wahrscheinlich schon, an was man da arbeitet und kann das Songmaterial einschätzen.
Sven: Die Qualität hast du erst mit der Aufnahme so richtig begriffen. Und was ja noch dazu kommt, ist das ganze optische, vor allem mit der Vinyl-Version. Gelbes Vinyl Cover! Was denkst du, wie wir in unserem Doom-Proberaum gekuckt haben. Aber jetzt, wo ich das alles zusammen sehe, passt das alles perfekt zusammen.
Uwe: Alle, die Produkte von Dying Victims Productions kaufen, wissen das schon: Ah, da ist ein Sticker dabei, ein Klappcover, irgend etwas Besonderes.
Matze: Dying Victims haben immer diese besonderen Aufmachungen, da ist immer etwas dabei – ein Patch, eine Postkarte, ein Poster. Das ist mir als Fan und Käufer auch wichtig, weil ich dann auch vor dem Plattenspieler sitze und mir das anschaue. Das Gefühl zu haben, dass das andere mit unserem Album auch machen, das ist einfach schön. Ich freue mich dann immer, wenn ich Reviews lese und sehe, die Leute haben sich mit dem Album beschäftigt, die einzelnen Songs durchgehört, da geht mir echt das Herz auf, dass sich da jemand damit beschäftigt hat. Da gab es für NAEVUS auch viele schöne Reviews. Ich kenn das von SACRED STEEL auch anders, wir haben früher noch viel mehr auf die Glocke gekriegt und daher kenn ich auch die andere Situation. Wenn du Herzblut reinsteckst und liest dann in irgend einem Magazin „1 Punkt“, weil sie nur auf die Klischees einsteigen. Die haben sich überhaupt nicht mit dem Album befasst aber schreiben dann so einen Scheiß, den ein paar hundert oder tausend Leute lesen. Von dem her hat es mich das dann sehr gefreut, dass sich die Leute bei NAEVUS damit beschäftigt und fundierte Kritiken geschrieben haben. Ob sie das nun gut oder schlecht finden, ist nochmal eine andere Sache, aber sie haben sich damit beschäftigt und viele fanden es dann gut.
Uwe: Und jeder Schreiber hat so drei, vier Lieder, die er herauspickt, aber es sind immer andere, das finde ich schon witzig.
Für mich klingt das Album wie ein Gesamtwerk, ich würde keinen Song einzeln herausheben wollen. Deshalb würde mich aber auch die Geschichte zu diesem Akustik-Intro interessieren, da es etwas in die Irre führt.
Uwe: Auf „Heavy Burden“ haben wir so ein Outro gemacht – ich hatte zu der Zeit Winos (Scott Weinrich, Gitarrist von SAINT VITUS, THE OBSESSED u.a., der Verfasser) Gitarre bei mir zuhause und seine Lederweste, weil er zu der Zeit ja bekanntermaßen an der norwegischen Grenze gecatcht worden ist mit Crystal. Und dann haben die auf dem HAMMER OF DOOM Festival gespielt und samstags ruft mich der Kanzler an, also nicht der Herr Bundeskanzler, sondern Andreas Kohl von Exile On Mainstream Records, und sagt, hey Uwe, bist du auf dem Hammer of Doom? Sag ich, nee, aber der Matze ist auf dem Hammer of Doom. Er sagte, er kriege noch Kohle von SAINT VITUS. Matze solle da hingehen und das Geld holen.
Gelächter
Uwe: Alles klar, ich ruf den Matze an. Und Matze so: Waas, Geld holen? Ja, okay, mach ich.
Gelächter
Uwe: Matze geht das Geld holen. Ach ja, und die Becken-Tasche von Henry Vasquez (SAINT VITUS, PENTRAGRAM, u.a.), gefühlt drei Tonnen schwer. Und Winos Gitarre und die Lederweste und ein paar tausend Euro Merch-Kohle. Und das hast du mir dann gebracht.
Matze: Das muss man sich mal vorstellen, wie bescheuert kann man sein. Auf so einer Rock’n’Roll-Tour Gitarren, Case, Weste und Bargeld von einem Junkie entgegenzunehmen, der gerade an der Grenze verhaftet wurde. Also, keine Ahnung, was da drin war. Ich hab’s dann schnell Uwe gegeben.
Uwe: Das war zu der Zeit, als wir gerade aufgenommen haben. So, das ist die Vorgeschichte. In diesem Setting habe ich diesen Song aufgenommen, dieses Outro mit Vogelgezwitscher, das hat halt auch gut zum Album passt. Und deshalb habe ich beim aktuellen Album gedacht, das wär doch eine coole Idee, mit so etwas zu beginnen. Das hat dann auch gut funktioniert und es war die letzte Sache, die ich für das Album aufgenommen habe.
Sven: Ich muss da noch eine Geschichte loswerden, mit dem Wino-Zeug. Die Weste und die Gitarre hatten wir dann bei uns im Proberaum, das kam bei uns als alten Fans auch super an, und wir mussten uns dann alle in der Weste gegenseitig fotografieren, obwohl die ungefähr fünf Nummern zu klein war.

