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BLUT AUS NORD: Disharmonium – Undreamable Abysses

Tentakel überall! BLUT AUS NORD wenden sich auf „Disharmonium – Undreamable Abysses“ dem Lovecraft-Universum zu und fräsen sich voller Dissonanzen ins Unterbewusstsein.

Nur wenige Sekunden vergehen und „Disharmonium – Undreamable Abysses“ verschlingt die Hörerschaft. Es ist unglaublich, wie diese Atmosphäre die Rezipienten einsaugt und wie kunstvoll dies gelingt. Willkommen zum vierzehnten Album von BLUT AUS NORD. Ein albtraumhaftes Werk, das sich exzellent in die, an verstörenden Momente dieser Formation nicht armen Diskografie, bestens einfügt und eine weitere Schattierung zufügt. Es mag ein alter Hut sein, sich als Metal-Band von Lovecraft inspirieren zu lassen und es gibt in diesem Bereich mit SULPHUR AEON, PORTAL und THE GREAT OLD ONES einige Big Player, die das richtig, richtig gut machen, doch allein die Vorstellung, dass die Band, die „The Work Which Transforms God“, „MoRT“ und die „777-Trilogie“ sich dieses Stoffes annimmt, lässt Schweißperlen auf der Stirn stehen.

Mit „Disharmonium – Undreamable Abysses“ erweitern BLUT AUS NORD ihre künstlerische Palette und erschaffen Fortführung und Antithese zu „Hallucinogen“.

Mastermind Vindsval, bzw. V. ist ein Trickster, der seine Gefolgschaft stets aufs Glatteis führt – doch weniger, weil er unberechenbar sein will, sondern weil er seiner künstlerischen Intuition folgt. Nach dem fantastischen „Hallucinogen“ hieß es, BLUT AUS NORD hätten sich dank einer gewissen Eingängigkeit neu definiert, es hieß später, „Memoria Vetusta IV“ sei in Arbeit – und während wir darauf warten reißt sich ein Abgrund auf, der nicht besser gestaltet sein könnte: „Disharmonium – Undreamable Abysses“ entstand.

Tatsächlich mag „Disharmonium – Undreamable Abysses“ auf den ersten Eindruck komplett anders als „Hallucinogen“ wirken, doch es ist gleichermaßen seine Fortführung und Antithese. BLUT AUS NORD sind 2022 mindestens genauso melodiös wie vor drei Jahren, die Harmonien sind dieses Mal nur geprägt von extremer Dissonanz. War „Hallucinogen“ von einer geradezu beruhigenden kosmischen Atmosphäre beseelt, ist dieser Trip ins Universum maximal verstörend. V.s Handschrift ist auch hier unverkennbar. Egal, welche Gestalt er wählt, seine Art, Musik zu schreiben ist unverkennbar.

BLUT AUS NORD gedeihen im Lovecraft-Kosmos: „Disharmonium – Undreamable Abysses“ ist extrem gut durchdacht und konzipiert.

Die unglaublich breite Basis, auf der BLUT AUS NORD fußen, mag für manche Hörer Segen und Fluch zugleich sein. Das unnahbare „Deus Salitis Meae“ war vielen zu sperrig und kalt, „Hallucinogen“ anderen wiederum zu catchy. Und „Disharmonium“? Dieses Album hat das Potenzial, Hörer der verschiedensten BLUT AUS NORD-Phasen zu vereinen. Es gib Dissonanz und surreale Atmosphäre, es gibt auch eine monströse Epik. Das passt nicht nur passgenau zu Lovecraft, das ist genau das, was Band und Publikum gleichermaßen fordert und begeistert.

BLUT AUS NORD haben daneben schon Erfahrung beim Vertonen des Horrors von Lovecraft gesammelt. Im Zuge der beiden „Order Of Outer Sounds“-Jahre, veröffentlichten BLUT AUS NORD für die Teilnehmer zwei Staffeln von „Lovecraftian Echoes“. Ob V. Blut geleckt hat und alle künstlerischen Pläne umgeworfen, um „Disharmonium – Undreamable Abysses“ zu schreiben, sei dahin gestellt. Dieses Werk wirkt jedenfalls extrem durchdacht und konzipiert. Die bereits erwähnten Riffs und Harmonien mit ihrer Andersartigkeit klingen in diesem Verbund absolut natürlich. Und dann sind da die weiteren Bausteine, die das Gehirn geradezu explodieren lassen. Spielerisch liegen BLUT AUS NORD auch auf diesem Album auf sehr hohem Niveau.

BLUT AUS NORD spielen mit der Psyche der Hörer und geben dem namen- und gesichtslosen Grauen eine Form weit abseits von dem, was unter Black Metal zu verstehen ist.

Man nimmt sofort Dinge wahr, die auf den ersten Eindruck nicht hört. V. spielt mit der Psyche der Hörer. Das akustische Spannungsfeld auf „Disharmonium – Undreamable Abysses“ liegt abseits von typischem Black Metal zwischen ultratiefen, gepitchten Synthesizern und Bässen und maximal kontrastreichen Leadgitarren. Dazwischen finden sich vielschichtige, unheimliche Gesänge aus anderen Welten statt klassischem Gekreische, bizarre und bisweilen sehr komplexe, brillant jazzige Rhythmen, die allein schon eine Rezension wert wären. Nicht selten verschwimmt alles miteinander, erzeugt einen komplexen, undurchdringlichen Mahlstrom aus Klängen, die immer undefinierbarer werden, aber gleichzeitig eine totale Präsenz im Gehirn ergattern – BLUT AUS NORD zielen auf das Unterbewusste ab und treffen ins Schwarze.

Obwohl alle sieben Songs allein für sich stehen, ergeben sie ein geschlossenes Ganzes. Hierbei ist es egal, ob die Stücke eher getragen und schaurig sind, wie „Chants Of The Deep Ones“, „Tales Of The Old Dreamer“, „Into The Woods“ und das rhythmisch fordernde, schwindelerregende „That Cannot Be Dreamed“ oder es richtig brutalen, außerweltlichen Terror gibt, wie „Neptune’s Eye“ zeigt. Spätestens bei „Keziah Mason“ setzt die Paranoia endgültig ein und lässt kalten Schweiß auf der Stirn stehen. Das abschließende „The Apotheosis Of The Unnamable“ beendet mit einem flirrenden Crescendo das namen- und gesichtslose Grauen, das so kongenial durch dieses Album realisiert wird. Klar ist dabei, „Disharmonium – Undreamable Abysses“ könnte wegen seiner überraschenden Transparenz zerlegt und besprochen werden, das würde aber niemals dem gerecht werden, was BLUT AUS NORD hier kreieren: Eine unfassbar intensive, nahezu perfekte Erfahrung in Sachen Urängste aus dem Unterbewussten, die ganz nebenbei eine Neudefinition von zeitgemäßem Black Metal darstellt. Musik aus dem Lovecraft-Universum geht nicht besser.

Wertung: 6,9 von 7 Aufenthalte im Arkham Sanatorium

VÖ: 20. Mai 2020

Spielzeit: 46:14

Line-Up:
BLUT AUS NORD

Label: Debemur Morti Productions

BLUT AUS NORD „Disharmonium – Undreamable Abysses“ Tracklist

1. Chants Of The Deep Ones
2. Tales Of The Old Dreamer (Official Video bei Youtube)
3. Into The Woods
4. Neptune’s Eye
5. That Cannot Be Dreamed (Official Audio bei Youtube)
6. Keziah Mason
7. The Apotheosis Of The Unnamable

Mehr im Netz:

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