DARK TRANQUILLITY, ENSIFERUM, DESERTED FEAR, VINEGAR HILL – Backstage Werk, München – 18.04.2022

Mit 53 Shows in 57 Tagen haben DARK TRANQUILLITY und ENSIFERUM bei ihrer gemeinsamen Europatour ein straffes Programm vor sich. Wir besuchen das hochkarätige Paket am Ostermontag in München, wo sich zusätzlich VINEGAR HILL und DESERTED FEAR als Special Guests angekündigt haben – da bleiben doch eigentlich keine Wünsche offen, oder?

Befragen wir den Duden, so beschreibt eine Symbiose das „Zusammenleben von Lebewesen verschiedener Art zu gegenseitigem Nutzen“ – eine Art Kooperation also, aus der beide Beteiligten Vorteile ziehen können. Unter diesem Gesichtspunkt wirkt die gemeinsame Headliner-Tour von DARK TRANQUILLITY und ENSIFERUM gar nicht so abwegig: Es gibt musikalische Berührungspunkte, aber auch genügend Unterschiede, um aus dem Zusammenbringen beider Anhängerschaften Kapital zu schlagen. Mit 53 Shows in 57 Tagen hat dieses gemeinsame Unterfangen zumindest eine ganze Menge Gelegenheiten, die beiden Lager zueinander zu führen.

Wir selbst machen uns an diesem Ostermontag auf den Weg nach München, wo das Tour-Paket mit den beiden Support-Acts DESERTED FEAR und VINEGAR HILL im altbekannten Backstage Werk Halt macht. Vor den Toren hat sich bei usnerer Ankunft bereits eine lange Schlange gebildet, die jedoch immerhin zügig vorankommt, weshalb wir keine zehn Minuten später die kühle Abendluft gegen das vertraute Club-Aroma eintauschen können. Der Ausflug zum Merchandise-Stand gestaltet sich im Anschluss noch ein ganzes Stück kürzer: einen Zehner pro Patch und stolze 30,-€ für ein T-Shirt – wir shoppen lieber ein anderes Mal.

Viel Zeit hätten wir dafür ohnehin nicht mehr gehabt, denn der Konzertabend ist eng getaktet: Punkt 19 Uhr war Einlass, um halb acht soll es bereits losgehen. Bei vier Bands ein sportliches Unterfangen, da muss die Maschinerie schon gut geölt laufen, um vor Mitternacht fertig zu werden. Vielleicht stehen auch deshalb im Hintergrund der Bühne schon Keyboard und Drumkit der Hauptacts bereit, während die Anheizer ihr Set im vorderen Abschnitt errichtet haben.

VINEGAR HILL

Den begrenzten Platz wissen VINEGAR HILL derweil zu nutzen: Während sich die Halle allmählich füllt, legen die Österreicher mit ordentlich Dampf unterm Hintern und einem breiten Lächeln im Gesicht los. „The Fall“ zieht das Tempo direkt zu Beginn an, es trifft flottes Melodeath-Riffing auf Growls und eingängigen Klargesang. Eine bewährte Kombination, die vielleicht dieser Tage nicht unbedingt ausgefallen ist, im Live-Kontext dafür schnell aufrüttelnd wirkt, zumal Shouter Jürgen Mayr mit Eifer und Freude bei der Sache ist. Der Frontmann sucht den Kontakt zum Publikum, während er von einem Ende der Bühne zum anderen fegt und zwischendurch sogar mit der mitgebrachten Kamera in der Hand ein paar Aufnahmen für die Nachwelt einfängt.

Die Menge in der Arena nimmt das locker-flockige Songmaterial entsprechend gut auf: Während „An Avalanche Of Empathy“ sehen wir die ersten Fäuste in der Luft, bevor im abschließenden „The Shift Of Reasons“ sogar im Takt geklatscht wird. Für die erste Band des Abends also durchaus ein achtbares Fazit, möchten wir meinen, insbesondere da die Münchner das 30-minütige Set im Anschluss mit dem Wunsch nach einer Zugabe quittieren. Raum dafür bleibt ob des straffen Zeitplans leider nicht, als Alternative lassen sich VINEGAR HILL jedoch für ein gemeinsames Foto mit den früh angereisten Fans hinreißen – so kommt die penibel feinjustierte Tour-Logistik auch nicht aus dem Takt.

