BLEED FROM WITHIN, HUMANITY’S LAST BREATH, ALLT: Konzertbericht – Hansa 39, München – 12.12.2022

In der stressigen Vorweihnachtszeit müssen wir allen hin und wieder etwas Dampf ablassen. Ein Glück also, dass BLEED FROM WITHIN auch an uns denken und dem Münchner Feierwerk auf ihrer Europatournee einen Besuch abstatten. Mit dem bockstarken “Shrine” (2022) im Gepäck war es fast zu erwarten, dass die Schotten hier vor ausverkauftem Haus spielen würden.

“Endlich wieder normale Leute!” Was BLEED FROM WITHIN-Sänger Scott Kennedy später so prägnant und verschmitzt in deutscher Sprache auf den Punkt bringt, ist für uns in der stressigen Vorweihnachtszeit tatsächlich ein kleiner Segen. Wo wir doch alle hin und wieder ein Ventil zum Dampf Ablassen brauchen, wirkt so ein Abend unter Gleichgesinnten wahre Wunder. Da die Schotten eine solche Gelegenheit auch noch zum kleinen Preis anbieten, lassen wir uns nicht zweimal bitten, das starke Material des aktuellen Albums „Shrine“ (2022) im Live-Format anzutesten. Allein sind wir mit diesem Vorhaben übrigens nicht: Die Show im Münchner Hansa 39 ist restlos ausverkauft, die Schlange vor der Tür bei unserer Ankunft bereits ein Paar Dutzend Meter lang.

Trotz Minusgraden allerdings keine große Sache, denn der Einlass geht zügig voran, so dass die früh angereisten Besucher bald die Bar und kurz darauf den Merchandise-Stand belagern, wo es frische Kleidung zu mittlerweile üblichen Branchenpreisen gibt. Ein Shirt für 30,-€ klingt natürlich teuer, ist leider aber mittlerweile vielerorts die Realität. Während wir uns also noch in der gemütlichen Halle einen Überblick verschaffen, gehen plötzlich und unerwartet bereits um halb acht die Lichter aus.


ALLT

Dass ALLT ganze 30 Minuten vor offiziellem Showbeginn – so stand es noch am Veranstaltungstag auf der Website der Lokalität – die Bühne entern, kommt uns persönlich an einem Werktag zwar entgegen, ist aufgrund der fehlenden Kommunikation jedoch ein Unding. Das Hansa 39 ist zu diesem Zeitpunkt zwar nicht leer, aber doch relativ dünn besetzt. Bedauerlich ist das vor allem, weil die Schweden mit ihrem progressiven Metalcore ein echter Geheimtipp sind, der im Live-Format nochmals eine ganze Nummer eindringlicher wirkt als auf Platte.

Das merkt auch das Münchner Publikum nach nur wenigen Takten: Mit einem instrumental gehaltenen Auftakt und atmosphärischen Synthesizern kreieren ALLT schnell eine ureigene Atmosphäre, welche zwischen tief gestimmten Gitarren, Djent-Anleihen und rhythmischen Spielereien („Rupture“) dennoch einen neuen Zugang zum Genre findet. Dank Groove und fetten Breakdowns bleibt das Material zwar eingängig, lässt uns dank der progressiven Elemente, die enorm vom glasklaren Sound profitieren, allerdings auch in anderen Sphären schwelgen.

Trotz des frühen Starts ziehen ALLT das Publikum schnell auf ihre Seite

Eine solche Balance problemlos hinzubekommen ist sicherlich nicht einfach, gelingt ALLT mit Charisma und Spielfreude indes ohne Weiteres: Frontmann Robin gibt sich zwischen den Songs authentisch, während er ansonsten mit kraftvollen Shouts und zwischendurch ein paar wenigen leise gesprochenen Passagen den Ton angibt. Diese Mischung kommt an, weshalb die vorderen Reihen schon in „Quietus“ erstmals auf und ab springen, bevor „The Deep Blue Silent“ dem bislang meist groove-orientierten Sound durch ein paar Blasts Feuer unterm Hintern macht.

