ARCHITECTS, NORTHLANE, SLEEP TOKEN: Konzertbericht – Zenith, München – 09.01.2023

Ganze vier Jahre liegt die letzte Deutschland-Tour der britischen Metalcore-Institution ARCHITECTS mittlerweile zurück. Mitgebracht hat man nun neben NORTHLANE und SLEEP TOKEN im Vorprogramm auch ganze zwei neue Studioalben, die im Münchner Zenith von einem euphorischen Publikum auf ihre Live-Qualitäten hin überprüft werden.

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Es gibt Tage, da scheint man Murphys Gesetz offenbar ganz für sich gepachtet zu haben. Wo einfach alles schief geht, was schief gehen kann: erst die frohe Botschaft, dass wir am nächsten Morgen nun kurzfristig für den Kollegen in der Arbeit einspringen müssen, dann nicht weniger als eine geschlagene Stunde Stau auf den letzten 500 Metern vor der Halle. Das Münchner Zenith mag zwar nicht ganz ausverkauft sein, das Interesse an ARCHITECTS und ihrem Support-Paket aus NORTHLANE sowie SLEEP TOKEN aber offenbar doch so groß, dass der Verkehr auf der Lilienthalallee zwischenzeitlich komplett zum Erliegen kommt. In mancherlei Hinsicht ist das durchaus nachvollziehbar, denn nicht nur liegt das letzte Gastspiel der britischen Modern Metal / Metalcore-Größe mittlerweile ganze vier Jahre zurück, auch zwei neue – obgleich qualitativ umstrittene – Alben hat das Quintett aus Brighton seitdem herausgebracht.

Die Neugier packt folglich auch uns, als wir endlich – nach einer gefühlten Odyssee und nun definitiv konzertreif – um kurz vor sieben die Pforte durchschreiten können, nur um direkt die nächste Hiobsbotschaft in Empfang zu nehmen: Nicht nur hat der Veranstalter den Konzertbeginn ohne vorherige Ankündigung nach vorne gezogen, auch unsere Fotografin wurde mitsamt einer Kollegin aufgrund eines Missverständnisses des Sicherheitspersonals zunächst vor der Halle vergessen. Murphys Gesetz eben: Was schief gehen kann, geht natürlich schief.


SLEEP TOKEN

Daher stehen SLEEP TOKEN bereits seit rund zehn Minuten auf der Bühne, als wir uns am Merchandise-Stand vorbei in den Bauch der alten Werkshalle wagen. Die ersten beiden Songs hätten wir verpasst, lässt uns der freundliche Metalhead zu unserer Linken wissen, während gerade das Intro von „Hypnosis“ den Saal ausfüllt. So bitter es sein mag: Den restlichen Auftritt vermiesen soll uns das hingegen nicht, obwohl wir die Briten natürlich gerne in voller Länge genossen hätten.

Trotz eher dezenter Lightshow zaubert die maskierte Formation um Frontmann Vessel nämlich eine ungemein faszinierende Atmosphäre auf die Bühne: die schwarzen Roben, die verzierten Gesichtsbedeckungen, die ausdrucksstarke Gestik, mit welcher der Bandkopf über die Bühne tänzelt; all das erweckt schon nach wenigen Momenten den Eindruck, als würden wir gerade einem obskuren Ritual beiwohnen.

Die musikalisch aus dem Rahmen fallenden SLEEP TOKEN treffen auf ein erstaunlich aufgeschlossenes Publikum

Der Mix aus Pop, Alternative und modernem Prog Metal ist live nicht zuletzt deshalb so vereinnahmend, weil die metallischen Eruptionen nochmal ein ganzes Stück drückender aus den Boxen schallen als auf Platte. Einen großen Anteil daran hat Schlagzeuger II, der durch sein abwechslungsreiches wie tightes Drumming auch in München zum heimlichen Star der Formation avanciert. Selbst noch so kleine Nuancen auf dem Drumpad spielt der namenlose Schlagzeuger wahlweise mit Gefühl oder Elan, um den ausdrucksstarken Gesang Vessels in „The Love You Want“ stets entsprechend zu untermalen.

