PURE WRATH: Hymn To The Woeful Hearts

Ein Juwel im Bereich des atmosphärischen Black Metal: PURE WRATH erzählen auf „Hymn To The Woeful Hearts“ eine bittere Geschichte von denen, die übrig geblieben sind und spielen Musik auf höchstem Niveau.

Im Jahr 2012 lief in kleinen Programmkinos die brillante Dokumentation „The Act Of Killing“, in der die Protagonisten ihre Vergangenheit durchleben sollten. Es war nicht irgendeine Vergangenheit, es ging um den Genozid an Kommunisten von indonesischen Milizen unter Suharto im Jahr 1965 und 1966. Je nachdem, wen man fragt, wurden zwischen 500.000 und 3.000.000 Menschen abgeschlachtet. Einige der Mörder, die zur Zeit der Dreharbeiten des Films schon in gehobenem Alter waren, sollten dann die Taten, die sie begangen hatten, vor der Kamera nachstellen und am Ende wusste ich nicht mehr, ob die Täter nicht eigentlich auch Opfer ihrer eigenen Taten waren. Das Ganze ist für Mitteleuropäer wie mich, die nur in Friedenszeiten gelebt haben, extrem surreal.

PURE WRATH lassen nun die Erinnerung an diese Zeit erneut erleben, denn das indonesische Quasi-Ein-Mann-Projekt des jungen Musikers Januaryo Hardy widmet sich diesem Thema auch konzeptuell. Das Album ist als Tribut an eine Frau zu verstehen, deren Familie bei den Massakern getötet wurde und die über Jahrzehnte hinweg so tun musste, als wäre alles normal. Das erinnert einerseits an den ebenfalls exzellenten Nachfolger von „The Act Of Killing“ namens „The Look Of Silence“, andererseits an eines der berühmtesten Zitate von Stalin lautet: „Der Tod eines Einzelnen ist eine Tragödie, der Tod von Millionen ist Statistik.“

Atmosphärischer Black Metal als Tribut an die Überlebenden des indonesischen Genozids: PURE WRATH erschaffen mit „Hymn To The Woeful Hearts“ ein Monument

Mit diesem Subtext ausgestattet, ist „Hymn To The Woeful Hearts“ nicht wirklich leichte Kost, und es dürfte Musik erwartet werden, die an Brutalität und Bitterkeit kaum zu überbieten ist. Aber hier geschieht das Wunderbare. PURE WRATH zeigen sich berührbar und berühren deswegen. Atmosphärischer Black Metal mit Wut und Gefühl und einem überraschend warmen Klangbild. Das erinnert mich sehr an meine erste Begegnung mit „Two Hunters“. So trifft „Hymn To The Woeful Hearts“ direkt ins Herz und ist dann doch direkter, als die ausladenden Kompositionen vermuten lassen.

Schon die ersten beiden Alben und die EP „The Forlon Soldier“ hatten keinen Exotenbonus nötig. PURE WRATH boten schon immer wirklich guten, atmosphärischen Black Metal, aber „Hymn To The Woeful Hearts“ ist eine fast schon beängstigende Qualitätssteigerung. Die sechs Stücke sind unwahrscheinlich gut geschrieben. Das Album fließt eine Dreiviertelstunde durch grimmige, kraftvolle Raserei, getragene Momente mit Chören ohne jeglichen Kitsch, zweistimmige Gitarrenharmonien, melancholische und grimmige Melodien zum Dahinschmelzen, durch folkige Momente und bald neoklassische Pianopassagen. Dass es keine Hits auf dem Album gibt, ist dabei mehr als nur verzeihlich: Der konzeptionellen Herangehensweise an die Musik wegen ist es mehr als nur verständlich, dass die einzelnen Songs nicht herausstechen. Viel wichtiger ist es PURE WRATH, das Gesamtniveau zu halten, und das tut Januaryo Hardy souverän.

