SOEN, MOLYBARON, TERRA: Konzertbericht – Backstage Werk, München – 28.09.2023

Es braucht schon einen guten Grund, um uns zur Oktoberfest-Zeit nach München zu locken. Bei SOEN und ihrer “Memorial”-Tour mussten wir dennoch nicht zweimal überlegen, schließlich stehen die Schweden seit einigen Jahren schon für musikalische Spitzenklasse.

Warum man dieser Tage nach München fährt, zeigt ein kurzer Blick durch die S-Bahn: Lederhosen und Dirndl sind heute das dominante Outfit auf dem Weg zur Theresienwiese. Dass wir derweil ein Stück vorher bereits rausspringen, sieht man uns wohl ebenso an, stechen an diesem Donnerstagabend doch ausnahmsweise wir in unserer schwarzen Tracht hervor. Das Ziel ist dabei altbekannt: Den kurzen Fußmarsch vom Hirschgarten zum hiesigen Backstage könnten wir mittlerweile wohl auch mit verbundenen Augen zurücklegen, wenn wir es denn drauf anlegten. Heute aber lassen wir lieber Vorsicht walten, denn angekündigt haben sich mit SOEN fünf absolute Ausnahmemusiker, die wir natürlich nur ungern wegen einer übersehenen Treppenstufe verpassen möchten.

Genau genommen ist unser letztes Aufeinandertreffen noch gar nicht so lange her: Erst Mitte August lieferten die Schweden einen der besten Auftritte auf dem diesjährigen SUMMER BREEZE OPEN AIR. Sechs Wochen später ist unsere Vorfreude dennoch ungebrochen, schließlich haben SOEN in der Zwischenzeit mit „Memorial“ nicht nur ein brandneues Studioalbum veröffentlicht, auch das Setdesign hat man für die aktuelle Tournee einer Frischzellenkur unterzogen. Das mit MOLYBARON und TERRA durchaus überlegt bestückte Vorprogramm ist dabei eigentlich nur die Kirsche auf der Sahnetorte.


TERRA

Gerade die Zweitgenannten sind indes für uns noch ein relativ unbeschriebenes Blatt, weshalb wir über den Bühnenaufbau zunächst nicht schlecht staunen: Zwei Floortoms rahmen das Schlagzeug ein, hinter welchem Drummer Daniele Berretta zugleich für den Lead-Gesang verantwortlich zeichnet. Das Setup ist selbstverständlich mehr als bloßes Schauwerk: Immer wieder lassen TERRA in Stücken wie „The End“ Tribal-Elemente einfließen, die von Schlagwerk und Percussioneinsatz bis hin zu Blasinstrumenten reichen.

Bedient werden Letztere von Lead-Gitarrist Paolo Luciani, welcher ansonsten am rechten Bühnenrand das Rampenlicht lieber seinen Kollegen überlässt. Begleitet wird der Mix aus Prog, Alternative Metal und Tribal-Anleihen durch rhythmisch leuchtende LED-Elemente an Bass-Drum und Trommeln, was zwischenzeitlich sogar SOEN-Drummer Martin Lopez ins Publikum lockt, der die Performance der Italiener einige Minuten lang interessiert von der seitlichen Tribüne aus verfolgt.

TERRA holen sich für einen Song überraschende Verstärkung auf die Bühne

Verständlich, denn der Genre-Mix, der in Stücken wie „This Scent“ oder „Father“ auch von seinen verspielten Percussion-Arrangements lebt, wirkt zugleich vertraut wie originell. Das mag in Teilen auch an Daniele Berrettas Singstimme liegen, die im Mix zwar gerne etwas präsenter sein dürfte, uns aber in den rockigen Passagen genauso abholt wie in den getragenen Momenten, wo das Falsett des Schlagzeugers zur Geltung kommt. Die größte Überraschung aber haben sich TERRA für die zweite Hälfte ihres gut halbstündigen Gastspiels aufgehoben, als SOEN-Gitarrist Lars Åhlund höchstpersönlich das Saxofon zückt, um dem vielschichtigen Klangteppich etwas zusätzliche Wärme zu schenken.