Obwohl die gesamte Rhythmussektion in der soundtechnisch berüchtigten Zenith-Halle nur leidlich differenziert beim Publikum ankommt, zeigt sich selbiges erstaunlich aufgeschlossen für genrefremde Klänge: Nicht nur im abschließenden „The Offering“ klatschen die Münchner bereitwillig mit, bevor SLEEP TOKEN nach einem eigentlich viel zu kurzen Gastspiel unter ungewohnt lautem Beifall gebührend verabschiedet werden.

SLEEP TOKEN Setlist – ca. 30 Minuten

1. Chokehold
2. Alkaline
3. Hypnosis
4. The Love You Want
5. Higher
6. The Offering


NORTHLANE

Bei einem solch warmherzigen Empfang für den stilistisch doch aus dem Rahmen fallenden Opening Act müssen sich NORTHLANE 20 Minuten später folglich keinerlei Sorgen machen. Die Australier haben ganz offensichtlich schon mit dem einleitenden „Clarity“ die Masse für sich gewonnen: Sänger Marcus Bridge teilt bereits nach drei Minuten die Menge für den bevorstehenden Breakdown, als näherten wir uns dem Höhepunkt des Sets. Die bayerische Landeshauptstadt zieht da freudig mit, auch weil der elektronisch angereicherte Metalcore im Live-Format ohne lange Vorlaufzeit mitzureißen weiß.

Zwar sind NORTHLANE ihrerseits nicht gänzlich vor den schwierigen Klangverhältnissen gefeit, werfen dank Bridges hellem Gesang aber eine verlässliche Rettungsleine aus, die uns sicher durch die Songs führt. Dabei wechselt das Quartett zwischen Härte und belebender Synth-Arbeit, was mal mit ordentlich Drive den Pit anheizt („Plenty“), mal durch repetitiv angelegte Electronic-Fundamente zum Tanzen einlädt („Clockwork“, „Echo Chamber“).

Weder NORTHLANE selbst noch die Fans halten heute für längere Zeit still

Verantwortlich für die digitalen Elemente zeichnet auch heute Abend Gitarrist Jon Deiley, der hin und wieder das Saiteninstrument gegen MIDI-Controller bzw. Drum Pad tauscht und dank seines über die untere Gesichtshälfte gezogenen Halsschlauchs auch optisch markante Akzente zu setzen weiß. Dabei ist der Musiker am rechten Rand nicht der einzige Aktivposten auf der Bühne: Währen Drummer Nic Pettersen regelmäßig die Haare fliegen lässt, übt sich Gitarrist Josh Smith in fast schon kung-fu-artiger Bühnenakrobatik.

Die Motivation stimmt also sowohl auf als auch vor den Brettern: Weder NORTHLANE selbst noch die unermüdlichen Fans im Zentrum halten zu Songs wie „4D“ oder „Talking Heads“ für längere Zeit still. Ob nun geklatscht, gesprungen oder gepflegt gemosht wird: Die Songauswahl kommt im Zenith gut an, obwohl – oder vielleicht sogar weil – sich die Gruppe vorwiegend auf die beiden jüngsten Alben „Obsidian“ (2022) sowie „Alien“ (2019) verlässt. Wir jedenfalls lassen uns gerne von der Energie innerhalb der Lokalität anstecken, die nach 40 kurzweiligen Minuten nun spürbar bereit für das eigentliche Haupt-Event ist.

Fotogalerie: NORTHLANE


ARCHITECTS

In der vorderen Hälfte des Zenith ist es mittlerweile spürbar enger geworden: Einzig in den Seitenschiffen der Halle ist das Gedränge in Bühnennähe noch halbwegs überschaubar, als ARCHITECTS nach dem Intro „Do You Dream of Armageddon?“ mit dem drückenden „Black Lungs“ direkt das Gaspedal durchtreten. Eine riesige LED-Wand bildet den Hintergrund des zweistöckigen Sets, auf dessen Emporen zu beiden Seiten Schlagzeug bzw. Synthesizer und Percussion aufgebaut sind. Für Letztere haben sich die Briten für die aktuelle Tour mit Ryan Burnett einen befreundeten Musiker ins Boot geholt, der hin und wieder auch zur dritten Gitarre greifen soll.

