Jahresrückblick 2022 von Daniel [agony&ecstasy]

OB DU MICH VERARSCHEN WILLST, HABE ICH GEFRAGT!?!?!

Da hat man zwei Jahre lang mit der gottverdammten Pandemie und all ihren Randerscheinungen gekämpft und letztes Jahr gab es dann noch ne Flut dazu, aus der wir, dem Gehörnten sei Dank, ziemlich glimpflich mit etwas Wasser im Keller davon gekommen sind, viele andere aber nicht. Und 2022 hat nichts Besseres zu tun, als schon im Februar sehr laut “Hold my beer” zu brüllen?!

Global gesehen war 2022 also eher mal beschissen. Abgesehen vom furchtbaren Angriffskrieg Putins auf die Ukraine, der mit nichts, aber auch wirklich gar nichts zu rechtfertigen ist, ist auch in Sachen Klimaschutz irgendwie alles Mist, teilweise bedingt durch die unmittelbaren Folgen des Krieges und seine Auswirkungen auf unsere Energieversorgung, größtenteils aber wegen der fortgesetzen Bräsigkeit der Entscheidungsträger.

Nun ja, zumindest persönlich war 2022 nach der kompletten Shitshow 2021 und den generell für mich eher bescheidenen letzten fünf Jahren tatsächlich mal ein Aufwärtstrend erkennbar. Insgesamt mehr Licht als Schatten und vor allem, endlich wieder Konzerte und Festivals!

Musikalisch war auch 2022 wieder ein starkes Jahr mit jeder Menge großartiger Musik. Weit mehr großartige Musik als ich wirklich zu würdigen im Stande war. Das eine oder andere Album hat dann aber doch bleibenden Eindruck hinterlassen.

Die zehn besten Alben des Jahres:

Am Ende war das Rennen so eng, das ich mich eigentlich gar nicht so richtig festlegen mag, wer nun die Nase vorne hatte, das britische Urgestein SATAN mit “Earth Infernal“, dem nun schon vierten Kracher seit der Reunion oder doch die deutschen Epic/Doom/Prog Hopefulls LORD VIGO, die ihren Sound mit “We Shall Overcome” um weitere Facetten bereichert haben und ein wahrhaftig großes Science Fiction Epos zustande gebracht haben.

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Den mittelalten Herren dicht auf den Fersen war da Melissa Moore mit dem Debüt ihrer Band SONJA, welche sie zwar bereits vor Ihrem Rauswurf bei ABSU gegründet hat, mit der sie aber jetzt richtig durchstarten will. Und man kann nur hoffen, dass ihr das auchgelingt, denn “Loud Arriver” ist für mich das heißeste Debütalbum des Jahres geworden und steckt voller düsterer Hits. Ich hatte nach dem Demo schon hohe Erwartungen, die haben SONJA aber mindestens erfüllt, eher noch übertroffen. Vielleicht das Ohrwurm-Album des Jahres!

Kurz vor dem Ende des Jahres stieß ich dann auf DOOMOCRACY aus Griechenland, deren anspruchsvoller, leicht vertrackter aber dennoch eingängiger und packender Epic Doom so unfassbar gut ist, dass es mich maßlos ärgert, die Truppe nicht schon früher entdeckt zu haben. Immerhin ist “Unorthodox” schon das dritte Album der Band. Und dieses Album muss man als Fan von Doom und Epic Metal auf jeden Fall gehört haben.

Ebenfalls erst dieses Jahr, wenn auch bereits zu Beginn, bin ich auf MOLTEN CHAINS aus Wien gestoßen. Die Band um Mastermind Brenton Weir kombiniert klassischen Heavy Metal, Prog, Death und Black Metal zu einem völlig eigenen, obskuren Sound, mit dem man vermutlich niemals auf der Mainstage in Wacken landen wird, dafür aber mit “Orisons Of Vengeance” DAS Underground Higlhight des Jahres abgeleifert hat.

