SOILWORK: Övergivenheten

Kurz und knackig wollen SOILWORK scheinbar nicht mehr: “Övergivenheten” erreicht daher kaum die Härte früherer Schaffensperioden, doch ist das auch gar nicht mehr der Anspruch der Schweden. Vielmehr leistet das Gespann erneut Pionierarbeit im Melodic Death Metal.

Sie wollten schon immer mehr: mehr als nur den skandinavischen Melodic Death Metal aufkochen, mehr als sich auf den eigenen Errungenschaften auszuruhen, mehr als sich auf die ewig gleichen Strukturen zu verlassen. Auch deshalb befinden sich SOILWORK eigentlich immer schon in einem Zustand des Wandels. Zuletzt die verstärkt rockigen Anleihen mit „Verkligheten“ (2019), dann das progressive Epos „A Whisp Of The Atlantic“ (2021) – eine Entwicklung, welche die Schweden konsequent weiterverfolgen.

Dass „Övergivenheten“ nun das bis dato ambitionierteste Werk des Sextetts geworden ist, kommt daher kaum unerwartet, wenngleich nicht ganz ohne eigene Probleme. Mit 65 Minuten ist das zwölfte Studioalbum SOILWORKs immerhin eine durchaus sättigende Angelegenheit, obwohl die einzelnen Tracks und Melodien trotz gestiegenen Anspruchs ans Songwriting unerwartet leicht bekömmlich sind. Die gute Nachricht also: Wir müssen keine Durchhänger oder Ausfälle verzeichnen, obschon sich die Länge der Platte zum Ende hin bemerkbar macht.

Kurz und knackig wollen SOILWORK offenbar nicht mehr

Zurückzuführen ist das in Teilen auf das Drängen SOILWORKs hin zu einer progressiveren Herangehensweise: Akustikgitarren, subtile Flötenklänge („Nous Sommes La Guerre“) und eine Violine („Electric Again“, „This Godless Universe“) erweitern das klangliche Spektrum, dem die Band stets entsprechend Raum zur Entfaltung gewährt. Kurz und knackig wollen die Mannen offenbar nicht mehr, was den warmen und offenen Arrangements der übrigen Songs allerdings ein paar aufrüttelnde Gegenpole spendiert hätte.

Sich an dieser Stelle weiter mit Konjunktiven zu befassen wäre jedoch verschwendete Mühe und würde verkennen, wie viel „Övergivenheten“ von sich aus zu geben hat. Tatsächlich heben SOILWORK ihr Songwriting in der Zwischenzeit auf eine bislang kaum genutzte Stufe: Die warme Produktion verleiht den Melodien und dem gesamten Album eine Leichtigkeit, die sich nicht einmal von den energischen Blastbeats in „Electric Again“ oder den härteren Ausbrüchen in „Vultures“ oder „This Godless Universe“ an die Kette legen lässt.

Die Härte früher Schaffensperioden erreichen SOILWORK nicht mehr

Befeuert von Björn Strids beflügelndem Gesang, welcher im groovenden Rocker „Death, I Hear You Calling“ bislang nicht gekannte Höhen erreicht, scheinen SOILWORK sich auf die Fahnen geschrieben zu haben, endlich ihr eigenes Subgenre zu definieren. Die Gitarren waren schon auf „Verkligheten“ (2019) weniger göteborg-beeinflusst als vom Rock’n’Roll gezeichnet: Ein Trend, der sich nun fortsetzt und gleichzeitig alten Ballast abstreift. Eine unverkrampft rockige Nummer à la „Valleys Of Gloam“ war früher so wenig denkbar wie der weitgehende Verzicht auf harsche Vocals.

Solche gibt es selbstverständlich auch auf „Övergivenheten“ noch in aller Regelmäßigkeit, haben aber nicht mehr den Stellenwert von einst. Härte und Drive früherer Schaffensperioden erreichen SOILWORK auf diese Weise nicht mehr, obwohl zwischendurch „Is It In Your Darkness“ uns doch ordentlich Feuer unterm Hintern zu machen vermag. An deren Stelle treten nun eben die lebendigen Melodien und Gesangsbögen, welche zusammen mit dem pointierten Drumming Bastian Thusgaards sowie dem stets souveränen Riffing eine ungemein organische Einheit bilden.

SOILWORK leisten mit “Övergivenheten” weiter Pionierarbeit

Konzeptionell mag „Övergivenheten“ eher düstere und melancholische Ecken erkunden – die Musik drängt dennoch immer nach vorne. Dass es statt einzelnen Hits eher ein homogenes Ganzes ist, das uns gefangen nimmt, ist der Atmosphäre des Albums nur zuträglich.

Auf diese Weise kommen SOILWORK eigentlich nur ganz am Ende kurz ins Straucheln, wo sie im epischen Closer „On The Wings Of A Goddess / Through Flaming Sheets of Rain“ den Übergang zum finalen Akt etwas verstolpern. Wir wollen nicht lügen: Das ist überaus untypisch für die erfahrene Band, im Endeffekt indes keine große Sache. Ein winziger Fehltritt hier und da gehört schließlich dazu, wenn Pionierarbeit betrieben geleistet – und überhaupt: Sich alternativ zurückzulegen und auf den eigenen Errungenschaften auszuruhen, käme für eine Band wie SOILWORK ohnehin nicht in Frage.

Veröffentlichungstermin: 19.8.2022

Spielzeit: 65:12

Line-Up

Björn “Speed” Strid | Vocals
David Andersson | Guitar
Sylvain Coudret | Guitar
Sven Karlsson | Keys
Rasmus Ehrnborn | Bass
Bastian Thusgaard | Drums

Produziert von Thomas „Plec“ Johansson

Label: Nuclear Blast

Homepage: https://www.soilwork.org/
Facebook: https://www.facebook.com/soilwork

SOILWORK “Övergivenheten” Tracklist

1. Övergivenheten (Video bei YouTube)
2. Nous Sommes la Guerre (Video bei YouTube)
3. Electric Again
4. Valleys of Gloam
5. Is It in Your Darkness
6. Vultures
7. Morgongåva/Stormfågel
8. Death, I Hear You Calling
9. This Godless Universe
10. Dreams of Nowhere (Video bei YouTube)
11. The Everlasting Flame
12. Golgata
13. Harvest Spine
14. On The Wings Of A Goddess / Through Flaming Sheets Of Rain