PURE WRATH: Ein Monument des Verlustes, des Überlebens und des Glaubens an die Gerechtigkeit

„Hymn To The Woeful Hearts“ war die erste große Überraschung in diesem Jahr. Nicht, dass PURE WRATH bisher schlechte Musik veröffentlicht haben, aber das Drittwerk des Indonesiers Januaryo Hardy ist eine gewaltige Steigerung, selbst im Vergleich zur starken EP „The Forlorn Soldier“ aus dem Jahr 2020. Mit einem mutigen Konzept über das indonesische Massaker aus den Jahren 1965 bis 1966 heben sich PURE WRATH von dem Großteil der Symphonic Black Metal-Szene thematisch ebenso ab wie qualitativ. Grund genug, dem Multiinstrumentalisten Details zum Konzept, der Musik und der indonesischen Metal-Szene zu entlocken.

Eine kurze Anmerkung: Ich schickte Januaryo Hardy diese Fragen kurz vor dem Kriegsausbruch in der Ukraine – deshalb kommen wir nur am Rande auf den ukrainischen Sessiondrummer Yurii Kononov zu sprechen.

2012 habe ich den Dokumentarfilm „The Act Of Killing“ gesehen und war von seiner Intensität überwältigt. Du hast auch Samples aus diesem Film verwendet. Was denkst du über diese Dokumentation?

Ich habe einen kleinen Teil aus „The Look of Silence“, dem Nachfolger des Films, verwendet. Diese Dokumentationen sind sehr wichtig für unsere junge Generation, da das Bewusstsein für diesen Völkermord immer noch sehr gering ist und in der Schule nie darüber gesprochen wurde. Leider sind diese Filme hier in Indonesien verboten, und einige Vorführungen wurden von der Polizei gestoppt und als Versuch der Entmachtung einer Regierung und ihrer Macht angesehen.

“Viele sagen, die Zeit sei sicher, Lebensmittel seien erschwinglich, westliche Filme zugänglich – aber nicht für meine Familie.” – Ryo bekam das Regime in Indonesien hautnah mit.

Auch das Konzept von „Hymn To The Woeful Hearts“ erinnert mich sehr an „The Look Of Silence“, den ich kürzlich ebenfalls gesehen habe. Darin geht es um die Hinterbliebenen und nicht um die Mörder. Ist die Geschichte, die du schreibst, eine wahre Geschichte und gibt es Verbindungen zu deiner Familie?

Die Geschichte, die ich in den Texten behandle, ist inspiriert von dem tragischen Leben von Ibu Rohani, der Frau im Film. Aber ich verbinde sie mit meinen anderen Geschichten und fasse sie mit den Hauptgedanken zusammen: der Verlust und das Leben unter den Mördern während der Jahre des Schweigens. In dieser Zeit haben wir ein Mitglied unserer Familie, das entführt wurde, verloren, nachdem es Hilfe von der kommunistischen Partei erhalten hatte. Das Militär hielt ihn für einen derjenigen, die an der Rebellion beteiligt waren, was überhaupt nicht stimmte.

Als ich den Texte las, musste ich an ULCERATEs Albumtitel „Stare Into Death And Be Still“ denken – diejenigen, die zurückgelassen werden, vernarbt und traumatisiert für das ganze Leben, ohne Chance auf Gerechtigkeit, aber immer noch aufrecht stehend und mit dem Leben fortfahrend. Wolltest du mit „Hymn To The Woeful Hearts“ eine Hommage an alle Überlebenden von 1965 – 1966 schaffen?

Ich denke, es teilt denselben Gedanken damit. Ich möchte, dass dieses Album ein Monument des Verlustes, des Überlebens und des Glaubens an die Gerechtigkeit ist.

Das Artwork passt gut zu dem Konzept und ist offensichtlich eng damit verbunden. Kannst du uns etwas mehr über den Gestaltungsprozess und die Bedeutung, z. B. der brennenden Hütte, erzählen?

Ich versuche, die Figur einer alten Frau darzustellen, die in Einsamkeit, Rache und Ungerechtigkeit versank. Sie lebte ihren verbliebenen Geist in der Stille und musste ihre Lieben, die in Form eines verbrannten Hauses dargestellt sind, zurücklassen.

Ist Indonesien noch immer von dem damaligen Regime betroffen? Offenbar waren die, die gemordet haben, noch lange Zeit an der Macht.