Fotogalerie: VINEGAR HILL

DESERTED FEAR

Eine knappe Viertelstunde dauert die Pause nämlich nur, bis abermals die Lichter ausgehen. Changeover in Rekordzeit? Zumindest dürften wir heute Abend in München nah dran sein. Dass mit DESERTED FEAR zugleich ein echter Hochkaräter ansteht, zeigt uns schließlich ein kurzer Blick durch die Halle: Wir sprechen nicht nur von den zahlreichen Bandshirts der Deutschen, sondern der bloßen Anzahl an Metalheads, die sich mittlerweile in und um die gestufte Arena versammelt haben.

Aus gutem Grund, wie wir schnell feststellen: Die Stimmung ist schon während des eröffnenden „Part Of The End“ – dem einzigen Beitrag des neuen Albums „Doomsday“ (2022) – ausgesprochen gut, bevor Gitarrist und Sänger Manuel Glatter direkt die Lacher auf seiner Seite hat, als er sich als echter Thüringer über die Catering-Beilage echauffiert: Klöße mit jeglicher Form von Kraut zu servieren – quasi ein Sakrileg für den sympathischen Frontmann.

DESERTED FEAR werden verabschiedet, als hätte gerade der Headliner gespielt

Der Frust muss also raus, indem DESERTED FEAR mit „Kingdom of Worms” erstmal den Härtegrad anziehen. Die Münchner gehen da trotz anderer Essgewohnheiten gerne mit, woraufhin sich vor der Bühne schon bald der erste kleine Pit formiert. Keine Frage, der melodische, aber doch unerbittliche Death Metal der Band kommt gut an, egal ob es etwas eingängiger wird („Welcome To Reality“) oder die Band im abschließenden Kracher „Count Your Dead“ mit stampfendem Rhythmus à la früher AMON AMARTH zum gepflegten Headbangen einlädt. Die Resonanz nach gut 30-minütigem Auftritt ist jedenfalls eindeutig: Als hätte hier gerade der Headliner gespielt, werden DESERTED FEAR mit langanhaltendem Applaus gebührend verabschiedet – Hut ab!

Fotogalerie: DESERTED FEAR

ENSIFERUM

In hohem Tempo geht es weiter: Wir meinen dabei nicht nur die Fingerfertigkeiten der beiden Gitarristen Markus Toivonen und Petri Lindroos, sondern auch die fleißige Crew, die abermals in einer Viertelstunde ganze Arbeit geleistet hat. Das Backstage Werk ist heute nicht ausverkauft, aber um kurz nach neun doch recht gut gefüllt, als vom Band das „Thalassic“-Intro „Seafarer’s Dream“ ertönt. Als dann ENSIFERUM mit ordentlich Elan die Bühne entern und „Rum, Women, Victory“ anstimmen, wird auch uns klar, dass einige Besucher heute wohl eigens wegen der Finnen angereist sind.

Nicht nur auf den Brettern geht es von der ersten Sekunde an rund, selbst davor bildet sich schon früh ein kleiner Moshpit. Verständlich, da die Spielfreude und Energie ENSIFERUMs regelrecht ansteckend sind: Bassist Sami Hinkka stürmt von einem Ende zum anderen, wohingegen Gitarrist Toivonen unablässig Grimassen schneidet, während er sich in „One More Magic Potion“ auf einem Bein hüpfend im Kreis dreht. Viel Zutun seitens Petri Lindroos ist da nicht mehr nötig, um die bayerische Landeshauptstadt aufzuwecken. Als der Quasi-Frontmann wenig später eine Schwert-Attrappe emporreckt, tun es ihm umgehend zahlreiche Fäuste gleich. Reine Formsache, dass das folgende „In My Sword I Trust“ genauso inbrünstig mitgesungen wird wie der Klassiker „Lai Lai Hei“, bei dem Markus Toivonen den Lead-Gesang übernimmt.