Fotogalerie: TERRA


MOLYBARON

Wer einen Blick auf die Setliste MOLYBARONs erspähen kann, wird an dritter Stelle die Worte „Twenty Four Hours“ entziffern können. Einen Bruchteil dessen braucht in der Zwischenzeit die Crew der irisch-französischen Formation: Lediglich zehn Minuten dauert der Changeover, bevor das Quartett mit dem Titeltrack der neuen Platte „Something Ominous“ (2023) in ihr 40-minütiges Set starten. Dezente Prog-Spitzen werten den Alternative Metal auf, der vor allem zu Beginn mit einem gesunden Maß an Melodramatik punkten kann.

Dass MOLYBARON dafür auch auf einige Backing-Tracks zurückgreifen müssen, verdirbt uns keineswegs den Spaß, obschon der Funke zwischen Band und Publikum zunächst nicht so recht überspringen will. An Frontmann Gary Kelly liegt es kaum, der sich sichtbar ins Zeug legt und dabei mithilfe seines markanten Organs der Performance den eigenen Stempel aufzudrücken vermag. Dass die Münchner:innen den Aufforderungen, wahlweise im Takt zu klatschen oder mitzuspringen („Animals“), nur zögerlich nachkommen, ist wohl in gleichen Teilen der anstrengenden Arbeitswoche sowie dem grundsätzlich eher gesetzteren Prog-Publikum im Werk geschuldet.

MOLYBARON brauchen etwas, um das Münchner Publikum zu knacken

Das Handtuch werfen will Kelly indes nicht so schnell, woraufhin sich die Hartnäckigkeit am Ende des Tages doch bezahlt macht: Während sich die bayerische Landeshauptstadt in „Something For The Pain“ schließlich doch ein paar beherzte Rufe entlocken lässt, klappt es im abschließenden „Incognito“ dann auch mit der Partizipation – zumindest größtenteils, denn Moshpits finden selbst während des schnellen, rockigen Parts am Ende wohl ausschließlich in den Köpfen der Zuschauerschaft statt.

MOLYBARON Setlist – ca. 40 Min.

1. Something Ominous
2. Set Alight
3. Twenty Four Hours
4. Animals
5. Something For The Pain
6. Breakdown
7. Luciver
8. Vampires
9. Incognito

Fotogalerie: MOLYBARON


SOEN

„Do not go gently into that good night.” – Was Dylan Thomas in seinem Gedicht einst als Aufruf verstand, das Leben bis zum letzten Atemzug auszukosten, könnten wir im Kontext der heutigen Show auch als Schlachtruf verstehen. „Rage against the dying of the light”, lautet die zentrale Zeile, die als rezitiertes Intro bestens zu den sozialkritischen Texten SOENs passt, die heute durch ein schlicht gehaltenes Bühnendesign in subtiler Weise untermauert werden. Eine schwarze Flagge ragt im Zentrum zwischen Drumset und Keyboard hervor, während das Backdrop ein massives Bollwerk vor einem orange-roten Himmel zeigt.

Diese Kulisse reicht aus, um ansonsten vornehmlich die Musik sprechen zu lassen, welche im Fall der Schweden den schmalen Grat zwischen gefühlvollem Prog Rock und eingängigem Alternative Metal mit außerordentlicher Eleganz balanciert. Das gilt auch für das neue Material, wie der Opener „Sincere“ unmittelbar belegt: Die knackigen Riffs entfalten sich im Live-Format deutlich besser als auf der Studioversion von „Memorial“, wo sich SOEN bisweilen ein wenig zu sehr auf Bewährtes verlassen.

SOEN verzaubern ihr Publikum auch ohne große Worte zu verlieren

Dem Quintett beschert das Backstage jedenfalls nach diesem Auftakt einen ungemein warmen Empfang, was dieses wiederum mit dem überraschend früh gezückten „Martyrs“ erwidert. Auf Wunsch Joel Ekelöfs wird hier und da sogar ein wenig gesprungen, während am vorderen Bühnenrand weiße Nebelsäulen aufsteigen. Keine Frage, der Frontmann ist heute wie seine Kollegen bestens aufgelegt, auch wenn ausgerechnet die hohen Töne zum Ende des Hit-Songs nicht bombenfest sitzen. Tatsächlich ungewöhnlich für den Ausnahmesänger, welcher aber wenig später doch voll in seinem Element scheint. Ob mit kratzigem Timbre in „Memorial“ oder wunderbar gefühlvoll in der Ballade „Illusion“ – schlussendlich geht auch diesmal wieder jede Silbe unter die Haut.