Zum Ende der halbstündigen Show haben ALLT dann offenbar komplett München auf ihrer Seite: Beim atmosphärischen Intro zu „Blindsight“ klatscht man noch freudig mit, nur um sich dann bereitwillig von den harten Ausbrüchen der Skandinavier plätten zu lassen. Kein Wunder also, dass mit Century Media erst kürzlich ein namhaftes Label die Fühler nach den Newcomern ausgestreckt hat.

ALLT Setlist – ca. 30 Minuten

1. Odium
2. Rupture
3. Paralyzed
4. Quietus
5. The Deep Blue Silent
6. Blindsight

Fotogalerie: ALLT


HUMANITY’S LAST BREATH

In dichten Nebel getaucht schälen sich die Silhouetten der beiden Gitarristen hervor, während der Chorgesang des instrumentalen „Dödgud“ diesem Bild einen regelrecht fatalistischen Anstrich verleiht. Visuell hat das Auftreten der Band durchaus etwas von zeitgemäßen Post Metal-Vertretern à la CULT OF LUNA, die auf der Bühne selbst oftmals vorwiegend als Schemen auszumachen sind. In dieses Konzept passt schließlich auch das Stageacting Filip Danielssons, welcher uns – die Kapuze tief übers Gesicht gezogen – grollend tiefe Growls durch Mark und Bein jagt.

Das passt zum tonnenschweren, oft schleppenden Deathcore, welcher den perfekten Soundtrack zum eigenen Bandnamen liefert. HUMANITY’S LAST BREATH trifft es sozusagen auf den Punkt, wenn die unheilvollen Synthesizer von zermürbenden Gitarren durchbrochen und jegliche Hoffnung auf ein Happy End im Keim erstickt wird. Hin und wieder lockern instrumentale Einschübe oder an MESHUGGAH angelehnte Parts („Bellua Pt. 1“) das erdrückende Klangbild auf, meist allerdings regiert im Hansa aber die Verzweiflung.

HUMANITY’S LAST BREATH verstehen es, ihr Konzept akkurat auf die Bühne zu tragen

Und das übt interessanterweise eine gewisse Faszination aus: Ein Blick durch die Halle zeigt uns zahlreiche nickende Köpfe, zwischendurch formiert sich im Zentrum gar ein kleiner Pit. Der erdrückende Sound der Schweden ist dabei im Live-Format sogar eingängiger als erwartet, was im besten Fall einen nahezu hypnotischen Effekt entwickelt. Insbesondere wenn die beiden Gitarristen beim Headbangen mal wieder mit ihren Instrumenten synchron den Boden absuchen, kann das ganze Spiel zwar einstudiert wirken, verliert aber dadurch nichts von seiner Theatralik.

Einzig die fehlende Abwechslung könnten wir zum Ende der 40-minütigen Show monieren, wo uns mit „Earthless“ eine weitere triste und aussichtslose Deathcore-Keule um die Ohren fliegt. Den verdienten Applaus holen sich HUMANITY’S LAST BREATH im Anschluss dennoch ab: So akkurat das eigene Konzept auch auf die Bühne zu tragen, verdient schließlich auch unseren Respekt.

Fotogalerie: HUMANITY’S LAST BREATH


BLEED FROM WITHIN

So freundlich und offen die beiden Support-Bands empfangen wurden, gegen halb zehn wird schnell klar, weshalb die rund 400 Besucher heute angereist sind. Als BLEED FROM WITHIN zu den ersten Klängen von „I Am Damnation“ die Bühne betreten, wird es nicht nur mit einem Schlag unruhig vor der Bühne, sondern es bricht kurz darauf regelrecht die Hölle los. Dass schon im folgenden „Sovereign“ sowohl Circle Pit als auch Wall of Death folgen, spricht nicht nur für die Live-Qualitäten der Schotten, sondern auch die Begeisterung der Münchner, die tatsächlich von der ersten bis zur letzten Minute alles geben:

Zu „Fracture“ werden die Handylichter gezückt, nachdem in „Levitate“ bereits gemeinsam gesungen, geklatscht und natürlich auf dem Publikum gesurft wurde. Es ist heiß, es ist stickig und der Schweiß scheint vielerorts bereits von der Decke zu tropfen – und dennoch ist die Energie im Hansa 39 geradezu elektrisierend. Obwohl BLEED FROM WITHIN heute nur zu viert auf der Bühne stehen können – Bassist Dave musste aufgrund eines familiären Notfalls kurzfristig abreisen -, lässt die Performance nichts an Intensität oder Leidenschaft vermissen.