Uwe: Ich hatte die nicht an, der Olli auch nicht.
Sven: Jeder von uns hatte die an, okay, außer vielleicht der Olli. Und ich hab es vielleicht am meisten übertrieben, haha. Aber mir war das schon wichtig, dass ich Winos Weste getragen habe, also die eine, die auf den ganzen Bildern anhat. Naja, vielleicht hat er ja auch fünf davon…
Uwe: Also in diesem Umstand kam damals das Akustik-Outro zustande, und jetzt gibt es eben das passende Intro dazu.
Ich finde das Intro insofern überraschend, weil es danach sofort in die Vollen geht. Was mir gleich aufgefallen ist, ist die Breite, die Fülle des Sounds auf dem Album. Breit, aber trotzdem… filigran ist vielleicht das falsche Wort, aber irgendwie fein? Ich rätsele, wie ihr das gemacht habt, oder ob das einfach die Produktion ist.
Sven: Ich würde sagen, das liegt an den technischen Fähigkeiten von Benjamin Hölle. Wir haben zum Beispiel vier Bassspuren aufgenommen, mit unterschiedlichen DI-Boxen, auch mal akustisch, und so weiter. Da haben wir uns viel Mühe gegeben, dass die Details nicht im Mix weggespült werden. Ich finde, das Schlagzeug ist nicht nur geil eingespielt, sondern auch sehr hochwertig aufgenommen. Der Benjamin ist ja so ein Multitalent, der ist ja auch Schlagzeuger, der wusste ganz genau was er tut, das klang schon bei der Aufnahme über die Kopfhörer so geil.
Uwe: Er hat bei der Aufnahme zum Beispiel mal gesagt „Matze, wart mal kurz“, dreht das Mikrofon an einer Tom um so zwei Grad und meint so „alles klar, jetzt kannst du weiterspielen“.
Sven: Und einmal hat er gehört, dass ein Kabel defekt war. Das ist völlig unmenschlich, aber ich glaube, das waren am Ende diese Details. Bei Uwe und Olli ist diese Gitarrenwand sowieso immer da, aber es ist halt die Frage, mit welchem Charakter. Es ist tatsächlich hörbar auf dem Album, dass jedes Instrument seinen Platz hat und sehr transparent rauskommt. Es ist einfach Produktionsqualität. Ben und auch Markus im Mix und alle, die daran beteiligt waren, haben einen absoluten Hammerjob gemacht.
Uwe: Es ist auch schon immer so gewesen, dass wir, weil wir zwei Gitarren haben, auch versuchen, zwei unterschiedliche Sachen zu machen, also dass die beiden Gitarren nicht stumpf das Gleiche spielen. Klar, das gibt es das natürlich auch bei einigen Parts, aber schon bei den alten Demos, wo ich noch gebrüllt habe, waren es immer zwei Gitarren, eine Rhythmus und eine Melodie oder zweistimmig, das fand ich schon immer wichtig. Wir haben halt auch gleiche Vorbilder, was zwei Gitarren angeht, THIN LIZZY oder solche Geschichten, wo du die Gitarren nicht einfach eine Quarte oder Quinte auseinanderlegst.
Und standen auch die einzelnen Sounds vorher schon fest? Also, dass eine Gitarre einen Chorus oder Hall oder so kriegt…
Olli: Also das Ganze ist mehr oder weniger trocken eingespielt. Die verzerrten Parts oder die Soli, die werden dann schon mit Wah Wah direkt eingespielt. Die weiteren Effekte kamen erst im Mix dazu.
Uwe: Aber so viele Effekte haben wir doch gar nicht?
Olli: Im Mix kam da schon noch was dazu.
Uwe: Das ist wahrscheinlich so passiert, dass ich das gar nicht höre. Ich weiß auch gar nicht, ob ich die Platte im fertigen Mix überhaupt schon gehört habe.
Ernsthaft? Also ich kann’s dir empfehlen!
Uwe: hahaha.
Sven: Also die Zauberei hat ganz viel der Benni gemacht, muss man schon sagen. Absolutes Gehör der Typ.

Matze, wie ist es denn für dich, so ein Album einzuspielen? Du hast Erfahrung mit verschiedenen Bands und schon einige Sachen aufgenommen. Sind solche Aufnahmen inzwischen Routine für dich?
Matze: Routine ist es sicher nicht. Dafür mache ich das doch zu selten. Wenn du in den letzten neun Jahren jeweils ein Album gemacht hast, kannst du nicht viel Routine gewinnen.
Okay, die Frage zielt auf meinen Eindruck ab, als du noch regelmäßiger mit SACRED STEEL Alben veröffentlicht hast, es gab ja früher auch schon recht beeindruckende Videos, wie du die Drums eingespielt hast und so.