Das vordere Ende der Bühne beschließt derweil ein kurzer Catwalk, auf dem Frontmann Sam Carter – heute mit Absatz und markantem Make-up um die Augenpartie – den Kontakt zum geradezu ekstatischen Publikum sucht. Selbiges frisst dem umjubelten Sänger dann auch direkt aus der Hand, als dieser schon im ersten Stück die Münchner:innen in die Hocke diktiert, um zum krachenden Breakdown auf und ab zu springen. Der Startschuss hallt somit laut und mächtig durch die Lokalität, weshalb es im Folgenden nur noch turbulenter zu werden scheint: Das stampfende „Modern Misery“ singen die Fans textsicher mit, bevor „Be Very Afraid“ den ersten Circle Pit geradezu herausfordert.

Weder ARCHITECTS noch der ausgelassenen Stimmung können die schwierigen Soundverhältnisse etwas anhaben

Bereits die ersten Minuten zeigen deutlich auf, wie sehr Band und Anhänger:innen diesem Abend herbeigesehnt haben. Während Carter leidenschaftlich singt, schreit und zwischendurch gar markige Growls ertönen lässt, bricht im Zentrum vor ihm ein ums andere Mal die Hölle los. Dass die Backing Vocals von Gitarrist Josh Middleton dabei im abermals unglücklichen Soundmix untergehen, ist bedauerlich, aber wir sind die Misere im Zenith mittlerweile gewöhnt. Da lediglich Schlagzeug und Lead-Gesang wirklich klar zu erkennen sind, können wir fast schon froh sein, dass der Großteil der Setlist heute Abend aus aktuellem Material besteht, das sich überwiegend auf simple und dabei groovende Riffs verlässt.

Zunächst aber lösen ARCHITECTS mit dem stets mitreißenden Klassiker „These Colours Don’t Run“ spontanen Jubel aus, bevor der Blick dann fürs Erste auf die jüngeren Schaffensperioden gerichtet wird. Die Energie in der Halle lässt dabei keineswegs nach, wenn die hochmotivierten Fans zur Modern-Metal-Hymne „Meteor“ oder dem wütenden Rocker „Giving Blood“ unermüdlich springen oder in „Tear Gas“ die Fäuste recken. Besonders gelungen ist die visuelle Untermalung derweil in „Deep Fake“, wo rhythmisch aufblitzende Visuals auf der Videotafel die Erwartungshaltung vor dem Breakdown besonders effektiv in die Höhe schraubt.

Setdesign und Show haben ARCHITECTS stark auf Frontmann Sam Carter zugeschnitten

Es ist also schon nach der ersten Dreiviertelstunde offensichtlich, dass ARCHITECTS auch mit ihrem neuen, nicht überall gleichermaßen geliebten Material die Massen bewegen können. Zwischen Crowdsurfern und hunderten Herz-Gesten aus der Menge fühlt sich die Modern Metal / Metalcore-Größe sichtlich wohl, weshalb es heute auch niemand allzu eilig hat: Ganze 24 Songs stehen auf der Setlist – und damit rund zwei Stunden Vollbedienung, die nur wenig Raum zum Luftholen lässt. Die seltenen Ansagen nutzt Sam Carter dafür ausgiebig, wenn er vor „Discourse Is Dead“ etwa zu einem mehrminütigen Monolog über seelische Gesundheit ansetzt.

Auch ansonsten bleibt der Frontmann durch das Setdesign und seine eher im Hintergrund agierenden Mitstreiter der primäre Fixpunkt der Show. Die Rolle des Entertainers meistert der engagierte Shouter dafür mit Routine und aufrichtiger Spielfreude, schlägt nur im balladesk angehauchten „Dead Butterflies“ etwas über die Stränge, als er die Zuschauerschaft auffordert, mit den Händen eine Art Schmetterling zu formen.

