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AMORPHIS: Halo

Auf ihrem 14. Album “Halo” zeigen sich AMORPHIS ein Stück weit progressiver, erfinden sich jedoch keineswegs neu. Ein würdiges Trilogie-Finale nach “Under The Red Cloud” (2015) und “Queen of Time” (2018)?

Tag und Nacht. Licht und Schatten. Hell und Dunkel. Gegensätze wie zwei Seiten einer Medaille und seit nunmehr Dekaden wichtiger Stützpfeiler im musikalischen Konzept AMORPHIS‘. Tatsächlich prägt dieser Kontrast nun sogar die visuelle Seite des nächsten Kapitels: Sonne und Mond, Tag und Nacht stehen sich auf dem stilvollen Frontcover gegenüber und bilden doch zwei Hälften eines geschlossenen Kreises. Es hat also den Anschein, als überließen AMORPHIS mit „Halo“ nichts dem Zufall: Das Finale der Album-Trilogie soll schließlich nicht ins Stolpern kommen, gleichzeitig aber nicht zu dick auftragen.

In dieser Hinsicht liegt Sänger Tomi Joutsen auch gar nicht so falsch, wenn er die 14. Studioplatte im Vergleich zum opulenten „Queen Of Time“ (2018) als „ein wenig reduzierter“ beschreibt. Die klassischen Trademarks der letzten Dekade werfen AMORPHIS dabei keineswegs über Bord, bedienen sich der symphonischen Elemente des Vorgängers aber nun mit Augenmaß und an ausgewählten Stellen. An ihrer statt tritt ein progressiverer Ansatz, der sich zuvorderst in der Gitarrenarbeit niederschlägt.

AMORPHIS zeigen sich progressiver, erfinden sich auf “Halo” aber keineswegs neu

Zunächst jedoch startet „Halo“ überraschend vertraut: Ein Piano, wie es für das Sextett klassischer nicht sein könnte, durchbricht die Ambientkulisse, bevor die Leadgitarre übernimmt und das Staffelholz schließlich an eine massive Riffwand und Tomis drückende Growls weiterreicht. Keine Frage: Das ist der Stoff, aus dem AMORPHIS ihre Hits formen. Comfort Food aus dem hohen Norden. „Northwards“ ist in der Folge ein sicherer Einstieg, der mit Hammond-Sounds und einem ruhigen Intermezzo im OPETH-Stil zur Halbzeit dann erstmals einen kleinen Ausblick auf die weitere Marschrichtung gewährt.

Wobei wir eines vielleicht doch vorab deutlich machen sollten: AMORPHIS erfinden sich im Jahr 2022 keineswegs neu. „When The Gods Came“ räumt beispielsweise dem Piano eine prominentere Rolle ein, funktioniert ansonsten aber in ähnlicher Weise. „On The Dark Waters“ geht wiederum mit Groove nach vorne, um uns dann mit einem unverschämt federleichten Refrain die Seele zu streicheln. Hier und im entschlossenen „A New Land“ spielen die Gitarren zwischendurch mit orientalischen Klängen – kennt man ja auch von den Finnen.

AMORPHIS bemühen sich, die Songs atmen zu lassen

Nicht minder konstant und – sagen wir‘s, wie es ist – dementsprechend überragend findet Frontmann Tomi Joutsen dafür stets den perfekten Zugang zum Songmaterial. Zermürbende Growls oder gefühlvoller Klargesang: Jede Zeile ist ein Höhepunkt, wenn der Sänger etwa im proggigen „The Moon“ durch alle Facetten führt, um dann geradezu mühelos einen dieser Refrains für die Ewigkeit aus dem Ärmel zu schütteln.

Der Wermutstropfen: Gerade an solchen Momenten fehlt es „Halo“ im weiteren Verlauf. Obgleich AMORPHIS sich gezielt darum bemühen, die Songs atmen zu lassen, versäumen sie mancherorts im Gegenzug, konsequent die Zügel anzuziehen. Das experimentelle „Windmane“ ist so ein Fall, wohingegen das sonst gelungene „Seven Roads Come Together“ trotz Symphonic-Bombast nie so zwingend wirkt, wie es „Queen Of Time“ (2018) in seinen majestätischen Augenblicken war. Analog mutet der sanft-melancholische Refrain von „War“ im Kontrast zu den ungleich härteren Strophen ein wenig kalkuliert an, gleichsam AMORPHIS genug Routine haben, um das Stück schlüssig zu arrangieren.

Am Ende kommt “Halo” doch kurz ins Straucheln

Diese Erfahrung machen sich die beiden Hauptsongwriter Esa Holopainen und Santeri Kallio dann auch zu Nutze: Wo unbedeutendere Bands ob dieser kleinen Makel ins Straucheln kommen würden, polieren AMORPHIS ihren Sound – vielleicht auch Dank Produzent Jens Bogren – so gewissenhaft, dass am Ende ein weitestgehend rundes Gesamtwerk zutage kommt. Weitestgehend, da sich das Gespann zum Schluss dann doch einen kleinen Ausrutscher leistet, indem es die Landung versemmelt: Statt nach dem kraftvollen „The Wolf“ den Vorhang fallen zu lassen, schiebt die Band mit „My Name Is Night“ eine blutarme Ballade vom Reißbrett hinterher. Schwachbrüstig und ausdruckskarg verklingt so nach einem energischen Auftakt ein gutes, aber nur selten überragendes Trilogie-Finale. Das Spiel der Gegensätze beherrschen AMORPHIS derweil selbst im Schlusskapitel “Halo” wie keine Zweiten: Tag und Nacht, Licht und Schatten – starke Kontraste, die sich diesmal allerdings im Songwriting leider auch jenseits stilistischer Faktoren bemerkbar machen.

Veröffentlichungstermin: 11.02.2022

Spielzeit: 55:36

Line-Up

Tomi Joutsen – Gesang
Esa Holopainen – Gitarre
Tomi Koivusaari – Gitarre
Santeri Kallio – Keyboards
Olli-Pekka Laine – Bass
Jan Rechberger – Schlagzeug

Produziert von Jens Bogren

Label: Atomic Fire Records

Homepage: https://amorphis.net/
Facebook: https://www.facebook.com/amorphis

AMORPHIS “Halo” Tracklist

01. Northwards
02. On The Dark Waters (Video bei YouTube)
03. The Moon (Video bei YouTube)
04. Windmane
05. A New Land
06. When The Gods Came
07. Seven Roads Come Together
08. War
09. Halo
10. The Wolf
11. My Name Is Night