Dass SOEN auch ohne viele Worte ihr Publikum verzaubern, ist zu gleichen Teilen auf Band und Inszenierung zurückzuführen. Besonders Gitarrist Cody Ford stachelt das Publikum regelmäßig mit energischen Freudeschreien an, während sich Kollege Lars Åhlund nach dem Solo in „Modesty“ bereitwillig von seinem Plektrum trennt, um in der ersten Reihe geradezu euphorischen Jubel auszulösen. Eine nette Geste, die natürlich zur familiären Grundstimmung beiträgt, welche aber – und das gehört auch zu SOEN – immer wieder von Momenten der Ernsthaftigkeit durchzogen ist.

SOEN können sich der stimmgewaltigen Unterstützung ihrer Fans sicher sein

So zeichnen rot-pulsierendes Licht und Herzschlag-Sample zu Beginn von „Memorial“ allzu reale Bilder in unsere Köpfe, deren begleitende Maschinengewehrsalven später in den akzentuierten Doublebass-Spitzen Martin Lopez‘ widerhallen. Das ist eindringliches Storytelling durch wenige Mittel, dem Sänger Joel auf der Empore im Hintergrund durch energische Gesten nur ein klein wenig Pathos verleiht. Dass ein solches Auftreten schnell vereinnahmend wirkt, liegt in der Natur der Sache, weshalb SOEN sich der stimmgewaltigen Unterstützung ihrer Anhängerschaft im Finale von „Unbreakable“ sicher sein können.

Zwischen intimen Momenten wie „Ideate“, wo Bassist Zlatoyar für ein paar Minuten neben seinem Frontmann Platz nimmt, und beschwingten Stücken à la „Lascivious“ findet nahezu jede erdenkliche Emotion ihren Ausdruck in der Musik der Skandinavier. Natürlich kommt hier einmal mehr die stilvolle und beizeiten doch aufrüttelnde Darbietung Ekelöfs ins Spiel, der für das letzte Drittel das Sakko gegen die Lederjacke tauscht. Ob das im gut gefüllten Werk eine allzu kluge Idee ist, wollen wir nicht beurteilen – der gesanglichen Leistung in „Monarch“ oder dem vorgezogenen Finale „Lotus“ tut der Garderobenwechsel jedenfalls keinen Abbruch.

SOEN lassen das Münchner Backstage über die Zugabe entscheiden

Einige Augenblicke lassen sich SOEN daraufhin gerne feiern, bevor sie dem enthusiastischen Publikum einen ordentlichen Nachschlag servieren. Das großartige „Antagonist“ lässt die Münchner:innen zunächst lautstark mitsingen, bevor man sich in einem kurzen Publikumsvoting für die zweite Zugabe „Jinn“ entscheidet. Zwischen dem Klassiker und dem knapp verschmähten „Lunacy“ gibt es natürlich keine falsche Entscheidung, wie den Reaktionen in der Arena zu entnehmen ist. Nach knapp 100 Minuten und dem kraftvollen „Violence“ heißt es dann aber auch für die treuesten Anhänger:innen Abschied nehmen.

Eine letzte Runde Begeisterungsstürme nehmen SOEN natürlich gerne noch mit auf den Weg, wobei sie im Gegenzug unseren vorsorglich mit einer ganzen Handvoll Ohrwürmern versüßen. Ein fairer Deal möchten wir meinen, schließlich steht uns noch eine nächtliche S-Bahn-Fahrt zur Oktoberfest-Zeit bevor. Zugegeben, es ist wohl dieser Tage tatsächlich einer der Hauptgründe, nach München zu reisen, wenngleich uns letzten Endes ein völlig anderer in die nahegelegene Millionenstadt geführt hat: Was tut man nicht alles für einen Abend richtig guter Musik.

SOEN Setlist – ca. 100 Min.

1. Sincere
2. Martyrs
3. Savia
4. Memorial
5. Modesty
6. Unbreakable
7. Deceiver
8. Ideate
9. Monarch
10. Fortress
11. Illusion
12. Lascivious
13. Lotus
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14. Antagonist
15. Jinn
16. Violence

Fotogalerie: SOEN

Fotos: Tatjana Braun (https://www.instagram.com/tbraun_photography/)

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