Jahresrückblick 2023 von Mirko Wenig

Der Marathonläufer unter den Rezensenten: Kurz halten kommt für Mirko auch bei seinem Jahresrückblick nicht infrage.

Was für ein Jahr! Viele Erlebnisse, interessante Begegnungen und Abenteuer, aber auch Enttäuschungen, Schicksalsschläge im Freundeskreis und das Gefühl, nach Atem ringen zu müssen, ausgebrannt zu sein, um dann doch weiterzumachen. Und wiederkehrende Selbstzweifel: zum Beispiel, ob ich über Musik etwas zu sagen habe, ob hier Fähigkeiten und Verständnis nicht begrenzt sind, ob ich nicht vielleicht sogar mal selbst Musik machen wollte (auch hier ist das Können, nun ja, überschaubar, trotz ständiger Melodien und Ideen im Kopf). Für VAMPSTER habe ich vergleichsweise wenige Rezensionen geschrieben, die meisten, wie immer, viel zu lang (ich bin der Marathonläufer unter den Rezensenten). Auf einige bin ich stolz (FVNERALS, BARONESS), andere halte ich für höchst verzichtbar. Aber der Antrieb bleibt: Wer über Musik schreibt, ist auch Missionar, will mitteilen, dass man das und das Album unbedingt hören sollte – oder eben nicht. Wer über Musik schreibt, ist Besserwisser und Therapeut, ist Vermittler, manchmal ein Idiot (auch aus Sicht der Interpreten), ist dem Leser und der Leserin ein guter oder erbärmlich schlechter Liebhaber. Was auf meiner Bestenliste landet, ist auch geprägt von Stimmungen und Emotionen: Vielleicht erklärt das, weshalb hier überraschend viele ruhige und melancholische Alben zu finden sind, die ich, wie in den letzten Jahresrückblicken auch, sehr ausführlich vorstelle.

Die Jahrgangsbeste: Monika Roscher Bigband: Witchy Activities and the Maple Death

Monika Roscher ist ein Phänomen. Um einen Chuck-Norris-Witz abzuwandeln: Welche Stilrichtung spielt Roscher? Die Antwort: Alle, und zwar gleichzeitig. Seit die Münchner Komponistin, Bandleaderin, Sängerin und Gitarristin 2012 auf der Bildfläche erschien, hat sie einen Sound entwickelt, von dem man ohne Übertreibung sagen kann: „So hat man das noch nicht gehört“. Von Jazz und Krautrock nimmt sie die Improvisation und den musikalischen Wahnwitz, von der Klassik die Präzision und den Formwillen, von der Weltmusik die Buntheit, von Math Rock, Djent und -ja!- auch Metal die Härte. So gestaltet sie schillernde musikalische Panoramen, die so schön wie abenteuerlich sind, von der Form her offen, virtuos und überraschend.

Auf ihrem dritten Output „Witchy Activities and the Maple Death“ zeigt sie all das in fast überlebensgroßer Perfektion. Sieben Jahre hat sie sich seit dem letzten Album Zeit gelassen – und ein Werk geschaffen, das bis ins kleinste Detail liebevoll ausgearbeitet und zuweilen schlicht atemberaubend ist. Ein wilder Ritt auf dem Besen, eine Entdeckungsreise. Selbst FRANK ZAPPA sitzt auf seiner Wolke und staunt. In Roscher findet er eine uneheliche Tochter im Geiste.