BLEED FROM WITHIN-Sänger Scott Kennedy hat die Meute fest im Griff

Drummer Alis Leistung ist ebenso auf den Punkt wie die auflockernden Soli von Gitarrist Goonzi, während sein Kollege Steven aus dem ungläubigen Grinsen gar nicht mehr herauszukommen scheint. Dessen Klargesang ist im Mix anfangs vielleicht etwas zu präsent, ansonsten darf sich auch der Headliner über nahezu makellosen Sound freuen. Das schließt die mächtigen Screams Scott Kennedys ein, der die Meute vor sich fest im Griff hat und dabei immer wieder den direkten Kontakt zu den Fans sucht: hier ein Handschlag, dort ein Fingerzeig und in „Afterlife“ sogar ein kurzzeitig gemopstes Smartphone, um für einen Moment selbst kurz Kameramann zu spielen.

Dass es auf den Brettern derweil recht eng zugeht, kommt der Atmosphäre in der Halle nur entgegen: Crowdsurfer landen direkt zwischen den Musikern, um von dort direkt wieder ins Publikum zu springen – oder spontan den kurz darauf ankommenden Kollegen selbst sicher entgegenzunehmen. Bei so viel Zusammenhalt und Feierlaune ist es somit auch bestens nachvollziehbar, weshalb sich Shouter Scott Kennedy nach dem Circle Pit in „Flesh And Stone“ zum eingangs erwähnten Ausruf hinreißen lässt.

Mit einem kurzen, aber intensiven Set fegen BLEED FROM WITHIN durchs Feierwerk

Wobei der Frontmann damit unter Umständen sogar etwas zu voreilig war, denn eigentlich ist es eher verrückt als normal, was sich zum Ende der Show im Hansa 39 abspielt: Als BLEED FROM WITHIN nach dem starken „Stand Down“ mit „Paradise“ das Tempo reduzieren, setzt sich der komplette Mittelbereich unaufgefordert auf den Allerwertesten, um im Takt zu rudern. Fast schon Ehrensache also, dass Kennedy für den abschließenden Hit „The End Of All We Know“ selbst auf Tuchfühlung geht: Das Finale bestreitet der Frontmann auf den Händen der Münchner, die im Anschluss verständlicherweise um einen weiteren Song bitten.

Die Zugabe bleibt zwar leider aus – nach nur 65 Minuten ist das schon ein wenig mager -, doch dafür nimmt sich die Band noch ein paar Momente Zeit, um die ihnen zahlreich entgegengestreckten Hände abzuklatschen und gemeinsam auf den Abend anzustoßen. Dank Gitarrist Goonzie, der sein Bier großzügig mit einem Fan teilt, muss dabei auch niemand auf dem Trockenen sitzen. Eine kleine Geste, die allerdings zeigt, wie stark die Verbindung zwischen der Band und ihren Anhängern über die Jahre geworden ist. Anders könnten wir dieses wilde Spektakel auch kaum erklären, das gerade wie ein Orkan durch das Feierwerk gezogen ist. Scott Kennedy kann somit sagen, was er will, doch in einer Sache müssen wir ihm bei allem Respekt widersprechen: Normal ist das nicht.

BLEED FROM WITHIN Setlist – ca. 65 Minuten

1. I Am Damnation
2. Sovereign
3. Levitate
4. Into Nothing
5. Pathfinder
6. Fracture
7. Flesh And Stone
8. Temple Of Lunacy
9. Afterlife
10. Skye
11. Stand Down
12. Paradise
13. The End Of All We Know

Fotogalerie: BLEED FROM WITHIN

Fotos: Tatjana Braun (https://www.instagram.com/tbraun_photography/)