SOEN, LIZZARD, OCEANHOARSE: Backstage Halle, München – 10.09.2022

Nach zwei Verschiebungen und anderthalb Jahren Wartezeit schaffen es SOEN doch noch nach München, um das aktuelle Album “Imperial” (2019) live vorzustellen. Dank der hochkarätigen Supports LIZZARD sowie OCEANHOARSE erwartet uns ein Line-Up, das viel verspricht und noch mehr zu geben hat.

Der Sommer neigt sich dem Ende zu, die Festival-Saison liegt weitgehend hinter uns und mit dem nahenden Herbst kehren auch wieder die wirklich entscheidenden Fragen des Lebens zurück auf die Tagesordnung: Was ziehen wir an? Zwischen stickiger Halle und nasskalter Abendluft soll es weder zu heiß noch zu luftig sein. Wir überlegen länger als uns lieb ist, bis wir schließlich doch etwas pokern und die Regenjacke zu Hause lassen: Im Zweifelsfall gibt es ja immer noch den Merchandise-Stand, der zwischen SOEN, LIZZARD und OCEANHOARSE an diesem Samstag immerhin eine erstklassige Auswahl verspricht.

Vor allem auch qualitativ, weshalb die Wartezeit auf dieses Gastspiel in der Münchner Backstage Halle bisweilen durchaus schmerzte. Ganze zweimal mussten SOEN in den letzten Monaten ihre Europatour verschieben, bevor nun mit gehöriger Verspätung das aktuelle Album „Imperial“ (2019) doch noch live zu Ehren kommen soll.

OCEANHOARSE

Den Anfang machen heute allerdings die Finnen OCEANHOARSE, die gleich zu Beginn einen doppelt schweren Stand haben: Nicht nur fallen sie mit ihrem kraftvollen Heavy Metal stilistisch etwas aus dem Rahmen, auch die Show selbst beginnt nun ganze 30 Minuten früher, als es auf der Website der Halle ausgewiesen war. Dementsprechend viel Bewegungsfreiheit herrscht noch vor der Bühne, als das Quartett die Bretter entert.

Auswirkungen auf die Band scheinen die Umstände indes nicht zu haben. Vielmehr reißen OCEANHOARSE mit Schwung und Dynamik das Szepter an sich, indem sie den Heavy-Metal-Lifestyle bis zum Maximum auskosten: Gitarrist Ben Varon nimmt eine Pose nach der anderen ein, während der Ventilator zu seinen Füßen die volle Haarpracht in Szene setzt. Frontmann Joonas Kosonen gestikuliert in der Zwischenzeit auf dem zentral platzierten Podest, bevor ihn wenig später der daraus emporsteigende Nebel komplett verhüllt.

OCEANHOARSE sind ein Support-Act, der Eindruck hinterlassen will

München bekommt offenbar keinen bloßen Anheizer, sondern einen Support-Act, der Eindruck hinterlassen will. Mit Erfolg, möchten wir meinen, wenngleich das Publikum anfangs noch eher zurückhaltend agiert. Auf die Anweisungen Kosonens während „The Intruder“ werden etwa nur vereinzelt Fäuste gereckt, wobei immerhin das knackige Bass-Solo mit ungleich warmem Applaus honoriert wird.

Tatsächlich packen OCEANHOARSE in ihr halbstündiges Set auch noch ein kleines Gitarrensolo, eine kurze IRON MAIDEN-Referenz und natürlich eigenes Material wie „The Damage“ oder die neue Single „Nails“, bei welcher Sänger Joonas auch stimmlich voll abzuräumen vermag. Auf diese Weise ziehen die Mannen mit zunehmender Spielzeit die sich nun stetig füllende Halle auf ihre Seite – und das vollkommen zu Recht, denn aus der Außenseiterrolle mit so viel Schneid nach vorne zu preschen, muss man sich erstmal trauen.

Fotogalerie: OCEANHOARSE

LIZZARD

Wer sich nun in Ruhe das Merch-Angebot ansehen möchte, wird sich schnell die Augen reiben. Denn nach rekordverdächtigen zehn Minuten ist der Umbau bereits abgeschlossen. LIZZARD, die gerade noch ihre Instrumente geprüft haben, begrüßen den mittlerweile gut gefüllten Club mit einem trockenen „Good evening“, um dann direkt und ohne Umschweife loszulegen. Auf das abgezockte „The Decline“ folgt „Vigilant“ mit seinem hypnotischen Gitarrenloop, der uns und offenbar alle anderen Münchner schnell gefangen nimmt. Jedenfalls setzt es nach dem Stück erstmals tosenden Applaus, den Sänger und Gitarrist Matthieu Ricou mit einem dankenden Nicken zur Kenntnis nimmt.

Dass die zweite Gitarrenspur lediglich als Backing Track mitläuft, scheint niemanden zu stören – ein paar Zugeständnisse muss man dem motivierten und sympathischen Trio ja machen. Viele Worte verlieren die Franzosen während des Auftritts nicht, die Zuschauer haben sie dank ihrer packenden Mischung aus Stoner und Progressive Rock dennoch schnell auf ihrer Seite. Zum rockigen „The Blowdown“ fliegen die Haare im Takt, wohingegen das Instrumental „Shift“ mit fast schon ohrenbetäubendem Jubel quittiert wird.

Das Publikum und LIZZARD sprechen heute Abend die gleiche Sprache

Während Bassist William Knox diese Resonanz eher im Stillen zu genießen scheint, entweicht seinem für Kamera und Publikum posierenden Kollegen an der Gitarre doch immer wieder ein breites Grinsen. Vorab hätten wir nicht gedacht, dass LIZZARD in München fast schon wie der Headliner abgefeiert werden, doch Ehre, wem Ehre gebührt: Publikum und Band sprechen heute Abend die gleiche Sprache.