Das Geheimnis ihres Sounds: Tatsächlich steht Roscher einer klassischen Big Band vor. Das 18köpfige Ensemble erweitert die Möglichkeiten und schafft Klangräume, die einer Rockband für gewöhnlich verschlossen bleiben: opulente, bombastische Klänge, wilde Rhythmen und widerstrebende Strukturen. Aber auch leise Momente, Melancholie, verführerische Sinnlichkeit. Man höre sich an, wie sie den Opener “8 Prinzessinnen” eröffnet: Bläser und Percussion schaffen einen nervös schreitenden Rhythmus, der an Morsezeichen erinnert, aber auch an Hollywood-Soundtracks, ihre einsetzende Stimme, mehrfach übereinander geblendet, hat etwas Entrücktes und Geheimnisvolles. Für den Text ließ sich Roscher von einer Zeitungsschlagzeile inspirieren, die sie nutzt, um einen eigenen Mythos zu schaffen. Acht Prinzessinnen stehen vor Gericht, sie wollten das nördliche Licht stehlen, aber auch aufbegehren gegen die Vergänglichkeit der Schönheit, den körperlichen Verfall: Am Ende des Songs verglühen sie, werden Teil schwarzer Materie, und haben doch eine ungebändigte Energie freigesetzt: “Entropy has grown“. War ihr Aufbegehren vergeblich? Neun Minuten nimmt sich Roscher Zeit, um diese Geschichte zu erzählen, sie lässt Bläser und Streicher mal schwer und bedrohlich anschwellen, dann wieder majestätisch schreiten, das Piano hämmert hart und monoton, komplexe Rock-Rhythmen wechseln in Klezmer-Tanz. Ihre Musik lebt von wechselnden Stimmungen und Dynamiken, und wer sie als Musikjournalist einfangen will, braucht ein Skalpell statt einer Tastatur.

Das alles klingt absolut zeitgemäß, was man bei dem Begriff “Big Band” dem Klischee nach nicht erwarten darf. Ja, kein Witz: Zerhackte und stakkatoartige Akkorde im MESHUGGAH-Stil lassen sich auch mit Bassklarinette und Trompete erzeugen. „Witches Brew“, dessen Titel nicht zufällig an MILES DAVIS erinnert, ist eine zwölfminütige Suite in sechs Sätzen, die Progrock, orientalische Harmonien, Klezmer und Klassik vereint. Wunderbar das Tenorflöten-Solo von Michael Schreiber. Und wer glaubt, dass bei der Vielzahl der Instrumente und Einflüsse alles auseinander fliegt, der irrt. Roscher ist nicht nur eine hochkompetente Arrangeurin, die ihren Musikern dennoch Raum zur Entfaltung lässt, sie schreibt auch großartige Songs. Eine sehnsuchtsvolle Hymne an die Nacht, wie sie “Starlight Nightcrash” darstellt, könnte auch auf einem Album von LANA DEL REY stehen: wenn das orchestrale Fundament auch mehr Schwere verleiht. Das ist Musik, die groovt, atmet, pulsiert und verführt. Album des Jahres? Na klar.

Beste Coming-of-Age-Platte: KIDS WITH BUNS: Out of Place

Oh mein Gott, wie ausgefeilt kann ein Debütalbum sein? Die beiden jungen Belgierinnen Marie Van Uytvanck und Amber Piddington machen auf ihrem Erstlingswerk „Out of Place“ gitarrendominierten Indie-Pop für einsame Seelen und gebrochene Herzen. Und sie machen so ziemlich alles richtig. Dieses Album bietet mehr bittersüße Momente als jede Zartbitter-Schokolade. Marie singt mit tiefer, androgyner Stimme, und Amber beherrscht auf ihrer Gitarre melodisch hallende Postpunk-Harmonien ebenso wie zurückgelehnte Akustik-Licks. Dass sie ihre Musik als „Bedroom-Pop“ bezeichnen, sollte ebenso wenig abschrecken wie die Tatsache, dass sie in ihren Texten – auch – Probleme des Erwachsenwerdens thematisieren. Der Sound ist warm und dicht, die Texte klug und mit starken Bildern, in denen sich auch ältere Generationen wiederfinden können. “The glass that I broke four weeks ago, it′s still on the floor/ It′s part of the room now I′m never gonna pick it up again“, singt Van Uytvanck in “Clutter”: Momente der Einsamkeit und des Selbstzweifels, wenn sich die eigene Wohnung langsam in eine fremde und unheimliche Umgebung verwandelt. Das Überraschendste an der Platte ist jedoch die Selbstverständlichkeit, mit der die beiden durchweg starke Songs präsentieren: Hier könnte man fast jeden Titel herausnehmen und auf die Playlist der geschmackvolleren Radiosender setzen. Wer auf den Gitarrenpop von AMY MACDONALD schwört, kommt hier ebenso auf seine Kosten wie Fans von Indie-Folk der Marke BOYGENIUS oder von wavigen Rockklängen. Und für alle, die THE ORGANs einzige Platte (2004) immer noch für das beste Album aller Zeiten halten, ist das hier ebenfalls ein sehr willkommenes Trostkissen!