Matze: Bei NAEVUS war es ja relativ klar, weil wir die Songs seit Jahren geprobt haben. Das war nochmal anders als bei SACRED STEEL, da ist viel noch am Ende verändert worden. Bei NAEVUS haben wir die Songs seit vier, fünf Jahren schon gespielt. Da ging es wirklich nur darum, die sauber aufs Band zu bringen und das Feeling reinzukriegen. Dafür war die Live-Situation enorm wichtig im Studio. Und dann die Art aufzunehmen, dass wir die Lieder am Stück durchspielen. Es gibt ja auch Bands, die immer nur einzelne Teile aufnehmen und alles nachher zusammenstückeln, aus zehn Takes einen Take zusammenschnippeln. Das war bei NAEVUS völlig anders. Wir haben die Takes am Stück durchgespielt und am Ende an der ein oder anderen Stelle noch was ausgebessert, die Aufnahmen waren aber immer Full Takes.
Uwe: Ich finde das ist schon ein wichtiger Punkt. Dass das einfach natürlich bleibt. Sveni und ich haben Matze begleitet bei der Schlagzeugaufnahme. Und dadurch hat man natürlich ein anderes Augenmerk darauf. Deswegen habe ich das vorhin gesagt mit den zwei, drei Aufnahmen, weil man sich dann wirklich nochmal steigert. Es ist eigentlich das gleiche Ding wie vorher, aber es ist nochmal mit mehr Energie oder mehr auf den Punkt gespielt. Drei Songs sind noch übrig von der Aufnahmesession und es gibt noch einen Song, den wir hinten ausgefadet haben, wo wir zum Songende alle nochmal Vollgas geben. Auf der Platte ging das aber nicht, weil die Vinylqualität zum Ende hin schlechter wird.
Olli: Live jammen wir den Song am Ende länger.
Uwe: Auf der Platte ging es leider nicht, weil wenn du es nochmal zwei, drei Minuten rausziehst, dann ist halt einfach die Platte irgendwann nicht mehr qualitativ gut. Aber eingespielt haben wir trotzdem fast acht Minuten hinten raus.
Sven: Der Fade ist relativ hart und cuttet den Song relativ schonungslos. Im letzten Mix davor ging der Fade-Out fast über zwei Minuten und Matze hat gespielt als ob es live wäre, voller Energie. Aber wie gesagt, vinylproduktionstechnisch ist es gecuttet worden, was schade ist.

Jetzt gehen wir doch nochmal in die Technik. Gibt es irgendein Equipment-Teil, was ihr an eurem Setup nie vermissen wolltet?
Olli: Ja, die Saiten.
Gelächter
Die Basics mal ausgenommen.
Uwe: Ich habe ja mit meiner Ideologie gebrochen, immer einen Einkanal-Amp zu nutzen, der selber die Verzerrung bringt, also ohne zusätzliches Verzerrerpedal. Das hatte ich immer und jetzt bin ich digital unterwegs. Aber das funktioniert für mich, das ist auch so mein Sound.
Olli: Ich bin jetzt nicht so, dass ich sage, ich brauche genau die Saiten, diese Gitarre, diesen Verstärker. Wenn es gut klingt, ist gut. Wenn es nicht gut klingt, verändere ich was. Mit den Mitteln, die ich habe.
Uwe: Bevor ich meinen letzten Amp gekauft habe, habe ich damals beim Kanzler im Keller verschiedene Amps ausprobiert. Der hatte ja alles. Der hatte ja die ganzen Wino-Sachen da, die er in Europa benutzt hat, der hat ihm ja auch die Amps gebaut und modifiziert, die ich dann auch gespielt habe. Für mich war es aber immer so: egal welchen Amp ich gehabt habe, jeder hatte einen anderen Klang, aber es war immer ich. Klar kannst du technisch viel machen, aber wenn du nicht Gitarre spielen kannst, dann ist es egal, was du für ein Amp benutzt. Dann kommt halt auch Scheiße raus. Und umgekehrt, würden wir die Instrumente nicht beherrschen, hätten wir vermutlich schon lange aufgegeben.
Sven: Wobei ihr zwei noch am modernsten aufgestellt seid mit dem digitalen Zeug.
Olli: Wir haben aber eigentlich nichts gemacht, außer den Röhrenamp gegen den digitalen Pre-Amp auszutauschen.
Uwe: Genau, wir spielen fast das gleiche Setup wie vorher. Du hast jetzt vielleicht eine Rauschunterdrückung, davor habe ich immer Meeresrauschen oder eher eine Sturmböe gehabt, jetzt kann man sich in den Songpausen unterhalten.
So ein Noise Gate ist was Praktisches, ja.
Uwe: Ja genau. Ansonsten ist das ein Preamp aus dem Quad Cortex, dann vielleicht ein Delay oder Hall, das ist es eigentlich auch schon.
Olli: Wir hätten noch viel mehr Möglichkeiten, wir nutzen vielleicht 0,1 % von dem, was das Gerät kann, aber wir kommen gut klar damit.
Sven: Ich bin ja eher Old School mittlerweile. lustigerweise. Ich habe nur analoge Sachen.

