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MESHUGGAH: Immutable

MESHUGGAH setzen auf Konstanz statt Revolution und vermögen es mit “Immutable” vielleicht auch deshalb, ihr Material aller Komplexität zum Trotz zugänglich zu halten.

Sprechen wir kurz über das unangenehme D-Wort. Den gigantischen Einfluss, den MESHUGGAH in ihren kreativen Jahren von „I“ (2004) über „Catch Thirtythree“ (2005) bis „ObZen“ (2008) als Innovatoren für den modernen Extrem-Metal hatten, kann man wohl nicht genug herausstellen. Dass daraus ein ganzes Subgenre hervorgegangen ist, spricht Bände. Dass das lautmalende Label „Djent“ dabei noch immer vielerorts verpönt ist, mag wiederum auch auf seinen inflationären Gebrauch durch die moderne Metalszene zurückzuführen sein. Es ist eben nicht alles Gold, was glänzt; geschweige denn MESHUGGAH, was den charakteristischen Gitarrensound zu imitieren sucht.

Obwohl die schwedischen Pioniere ihrerseits in den letzten Jahren vielleicht nicht selbstgefällig, aber doch eher routiniert zu Werke gegangen sind, wäre es doch ein Fehler, die Qualitäten der Formation zu unterschätzen: MESHUGGAH müssen den Metal nicht mehr revolutionieren, solange ihnen als Erfinder dieses ureigenen Sounds niemand das Wasser reichen kann. Das zeigt sich auch schnell auf „Immutable“, das alle üblichen Trademarks und Buzzwords von Polyrhythmik bis „Djent“-Riffing auf geradezu natürliche Weise ineinanderfließend lässt.

MESHUGGAH halten ihr Material aller Komplexität zum Trotz erstaunlich zugänglich

Dabei müssen MESHUGGAH keinerlei Kompromisse eingehen, um das Material aller Härte und Komplexität zum Trotz doch irgendwie zugänglich zu halten. Das mag auch daran liegen, dass sich das Album oftmals Zeit und die Strukturen atmen lässt. Angesichts der stolzen Laufzeit von rund 66 Minuten vielleicht sogar zu sehr – ein etwas strafferer Spannungsbogen wäre womöglich sogar gewinnbringend gewesen.

Aber MESHUGGAH machen das Beste draus, wenn wir mal die etwas dynamikarme Produktion ausklammern: Der Opener „Broken Cog“ funktioniert als Song und Intro zugleich, indem er dank ominöser Leadgitarren und bedrohlich geflüsterter Vocals eine beklemmende Atmosphäre kreiert. Eine Steilvorlage, um anschließend mit recht klassischem Material nachzulegen: „The Abysmal Eye“, „God He Sees In Mirrors“ sowie „Light The Shortening Fuse“ sind typische Band-Kost, die ihren Zweck erfüllt und mit der die Schweden auch langjährige Fans mit nur ein paar Takten ins Boot holen.

Nicht erst mit “Immutable” haben MESHUGGAH ihre eigene Philosophie salonfähig gemacht

Während „Ligature Marks“ mit seinen tief gestimmten Gitarren wie Hammerschläge trifft und gleichzeitig versucht, das musikalische Konzept der Band auf das absolut Nötige herunterzubrechen, badet das neuneinhalbminütige Instrumental „They Move Below“ in der bedrückenden Atmosphäre, die schon zu Beginn des Albums heraufbeschworen wurde. Dass es darüber hinaus keine wirklichen Überraschungen gibt, können wir gut verschmerzen. Schließlich bleibt Drummer Tomas Haake auch auf „Immutable“ eine Klasse für sich; die Riffs, Soli und harschen Vocals unverwechselbar MESHUGGAH.

Das allein ist ja schon Prädikat genug, wenngleich „Immutable“ gemessen an vergangenen Glanzstücken nicht der ganz große Wurf ist. Dafür findet das Album mit „Past Tense“ einen ungewohnt leisen Abschluss, welcher nach zwölf fordernden Stücken endlich Gelegenheit gibt, die zahlreichen Eindrücke der vorausgegangen 60 Minuten zu verarbeiten. Das erfordert anno 2022 zwar nicht mehr so ganz so viele grauen Zellen, wie es bisweilen in der Vergangenheit der Fall war, stellt dabei aber auch eine weitere Stärke MESHUGGAHs heraus: Sie haben den modernen Extreme Metal salonfähig gemacht, ohne ihre Philosophie aufzugeben oder irgendwelche Kompromisse einzugehen. Vor diesem Hintergrund ist dann auch das verpönte „D-Wort“ plötzlich kein ungewolltes Nebenprodukt mehr, sondern eine unumstößliche Konsequenz: „Djent“ als ultimative Huldigung der Errungenschaften MESHUGGAHs? Es gibt wahrlich schlimmere Bürden zu tragen.

Veröffentlichungstermin: 1.14.2022

Spielzeit: 66:43

Line-Up

Jens Kidman – Vocals
Mårten Hagström – Gitarre
Fredrik Thordendal – Gitarre
Dick Lövgren – Bass
Tomas Haake – Schlagzeug

Produziert von Rickard Bengtsson, Staffan Karlsson und Vlado Meller (Mastering)

Label: Atomic Fire Records

Homepage: https://www.meshuggah.net/
Facebook: https://www.facebook.com/meshuggah

MESHUGGAH “Immutable” Tracklist

01. Broken Cog (Video bei YouTube)
02. The Abysmal Eye (Video bei YouTube)
03. Light The Shortening Fuse (Stream)
04. Phantoms
05. Ligature Marks
06. God He Sees In Mirrors
07. They Move Below
08. Kaleidoscope
09. Black Cathedral
10. I Am That Thirst (Audio bei YouTube)
11. The Faultless
12. Armies Of The Preposterous
13. Past Tense