Beste Bauchschmerz-Platte: DANIEL BLUMBERG: Gut

Ein Konzeptalbum über eine Darmerkrankung? Inklusive Furz- und Rülpsgeräuschen? Ich weiß, das klingt zunächst komplett bescheuert. Aber wer hier an Pennäler-Humor der Marke J.B.O. denkt, ist auf einer ganz falschen Fährte. Improvisierter Jazz, Marc Hollis und späte TALK TALK heißen eher die Referenzen. Daniel Blumberg, ein 33jähriger Künstler aus London, ist dafür bekannt, dass er allerlei Instrumente virtuos beherrscht und ein Konzert auch mal komplett improvisiert. Hier verarbeitet er eine schwere Krankheit, die ihn beinahe das Leben gekostet hat – doch es ist vor allem auch ein Album über den menschlichen Körper, seinen Verfall und seine Verletzlichkeit. Blumbergs Stimme ist schön und zerbrechlich, ein hohes und klares Organ von fast überirdischer Schönheit. „Gut“ hat er größtenteils in einem Take am Piano aufgenommen, später kamen Effekte, Schlagzeug und gedoppelte Stimmen hinzu. Er verweigert sich klassischen Songstrukturen, zerhackt die Songs mit wilden Rhythmen, streut kakophonischen Lärm. Ein Album voller Schmerz: Er wiederholt wenige Harmonien als wiederkehrende Litanei, wenige Worte als Sentenzen. Ja: Der Song „Body“, eine Lärmorgie mit Flatulenz, ist unhörbar, denn tatsächlich enthält der Song Rülpse und Furze. Das wurde doch hoffentlich nicht live eingerülpst und eingefurzt? Bei „Knock“ drischt das Schlagzeug so unerwartet in den Song hinein, dass man zur Anlage rennt und leiser stellt, damit einen die Nachbarn nicht wegen Folter verklagen. Ein Album, das man aushalten und vielleicht durchleiden muss. Und doch: Es ist keine Orgie des Schmerzes, die Blumberg uns hier präsentiert, es ist ein tröstendes, ein faszinierendes Album. Eines, das sich körperlich anfühlt, Herz, Hirn und Pulsschlag hat. Und, na ja: eben auch einen furzenden Darm.

Beste Comeback-Platte: WITCH: Zango

Es gibt Comebacks, die sind so unwahrscheinlich wie ein Sechser im Lotto, so unerwartet wie das plötzliche Auftauchen eines Superhelden in einer ausweglosen Situation. Fast 40 Jahre ist es her, dass WITCH (kurz für „We Intent To Cause Havoc“) ihr letztes Album „Lazy Bones“ veröffentlichten. In den 70er Jahren brachte die Band den Rock’n’Roll nach Sambia, ihr Leadsänger Emanyeo Chanda trug den Künstlernamen „Jagari“: eine Aneignung des Namens von Mick Jagger mit regionalem Akzent. Sie zählen zu den Begründern des Genres „Zamrock“, denn sie imitierten nicht einfach ihre Vorbilder, sondern übersetzten den Rock in ihre eigene Sprache. Sie spielten ihn mit afrikanischen Rhythmen und viel Funk im Sound, oft in großer Besetzung, mit wilder Percussion, hypnotisierenden Fuzz-Gitarren und so knallig bunt wie ihre Gewänder.

Dass WITCH nun wieder ein Album veröffentlicht haben, ist nicht allein aufgrund der langen Zeitspanne ohne Lebenszeichen ein kleines Wunder. Fast die komplette Band wurde vom AIDS-Virus hinweggerafft, Chanda zog sich aus dem Musikbusiness zurück und arbeitete erst in einer Edelstein-Mine, dann als Lehrer. Neben ihm ist lediglich Keyboarder Patrick Mwondela noch beteiligt, der aber auf keinem der bisherigen Alben zu hören war. Zwar gab es ausgehend von den 2010er Jahren ein neues Interesse an Zamrock in Europa, es gab eine Doku, Bootlegs wurden gehandelt und die Alben der goldenen Ära wiederveröffentlicht, Chanda spielte auch wieder live auf Festivals. Aber mit neuem Material war wirklich nicht zu rechnen.