Uwe: Ich war ja vorher voll der Equipment-Nazi. Aber ich hatte mit dem Setup nur Ärger und ich hatte keine Lust und keine Energie mehr gehabt, mich damit zu beschäftigen, das hat einfach nicht funktioniert. Außerdem habe ich mich mit Roland, der das Artwork gemacht hat dazu ausgetauscht. Der spielt einen Laney TI-100, das Tony Iommi-Modell, und er sagte, alleine klingt das Ding super, aber sobald du ein Effektgerät davorhängst, dann rauscht das wie Hölle. Und das ist bei mir genauso gewesen, und keiner weiß, warum. Und nun funktioniert das einfach. Und was willst du an deinem Schlagzeug nicht hergeben, Matze? Cowbell?
Gelächter
Matze: Wir haben überhaupt keine Cowbell auf dem Album. Früher hatten wir tatsächlich Cowbells. Ne, ich bin da relativ schmerzfrei. Ich bin es eh gewohnt, live auf allem zu spielen, was rumsteht. Ich spiele seit über 20 Jahren das gleiche Set. Das klingt immer gut. Was ich nicht könnte, wäre im Studio mit einem Drumkit mit nur einem oder zwei Toms zu spielen. Ich spiele halt viele Fills, die auf diese vier Toms ausgelegt sind.
Sven: Lass uns doch mal den Spaß machen, und Matze das nächste Mal ein E-Drum hinstellen.
Matze: Das könnte ich auch nicht.
Du spielst ja auch mit viel Energie.
Matze: Das muss man auch hören, finde ich. Aber ansonsten bin ich da nicht festgelegt.

Sven: Bist du jetzt enttäuscht von den Antworten?
Nein, überhaupt nicht, ich finde das nur interessant. Als Gitarrist bin ich auf der ewigen Suche nach dem vermeintlich perfekten Sound. Vielleicht liegt das einfach an den schier unendlichen Möglichkeiten, die du heute hast. Aber ich bin gerade auch wieder auf dem Weg Back To The Roots, einmal mit einem Hughes & Kettner- und einem Orange-Amp und schmeiße die ganzen anderen Effekte aus meinem Signalweg.
Olli: Mehr ist nicht unbedingt besser. Je mehr Effekte du davor hängst…
…wird es auch komplizierter beim Spielen. Aber was ist dann das Besondere an eurem Bandsound?
Sven: Unser Sound ist eine Wall. Da fühlst du dich wohl, er ist immer da. Die Akzente machen die Gitarren mit ihrer Zweistimmigkeit. Und das Songwriting halt. Also bei „Heavy Burden“, wenn du das mal genau anhörst, ist die Amplitude immer im Vollausschlag. Und wir haben jetzt versucht, mal ein bisschen mehr mit laut und leise zu spielen. Das hat jetzt zwar nicht direkt mit Sound und Soundeffekten zu tun, aber du musst halt immer gucken, dass nicht die Effekte oder irgendwelche Specials den Sound definieren, sondern immer noch die Musik und die Musiker, wie sie organisch spielen. Und dann kannst du mal gucken, ob da noch so ein Ding wie im Intro, mit viel Hall, machst. Guck dir doch mal SLAYER an, die haben wir vorhin bei der Herfahrt angehört. Wieviel Sounds haben die? Zwei? Mehr brauchst du doch gar nicht.
Ja, das stimmt schon. Ich hatte das neulich erst bei einem Konzert erlebt, CIRCLE JERKS, eine uralte Hardcore-Band. Mit nur einem Gitarristen, der die Gitarre parallel in zwei Amps spielt – einen Marshall und einen Orange – und zwei 4x12er-Boxen dran, fertig. Das einzige Effektgerät war sein Stimmgerät, um die Gitarre in den Pausen stumm zu schalten. Das war eine dermaßen fette Soundwand. Und ich als Amateur habe da zig Effekte auf dem Boden liegen…
Uwe: Weniger ist mehr.
Sven: Also, der Einzige, der mir einfallen würde, der das so ein bisschen in einen Bandstil umgesetzt hat, ist Tom Morello von RAGE AGAINST THE MACHINE, der hat das ja zelebriert. Aber da sind die Instrumente im Sound auch recht weit auseinander, so wie auch bei den RED HOT CHILI PEPPERS.

Noch eine grundsätzliche Frage zu euren Veröffentlichungen. Ihr habt „Back Home“ als LP produziert. Dann ist ja aber auch die digitale Musik ein großes Thema, Spotify, Bandcamp und so weiter. Wahrscheinlich wird es euch mit Spotify ähnlich gehen wie den meisten Musikern: Es ist ein Kanal, den man bedienen muss, wenn auch widerwillig. Wie sehr beschäftigt euch das Thema?
Uwe: Vinyl ist ganz klar für uns, und wahrscheinlich für Matze die Nummer eins.
Matze: Die erste hatten wir damals gar nicht auf Vinyl, die kam nur auf CD, das war diese Zeit damals.
Uwe: Aber ich glaube, da geht tatsächlich der Bruch quer durch die Band. Also Svenni würde ich jetzt als jemand einschätzen, der viel digital hört.