Ja, ich bin unter dem Regime der Neuen Ordnung aufgewachsen. Viele sagen, die Zeit sei sicher, Lebensmittel seien erschwinglich, westliche Filme zugänglich, aber nicht für meine Familie. Meine Eltern verloren ihre Arbeit und lebten damals in keinem guten Umfeld. Sie waren zwei der wenigen kritischen Bürger, die gegen die fehlende Meinungsfreiheit protestierten. Viele ihrer Freunde kamen ins Gefängnis, weil sie sich damals sehr dafür eingesetzt haben.

Die indonesische Metal-Szene ist unglaublich groß, aber es gibt nicht viele Bands, die in Europa Fuß fassen konnten. Kannst du uns ein wenig über die Szene in Indonesien erzählen?

Die Metal-Szene hier ist sehr fruchtbar und vielversprechend für viele Leute. Die meisten von ihnen verdienen ihren Lebensunterhalt damit. Wenn nicht als Musiker, dann mit einem Merchandise-Laden, einem Plattenlabel oder als Event-Veranstalter. Jede Woche gibt es zwei oder drei neue Bands, die ihre Demos oder Promos veröffentlichen. In den meisten Großstädten gibt es jedes Wochenende Metal-Shows. Bei einem Besuch in Indonesien, vor allem auf der Insel Java, kann man leicht Metal-Shows finden. Es gibt sogar Bands, die auf natürlichem Wege in Europa auf sich aufmerksam gemacht haben, indem sie bei europäischen Labels unterschrieben haben, zum Beispiel VALLENDUSK, EXHUMATION und MASAKRE. Und es gibt auch Bands, die auf anorganische Weise in Europa auf sich aufmerksam gemacht haben, indem sie sich mit großen Firmen zusammengetan haben, um einen Slot bei verschiedenen großen Festivals wie WACKEN, BLOODSTOCK, und so weiter zu bekommen.

Die Regierung scheint ja eher religiös motiviert zu sein: Ist es gefährlich, in Indonesien eine Metal-Band zu betreiben?

Nein, überhaupt nicht. Der Inhalt eines Albums interessiert die Autoritäten nicht wirklich, was mich wirklich froh macht, denn ich könnte verschwinden oder zumindest unterdrückt werden, wenn ich über 1965 – 1966 auf eine andere Art und Weise rede, als die, die ihnen passt. Irgendwie beruhigend zu wissen, dass die meisten Autoritäten hier ein Haufen dummer, religiöser, wahnhafter Leute sind, sodass wir trotzdem auf jeder Party Spaß haben können.

Nun endlich zur Musik. Die Songs haben einen sehr warmen und natürlichen Sound, klingen eher nach WOLVES IN THE THRONE ROOM mit ihrer Arbeit mit Randall Dunn als der frostige europäische Black Metal der zweiten Welle. War der Cascadian Black Metal einflussreich für dich?

Ich denke, PURE WRATH hat viele Einflüsse was den Sound angeht. Ich bin ein großer Fan von WOLVES IN THE THRONE ROOMs „Black Cascade“ und liebe den Klang des Albums sehr, besonders den Gitarren- und Schlagzeugsound. Für mich persönlich sind auch „Curse“ von WODENSTHRONE und „Offertoire“ von SÜHNOPFER sehr nah am Sounddesign von unserem Albums.

Es gibt Elemente von neoklassischer Musik bis hin zu Folk in deiner Musik und daneben sind auch viele epische Momente wie von BATHORY und MOONSORROW dabei. Ist PURE WRATH eine Mischung aus allem, was du magst? Was sind ganz allgemein deine Einflüsse?

Ich weiß nicht genau, ob es neoklassisch ist oder sogar eine Fusion aus vielem mehr, aber die meisten musikalischen Gefühle und Stimmungen, die ich in PURE WRATH erzeuge, sind so etwas wie Auszüge aus Filmmusiken, die mir im Kopf geblieben sind. Die meisten Filmmusiken haben entweder klassische oder neoklassische Grundlagen, denke ich. Also ja, vielleicht ist das der Grund. Ehrlich gesagt habe ich beim Songwriting von PURE WRATH noch nie direkte klassische Musik integriert, obwohl ich Mozart, Schubert und Tschaikowsky wirklich liebe.