Mit einem kleinen Akustik-Block gönnen ARCHITECTS ihren Fans einen Moment Intimität

Letzten Endes ist das aber schnell vergessen, da die Show ansonsten absolut rund läuft. Zwar verzichten ARCHITECTS im Vergleich zur Tour 2019 vollständig auf Spezialeffekte wie Feuer, Flitter, CO2-Jets oder Laser, bringen dafür allerdings dank der abwechslungsreichen Lichtshow und den starken Visuals eine Vielzahl an Stimmungen zum Ausdruck – und das nicht nur, wenn etwa während „A New Moral Low Ground“ das künstlerische-abstrakte Musikvideo mitläuft.

Dass nicht einmal die härtesten Fans zwei Stunden Vollgas geben können, versteht sich von selbst, weshalb die sechs Musiker vor der Finalstrecke noch einmal das Tempo reduzieren. Das in Auszügen vorgetragene „Memento Mori“ sowie „A Wasted Hymn“ werden mit Pianobegleitung im Akustikgewand vorgetragen, bevor im anfangs ebenfalls zurückgenommenen „Burn Down My House“ plötzlich doch die komplette Rockbesetzung hinzustößt. So können die Feuerzeuge noch rechtzeitig zurück in die Tasche wandern, damit es im explosiven Finale „Hereafter“ und „Doomsday“ nicht zu ungewollten Unfällen kommt.

Mehr als zwei Stunden lang halten ARCHITECTS das Energielevel hoch

Obwohl wir uns der Zwei-Stunden-Marke nähern, kehren ARCHITECTS nach kurzer Pause für einen nicht minder intensiven Zugaben-Block zurück, der mit dem mächtigen „Nihilist“ so stark beginnt, wie das Haupt-Set aufgehört hatte. Eigentlich sind wir ja zu diesem Zeitpunkt bereits gut bedient, freuen uns aber immerhin darüber, dass uns das punkige „When We Were Young“ dank der präsenten Lead-Gitarre live deutlich mehr mitzunehmen weiß als in seiner Studioversion.

Und genau hiermit hadern wir nach diesem Marathon von einem Konzertabend ein wenig: Insgeheim hatten wir gehofft, dass uns die energetische Live-Performance ARCHITECTS‘ in Bezug auf das neuere Materials etwas zum Umdenken bewegt. Gelungen ist das letztlich nur in Teilen; wohl auch wegen Perlen wie „Broken Cross“, „Nihilist“ oder „A Match Made In Heaven“, die uns inmitten der schnörkellos angelegten aktuellen Stücke daran erinnern, weshalb wir uns seinerzeit in die Musik der Band verliebt hatten.

ARCHITECTS finden nach wie vor den Draht zum Publikum

Aber heute – und auch das wollen wir nicht unterschlagen – sind wir mit diesem Fazit ganz offensichtlich in der Unterzahl. Stattdessen sehen wir nun eine ganze Menge verschwitzter und vor allem zufrieden strahlender Gesichter Richtung Parkplatz marschieren. Es ist das Werk der unbändigen Live-Energie, der sich gerade eben rund vier bis fünftausend Müncher:innen mit Haut und Haaren hingegeben haben. Und obschon wir diesen Abend nicht mit der gleichen vollumfänglichen Begeisterung in Erinnerung behalten wie das Gastspiel vor vier Jahren, so hat eine Tatsache auch heute festen Bestand: Es mag Tage geben, an denen wirklich alles schief geht, was schief gehen kann. Doch selbst dann sieht nach einer Show wie dieser die Welt meist ein kleines bisschen besser aus.

ARCHITECTS Setlist – ca. 125 Minuten

1. Do You Dream Of Armageddon? (Intro)
2. Black Lungs
3. Modern Misery
4. Be Very Afraid
5. These Colours Don’t Run
6. Deep Fake
7. Tear Gas
8. Giving Blood
9. Impermanence
10. Meteor
11. Discourse Is Dead
12. Broken Cross
13. Little Wonder
14. A New Moral Low Ground
15. Dead Butterflies
16. Royal Beggars
17. A Match Made In Heaven
18. Memento Mori (Akustik; Auszug)
19. A Wasted Hymn (Akustik)
20. Burn Down My House
21. Hereafter
22. Doomsday
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23. Nihilist
24. When We Were Young
25. Animals

Fotogalerie: ARCHITECTS

Fotos: Tatjana Braun (https://www.instagram.com/tbraun_photography/)