ARCHITECTS: For Those That Wish To Exist

Die Metalcore-Größe entledigt sich vieler ihrer Trademarks und verlässt das Genre ein Stück weit in Richtung Modern Metal. Leider marschieren ARCHITECTS dort aber nur auf bereits erschlossenen Pfaden.

„I want to sing you a different song, one that’s easier to swallow.” Eine Metapher wie eine Drohung, die ARCHITECTS im Handumdrehen und auf Albumlänge in die Tat umsetzen. Die Warnung kommt jedoch zu spät: Als uns Sam Carter in „Little Wonder“ diese Zeilen entgegenwirft, sind wir schon längst desillusioniert.

Dabei kommt die Veränderung ja alles andere als überraschend: Nach dem ergreifenden Abschiedsbrief „Holy Hell“ (2018) an den zwei Jahre zuvor verstorbenen Gitarristen und Songwriter Tom Searle musste irgendwann der Bruch kommen. „For Those That Wish To Exist“ soll die erste Seite eines neuen Kapitels sein – wie radikal dieser Schritt ausfallen würde, war jedoch lange Zeit nicht abzusehen.

ARCHITECTS schreiben jetzt Songs für Arenen und Stadien

Nach bald einer Dekade an der Spitze des Genres, dem ARCHITECTS mit „Lost Forever // Lost Toegether“ (2014) und „All Our Gods Have Abandoned Us“ (2016) neue Impulse und eine ganze Schar an Nachahmern beschert haben, entledigen sich die Briten vieler ihrer Trademarks und verlassen den Metalcore ein Stück weit in Richtung Modern Metal samt breit angelegter Arrangements – hörbar geschrieben für Arenen und Stadien. ARCHITECTS sind beileibe nicht die Ersten, die diesen Schritt wagen, im Gegensatz zu den Landsmännern von BRING ME THE HORIZON erschließen sie aber weder unbekannten Boden noch sprengen sie Grenzen.

Vielmehr stützt sich „For Those That Wish To Exist” auf bekannte Stilmittel: Die Komplexität der Gitarren wurde deutlich zurückgefahren, um Platz für mehrschichtige Synthesizer und groß angelegte Refrains zu machen. Immerhin macht das die Platte mit ihren 15 Tracks zum abwechslungsreichsten Werk der Diskografie. Und tatsächlich, die Neuausrichtung kann funktionieren: Auf der Powerballade „Dead Butterflies“, die entrückte Synthesizer mit erhabenen Blechbläser-Arrangements verschmilzt, trifft nicht nur Frontmann Sam Carter die richtigen Töne.

Hier zeigt sich auch die Klasse von Drummer Dan Searle, der verspielte und abwechslungsreiche Patterns immer dann aus dem Handgelenk schüttelt, wenn sich die Gitarren zugunsten der Keyboards zurücknehmen. Das hören wir besonders gut im kantigen Rocker „Giving Blood“ und „An Ordinary Extinction“, wo aber auch schon bald die größte Schwäche im Songwriting deutlich wird.

“For Those That Wish To Exist” setzt auf die immergleichen Stilmittel

ARCHITECTS setzen zu oft auf die immergleichen Stilmittel: Die Strukturen bleiben trotz Effekt-Overkill zu glatt, Rhythmik sowie Riffing gestalten sich deutlich simpler als in der Vergangenheit und die allgegenwärtige laut-leise-Dynamik spiegelt sich im Gesang Sam Carters, welcher die sanfte Kopfstimme gegen die Rampensau ausspielt. Weil das nahezu ausnahmslos in der Gestalt eingängiger und glatter Melodiebögen passiert, verliert „For Those That Wish To Exist“ die Einzigartigkeit, welche die Vorgänger geprägt hatte.

An die Aggression früherer Zeiten knüpft lediglich „Discourse Is Dead“ an, bis der Song im Refrain ebenfalls in Schönheit stirbt. Irgendwie ist es bezeichnend, dass die härtesten Beiträge des Albums von den Gästen stammen: Das sonst unspektakuläre „Impermanence“ zermalmt ein fantastischer Winston McCall (PARKWAY DRIVE) innerhalb von 30 Sekunden, während ausgerechnet BIFFY CLYROs Simon Neil (!) mittels gellender Screams dem soliden „Goliath“ etwas Feuer unter dem Hintern machen muss.

Über weite Strecken klingen ARCHITECTS erschreckend generisch

Wo ist er also hin, der Killerinstinkt, mit dem ARCHITECTS die Szene in kreativer Hinsicht über Jahre dominiert haben? Es ist ja nicht so, als hätte das Quintett keine Ideen mehr: Der 80er Synth-Beat im Hintergrund von „Little Wonders“ ist prinzipiell nicht verkehrt, das massive Industrial-Riff von „Animals“ trifft wie ein Vorschlaghammer, die Modern Metal-Hymne „Meteor“ mausert sich trotz seiner unsäglichen Millennial Whoops zum Ohrwurm, die abschließende Ballade “Dying Is Absolutely Safe” ist kitschig, aber schön und „Black Lungs“ immerhin ein solider und spaßiger Metalcore-Hit.

Nur: Genug ist das im Jahr 2021 nicht; kaum ein Song sticht aus dem Genre-Standard wirklich hervor. Schlimmer noch, ARCHITECTS klingen über weite Strecken erschreckend generisch, egal ob sie während „Flight Without Feathers“ kurzzeitig im Pop mäandern oder in „Demi God“ gelangweilt im gemäßigten Midtempo herumeiern.

Mit “For Those That Wish To Exist” bleiben ARCHITECTS weit unter ihren Möglichkeiten

„It feels like a glass half empty.“, heißt es dort. Für “For Those That Wish To Exist” ist das fast noch schmeichelhaft. Denn obgleich ein Großteil der Metalcore-Künstler mit solch einem Werk mehr als gut leben könnte, ist es für die Band aus Südengland doch gerade so am Existenzminimum – und auch wenn sich ARCHITECTS mit diesem Album eigentlich gar nicht mehr wünschen, kann das ja für Genre-Pioniere dieses Kalibers nicht der Anspruch sein.

Veröffentlichungstermin: 26.02.2021

Spielzeit: 58:29

Line-Up

Sam Carter –Vocals
Adam Christianson – Guitar, Backing Vocals
Josh Middleton – Guitar, Backing Vocals, Production
Alex Dean – Bass, Keyboards, Drum Pad
Dan Searle – Drums, Percussion, Programming, Production

Produziert von Dan Searle und Josh Middleton

Label: Epitaph Records

Homepage: https://www.architectsofficial.com/
Facebook: https://www.facebook.com/architectsuk

ARCHITECTS “For Those That Wish To Exist” Tracklist

01. Do You Dream Of Armageddon?
02. Black Lungs (Video bei YouTube)
03. Giving Blood
04. Discourse Is Dead
05. Dead Butterflies (Video bei YouTube)
06. An Ordinary Extinction
07. Impermanence
08. Flight Without Feathers
09. Little Wonder
10. Animals (Video bei YouTube)
11. Libertine
12. Goliath
13. Demi God
14. Meteor (Video bei YouTube)
15. Dying Is Absolutely Safe