„Hymn To The Woeful Hearts“ hat keine Hits nötig – PURE WRATH komponieren auf beeindruckendem Gesamtniveau

Schon der Opener „The Cloak of Disquet“ ist gleichermaßen komplex in Struktur und spannend mit seinen Wendungen und reißt durch sein packendes, melodisches Hauptriff sofort mit. PURE WRATH lassen auch im weiteren Verlauf keine Schwäche zu: Auffallend ist, wie sehr die Stücke auf ihr jeweiliges Finale hingetrieben werden. „Presages From A Restless Soul“, „Footprints Of The Lost Child“ und „Those Who Stand Still“ erleben gegen Ende unglaublich bewegende und auch epische Momente. PURE WRATH wissen, dass hinter Wut oft Trauer steckt und deshalb navigiert die Musik zwischen diesen beiden Polen, ohne sie jemals zu vermischen. Das Ergebnis ist eine Klarheit, die es in dieser Musik selten zu hören gibt. Auch, dass „Hymn To The Woeful Hearts“ mit einem ruhigen, kurzen Stück, dessen Feeling an MONO erinnert, endet und das Album irgendwie friedlich enden lässt, spricht dafür.

Beeindruckend ist auch, dass PURE WRATH zu keiner Zeit nach einem weiteren Soloprojekt klingen, sondern absolut organisch. Das liegt zum großen Teil an den Drums, die ex-WHITE WARD-Drummer Yurii Kononov mit viel Energie darbietet. Aber auch, dass Januaryo Hardy die Songs einerseits liebevoll und komplex arrangiert, andererseits nichts überfrachtet, erzeugt dieses solide Bandfeeling.  Und schließlich begeistert auch die Produktion: Druckvoll und wuchtig einerseits, lebendig-warm und mit schön rauem Gitarrensound andererseits, muss sich „Hymn To The Woeful Hearts“ nicht hinter großen Produktionen verstecken.

PURE WRATH haben keinen Exotenbonus nötig: „Hymn To The Woeful Hearts“ bietet selten gehörte Qualität und Intensität

Mit atmosphärischem Black Metal Aufsehen zu erregen ist anno 2022 nicht leicht, vor allem für eine Underground-Band, und wer kein besonderes Image oder einen großen Namen sein Eigen nennt, muss mit Qualität überzeugen. Und hier liegen PURE WRATH auf einer Ebene mit AARA. „Hymn To The Woeful Hearts“ wird alle beeindrucken, denen der Inhalt wichtiger ist als Drumherum – substance over style, sozusagen. Allein deshalb müssten sich PURE WRATH in einer gerechten Welt locker gegen die ganzen Cascadian Black Metal-Bands und Post Black Metaller, zwischen denen sie stilistisch liegen, durchsetzen können.

Wenn es sein muss, kann „Hymn To The Woeful Hearts“ natürlich losgelöst vom konzeptionellen Inhalt betrachtet werden, und ist immer noch ein sensationelles Album. Die Misanthropie und Mystik des traditionellen Black Metals mögen fehlen, daher sollten Puristen vorsichtig an PURE WRATH herangehen. Wer in dem Genre aber neue Impulse sucht, sollte in diese musikalische Welt und auch das Konzept dahinter eintauchen. So wird das Drittwerk der Indonesier nämlich geradezu unschlagbar – als Tribut an diejenigen, die übrig geblieben sind und alles verloren haben, die mit lebenslangem Schmerz auskommen müssen und doch bestehen. Das ist ganz, ganz groß.

Wertung: 5,5 von 6 Aufarbeitungen

VÖ: 18. Februar 2022

Spielzeit: 44:05

Line-Up:
January Hardy – Vocals, Guitars, Bass, Synth, Songwriting, Lyrics

Gastmusiker:
Yurii Kononov – Drums
Dice Midyanti – Piano, Cello, additional Elements
Nick Kushnir – Additional Guitar Elements on „Hymn To The Woeful Hearts“

Label: Debemur Morti

PURE WRATH „Hymn To The Woeful Hearts“ Tracklist

1. The Cloak Of Disquiet (Official Audio bei Youtube)
2. Years Of Silence
3. Presages From A Restless Soul (Official Audio bei Youtube)
4. Footprints Of The Lost Child
5. Those Who Stand Still
6. Hymn To The Woeful Hearts

Mehr im Netz:

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