Matze: Ich habe kein Spotify-Abo, ich höre auch nie Musik am Computer. Ich höre mir nur Zeug an, was ich mir gekauft habe. Also entweder auf CD oder Platte. Ich höre es mir einfach an, weil ich keinen Bock habe, vor einem Computer zu sitzen und Musik zu hören. Aber da bin ich vermutlich eher die Ausnahme in der heutigen Musikhörerschaft, die wir auch ansprechen wollen und müssen. Aber ich denke, der Uwe ist so ein Mittelding, der kauft auch noch viel Vinyl oder auch CDs?
Uwe: CDs keine mehr, ich habe auch keinen CD-Player mehr.
Sven: Also ich würde sagen, ein kommerzielles Interesse ist da, zumindest wollen wir unsere eigenen Ausgaben wieder gedeckt haben. Aber nicht viel drüber. Das erreichst du ja nur über Produktverkäufe, Vinyl, CDs oder T-Shirts, also Merchandise, was wir bei den Konzerten dabei haben. Es ist aber auch eine Message von uns und unserer Musik, was du erlebst, wenn du ein Album aufklappst, das gehört irgendwie dazu. Unsere Musik ist nicht dafür gemacht, das sie rein digital rauskommt, so wie das zu Corona-Zeiten die Smashing Pumpkins gemacht haben, das war noch nie unser Ding.
Digitale Medien sind einfach Reichweite. So wie das dieser „666MrDoom“ gemacht hat, der unser Album vor der Veröffentlichung schon auf YouTube reingestellt hat. Das hat er bei „Heavy Burden“ auch gemacht. Das sind jetzt bald 20.000 Views. Für amerikanische Superstars ist das gar nichts. Für uns ist es ein Wort, weil es hilft, eine Reichweite zu erreichen. Die Leute finden es gut, kommentieren, es gibt eine Art Mund zu Mund Propaganda. Du darfst halt nicht vergessen, dass wir nicht einer klassischen, kommerziellen Musikszene angehören, sondern einer Community. Doom ist eine Community. Es zählt viel Bekanntschaft, Freundschaft. Es ist einfach eine Gruppe, die tickt irgendwie geil. Und du kommst über digitale Medien halt schneller rein, so wie die Typen in Amerika, die uns da reviewed haben. Denen schicken mir doch kein Demo wie früher, sondern die kriegen es über YouTube oder über Reviews mit, über Portale wie vampster. Und die Leute, die dann auf die Konzerte kommen oder die dann auch tatsächlich Fans sind, die bestellen immer ein Produkt. Das ist auch gut so. Soll auch so bleiben.
Matze: Ich finde es gerade spannend zu beobachten, was mit CDs passiert. Ich könnte mir vorstellen, dass es in einigen Jahren ein CD-Revival gibt und die CDs, die gerade rauskommen, extrem teuer werden, weil es echt nur noch wenige gibt.

Sven: Ich bin ja eigentlich großer Fan der Digitalisierung und ich finde digitale Musik überhaupt nicht schlimm.
Olli: Ohne die Digitalisierung hätte ich den Scheiß gar nicht aufnehmen können. Davon mal absehen.
Uwe: Absolut. Aber um digitale Musik an sich geht es ja gar nicht, es geht eher darum, wer bringt das ganze raus und verdient daran. Dass der Herr Ek von Spotify in KI-Waffensysteme investiert, das ist halt das Problem. Und wir sind letztlich dann doch zu gemütlich, um zu sagen, wir nutzen das nicht mehr. Es geht gar nicht grundsätzlich um das digital Hören.
Sven: Ohne die digitalen Portale würden deutlich weniger Leute uns überhaupt wahrnehmen. Wir kommen noch aus der Zeit, wo wir Demos von Hand verschickt haben. So sind halt die ganzen Kontakte entstanden, wir kennen uns halt schon so ewig, alle aus dieser Zeit.
Matze: Ich bin mir aber gar nicht sicher, ob der Kreis der Leute, der einen wirklich hört, so viel größer geworden ist dadurch. Die Verfügbarkeit ist einfacher geworden, viele können es hören und klicken vielleicht mal rein. Aber ob man heute deswegen viel mehr echte Fans hat, das glaub ich halt auch nicht.
Uwe: Durch die Internetgeschichte hat sich der Kreis der Kontakte schon vergrößert. Mit Bands wie JACK FROST aus Österreich und so weiter. Aber das sind alles Leute, die dich vorher auch schon gehört haben.
Matze: Ja, wir dealen heute noch mit den Leuten, mit denen wir vor 25 Jahren schon Gigs gespielt haben.
Sven: Wir haben schon Botschaften aus Japan, Brasilien, Mexiko und sonstwoher bekommen. Das kriegst du mit dem Tape-Versand nicht hin. Und 15.000 Leute habe ich auch noch nie auf einem Konzert gesehen. Eine gewisse Reichweite gibt es schon aber wir sind jetzt auch nicht in der Taylor Swift Liga unterwegs. Aber da wollen wir ja auch gar nicht hin.
