DISILLUSION: The Liberation

DISILLUSION: The Liberation - Album Cover

Wer dachte, nach Alben wie „Back To Times Of Splendor„, „Gloria“ und „Alea“ sind die Grenzen dessen erreicht, was DISILLUSION mit ihrer Musik auszudrücken vermögen, dürfte sich bei „The Liberation“ verwundert die Ohren reiben: Nie waren DISILLUSION komplexer, wärmer, wütender, virtuoser, ergreifender – und nie so schwer zu fassen. Denn als logische und musikalische Fortsetzung vom „Back To Times Of Splendor angekündigt, kann man sich von „The Liberation“ bei flüchtigem Hören leicht auf eine falsche Fährte locken lassen. Ja, manche Elemente klingen vertraut. Der von „Back To Times Of Splendor“ bekannte und bei „Alea“ weiterentwickelte DISILLUSION-Sound nimmt dich in den Arm, die ausdrucksstarke Stimme von Andy Schmidt an die Hand. Doch Vorsicht: Neben vermeintlich vertrauten Wegen versteckt sich der ein oder andere dunkle Pfad, der nur darauf wartet, von dir entdeckt zu werden. Sprich: „The Liberation“ braucht Zeit. Ein Spaziergang ist dieses Album nicht. Eher ein Hindernislauf, bei dem du auch mal an deine Grenzen kommen wirst.

„The Liberation“ – Ein Hindernislauf voller magischer Momente

Los geht die Reise mit „In Waking Hours„. Die ersten beiden Minuten gestalten sich noch ruhig und dienen dir zum Aufwärmen, doch dann fällt endgültig der Startschuss: „Wintertide“ schickt dich auf die Strecke und du wirst einen Moment brauchen, dich auf der ersten, zwölfminütgen Etappe zu orientieren. Nach wenigen Augenblicken leitet dir eine majestätische Melodie den Weg, und das erste Hindernis aus vertrackten Rhythmen blitzt bereits hinter dem Weg hervor, verschwindet aber schnell wieder aus deinem Sichtfeld. Du wirst überrascht sein, wie abwechslungsreich bereits diese erste Etappe gestaltet ist. Und wie groß die Gefahr ist, sich so früh zu verausgaben. Denn DISILLUSION ziehen zu Beginn schon viele Register, um es dir ja nicht zu einfach zu machen.

Bei „The Great Unknown“ wird es Zeit für den ersten Zwischensprint: Knapp sechs Minuten sind dafür angesetzt, also los! Das Tempo wird angezogen und du liegst gut in der Zeit. Nach halber Strecke gehst du vom Gas und hast Gelegenheit, die Soundlandschaften zu genießen, die sich wunderschön durch die Umgebung schlängeln. Den ruhigen Fluss unverzerrter Gitarren genauso wie das Erblühen erster Gitarrensoli, die sich mit ungestümer Gewalt entwickeln, wie ein Frühlingssturm. Die Sonne scheint, aber es ist windig geworden. Du verlierst dich in Gedanken, epische Klangteppiche geben dir ein wohliges Gefühl.

Bist du noch richtig? „A Shimmer in The Darkest Sea“ begleitet dich nun – und das Schimmern ist bezaubernd schön. Du nimmst gar nicht wahr, das du die Hälfte der Strecke bereits hinter dich gebracht hast. Zeit, was ist schon Zeit? Das fragten schon BLIND GUARDIAN auf ihrem 92er-Meisterwerk „Somewhere Far Beyond“. Aber auf die Krefelder werden wir später erst zu sprechen kommen. Du bist in einer anderen Welt, gefangen von einer melancholischen Wärme, die du so noch nie empfunden hast. Langsam tritt dein Bewusstsein wieder in den Vordergrund. War das überhaupt ein Stück der regulären Strecke? Egal. Du bist völlig verzaubert und findest erst langsam wieder zurück ins Jetzt.

Du biegst auf einen vertrauten Weg ein, der Titelsong „The Liberation“ nimmt dich in Empfang, lässt dich gleich zu beginn ordentlich stolpern, aber dann bist du wieder in der Spur. Ja, das klingt vertraut, das könnte ein Stück von „Back To Times Of Splendor“ sein! Du meisterst die Hindernisse, Euphorisch legst du einen Zahn zu. Wieder eine 12-Minuten-Etappe, eine sichere Bank? Gitarrenläufe und ein treibendes Drumming beflügeln dich, es läuft – Runner’s High! Du wirst ganz leicht, Endorphine schießen dir durch den Körper und nach der Hälfte dieser Strecke ist dir überhaupt nicht mehr bewusst, was für ein Tempo du aufgenommen hast. Das Etappenziel schon vor Augen, musst du dich noch einmal konzentrieren, denn hier warten nochmals einige vertrackte Hindernisse auf dich. Doch du meisterst sie leichtfüßig und die Belohnung ist ein grandioses, episches Finale.