Auch für Fans der ersten Stunde halten ENSIFERUM ein kleines Schmankerl bereit

Überhaupt ist es eine Stärke ENSIFERUMs, so viele talentierte Sänger in ihren Reihen zu haben. Neuzugang Pekka Montin am Keyboard übernimmt dank seines durchdringenden Organs mittlerweile große Teile des Klargesangs und wagt sich für „Run From The Crushing Tide“ sogar ausnahmsweise nach vorne, um sich den Circle Pit zu seinen Füßen genauer anzusehen. Fans der ersten Stunde bekommen derweil mit „Treacherous Gods“ noch ein kleines Schmankerl spendiert, bevor es nach rund einer Stunde zu „From Afar“ wieder Abschied nehmen heißt – nicht mit Tränen in den Augen, sondern mit ausgelassener Feierlaune und den obligatorischen Forderungen nach nur einem weiteren Stück mehr.

ENSIFERUM Setlist – ca. 60 Minuten

1. Rum, Women, Victory
2. Andromeda
3. One More Magic Potion
4. Into Battle
5. For Sirens
6. Run From The Crushing Tide
7. Treacherous Gods
8. In My Sword I Trust
9. Lai Lai Hei
10. From Afar

Fotogalerie: ENSIFERUM

DARK TRANQUILLITY

Statt Zugabe geht es allerdings direkt an die Vorbereitungen für den heutigen Headliner – mit der gleichen Effizienz wie zuvor wird das Equipment auf Vordermann gebracht, so dass rund 20 Minuten und einen kleinen Publikumswechsel später schon wieder weitergefeiert werden darf. Anders als bei ENSIFERUM wird nun zu „Phantom Days“ und „Transient“ weniger getanzt als leidenschaftlich Haare geschüttelt: Was an Bewegung fehlt, macht das Publikum durch frenetischen Jubel und lautstarke Ovationen wett.

Das liegt auch am Auftreten der sympathischen Schweden, die seit jeher auf der Bühne nicht nur die Musik leben, sondern durch Charisma und Publikumsbezug alle Anwesenden mit ins Boot holen. DARK TRANQUILLITY verkörpern auch an diesem Abend etwas Familiäres, wo wir uns sofort wie zu Hause fühlen: Das mag auch an der ruhigen und souveränen Art von Sänger Mikael Stanne liegen, der nicht nur zwischen den Songs die richtigen Worte findet, sondern auch mit breitem Grinsen die Bühne beherrscht. Statt Rockstarallüren gibt der Frontmann etwa die anfangs aus dem Publikum geliehene Schwedenflagge nach einigen Momenten mit Dank zurück.

Bei der Songauswahl können DARK TRANQUILLITY eigentlich gar nicht daneben greifen

Tatsächlich ist die Präsenz der Band in diesen Minuten so vereinnahmend, dass die visuellen Projektionen im Hintergrund – von mandala-artigen Visuals bis zu kompletten Musikvideos – nach kurzer Zeit komplett aus unserem Fokus verschwinden. Wir sind derweil zusammen mit allen anderen angereisten Fans ohnehin zu sehr beschäftigt den zahllosen Hits der Skandinavier ausgiebig zu huldigen. „Focus Shift“, „Terminus (Where Death Is Most Alive)“, „Monochromatic Stains”, “Final Resistance” – es ist so, als könnten DARK TRANQUILLITY bei der Songauswahl gar nicht danebengreifen.

Vielleicht wäre gerade bei den schnelleren Stücken, zu denen auch die viel zu selten gespielte Rarität „The New Build“ gehört, ein wenig mehr Bewegung in der Arena schön gewesen, aber das liegt nicht an mangelnder Begeisterung der Münchner. Es hat vielmehr etwas von einer Ehrerbietung, die hier stattfindet: Während „Terminus“ gehen die Hörner nach oben, zu „Atoma“ wird im Takt geklatscht, bei „Forward Momentum“ entsprechend der Nacken rotiert – aber immer mit voller Aufmerksamkeit, um ja keinen Ton zu verpassen.