(c) Debemur Morti Productions

Wie lange hat der Schreibprozess gedauert? Ich erkenne immer noch neue Details, selbst nach vier Wochen vielen, vielen Malen intensiven Hörens. Ich gehe davon aus, dass es ein sehr langer und detaillierter Prozess war. Kannst du diesen bitte ein wenig beschreiben?

Ich glaube, es hat fast ein Jahr gedauert, nur die Grundkompositionen zu schreiben. Dann gab es hier und da größere und kleinere Änderungen, nachdem Yurii mir die fertigen Schlagzeugaufnahmen geschickt hatte. Das war auch nötig, denn ich musste das Gesamtkonstrukt erst einmal ordnen, bevor ich es an Dice (Midyanti – Piano und Cello, Anm. d. Verf) für ihre Aufnahmen schickte. Wenn ich es so zusammenfasse, kann es sogar sein, dass es anderthalb Jahre dauerte, bis ich für die Bass-, Gitarren- und Gesangsaufnahmen bereit war.

Traurigkeit und Wut sind in eurer Musik gleichermaßen enthalten. „Years Of Silence“ zum Beispiel fängt das perfekt ein und balanciert intensiv zwischen diesen Polen. Die musikalische Performance ist auf hohem Niveau, aber die Emotionen, die der Hörer spürt, sind noch viel intensiver. Es fühlt sich fast so an, als hättest du deinen ganzen Schmerz in die Performance gesteckt. Stimmt das?

„Years of Silence“ ist für mich der persönlichste Song auf dem Album. Der Schreibprozess für das Stück war ein bisschen seltsam, weil ich mich während der Albumproduktion in einem sehr starken mentalen Tief befand. Die Struktur wurde geradlinig niedergeschrieben, ohne Korrekturen hier und da. Ich dachte, es würde der schlechteste und langweiligste Song des Albums werden, aber nach einer Weile wurde mir klar, dass dieser Song ganz andere Emotionen und eine versteckte Wut in sich trägt.

Ich liebe es, wie „Presages From A Restless Soul“, „Footprints Of The Lost Child“ und „Those Who Stand Still“ ein furioses und wütendes Finales am Ende der Songs haben. Es scheint so, als hättest du die Lieder auf das ein Ziel am Ende hin komponiert und dadurch einen Höhepunkt geschaffen. War das dein Ansinnen?

Ich habe beim Arrangieren der Trackliste überhaupt nicht über irgendwelche Ziele nachgedacht. Ich musste mir alle Songs vor der letzten Phase des Pre-Mix-Prozesses anhören und es hat sich einfach so ergeben, wie es ist. Die beiden vorangegangenen Songs haben ein wirklich gutes, erhebendes Fundament, während „Those Who Stand Still“ zum Schluss hin Aggression und Verzweiflung aufkommen lässt. Aber ich finde, dass das wirklich cool ist.

“Die Metal-Szene hier ist sehr fruchtbar und vielversprechend für viele Leute. Die meisten von ihnen verdienen ihren Lebensunterhalt damit. Wenn nicht als Musiker, dann mit einem Merchandise-Laden, einem Plattenlabel oder als Event-Veranstalter.” – Ryo über die indonesische Szene.

Du betreibst ein eigenes Studio Kannst du damit und mit all deinen Projekten von der Musik leben?

Bis jetzt, ja. Ich arbeite hauptberuflich als Mixing- und Mastering-Engineer und gleichzeitig als Buchhalter in einer Firma als täglicher Nebenjob. Aber mein Haupteinkommen stammt aus dem Musikmachen, dem Produzieren der Musik anderer und dem Mischen und Mastern.

War es einfacher, in deinem eigenen Studio aufzunehmen, oder hättest du dir ein zweites Paar Ohren gewünscht, das dir hier und da hilft?

Ich arbeite nun schon seit mehr als dreizehn Jahren allein, und ich glaube, ich liebe und genieße diese Art und Weise wirklich. Ich mag es nicht wirklich, mit jemand anderem für meine eigene Musik zu arbeiten, obwohl ich manchmal einen Freund brauche, der mir beim Aufnehmen der Vocals hilft. Ich denke, es kommt darauf an, was ich brauche, aber die meiste Zeit arbeite ich allein.