SANHEDRIN wiederum habe ich nun schon seit ein paar Jahren auf dem Schirm. Nach zwei starken Alben konnte die band einen Deal mit Metalblade Records ergattern, was der Band, welche mich dieses Jahr in Dortmund auch von ihren Live-Fähigkeiten überzeugen konnte, hoffentlich einen wohlverdienten Schub in Sachen Popularität gibt. Mit “Lights On” hat die Band jedenfalls ihr bisher reifstes Album veröffentlicht. Acht starke Songs zwischen Hard Rock und Heavy Metal, mehr braucht es garnicht, um eines der stärksten Alben des Jahres abzuliefern.


Eine Bestenliste ohne Thrash Metal-Album? No way! Es war der Kollege Andi Dollinger, welcher mich mit seiner Rezension auf “Excessive Outburst Of Depravity“, das achte Album von PROTECTOR, aufmerksam machte. Brachialer aber niemals zu stumpfer Thrash klassischer Teutonen-Prägung. Live konnte ich die Band zusammen mit DEATH STRIKE und SPHINX dieses Jahr in Wermelskirchen begutachten, wo – wie auf Platte – keine Gefangenen gemacht wurden.

ULTHA flogen auch schon eine Weile so am Rande meines Radars herum, durch den freundlichen Stupsers eines Users aus dem Deaf Forever Forum hab ich dann pünktlich zum Release an einem Bandcamp-Friday zugeschlagen und mir “All That Has Never Been Through” auf CD gekauft. Und auch wenn ich immer noch nicht sicher bin, ob ich die “Belong” EP nicht noch ein Stückchen besser finde, so ist “All That Has Never Been Through” definitiv mein Black Metal-Highlight des Jahres, welches die Band Anfang Dezember auf dem UNHOLY PASSION FEST in voller Länge zelebrierte. Beeindruckend!

Um mal Martin van Drunen zu zitieren: Die alten Hasen wissen wie die Peitsche klatscht! Das galt dieses Jahr insbesondere für SAXON, die mit ihrem ungefähr viertelvordrölfzigsten Album “Carpe Diem” ein Werk ohne Ausfälle, dafür mit einigen echten Hits auf die Reihe gekriegt haben. Unser Redaktions-Dino Frank war zwar nur so mittel begeistert, das ist aber ganz klar eher Altersstarrsinn oder einsetzende Taubheit. Nur ein Spaß Frank, hab dich lieb 😉

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Last but not least hätten wir dann noch mein Death Metal-Highlight des Jahres. Schon recht früh im Jahr haben SENTIENT HORROR mich mit ihrem Drittwerk “Rites Of Gore” ganz massiv glattgebügelt. Es kamen im Laufe des Jahres zwar noch diverse Genre-Alben hinzu, die am Thron kratzen konnten, letztendlich hat sich dieses kompakte, brachiale, groovige Monster aber an der Spitze gehalten.

Vierundzwanzig weitere Empfehlungen in alphabetischer Reihenfolge:

Ihr wollt mehr? Natürlich wollt ihr das! Einige dieser Alben sind knapp an der Top Ten gescheitert, andere erschienen so spät und haben noch nicht so viele Durchläufe bei mir gemacht, um Berücksichtigung bei der Top Ten zu finden.

ANIMALIZE: Meat We´re Made Of
AUTOPSY: Morbidity Triumphant
CAUCHEMAR: Rosa Mystica
CRITICAL EXTRAVASATION: Order Of Decadence
ELUSIVE GOD: Trapped In A Future Unknown
ERUPTION: Tellurian Rapture
HÖWLER: Descendants Of Evil
IMHA TARIKAT: Hearts Unchained – At War With A Passionless World
INTENT: Exile
MIDNIGHT: Let There Be Witchery
RIOT CITY: Electric Elite
SACRAL NIGHT: Le Diademe D’Argent
SCALPTURE: Feldwärts
SLAUGHTERDAY: Tyrants Of Doom
SORDID BLADE: Every Battle has Its Glory
SPHINX: Deathstroke
STRATOVARIUS: Survive
SUMERIAN TOMBS: s/t
SUMERLANDS: Dreamkiller
SUPPRESSION: The Sorrow Of Soul Through Flesh
THEM: Fear City
TRAITOR: Exiled To The Surface
VENATOR: Echoes From The Gutter
WHITE WARD: False Light