Dann plötzlich ist „Zango“ da. WITCH klingen darauf wie keine andere Band im Moment. Sie klingen wild, sie klingen spritzig, sie klingen unglaublich lebendig. Sie ziehen einen hinein in einen Sog infektiöser Melodien, die bestimmte Grundmuster wiederholen, sich gängigen Songstrukturen entziehen und gerade deshalb eine süchtig machende Wirkung entfalten. „Zango“ funkelt wie ein Edelstein aus den Minen Sambias, nur bunter und wärmer. Das ist auch den vier neuen (und deutlich jüngeren) Mitmusikern zu verdanken, die vom europäischen Kontinent hinzustießen: Bassist Jacco Gardner und Schlagzeuger Nico Mauskoviç sind aus der niederländischen Psychedelic-Rock-Szene bekannt, letzterer von ALTIN GÜN. Beide haben das Album auch produziert. Gitarre spielen der Schweizer Stefan Lilov und der Münchner J.J. Whitefield.

Dieses Mehrgenerationenhaus baut eine Rakete. Kommt der Opener „By The Time You Realize“ zunächst noch etwas verhalten und gewöhnungsbedürftig daher, so schickt einen spätestens der zweite Song „Waile“ vollends in den Orbit. Stakkatohafte und entfesselte Rhythmen! Ein virtuos tanzender Bass! Zuckersüße Frauenchöre, in denen sich im Wechselspiel mit Chando das ekstatische Call-and-Reponse des Gospel spiegelt! Pluggernde Licks und harte Gitarrenriffs, die Funk und Afrobeat mit dem Proto-Metal der frühen BLACK SABBATH vermählen! Man müsste den Wortschatz erweitern, um wiederzugeben, was hier alles ineinanderfließt und gleichzeitig stattfindet. Und obwohl dies eine Zeitreise ist, wir uns mit dem DeLorean direkt in die 60er und 70er Jahre begeben, klingt das alles absolut zeitgemäß, zuweilen gar futuristisch.

Bei zwei Songs, dem entspannt groovenden 60s-Disco-Funk von „Unimvwesha Shuga“ und dem dubgetränkten Hammond-Orgel-Reggae von „Malango“, übernehmen mit Theresa Ng’ambi und Hanna Tembo zwei junge Vertreterinnen der sambischen Popkultur den Leadgesang. Das unterstreicht den Gemeinschaftsgedanken, der in der afrikanischen Yoruba-Tradition sehr präsent ist: Musik, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Gemeinsam wird musiziert und getanzt, in den Familien und bei Festen verschwimmen die Grenzen zwischen Interpret und Publikum. Musik gehört hier nicht der Band, sie ist als Gemeingut gedacht, als Einladung zum gemeinsamen Musizieren. Das spiegelt sich in den zahlreichen Kollaborationen auf dem Album, aber auch in den Texten Chandos, der sich mit seinen 71 Jahren als liberaler Geist entpuppt. In „Message from WITCH“ singt er über seine Musik: „Sie eint den Glauben/ besiegt die Fremdenfeindlichkeit/ die Hassrede/ beendet den Sexismus/ die Homophobie/ besiegt den Antisemitismus/ umarmt alle Rassen“.

Beste Selbsthilfe-Platte: TO KILL ACHILLES: Recovery

Metalcore muss aufpassen, nicht das Schicksal anderer jugendlicher Subgenres zu erleiden. Viele Bands drohen ins Formelhafte abzudriften: Breakdowns, harte Strophen und eingängige Refrains, dezente elektronische Spielereien: Die Standards sind bekannt. Die Schotten TO KILL ACHILLES zeigen auf ihrem zweiten Album „Recovery“ einen interessanten Ausweg auf: Sie mischen eine ordentliche Portion Screamo und Verletzlichkeit bei.