Dice Midyanti spielt auf dem Album Klavier und Cello und war auch auf „The Forlorn Soldier“ zu Gast. Hat sie ihre Parts, die wirklich umwerfend klingen, selbst geschrieben? Besteht die Möglichkeit, dass sie sich PURE WRATH dauerhaft anschließt?

Ich habe die Grundlagen geschrieben, bevor ich ihr das Material zur Aufnahme schickte. Sie baute darauf, fügte aber frei nach ihren eigenen Geschmack ihre eigenen Variationen hinzu. Ich sage ihr normalerweise, dass sie sich nach ihrem Ermessen, andere Elemente hinzuzufügen kann, die zur Stimmung des Songs passen. Ich habe vor, sie in Zukunft auf die Bühne zu holen, aber ich weiß noch nicht, wann das sein wird. Sie ist mit ihrem Job als Dozentin an einer Musikhochschule sehr beschäftigt.

Der Titeltrack fühlt sich an wie der Abspann eines Films, sogar mit MONO-Feeling. Siehst du dich auch von Bands außerhalb der Black Metal-Szene inspiriert?

Ich wollte diese Art von Song schon lange machen. Er ist tatsächlich inspiriert von einigen warm-dunklen Acts wie BOHREN UND DER CLUB OF GORE, MATT ELLIOT und Film Noir-Atmosphäre. Ich versuchte einfach das Gefühl, das ich jedes Mal habe, wenn ich zu später Stunde ein paar Gläser Whiskey trinke, in Musik umzusetzen.

Du hast zum zweiten Mal mit Yurii Kononov zusammengearbeitet und er liefert wirklich erstaunliche Schlagzeugarbeit ab. Wie habt ihr zusammengefunden?

Ich habe Yurii 2018 durch Hadrien von MARUNATA kennengelernt. Ich bewundere sein Schlagzeugspiel auf den alten Werken von WHITE WARD, SCHATTENFALL und RAUHNACHT.

PURE WRATH hat auch eine Live-Besetzung. Warum hast du das Album nicht mit ihnen aufgenommen?

Ich liebe es, mit anderen Leuten live auf der Bühne zu spielen, aber ich glaube nicht, dass es so einfach ist, mit mir zusammenzuarbeiten, wenn wir gemeinsam Musik machen. Außerdem wollte ich meine Musik so persönlich wie möglich halten und so verantwortungsvoll wie möglich mit ihr umgehen. Das habe ich mir vor langer Zeit angewöhnt und ich denke, das ist für mich der beste Weg.

Apropos live spielen: Hast du Pläne für weitere Live-Aktivitäten?

Im Moment sind wir lokal aktiv und spielen so oft wie möglich Shows hier in Indonesien. Ich hatte ein Gespräch mit einem europäischen Booking-Agenten für unsere erste Tournee im Jahr 2023 und ich hoffe, dass alles gut läuft, damit wir so schnell wie möglich nach Europa kommen können.

Die beiden früheren Alben von PURE WRATH sind schon lange ausverkauft. Gibt es vielleicht die Möglichkeit, dass „Ascetic Eventide“ und „Sempiternal Wisdom“ in naher Zukunft auf Vinyl wiederveröffentlicht werden?

Nun, ich schließe keine Möglichkeit aus, da ich wirklich eine anständige Wiederveröffentlichung von „Ascetic Eventide“ und der Vinylversion von „Sempiternal Wisdom“ möchte. Jeder, der daran interessiert ist, kann mich jederzeit anschreiben.

Du hast noch viele weitere musikalische Projekte. Ist PURE WRATH deine Hauptband und hast du auch größere Pläne für deine anderen Projekte?

Ich habe mich entschieden, jetzt nur noch PURE WRATH zu führen. Die meisten meiner Projekte befinden sich in der Abbauphase, einschließlich meines Haupt-Death-Metal-Projekts, PERVERTED DEXTERITY, das dieses Jahr endet. Es gibt so viele Visionen für die Zukunft von PURE WRATH und ich brauche meinen Fokus und die ganze Energie dafür.

Ryo, vielen Dank für deine Zeit und das Interview. Wenn es noch etwas gibt, was du uns sagen möchtest, jetzt ist die Gelegenheit.

Vielen Dank, dass du so nett warst, mich zu kontaktieren. Ich hoffe, alles geht gut aus und die Welt wird sich bald bessern.