Matze: Wir haben ja das große Glück, dass wir finanziell überhaupt nicht auf irgendwas angewiesen sind. Für uns ist jeder, der sich unsere Musik anhört, ein Gewinn, egal ob es sich jemand kauft oder nur bei YouTube streamt. Da hängt keine Existenz für uns dran und wir verdienen eh nichts damit. Aber es gibt Bands, die ein, zwei Level über uns spielen, die haben echt ein Problem damit.
Uwe: Wir sind in der komfortablen Situation, dass wir nicht darauf angewiesen sind. Wenn man sich aber Bands anschaut, oder Musiker wie Gary Holt, der da ja offen darüber spricht. Er kann davon leben, aber es geht halt gerade so. Die müssen touren, damit sie genug Kohle haben. In der Situation will ich eigentlich gar nicht sein. Keine Frage, jeder von uns, der hier am Tisch sitzt, fänd es geil, nur Musik zu machen. Aber es geht halt nicht.

Das kann ja auch ein Vorteil sein, dass man was mit Leidenschaft machen kann, ohne eine Verpflichtung dabei zu haben, oder sich überlegen zu müssen, jetzt müssen wir mal wieder ein Album aufnehmen und das muss dann so oder so klingen.
Matze: Ja, das teile ich total. Also ich bin zum Beispiel leidenschaftlicher Koch. Und meine Eltern sagen immer wieder, mach doch ein Restaurant auf. Dann sage ich, hey, um Gottes Willen, dann ist das auch nur noch Stress. Dann habe ich ja gar nichts mehr, was mir einfach nur Spaß macht. Wenn man alles, was einem Spaß macht, zu seinem Job macht, dann hat man ja gar keine Freizeitbeschäftigung mehr, die nicht „Job“ ist.
So ist das als Musiker dann auch irgendwann, wenn du ein bestimmtes Level erreicht hast und halten musst. Du machst dann nicht mehr das Raffinierte, sondern lieferst den Leuten irgendwas aus einer Fertigmischung, weil es die letztes Male schon so gut ankam. Und dann kommt halt so was halbgares raus. Mir kommt da das neue KREATOR-Album in den Sinn.
Uwe: Ich finde das nicht schlecht.
Gelächter
Sven: Uwe ist ja auch der Ingwer-Holunder-Typ, haha.
Ich mag KREATOR seit meiner Jugend, aber die neueren Kreator-Alben haben halt alle so diesen einen Stampfer drauf, der jetzt bestimmt nicht aus tiefster Überzeugung entstanden ist oder weil man sich damit musikalisch besonders ausdrücken möchte.
Uwe: Das kann natürlich sein, ich weiß nicht, wann haben die sich so neu erfunden, mit der „Violent Revolution“? Seit dem machen sie diesen Stadion-Thrash. Und das machen sie gut. Aber es ist nicht mehr so individuell. Da sind wir gerade bei dem Buch (Das KREATOR Buch liegt zufällig vor uns auf dem Tisch), wo Mille das ja genau beschreibt, wie das so entsteht.
Das hat mir das neue Album voll versaut. Ich fand das vom Veröffentlichungszeitpunkt her auch unglücklich. Die alten Geschichten, die im Buch erzählt werden und im Kontrast dazu das neue Album, damit komme ich überhaupt nicht klar.
Uwe: Zu meiner Schulzeit gab es auch immer die, die KREATOR entweder voll geil fanden oder voll scheiße. Dazwischen gab es nichts.
Damals gab es auch noch nicht so viel Musik in der Richtung und KREATOR waren damals schon extrem. Es gab das Black-Album von METALLICA noch nicht, wodurch Metal so massenkompatibel wurde. Davor konnte man Leute ja noch mit seinen langen Haaren erschrecken.
Uwe: Ja und mit bedruckten T-Shirts. Ich hatte damals auch das „Pleasure To Kill“-Shirt. Ich hab dann aber alle Shirts, die bedruckt waren, Matze gegeben.
Zum Archivieren?
Matze: Ich trag die ab und zu noch. Aber in Wirklichkeit verkaufe ich die bei eBay, das KREATOR Shirt wird da ja für dreistellige Beträge gehandelt.
Gelächter
Uwe: Dann kannst du mich ja heute Abend einladen.
Lasst uns mal noch über eure Konzerte reden. Ihr spielt im April in Göteborg. Wie kommt es denn dazu, dass ihr mit END OF GREEN, MIRROR OF DECEPTION und den anderen Bands in Schweden spielt?
Uwe: Die Steffi, die das organisiert, kommt aus dem MIRROR OF DECEPTION, END OF GREEN Umfeld. Sie hat früher bei Nuclear Blast gearbeitet, mit dem Jochen von Mirror Of Deception. Sie wird jetzt 50 und macht sich selbst ein Geburtstagsgeschenk mit ihrem eigenen Konzert. Sie wohnt in Göteborg und die deutschen und die schwedischen Bands sind Freunde von ihr. GRAVE DANCE COMPANY sind die ehemaligen JACK FROST. Und der Oliver Merkle macht mit, weil er eh immer mit dem Huber (MICHELLE DARKNESS) rumhängt. Der Merkle und der Siffi (MIRROR OF DECEPTION) waren mit mir ja die erste Voodoo-Shock-Generation, das war so um 2000, oh mein Gott.