Dass Bands dieses Genres persönliche Krisen und soziale Probleme ihres Umfelds thematisieren, ist nicht neu. Doch die Art und Weise, wie Sänger Mark Tindal hier Songs über Alkoholismus und Sucht, gescheiterte Beziehungen, häusliche Gewalt und Perspektivlosigkeit durchleidet, hat eine eigene Qualität. Eine Mischung aus Schreien, heißerem Sprechgesang und rauen Ausbrüchen ist sein Markenzeichen, vorgetragen im Tonfall von Wut und Verzweiflung: oft hektisch und übersteuert, hart an der Schmerzgrenze. Hinzu gesellen sich Gitarren, die nicht nur stumpf vor sich hingrooven, sondern auch mal sehr rockig klingen, Nuancen setzen: oder, wie im berührenden „Blue“, melodisch schlingern und weinen. Die Texte sind sehr direkt und zuweilen schwer auszuhalten, zwischen Selbstanklage, Ohnmachtsgefühlen und eben Verzweiflung: „Ich kann stark sein / Ich kann freundlich sein / Ich kann alles sein, was ich verdammt nochmal sein will“, wütet Tindal im Opener „…and I’m An Addict“, nur um nachzuschieben: „Aber warum falle ich in das zurück, was ich bin / Ein Junkie, ein Süchtiger, ein Mann mit Komplexen, ich will es nicht!“ Es ist ein vertonter Kampf, dem wir hier beiwohnen, ein Kampf mit den eigenen Dämonen und der Zerwürfnissen dieser Welt.

Aber im Gegensatz zum zuweilen niederschmetternden Debüt von 2021 kommt ein neues Element hinzu: Hoffnung. Es ist ein Aufbäumen spürbar, ein inneres Brennen, und sind die Songs auch noch so verzweifelt, so weisen sie einen Ausweg auf. Im düster-klaustrophobischen „Cave“ singt Tindal am Ende: „Es ist nicht egoistisch, an sich selbst zu arbeiten/ Aber ich brauche trotzdem deine Hilfe/ Denn ich bin schon eine Weile hier drin gefangen/ Und ich muss dich immer noch lächeln sehen/ Und ich muss dich immer noch sagen hören, dass alles gut wird/ Und wenn es mehr Zeit braucht/ Dann ist das in Ordnung, denn ich werde es zum Licht schaffen/ Wenn du versprechen kannst, dass du da sein wirst“. Diese Hoffnung spiegelt sich auch in der Musik, die nun weniger harsch klingt, eingängige Hooks bietet – und zuweilen schöne Melodien. Schlagzeuger Kieran Smith steuert Klargesang bei, manch elegische Melodie schillert und funkelt. Sogar ein Saxophon-Solo ist zu hören. Wenn die Wut in der Sehnsucht nach Nähe, Verständnis und Zärtlichkeit mündet, ist das doch eine schöne Pointe – und weit entfernt vom Macho-Gehabe manch anderer Hardcore-Bands.

Beste Coitus-im-Nachtclub-Platte: STARBENDERS: Take Back The Night

Was macht eigentlich der Glam-Rock? Leute, was haben wir Idealisten des guten schlechten Geschmacks, die wir unsere T-REX- und CINDERELLA-Shirts noch immer mit leidlicher Würde tragen, in letzter Zeit ertragen müssen. Da kommen so Bands wie JOHN DIVA daher und downgraden die Musik mit biederer Hartmannskost auf Fernsehgartenniveau. Billige Posen, klischeehafte Texte und Produktionen, die mehr Plastik enthalten als so mancher Hochseefisch. Auch ich hatte manchmal das Bedürfnis, mein Fönfrisuren-Toupet in die Tonne zu werfen, aus dem Ganzkörper-Latexanzug zu schlüpfen und meinem musikalisch gebildeten Freundeskreis zuzurufen: „Ihr Götzen des Kontrapunkts, ab heute bin ich einer von euch!“ Fast hätte ich mir schon so einen Pinguinfrack gekauft, wie man ihn manchmal in Konzertsälen mit Kristalllüstern sieht.

Und dann – swooosh – kommt die Rettung. Sie kommt mit übersteuerten Gitarren, mit breitbeinigen Posen, mit Mitgröhlmomenten, mit Lust, Spielfreude und Sexappeal. Nein, nicht mit Sexismus, sondern ernsthaft mit Sexappeal. STARBENDERS sind eine Band, die 2013 in einem Suburb von Atlanta/Georgia gegründet wurde. Es ist die Stadt, in der die Coca Cola Company ihren Sitz hat, Geburtsstadt von Martin Luther King: und bekannt für ihre große LGBT-Community, Austragungsort der Atlanta Pride Parade. Ein ideales Pflaster für eine Band, die mit androgynen Images spielt, mit knallenger Lederkluft posiert und mit Glitzer: Schlagzeugerin Emily Moon ist auf manchen Bandfotos ebenso oberkörperfrei zu sehen wie Gitarrist Kriss Tokaji, die Brustwarzen nur mit Tape zugeklebt, alle Bandmitglieder tragen wallende Mähnen. Schon die Bandfotos verströmen viel Star-Appeal: und eine schwüle Erotik.