Hatte ich dieses Jahr wirklich keine Zeit für 😉 Es hat sich aber auch keines angeboten. Bestimmten Dingen gehe ich halt von vorneherein aus dem Weg und von den Alben, die ich gehört habe, hat mich keines so sehr enttäuscht, dass es eine Nennung hier verdient hätte. Oder wie es ein gewisser Metal-Youtuber so schön sagt “Die Zeit ist zu schade für Scheiße!”

Endlich! Wieder! Konzerte!

Nach zwei Jahren pandemiebedingter Pause durfte ich ja bereits letztes Jahr beim ROCK HARD FESTIVAL ONEDAY wieder erste Konzertluft schnuppern, doch dieses Jahr ging es endlich wieder so richtig los, endlich wieder Konzerte, alles fast wie früher.

Das erste Konzert des Jahres war die Epic Metal Night im Helvete in Oberhausen. Die als Headliner eingeplanten WHEEL fielen coronabdingt leider kurzfristig aus dafür haben insbesondere die Franzosen HÜRLEMENT an diesem Abend die Bude abgerissen. Einfach nur ehrlicher, authentischer Heavy Metal! Und die Maniacs im Publikum sind ausgerastet!

Weitere Highlights waren das Return Of The Riff Fest in Dortmund mit KNIFE, SANHEDRIN, VULTURE und STALLION, das Doom-Triumvirat THRONEHAMMER, WHEEL und CROSS VAULT in Oberhausen , IRON MAIDEN in Köln, PROTECTOR und SPHINX in Wermelskirchen sowie ULTHA und UNRU auf dem UNHOLY PASSION FEST.

Ganz weit vorne dieses Jahr waren aber mein weites Wohnzimmer, das ROCK HARD FESTIVAL, welches pünktlich mit meinem neuen Lebensabschnitt zusammenfiel und bei dem ich neben großartigen Auftritten viele bekannte Gesichter treffen konnte. Es hat mir so verdammt gefehlt!

Und dann war da noch das RIFFING FOR TOLERANCE Festival am 19. November in Köln. Veranstaltet von den Kölner Thrashern PRIPJAT, die ihre Wurzeln in der Ukraine haben und dieses Festival veranstalteten um Geld für einen guten Zweck zu sammeln. Dass das natürlich mehr war, als einfach nur ein Festival, muss ich wohl niemandem erzählen.  Es freut mich, dass die Veranstaltung ausverkauft war und vor allem PRIPJAT, SPACE CHASER und STALLION den Club Volta in Köln so richtig zum kochen gebracht haben.

Sehr schade war, dass viele Konzerte und Festivals, vor allem im kleineren und mittleren Bereich dieses Jahr abgesagt werden mussten, weil der Vorverkauf so schlecht lief. Das ist natürlich alles erklärbar, weshalb ich die ganzen “Kriegt eure Ärsche hoch”-Aufrufe nur bedingt nachvollziehen konnte. Zum einen war da das totale Überangebot mit Ansage, weil natürlich alle Bands, die in den letzten Jahren nicht touren konnten ihre verpassten Tourneen nachholen wollten. Das wäre so schon sportlich gewesen, schließlich hatten viele Leute noch große Stapel mit Tickets aus den letzten zwei Jahren zu Hause liegen.

Dazu kam bei vielen Menschen eine gewisse coronabdingte Vorsicht, sei es, die Angst, sich anzustecken oder eben das Abwarten mit dem Ticketkauf, falls doch wieder abgesagt wird – was dann letztendlich in einigen Fällen genau dazu führte, nicht wegen Corona, sondern wegen schlechtem Vorverkauf. Aber natürlich haben der Krieg und die daraus folgende Inflation und Energiekrise bei vielen Menschen schlicht und ergreifend auch dafür gesorgt, dass deutlich weniger Geld zur Verfügung stand. Und speziell, wenn man eine Familie (mit) zu ernähren hat, setzt man da halt eben Prioritäten.

