CULT OF LUNA: Vertikal

CULT OF LUNA: Vertikal

Es gibt Visionen, die so zeitlos sind, so gnadenlos weit in die Ferne gerichtet, dass sie vermutlich niemals etwas von ihrer Relevanz einbüßen werden. Metropolis von Fritz Lang mag bald neunzig Jahre alt sein, die Ästhetik, die Optik, die Ideen, das alles ist immer noch so futuristisch, so dass die These durchaus stimmt, dass die Kunst in den zwanziger Jahren in Deutschland bereits weiter war als heutzutage. Die Faszination, die von Metropolis auch heute noch ausgeht, die fortbesteht, egal wie oft man den Film mit seinem stampfenden und dampfenden Rhythmus bereits gesehen hat, sie inspiriert immer noch viele Kunstschaffende, unter anderem Johannes Persson und den Rest von CULT OF LUNA, die sich nun endlich von ihrer mythischen Vergangenheit im finsteren Schweden gelöst haben und den nächsten Schritt wagen.

Eternal Kingdom und Eviga Riket, dieses folkloristische Mammutkonzept aus Klang, Literatur und Bildern, das ironischerweise nach der Zeit spielte, in der Metropolis gedreht wurde – Zeit und Raum werden hier ganz ignorant durcheinander gewirbelt – ist nun endlich verdaut, überstanden und Vergangenheit, so dass die Reise für CULT OF LUNA weiter gehen kann. Von der etwas rockigeren Ausrichtung des Vorgängers geht es zurück in die typische Welt der Band. Vertikal liegt irgendwo zwischen The Beyond, Salvation und Somewhere Along The Highway, es stampft, es schnaubt, es dampft, es pulsiert, es ist wie eine große, zum Leben erweckte futuristische Stadt, eine in Musik gepackte Dystopie, eine große Maschine, unter deren blechernem Äußeren allerdings organisches Leben pulsiert.

Gleich zu Beginn macht I: The Weapon deutlich, dass die Rückkehr zur Härte von The Beyond nicht inkonsequent ist, sondern Mittel zum Zweck. Und diese Heaviness kommt nicht nur hier vor, sondern sie zieht sich durch Vertikal, wird mitunter so brutal und erdrückend, dass das Atmen schwer fällt. CULT OF LUNA erzählen hier eine größere Geschichte, als es auf dem Konzeptwerk Eternal Kingdom der Fall war, wenn auch auf einer sehr abstrakten Ebene. Immer wieder sind kurze Einschübe zu hören, ob innerhalb der Songs oder mit elektronisch angehauchten Stücken wie The Sweep und Disharmonia. Die dritte Seite von Vertikal, sie klingt ein wenig nach der Welt des Freder Fredersen, harmonisch, betörend schön, scheint aber eingesperrt zu sein in einem prachtvollen Gebäude, deren Fenster nach draußen in die rußige Welt der Arbeiter zeigt. Somit ist die Maschinenwelt nicht unterirdisch, sondern das Zentrum der Stadt, die Vertikal erschafft.

Entsprechend kontrastreich ist die Musik. Auch wenn die minimalistisch-stampfende Seite überwiegt und auch wenn die Basis der Songs aus wenigen Riffs besteht, das Drumherum ist ein Dickicht aus Effekten und Sounds. Neben den mächtigen Gitarren bergen die Synthesizer ein enormes Potenzial: Mal klingen sie heavy und schwer wie ein Alarm, dann ist es wieder ein Schweben zwischen den Wolkenkratzern, weit oberhalb des Smogs dieser gigantischen Industriestadt. Jeder Ton auf Vertikal gibt ein gewisses Gefühl wieder und birgt Platz für mannigfaltige Interpretationen, die nicht unbedingt auf eine futuristische Großstadt abzielen müssen. Tatsache ist jedoch, dass CULT OF LUNA fast fünf Jahre nach Eternal Kingdom ein unwahrscheinlich starkes Album bieten, das beachtlich wächst und wahnsinnig gute Songs parat hat.

I: The Weapon ist der wütende, heftige Auftakt des Albums, der sich hypnotisch in das Unterbewusstsein gräbt und neben einer Menge fantastischer Riffs auch wunderbare melodiöse Elemente parat hat. Synchronicity ist reduziert und sehr dynamisch, Vicarious Redemption ist ein knapp zwanzigminütiges Monstrum, das leise beginnt, sich dann dreht und wendet, tonnenschwer alles niederwalzt und schließlich doch versöhnlich wirkt. Mit Mute Departure, das zunächst sehr bedrohlich und doch melancholisch klingt, und dem majestätischen In Awe Of, das einige wundervoll epische Momente im Stil von Somewhere Along The Highway besitzt, brillieren CULT OF LUNA so sehr wie selten zuvor. Passing Through ist schließlich das große Goodbye, ein Erwachen aus dieser Welt, ein atmosphärisches, fantastisch akzentuiertes Stück, das noch einen letzten großen Ausbruch erhoffen lässt, aber letzten Endes Vertikal doch albtraumhaft-surreal beendet.

Nahezu fünf Jahre nach Eternal Kingdom, das sich mittlerweile als erschöpftes Album herausgestellt hat, zeigen CULT OF LUNA, wie gut ihnen die lange Pause getan hat. Mit einer großen Vision ausgestattet ist das Ensemble wieder dort, wo es hingehört: An der Spitze des sogenannten Post Metal-Genres, in unerreichbarer Ferne für alle anderen Bands des Genres. Das liegt natürlich daran, wie sehr Johannes Persson seine Grundideen zur weiteren Verarbeitung freigibt, dass sein Wort nicht Gesetz ist, sondern sich auch vor allem Keyboarder Anders Teglund mit einer breiten Palette an Sounds austoben kann und dass Schlagzeuger Thomas Hedlund mit seinem erdigen, wuchtigen Spiel viele Akzente setzen kann. Der wie üblich sehr organische und erdige Sound ist der abschließend nötige Kontrast zur beinahe martialisch wirkenden Musik. Es bleibt kein Fragezeichen hinter diesem Album, bei dem es ganz einfach egal ist, dass die Innovationen fehlen: Vertikal ist eine triumphale Rückkehr.

Veröffentlichungstermin: 25. Januar 2013

Spielzeit: 68:29 Min.

Line-Up:
Johannes Persson – Guitars, Vocals
Magnus Lindberg – Drums, Studio-Engineering
Erik Olofsson – Guitars
Andreas Johansson – Bass
Anders Teglund – Keyboards, Electronics
Fredrik Kihlberg – Guitars, Vocals
Thomas Hedlund – Drums, Percussion

Produziert von CULT OF LUNA
Label: Indie Recordings

Homepage: http://www.cultofluna.com

Mehr im Netz: https://www.facebook.com/cultoflunamusic

Tracklist:
1. The One
2. I: The Weapon
3. Vicarious Redemption
4. The Sweep
5. Synchronicity
6. Mute Departure
7. Disharmonia
8. In Awe Of
9. Passing Through