ARCHITECTS: For Those That Wish To Exist at Abbey Road

Es ist ein Projekt nicht ohne Risiko: Mit Orchester und im Live-Setting wollen ARCHITECTS ihrem Album “For Those That Wish To Exist” neues Leben einhauchen. Die Rechnung geht auf: weil die Umsetzung kein Schnellschuss ist und weil das Ensemble dem Material neue Tiefe verleihen kann.

Manchmal fehlt uns nur ein einziges Puzzleteil zum Glück. Das kann ein gutes Getränk sein, ein Gespräch unter Gleichgesinnten oder einfach ein paar Minuten mehr, bevor der Wecker klingelt. In der Musik zeigt sich dieser Umstand derweil noch deutlicher: Ein gut platzierter Klangeffekt, ein kleines Detail an der richtigen Stelle, und schon hat die ehemals zweckdienliche Komposition ein ganz neues Level erreicht.

Solche Aha-Erlebnisse finden wir auf „For Those That Wish To Exist At Abbey Road“ an jeder Ecke, obwohl die Zeichen im Vorhinein nicht ausnahmslos günstig standen: ein komplettes Album am Stück als Live-Konzert aus dem Studio, unterstützt durch ein komplettes Orchester. An ähnlichen Konzepten haben sich vor ARCHITECTS schon einige Künstler die Zähne ausgebissen, zumal wir „For Those That Wish To Exist“ (2021) mit seiner gestriegelten Neuausrichtung musikalisch nicht zu den größten Errungenschaften der Briten zählen wollen.

Das Orchester erweist sich für das Material von “For Those That Wish To Exist” als wahrer Segen

Dass wir schnell eines Besseren belehrt werden, freut uns daher umso mehr: Als wären die 15 Songs des Studioalbums für eine Gelegenheit wie diese geschrieben worden, erweist sich die Einbindung des Orchesters als wahrer Segen: Unter der Führung von Dirigent Simon Dobson, der auch für die neuen Arrangements verantwortlich zeichnet, entfesselt das Ensemble in den Songs eine Energie, die selbst die modernste Studioproduktion nicht nachbilden kann. Durch den exzellenten Mix, der neben den Streichern auch die kraftvollen Blechbläser immer wieder in den Vordergrund holt, wird aus dem drückenden „Impermanence“ ein echter Orkan. Nur in absoluten Ausnahmefällen übertönt das Orchester dabei das Metal-Fundament, wenn in „Black Lungs“ etwa die Gitarren zeitweise vor dem Streicher-Teppich kapitulieren.

Störend ist das allerdings nicht, weil die neuen Spuren so viel zu entdecken bereithalten, dass wir regelrecht in das Album eintauchen wollen. Selbst eher minimalistische Stücke wie „Flight Without Feathers“ oder das eigenwillige „Demigod“ entfalten ganz neue Seiten, als hätten ARCHITECTS sie explizit für dieses Konzert komponiert. Den fehlenden Tiefgang des Studioalbums füllt „For Those That Wish To Exist at Abbey Road“ allerdings nicht einfach nur mit Bombast. Die vielen Ebenen der neuen Orchestrierung verkommen nicht zum Selbstzweck: Sogar das stampfende „Animals“ mit seinem ehemaligen Industrial-Flair wird durch die Kollaboration nicht entzaubert, während aufrüttelnde Stücke wie „Meteor“, „Giving Blood“ oder „An Ordinary Extinction“ die Synthesizer durch breitflächige Streicher ersetzen.

ARCHITECTS klingen wieder leidenschaftlich und elektrisierend

„For Those That Wish To Exist At Abbey Road” war auf dem Papier ein riskantes Projekt, das sich letztlich aber in jeder Hinsicht auszahlt: Die Performance der Band selbst ist auf den Punkt, Frontmann Sam Carter zeigt sich stimmlich auch im Live-Setting gefestigt und Gitarrist Josh Middleton (SYLOSIS) darf aus der zweiten Reihe ebenfalls ein paar markige Backing-Vocals beisteuern. ARCHITECTS klingen auf dieser Aufnahme so leidenschaftlich wie elektrisierend, dass die teils zu langen Pausen zwischen einzelnen Songs tatsächlich als größter Kritikpunkt herhalten muss. Eine Kleinigkeit, die den Flow des Konzerts nur in geringem Maße trübt.

„For Those That Wish To Exist“ hat sich in diesem dynamischen Gewand zumindest für uns vollständig rehabilitiert. Aber so ist das nun mal: Manchmal fehlt lediglich ein einziges Puzzleteil zum kompletten Glück – wer hätte gedacht, dass es in diesem Fall ausgerechnet ein Orchester ist.

Veröffentlichungstermin: 25.03.2022

Spielzeit: 61:56

Line-Up

Sam Carter –Vocals
Adam Christianson – Guitar, Backing Vocals
Josh Middleton – Guitar, Backing Vocals
Alex Dean – Bass
Dan Searle – Drums, Percussion

Simon Dobson & The Parallax Orchestra

Produziert von Chris Bolster, Chris Parker, Zakk Cervini (Live Audio Mix) und Simon Hendry (Orchestral Mix)

Label: Epitaph Records

Homepage: https://architectsofficial.com/
Facebook: https://www.facebook.com/architectsuk

ARCHITECTS “For Those That Wish To Exist at Abbey Road” Tracklist

1. Do You Dream Of Armageddon?
2. Black Lungs
3. Giving Blood
4. Discourse Is Dead
5. Dead Butterflies
6. An Ordinary Extinction
7. Impermanence (Livevideo bei YouTube)
8. Flight Without Feathers
9. Little Wonder
10. Animals
11. Libertine
12. Goliath
13. Demi God
14. Meteor
15. Dying Is Absolutely Safe