Time To Let Go“ – nochmal durchatmen. Es geht auf das Ende zu. Zurückgenommene Wah-Wah Gitarren begleiten den Gesang, der manchmal in der überbordenden Landschaft unterzugehen droht, völlig zu Unrecht. Denn kaum ein anderer Sänger vermag es, dir so sicher und so Souverän den Weg zu weisen. Die neueren AMORPHIS schießen mir hier gerade kurz durch den Kopf, und ich bin froh, dass ich etwas durchatmen kann. Den ich sehe vor mir bereits…

The Mountain„! Was für eine einschüchternde Schlussetappe! Was für ein harter Brocken. Nebel umwabert seinen Gipfel – und der erste Anstieg lässt nichts Gutes erahnen. Das wird nochmal ein hartes Stück Arbeit. Die Beine schmerzend, der Puls im Grenzbereich, beißt du die Zähne zusammen. Dir geht die Luft aus. Du hörst den Wind. Schaust auf die Uhr. Noch acht Minuten. Hast du dich übernommen? Ist das das Ende? Doch nein, DISILLUSION reichen dir ein letztes Mal die Hand: Eine Trompete von unfassbarer Schönheit schält sich durch den Nebel, lässt die Sonne strahlen. Die Stimmung kippt, deine Schmerzen sind vergessen. Ganz großes Kino. Du weinst vor Freude und Erlösung. Ergriffen bleibst du stehen, betrachtest den Weg, den du hinter dich gebracht hast. Aber los jetzt, die letzten Kräfte mobilisieren. Ein grandioses Finale erwartet dich und erfüllt dich mit purem Glück.

DISILLUSION schicken dich auf eine unvorstellbare Reise

Du hast es hinter dich gebracht. Glückwunsch. „The Liberation“ ist nicht einfach, ich habe versucht, es mit meinen Worten in eine stimmige Geschichte und passende Bilder zu bringen. Was DISILLUSION hier geschafft haben, ist schlicht grandios. Es ist für mich nach wie vor ein Rätsel, wie man solch komplexe, virtuose und durchdachte Musik so emotinal transportieren kann. Das konnten DISILLUSION schon immer gut, bei „The Liberation“ haben sie es aber auf die Spitze getrieben. Zwei Jahre Vorbereitung und eine Crowd Founding Kampagne bei patreon.com mit überwältigender Resonanz liegen diesem Album zu Grunde und ich kann mir nicht vorstellen, wie DISILLUSION dieses Album nochmals steigern möchten. Noch nie gab es bei DISILLUSION mehr Töne, mehr Präzision, mehr Wahnsinn, mehr Gefühl vereint in einem Album. „The Liberation“ gleicht einem Orkan, einem ungezügelten Ausbruch an Kreativität und Lust am Schaffen von großartiger Musik, die vor Energie nur so strotzt und gleichzeitig so perfekt inszeniert und komponiert und arrangiert ist, dass es manchmal schwer fällt, die passenden Worte dafür zu finden.

Ist das noch Metal? Und wie!

Auch wenn die Heransgehensweise nicht viel mit dem zu tun haben dürfte, wie das bei den meisten Metal-Bands im Proberaum oder Studio passiert.  „The Liberation“ wurde tatsächlich im klassischen Sinne komponiert und arangiert. Kein Ton wurde dem Zufall überlassen. Im Gespräch mit Andy zu den Schlagzeugaufnahmen zu „The Liberation“ konnte ich mir noch nicht so recht vorstellen, wie das am Ende klingen soll. Akribisch wurde jeder Schlag auf die Trommeln geplant, über jeden Becken-Einsatz diskutiert (und von beidem gibt es reichlich auf dem Album) – und nun klingt das Ergebnis so mitreißend und energiegeladen, als hätte jemand bei voller Geschwindigkeit die Flugzeugtüre aufgemacht und dich hinausgestoßen.

„The Liberation“ sollte ein ‚einfaches‘ Album werden

Das Paradoxe: The „Liberation“ sollte ein „einfacheres“ Album werden. Wurde „Back To The Times Of Splendor“ mit massig Spuren produziert, die sich gegenseitig überlagerten und vieles dadurch schwierig live umzusetzen war (hier schließt sich der Kreis zu den oben erwähnten BLIND GUARDIAN mit ihrem Multi-Track-Produktionswahn), legten DISILLUSION Wert darauf, die neuen Stücke problemlos live mit ihren drei Gitarren spielen zu können. Umso erstaunlicher ist das Ergebnis, das – wie auch immer sie das geschafft haben – noch dynamischer, noch komplexer als „Back To Times Of Splendor“ klingt.

DISILLUSIONs „The Liberation“ ist eine Breitseite für neue und alte Fans

Wer DISILLUSION noch nicht kennt, dürfte es mit „The Liberation“ am Anfang schwer haben, wer dem auf „Gloria“ eingeschlagenen Weg nachtrauern sollte, dürfte sich ebenfalls nicht ganz so leicht tun – DISILLUSION-Fans geben sich aber am besten gleich die volle Breitseite, am besten in großer Lautstärke – denn eins sind DISILLUSION bei aller Virtuosität geblieben: Arschtretender, emotionaler Metal!

VÖ: 06.09.2019

Label: Prophecy Productions

Line-Up auf „The Liberation“:
Andy Schmidt – Gitarre, Gesang, Bass, Keys
Sebastian Hupfer – Gitarre
Ben Haugg – Gitarre, Bass
Josh Saldanha – Drums, Percussion
Felix Tilemann – Bass

Tracklist von DISILLUSION – The Liberation:
1 – In Waking Hours (2:03)
2 – Wintertide (12:37) (Lyric-Video Bei Youtube)
3 – The Great Unknown (5:49) (Video Bei Youtube)
4 – A Shimmer In The Darkest Sea (7:14)
5 – The Liberation (11:54)
6 – Time To Let Go (5:42)
7 – The Mountain (12:18)

DISILLUSION im Netz:
www.disillusion.de
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Markus
Markus ("boxhamster") hat das Magazin 1999 gegründet und kümmert sich um die Technik und die Weiterentwicklung von vampster, schreibt ab und zu Reviews und fotografiert bei Festivals und Konzerten.