CULT OF LUNA: The Long Road North

Durch die traditionelle Post-Metal-Soundwand tritt mehr Wärme als zuvor: CULT OF LUNA lassen auf “The Long Road North” blanke Brutalität auf abstrakte Schönheit treffen und verleihen ihrer Musik so einen Hauch mehr Menschlichkeit.

Entsteht große Musik im Herzen oder im Kopf? Was sich zunächst bestenfalls wie eine rhetorische Frage liest, ist tatsächlich gar nicht so offensichtlich. Schließlich sind es ausgerechnet die großen Werke CULT OF LUNAs – das kalte, industriell geprägte „Vertikal“ (2013), die faszinierende Konzept-Story „Eternal Kingdom“ (2008) sowie das erdige wie wegweisende „Somewhere Along The Highway“ (2006) -, die in der Entstehung knallharten Regeln unterworfen wurden. Das Konzept war zugleich ein Korsett: ein Rahmen, dem sich die Musik fügen musste. Vielleicht ist es also dieses Vermächtnis, das „The Long Road North“ so interessant macht: Die Schweden um Mastermind Johannes Persson müssen nach so langer Zeit im Geschäft lernen, auf den eigenen Bauch zu hören.

Das klingt auf dem Papier natürlich wenig spektakulär; bis wir selbst die Band unmittelbar auf ihrer Reise begleiten. Persson beschreibt „The Long Road North“ als einen fortdauernden Prozess: eine seelische Reise, deren Ziel noch nicht erreicht sei. Statt einem alles dominierenden Konzept regieren folglich breit gestreute Emotionen. Beizeiten sind CULT OF LUNA so bitterböse und unnahbar wie in der Vergangenheit, wenig später legen sie dann eine konsternierte und verwundbare Seite offen.

CULT OF LUNA hauchen auch minimalistischen Passagen glaubhaft Leben ein

In seiner Gesamtheit erscheint „The Long Road North” folglich als weniger homogen: Das Material wurde nicht auf Spur gebracht, einzelne Songs behalten ihren individuellen Charakter, der sich aus verschiedensten Schaffensperioden der Band nähren kann. Dass dabei am Ende trotzdem ein schlüssiges Ganzes herauskommt, liegt am Songwriting, den talentierten Gästen sowie der fantastischen Synth-Arbeit Kristian Karlssons, welcher jedem noch so minimalistischen Part glaubhaft Leben einhaucht.

Die vielen Spuren sowie Klangebenen verweben CULT OF LUNA so gekonnt wie nie und zeigen sich doch mutig genug, einen Teil davon in fremde Hände zu legen: Jazz-Musiker und Filmkomponist Colin Stetson (u.a. „Hereditary“) spendiert dem starken „An Offering To The Wild“ durch clevere Synth- und Saxofon-Samples einen rastlosen Unterbau, während er den musikalischen Freifahrtschein später nutzt, um „The Long Road North“ mittels experimenteller Ambient-Soundscapes in „Beyond II“ einen eindringlichen, aber doch unvollendeten Abschluss zu verleihen: als sei die Straße noch nicht am Ziel, die Geschichte noch nicht zu Ende erzählt.

Auf “The Long Road North” trifft blanke Brutalität auf abstrakte Schönheit

Doch bevor wir überhaupt einen Ausblick auf das nächste Kapitel wagen können, zieht es uns fast schon wie von Geisterhand zurück an den Anfang: Ein bedrohliches, mahnendes Horn markiert den Beginn des Albums und dieser Reise, die mit „Cold Burn“ kalte und unnahbare Bilder zeichnet, als würde man uns gar nicht hier haben wollen. Diese unwirtliche Klanglandschaft, die atmosphärisch irgendwo zwischen „Vertikal“ (2013) und „Somewhere Along The Highway“ (2006) angesiedelt ist, durchzieht eine blanke Brutalität und darin eine abstrakte Schönheit. Das mag blumig klingen, ist aber zugleich die Essenz, aus der CULT OF LUNA ihren beispiellosen Post Metal formen.

Diesem monolithischen und doch vielschichtigen Ansatz addiert „The Silver Arc“ ein seltenes Gefühl der Zuversicht hinzu, wohingegen der Titeltrack an späterer Stelle gewohnte Trademarks ohne Überraschungen verarbeitet. „The Long Road North“ bietet nicht an jeder Ecke beispiellose Schauwerte – ihre Komfortzone verlassen die Skandinavier nur noch selten -, umschifft Langatmigkeit dafür mit dynamischen Strukturen und ausgedehnten Ruhephasen. Das überwiegend ruhige „Into The Night“, bei dem Gitarrist Fredrik Kihlberg zum Mikro greift, durchzieht etwa die gleiche DNA wie „Passing Through“ oder „And With Her Came The Birds“, lässt musikalisch allerdings auch etwas Post Rock à la CALLISTO durchschimmern.

Durch die Soundwand CULT OF LUNAs tritt mehr Wärme als zuvor

Gastsängerin Mariam Wallentin sorgte zuvor in „Beyond I“ mit ihrer vollen, durchdringenden Stimme bereits für den ersten von einigen Ruhepolen, welche „The Long Road North“ einen organischen, bisweilen gar menschlichen Charakter verleihen. Die monolithische Unnahbarkeit CULT OF LUNAs ist nicht mehr der dominante Stützpfeiler des Songwritings. Durch die neu entstandenen Fugen in der Soundwand tritt mehr Wärme als zuvor, wenn sich etwa „Blood Upon Stone“ nach dem traditionellen Auftakt zunächst für mehrere Minuten in sich kehrt, um dann langsam und doch bestimmt neuen Mut zu fassen.

Die resultierende Eruption ist so hoffnungserfüllt wie reinigend, als hätten CULT OF LUNA nach langer und beschwerlicher Reise gerade den höchsten Punkt der Strecke bezwungen. Der Blick nach vorne zeigt ein lichtdurchflutetes Tal – ein seltener Anblick im Klangkosmos der schwedischen Post-Metal-Veteranen. Aber auch eine Erinnerung, dass große Musik seinen Ursprung nicht nur im Kopf, sondern in den meisten Fällen etwas weiter südlich, nämlich im Herzen hat.

Veröffentlichungstermin: 11.02.2022

Spielzeit: 69:02

Line-Up

Johannes Persson – Vocals, Gitarre
Fredrik Kihlberg – Gitarre, Vocals
Kristian Karlsson – Keyboards, Vocals
Andreas Johansson – Bass
Thomas Hedlund – Drums, Percussion

Produziert von Johannes Persson und Daniel Berglund (Drums)

Label: Metal Blade / Red Crk

Homepage: https://www.cultofluna.com/
Facebook: https://www.facebook.com/cultoflunamusic

CULT OF LUNA “The Long Road North” Tracklist

01. Cold Burn (Video bei YouTube)
02. The Silver Arc
03. Beyond I
04. An Offering to the Wild
05. Into the Night (Video bei YouTube)
06. Full Moon
07. The Long Road North
08. Blood Upon Stone
09. Beyond II