NORTHLANE: Obsidian

NORTHLANE haben keine Lust, die immergleichen Metalcore-Trademarks wiederzukäuen: Die Australier wollen sich auf “Obsidian” vielmehr permanent neu erfinden, was dem Album Originalität beschert, aber zugleich ein richtiges Profil vermissen lässt.

„Wer rastet, der rostet.“, heißt es so schön im Volksmund. Als läge es in unserer Natur, immerwährend nach Neuem zu streben – mit Pioniergeist und dem Blick gen Horizont. Die Realität sieht oftmals etwas anders aus, aber ein wahrer Kern steckt schon in der Aussage, die sich NORTHLANE auf ihrem sechsten Album zu Herzen genommen haben. Anstatt weitgehend erschlossenen Pfaden zu folgen, bahnen sich die Australier einen eigenen Weg, der sie vom modernen Metalcore in eine immer experimentellere Richtung führt.

„Obsidian“ setzt wie viele Genre-Werke dieser Tage auf Synthesizer und elektronische Elemente, integriert diese aber auf einer fundamentalen Ebene: Die Beats und Sounds haben strukturellen Charakter, während die EDM-Einflüsse ihre Spuren gar im Songwriting hinterlassen. „Abomination“ etwa durchzieht ein repetitiver Synth-Loop, der den Track aller Metalcore-Einflüsse zum Trotz durchgehend tanzbar hält. Wiederholung als Stilmittel findet sich darüber hinaus in der Single „Echo Chamber“, während „Clockwork“ mit catchy Programming und Gesangslinien einen nicht minder discotauglichen Ansatz wählt.

Gerade weil NORTHLANE sich ständig neu erfinden wollen, kann “Obsidian” keine richtige Identität entwickeln

NORTHLANE verlassen sich auf „Obsidian“ aber keineswegs auf nur ein bestimmtes Schema: Statt das immergleiche Erfolgsrezept wiederzukäuen, lässt bereits „Clarity“ zu Beginn des Albums mit Blastbeats, mechanischem Drumming, eindringlichen Vocals und auflockernden Verschnaufpausen die Spannung sechs Minuten lang zusehends ansteigen. „Plenty“ wiederum verwebt den elektronischen Unterbau mit tief gestimmten Gitarren und technischem Riffing, wohingegen in „Is This A Test?“ eine für den Industrial typische Gefühlskälte das Ruder übernimmt.

Das ist gewollt, artikuliert allerdings auch den großen Haken an „Obsidian“: Indem sich NORTHLANE innerhalb ihres Rahmens ständig neu erfinden wollen, fällt es dem Album schwer, eine in sich geschlossene Identität zu entwickeln. Wir rechnen dem Quartett zwar durchaus hoch an, neue Grenzen erschließen zu wollen, vermissen gleichzeitig aber den emotionalen Zugang, den dieser experimentelle Ansatz mit sich bringt. Es mangelt gemessen an der Gesamtspielzeit der Platte an griffigen Arrangements und Hooks, die uns auch abseits stickiger Nachtclubs im Stroboskop-Gewitter zu packen vermögen. Die vergleichsweise ruhigen „Nova“ sowie „Inamorate“ sind deshalb aufgrund ihres geradlinigen Ansatzes eine willkommene Abwechslung. „Cypher“ macht diesbezüglich ebenfalls einiges richtig, auch weil Sänger Marcus Bridge dem unterkühlten Track leidenschaftliche Clean-Vocals entgegensetzt.

Für NORTHLANE ist auf der Stelle treten keine Option

„Obsidian“ verbucht also für das aufgeschlossene und synth-affinen Metalcore-Publikum einiges auf der Haben-Seite, wenngleich das Album letzten Endes unvollendet bleibt: Der Drang nach Neuem sorgt dafür, dass nicht immer alle Versatzstücke perfekt ineinandergreifen. Es ist fast so, als befänden sich NORTHLANE derzeit mitten in einem Prozess, dessen Endresultat sie selbst noch nicht absehen können. Wohin es die Band letzten Endes musikalisch verschlägt, bleibt also abzuwarten. Sicher ist wohl aber, dass sich auch in Zukunft keine rostigen Flecken auf dem modern polierten Soundgerüst ablagern werden. Denn stehenbleiben oder gar eine Pause machen wollen NORTHLANE selbst mit dem sechsten Studioalbum noch lange nicht.

Veröffentlichungstermin: 22.4.2022

Spielzeit: 56:15

Line-Up

Marcus Bridge – Vocals
Jon Deiley – Guitar, Bass, Proghramming
Josh Smith – Guitar
Nic Pettersen – Drums, Percussion

Produziert von NORTHLANE, Chris Blancato, Adam „Nolly“ Getgood (Mix) und Ermin Hamidovic (Mastering)

Label: Believe

Homepage: https://northlaneband.com/
Facebook: https://www.facebook.com/northlane

NORTHLANE “Obsidian” Tracklist

  1. Clarity
  2. Clockwork (Video bei YouTube)
  3. Echo Chamber (Video bei YouTube)
  4. Carbonized (Video bei YouTube)
  5. Abomination
  6. Plenty (Visualizer bei YouTube)
  7. Is this a Test?
  8. Xen
  9. Cypher
  10. Nova
  11. Inamorata
  12. Obsidian
  13. Dark Solitaire