Sven: Und der Huber heißt heute Michelle Darkness. Anmerkung der Redaktion, haha.
Haha, ja. Ich habe mich bei einer END OF GREEN Listening-Session mal super gut mit dem Huber unterhalten, er wird sich sicherlich nur nicht mehr daran erinnern, haha.
Uwe: Ja, den Huber kennt irgendwie jeder. So kam es jedenfalls zu dem Auftritt in Göteborg. Und eine Woche später reisen wir zum „DOOM IN BLOOM“ nach Göppingen.
Läuft bei euch.
Uwe: Ja: Göteborg, Göppingen. Göttingen? Wir machen jetzt alles, was mit G beginnt. Germersheim. Gerau.

Ich will euch jetzt nicht mehr über Gebühr strapazieren. Aber lasst uns noch kurz über die Texte sprechen. Auf mich wirkt das, was ich aus den Texten herausgehört habe, sehr persönlich.
Uwe: Es ist wahrscheinlich das Persönlichste, was ich bisher je geschrieben habe. Aber ich mag es, wenn Dinge nicht direkt beim Namen genannt werden. Der Song „Ghost“ zum Beispiel ist über meinen Neffen, der leider vor ein paar Jahren gestorben ist. Das sind Sachen, die ich gerne in Bilder oder Worte verpacke. Und „Back Home“ soll für uns als Band widerspiegeln, wo wir angekommen sind. „Back Home“ ist so eine gewisse Sicherheit, die man hat, wenn man zu Hause ist. Wo man sich zu Hause fühlt ist da, wo man sich sicher fühlt, und anders herum. Ob das da ist, wo man nie weggegangen ist, oder ob man irgendwohin ist, um sich dort zu Hause zu fühlen, weil die Menschen um einen herum wichtig sind. Es geht schon um so Wohlfühlmomente.
Ja, kann ich nachvollziehen. Aber ich höre da auch Schmerz heraus.
Uwe: Ja, es ist das, was im Kopf passiert, was man erlebt, was auch tagtäglich passiert. Enttäuschungen, aber auch Freude. Das eine entsteht aus dem anderen. Und dann wird das in Worte gepackt. Es sind keine vorgefertigten Skripte vorhanden, sondern das, was ich dann in dem Moment fühle. Die Texte zu der Platte sind so entstanden, dass ich gewusst habe, in vier Wochen muss ich aufnehmen. Aber jetzt habe ich noch vier Wochen Zeit, voll gut. Und nach zwei Wochen habe ich gedacht, jetzt habe ich noch zwei Wochen Zeit. Und dann hatte ich am Tag vor der Aufnahme immer noch nichts außer ein paar Grundideen und dann habe ich zwei, drei Songs am darauffolgenden Abend eingesungen. Das hat irgendwie funktioniert. Manchmal sind es Worte, die in deinem Kopf irgendwas widerspiegeln und dann passen die für mich. Ohne, dass es direkt cheesy klingt oder so. Und ich glaube, das ist das Wichtige.
Sven: Was man auf jeden Fall mal feststellen kann, ist, dass „Back Home“ textlich das reifste von allen ist. Da muss man mal überlegen, wo wir thematisch und lyrikmäßig hergekommen sind.
Uwe: Ja gut, wir haben natürlich früher über Drachen und so gesungen.
Swen: Ja genau, da waren ja viel so typische Doom-Klischee-Gedöns-Dinger dabei, mit Dwarves, also Zwergen….
Uwe: Ja gut, „The Dwarves Revenge“ auf „Heavy Burden“ hat aber natürlich einen anderen Hintergrund, weil die Dwarves gab es ja wirklich.
Sven: Die Hobbits gab es doch auch, in Grönland, oder?! Aber es ist ja auf jeden Fall ein Thema, was ganz gut zur „Back Home“-Story passt. Wir sind jetzt auch keine 20 mehr. Es ist reifer, ein bisschen konzentrierter geworden, es entspricht mehr der Lebenserfahrung. Es ist jetzt nicht mehr „Dancing in the rain and drinking beer“ (Song auf der „Heavy Burden“, der Verfasser).
Uwe: Aber auch das hat für mich gepasst. Weil es eben das Gefühl in dem Moment ist. Es hat in dem Moment einfach gepasst. Und jeder kennt die Textzeile.
Ihr spielt nun so lange zusammen in dieser Band zusammen, habt ein neues Album draußen. Wie seht ihr selbst die Zukunft von NAEVUS?
Uwe: Bunt. Rosa. Schön? Wir haben auf jeden Fall Pläne, weiterzumachen.