Hoffen wir einfach, dass 2023 in dieser Hinsicht besser wird. Ich freue mich jedenfalls schon auf viele weitere Konzerte und Festivals in 2023!

Manchmal nimmt das Leben komische Abzweigungen. Diese neue Abzweigung, die mein Leben dieses Jahr genommen hat war sicher nicht das, was ich mir vielleicht vor einigen Jahren noch vorgestellt habe. Und doch bin ich froh, diese Abzweigung genommen zu haben. Es wird nicht einfach aber es kann nach den letzten Jahren nur besser werden.

Endlich wieder Konzerte! Nach zwei langen Jahren endlich wieder gemeinsam unseren geliebten Metal zelebrieren, gemeinsam die Faust hoch reißen, gemeinsam mitgröhlen, gemeinsam schwitzen!

In der Silvesternacht kommt es zu Ausschreitungen und die üblichen Verdächtigen verfallen gleich wieder in den ausgelutschten “Die schlecht integrierten Ausländer sind schuld!!!!” Chor ein. Dass die Lage vielleicht doch ein wenig komplexer ist, dass man solche Taten verurteilen und natürlich bestrafen muss, trotzdem aber anerkennen kann, dass die Ursachen dafür etwas komplizierter sind als “So sind die jungen Araber halt *hitlerbärtchensmily*”? Ne, lass mal lieber die üblichen Reflexe bedienen und über die angeblich völlig verfehlte Einwanderungs- und Integrationspolitik reden. Es macht mich einfach nur noch wütend und müde zugleich…

Das Klimaaktivisten – so sehr man über deren Methoden auch streiten mag – von einigen Grenzdebilen tatsächlich mit linksradikalen Terroristen gleichgesetzt werden, dass man diese Menschen teilweise allen erstes in Präventivhaft (allgemein so ein Wort aus Orwells schlimmsten Träumen) nimmt und aus dem selben Lager gleichzeitig donnerndes Schweigen und/oder Verharmlosung erfolgt, wenn bewaffnete Spinner mit Verbindungen ins Militär und andere staatliche Organe sowie Zugang zu Waffen ernsthaft den Umsturz planen, dann muss man sich schon ernsthaft fragen, ob aus der rechtsterroristischen Vergangenheit der letzten Dekaden überhaupt nicht gelernt wurde und ob manch einer ob der bereits laufenden Klimakatastrophe den Schuss immer noch nicht gehört hat.

FDP tritt in die Regierung ein, nur um dann Opposition zu spielen. Wobei… um das als Enttäuschung zu verbuchen, hätte man ja etwas anderes erwarten müssen.

Was Putins Überfall auf die Ukraine angeht, so erscheint mir das Wort “Enttäuschung” auf der einen Seite zu mild, auf der anderen Seite auch unpassend. Ja, viel zu viele Menschen – auch ich – waren trotz allem, was man über Russland unter Putin weiß, trotz der Annektion der Krim in 2014 – übrigens der eigentliche Beginn dieses Krieges, der 24. Februar war “nur” eine Eskalation – irgendwie überrascht davon, dass dieser Größenwahnsinnige tatsächlich in die Ukraine einmarschiert ist. Doch die warnenden Stimmen gab es nicht erst seit gestern, wir alle wollten sie nur nicht hören. Hoffen wir alle, dass die mutigen Ukrainer diesen Despoten ins eine Schranken weisen. Dafür sollten wir alles tun, was nötig ist. Slava Ukraini!

Die Newcomer des Jahre:

MOLTEN CHAINS
SONJA
SPHINX

Erkenntnis des Jahres:

Nur weil man wieder mehr Alben kauft, heißt das nicht automatisch, dass man auch in selbigem Maße mehr Zeit hat, diese zu hören.