LIZZARD Setlist – ca. 35 Minuten

1. The Decline
2. Vigilant
3. Haywire
4. The Blowdown
5. Shift
6. The Orbiter
7. Tear Down The Sky

Fotogalerie: LIZZARD

SOEN

Kommunikationsprobleme sind im Anschluss ebenso wenig Thema: Als um fünf nach Neun die Sirenen aufheulen, wissen die Münchner ganz genau, was sie erwartet. „Monarch“ vom aktuellen Album „Imperial“ (2019) legt auf diese Weise den Grundstein für ein Headliner-Set, das wenige Wünsche offenlassen dürfte. Allein schon der klar und differenziert abgemischte Sound macht jeden Song zur Entdeckungsreise: Sei es der verspielte Bass oder das abwechslungsreiche Drumming von Martin Lopez (ex-OPETH), es gibt eigentlich immer was zu bestaunen. Letzterer stellt sich dabei auch im Live-Kontext stets in den Dienst der Band und des Songmaterials: Obwohl Lopez hinter seinem imposanten Kit integraler Bestandteil der Musik SOENs ist, drängt sich sein Spiel nie plakativ in den Vordergrund.

Das ist wahrscheinlich auch das Geheimrezept der Schweden: Wenn etwa Lars Åhlund in „Lunacy“ oder „Modesty“ zwischenzeitlich die Rhythmusgitarre gegen den Synthesizer eintauscht, dann passiert das ausschließlich mit dem Songmaterial im Hinterkopf. Kurzum, Klassiker wie „Covenant“ reißen mit, weil die fünf Musiker als Einheit auftreten – die Performance ist heute Abend auf den Punkt.

In seltenen Momenten greifen SOEN tatsächlich in die Effekt-Kiste

Und das kommt auch in der Menge an: Viel Zutun ist seitens Sänger Joel Ekelöf – zunächst lässig mit Lederjacke, Kappe und Sonnenbrille – nicht nötig, um die gut gefüllte Backstage Halle anzustacheln. Schon im zweiten Track „Deceiver“ wird bereitwillig mitgeklatscht, im Hit „Martyrs“ zwischenzeitlich gar gesprungen, bis die Funken fliegen. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn für einige wenige Momente der Show greifen SOEN tatsächliche in die Effekt-Kiste. Nötig hätte das die Band freilich nicht, die spärlich gestreute visuelle Untermalung wirkt aber begleitend zu Ekelöfs berührender Performance am Mikro wie die Kirsche auf der Torte.

Da zückt die bayerische Landeshauptstadt für „Lucidity“ im Gegenzug gerne Feuerzeug und Taschenlampe, nur um anschließend im fantastischen „Antagonist“ lauthals mitzusingen. In der Tat wirkt das Stück als dramaturgischer Höhepunkt des Live-Sets, indem es knackige Riffs mit akzentuiertem Drumming und aufrüttelndem Refrain verknüpft. Nach der emotionalen Ballade „Illusion“ verschwinden SOEN dann unter Beifall von der Bühne – zumindest zeitweilig, denn für den Zugabenblock lässt sich das Quintett gerne zurückbitten.

Musikalisch bieten SOEN große Momente, vergessen aber nicht das persönliche Element

Die Euphorie im Publikum bleibt vor Frontmann Joel Ekelöf, welcher mittlerweile die Lederjacke gegen ein geschmackvolles Sakko getauscht hat, nicht verborgen: Das verrät spätestens ein Blick ins Gesicht des Sängers, als hunderte Kehlen mit ihm zusammen das Outro von „Jinn“ darbieten. Nach rund 90 Minuten finden SOEN mit „Lotus“ schließlich den passenden Schlusspunkt für einen fast schon magischen Konzertabend, der musikalisch so viele große Momente zu geben hatte und dabei doch die Persönlichkeit nicht abhandenkommen ließ: Während Bassist Zlatoyar sich mit der Flagge seiner ukrainischen Heimat in den Händen gerade beim Münchner Publikum verabschiedet, sprintet Gitarrist Cody Lee Ford noch einmal eilig in Richtung Schlagzeug, um einem treuen Fan den Wunsch nach einem Drumstick zu erfüllen. Sympathisch wie bodenständig und ein weiteres Indiz dafür, dass heute Nacht wohl niemand unzufrieden nach Hause fahren muss.

Was lange währt, wird endlich gut? Kann man getrost so sagen: Nach zwei Verlegungen und anderthalb Jahren Wartezeit hätten wir uns tatsächlich keinen schöneren Konzertabend wünschen können: volles Haus, von SOEN über LIZZARD bis OCEANHOARSE drei hochmotivierte Bands und ein wunderbares Publikum. Dass wir es zu alledem dem angekündigten Regenschauer zum Trotz trocken in die S-Bahn schaffen, bestätigt uns nur in der Annahme, dass es heute wohl nur Gewinner, aber keine Verlierer gibt.

SOEN Setlist – ca. 90 Minuten

1. Monarch
2. Deceiver
3. Lunacy
4. Martyrs
5. Savia
6. Lumerian
7. Covenant
8. Modesty
9. Lucidity
10. Antagonist
11. Illusion
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12. Lascivious
13. Jinn
14. Lotus

Fotogalerie: SOEN

Fotos: Tatjana Braun (https://www.instagram.com/tbraun_photography/)