Sven: Dieses Jahr steht auf jeden Fall Support vom Album an. Mit Konzerten, rausgehen, Leute treffen. Ein paar gute Termine haben wir schon mit Göteborg, Göppingen, Augsburg und so weiter. Und, das hat Uwe vorhin ja schon angekündigt, 2027 ist das neue Album da, haha. Die Band ist stabil. Ich freue mich ehrlich gesagt aber auch wieder auf neue Sachen. Ein paar Festivals wären noch cool. Ich glaube aber nicht, dass wir am Ende sind vom Promoten und von der Erfolgsgeschichte von „Back Home“. Da wird noch einiges kommen. Auf jeden Fall freuen wir uns auf die Straße und auf die Fans und auf weitere gute Reviews und Feedbacks.
Eine abschließende Frage, ein Gedankenspiel: Wenn ihr euer eigenes Konzert oder Festival planen würdet, welche Bands würdet ihr euch dazu einladen?
Uwe: Okay, lasst uns nur lebende Bands nehmen.
Olli: Wie viele Tage?
Gelächter
Uwe: SLOMOSA. SPIDERGAWD? REFEREND BIZARRE. REVELATION, mit Dennis. PENANCE. Wie hieß der Sänger? Aus England war der.
Sven: Ich würde erst mal beim Kern bleiben. Ich würde mindestens mal ein paar von unseren Buddies dabei sehen. MIRROR OF DECEPTION, DAWN OF WINTER, END OF GREEN. Und dann können wir mal gucken, wie es weitergeht.
Uwe: Das Festival wird ja groß.
Matze: Ich persönlich würde PENTAGRAM dazu packen. Schade finde ich, dass sie jetzt doch nicht spielen auf dem KEEP IT TRUE LEGIONS. Die würde ich gern nochmal sehen, mit Victor Griffin. Und davor DAWN OF WINTER, NAEVUS, MIRROR OF DECEPTION. Und ich würde gerne noch DOOMSHINE mit dazu packen.
DOOMSHINE? Ist ja lustig, an die habe ich schon seit Jahren nicht mehr gedacht. Sind die noch aktiv?
Matze: Nein, die machen nichts mehr. Die würden die Big Four des Swabian Doom aber komplett machen.
Uwe: Der Sven ist doch jetzt irgendwo in Australien. Der Timmy, der Schlaps, der Fisch…
Sven: …OBSESSED auf jeden Fall gerne. Ich würde gerne mal mit dem Wino auf der Bühne stehen, die waren auch wirklich gut zuletzt.
Uwe: ach, weiß ich nicht…
Sven: Aber DOOMSHINE soll ich durchwinken, die kenn ich nicht mal!
Matze: Du sollst gar nichts durchwinken, ICH hab mir die gewünscht!
Sven: Anyway, dann nehm ich noch TROUBLE, haha.
Uwe: TROUBLE mit Eric Wagner, ja das wäre natürlich eine richtig schöne Sache.
Matze: Und ich muss on Top noch hinzufügen: CANDLEMASS mit Messiah!
Hab mich schon gewundert, dass CANDLEMASS noch nicht genannt wurden.
Sven: Ja, endlich kommt mal ein ordentlicher Vorschlag! Das was ich von der Athen-Show auf YouTube gesehen hab, war der Hammer.
Olli: Ich hab sie noch mit DARK ANGEL in der Rockfabrik gesehen. Neunzehnhundertirgendwann. Der war da noch ziemlich voluminös.
Ich habe sie mit Messiah sehen dürfen, als sie auf dem BANG YOUR HEAD und auf dem WACKEN gespielt haben in dem Jahr. Ich stand da beim BYH im Fotograben, direkt an der Bühne und die ganze Bühne hat gebebt, er war seehr aktiv. Das war schon beeindruckend.
Sven: haha, ja das wäre schon der Hammer. Aber PENTAGRAM, ich glaube, da sind wir uns alle einig, in der Besetzung von HAMMER OF DOOM damals. Das haben wir so abgefeiert.
Uwe: Das war ja mit Victor. Bei dem ersten. Da standen wir am Bühnenrand und haben nicht mehr das Grinsen aus den Gesichtern gekriegt.
Matze: Da hat er mir meine Relentless-Platte unterschrieben. Das war so witzig, das war ja diese Special Relentless-Show, wo sie das ganze Album spielten. Ich habe die ihm hingehalten zum Unterschreiben und habe zu ihm gemeint, „you’re gonna to play all of it.“ Und er so, „ah, aaaall of it!“ und hat „all of it“ mit dem Edding auf die Platte geschrieben.
Gelächter.
Sven: Müssten wir uns fairerweise nicht PARADISE LOST wünschen, als Headliner?
Matze: Eigentlich müsste man sich noch CATHEDRAL wünschen.
Uwe: Ja, das stimmt natürlich.
Okay, das klingt nach einem coolen Billing, bin gespannt, wann ihr das umsetzt. Dann würde ich mal zu den berühmten letzten Worten kommen. Wollt ihr noch irgendwas loswerden?
Uwe: Famous last words? Trinkt mehr Grün-Tee!
Sven: Hör nicht auf ihn! Der hat jetzt schon zwei von den Dingern drin, der ist nicht mehr zurechnungsfähig. Ne, vielen Dank für das Interview! Krass, dass das so lang ging.
Olli: Trinkt aus, wir müssen gehen.