Auch nach einigen Besetzungswechseln agieren DARK TRANQUILLITY als Einheit

Das will an diesem Ostermontag auch niemand, denn DARK TRANQUILLITY zeigen sich hervorragend eingespielt, obwohl man nach einigen Besetzungswechseln u.a. mit Aushilfsdrummer Joakim Strandberg und Ersatzgitarrist Joey Concepcion, welcher Neu-Papa Christopher Amott vertritt, unterwegs ist. Hier und da klingt ein Gitarrensolo vielleicht etwas anders als auf Platte, trübt den Gesamteindruck aber genauso wenig wie die kurze Phase in „Forward Momentum“, in der Mikael Stanne seine Singstimme noch suchen muss.

Der Rest sitzt dann wie gehabt und ohne Wenn und Aber, allen voran natürlich das unverwüstliche Evergreen „ThereIn“, das uns wie die Band selbst nun schon die über die Hälfte unseres Lebens begleitet und gefühlt von so ziemlich allen Besucher:innen des Münchner Backstage hingebungsvoll mitgesungen wird. Es ist selbstverständlich einer der vielen Höhepunkte dieser Show, nach welchem sich DARK TRANQUILLITY zum ersten Mal und zu unserer Irritation vom bayerischen Publikum verabschieden.

Frontmann Mikael Stanne leiht sich zum Finale ein weiteres Mal die schwedische Flagge aus der ersten Reihe

Auf Zugabe-Blöcke hatten die Schweden früher bewusst verzichtet, aber vielleicht ist man ja mit dem Alter für die kleine Pause dankbar. Sehr wahrscheinlich sogar, denn mit „The Treason Wall“ und „Lost To Apathy“ dreht man nochmal richtig auf, so dass schließlich doch noch ein kleiner Moshpit durch die Arena fegt. Zumindest für ein paar Momente, denn beim abschließenden „Misery’s Crown“ werden wieder alle Kehlen benötigt, um den eruptiven Refrain auch noch zwei Blöcke weiter erschallen zu lassen. Für das Finale leiht sich Stanne dann kurzerhand ein weiteres Mal die schwedische Flagge aus der ersten Reihe, als hätten er und seine Mitstreiter gerade die Goldmedaille für ihr Land geholt.

Gemessen an den hiesigen Reaktionen möchte man das sogar glauben: Selbst während des Outros applaudieren die Münchner Fans unablässig weiter, um DARK TRANQUILLITY mit dem gebührenden Respekt aus der bayerischen Landeshauptstadt zu verabschieden. Als seine Kollegen bereits hinter der Bühne verschwunden sind, bleibt Sänger Mikael Stanne mit ungläubigem Lächeln noch einen kleinen Moment länger, um die Szene auf sich wirken zu lassen. Es muss aus seinen Augen etwas Surreales haben: Diese Begeisterung und Leidenschaft der eigenen Fans selbst einen Moment lang genießen zu können, bevor der streng durchgetaktete Tour-Alltag wieder die volle Konzentration aller Beteiligten einfordert und die Tour-Maschine DARK TRANQUILLITY+ENSIFERUM in perfekter Symbiose die gleiche organisatorische Meisterleistung ein weiteres Mal möglich macht – und das nahezu jeden Tag aufs Neue.

DARK TRANQUILLITY Setlist – ca. 80 Minuten

1. Phantom Days
2. Transient
3. Focus Shift
4. Monochromatic Stains
5. Forward Momentum
6. Terminus (Where Death Is Most Alive)
7. The Dark Unbroken
8. Final Resistance
9. Atoma
10. The New Build
11. Identical To None
12. Encircled
13. ThereIn
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14. The Treason Wall
15. Lost To Apathy
16. Misery’s Crown

Fotogalerie: DARK TRANQUILLITY