Wer wissen will, wohin es programmatisch geht, dem seien die Titel ihrer bisherigen Alben zitiert. „Heavy Petting“ hieß das Debüt von 2016, „Love Potions“ der Zweitling von 2020: Dass die Band ihre Musik als Aphrodisiakum versteht, liegt auf der Hand. Und auch der Titel des vorliegenden Albums, „Take Back The Night“, ist programmatisch zu verstehen. Es ist Musik für das nächtliche Zwielicht, für verrauchte und verschwitzte Nachtclubs, in denen sich Körper auf abgewetzten Kissen regeln, Küsse und Bisse ausgetauscht werden. Würde im Berliner Kit Kat Club Rockmusik gespielt – was leider nicht der Fall ist – wäre STARBENDERS der ideale Soundtrack.

Doch darf man den Sex der STARBENDERS nicht missverstehen. Frontfrau Kimi Shelter, die auch das Songwriting in der Hand hält, versteht sich als Feministin: Und so ist ihr Sex gemischt mit Wut, Schmerz und Autorität, sammeln sich Blutspritzer auf den samtenen Kissen. Romantischen Beziehungen erteilt sie schon mal eine Abfuhr. „Ich will nicht verliebt sein/ Ich will nur deinen Sex/ Deine Tränen schmecken/ Ich will deinen Namen nicht wissen/ Ich will deine Stöße“ singt sie im zweiten Song „Sex“ drängend und fordernd. Und weiter: „Ich kenne all die Freude, die die Liebe bringt, aber ich habe genug davon“. Der dritte Song „Body Talk“ beschreibt, wie sie nachts auf Jagd geht, „Lost Boys in the Clubs“ sucht: trunken vor Liebe und blutlüstern. „Ich will fühlen, was im Inneren tot ist“. Das „New Future“ des Punk schimmert durch die glitzernde Hülle, befällt Körper, Lust und Gefühle. Mehrfach thematisiert Shelter Sucht und Depressionen, schmerzhafte biographische Erfahrungen und ihren Umgang damit: Selbstermächtigungs-Statements, deren Zwischentöne man überhören könnte.

Auf ihrem neuen Album entkleiden sich die STARBENDERS bis auf die Knochen: Sie mögen es roh, fett und manchmal ungeschliffen. Es ist eine infektiöse Mischung aus Hard Rock und Hair Metal, die zwar die 80er zitiert: „Whohoo“-Chorus im spritzigen Opener „The Game“, aber weiter zurückreicht. Es ist auch der Punk der NEW YORK DOLLS, der sich in ihrem Sound spiegelt, das nervöse Flackern der Protopunks MC5, der rotzige, wie Kaugummi auf die Straße gespuckte Rock ’n’ Roll von JOAN JETT und den RUNAWAYS. Und, wenn auch weniger präsent als auf den Vorgängeralben, die polyphonen Harmonien von FLEETWOOD MAC, die den Songs bisweilen eine sehnsuchtsvolle Melancholie verleihen. Die STARBENDERS bringen einem den Glauben an die Ideale des Glam zurück. Wenn auch nicht frei von Nostalgie, so bieten sie doch simple, aber taufrische Rock-Hymnen für Hedonisten, Strapsträger und Löwenmähnen. Dass sich Frontfrau Kimi Shelter zuweilen anhört wie die nikotinsüchtige Schwester von FLEETWOOD MAC-Sängerin Stevie Nicks, ist da sicher kein Nachteil. Da verzeiht man es auch, dass sich mit der überflüssigen Coverversion von ALICE COOPERs “Poison” ein echter Totalausfall auf der Platte befindet.

Beste urbane Tanztempel-Platte: AUNTY RAYZOR: Viral Wreckage

Ich höre schon die Einwände: „Du hast bisher so wenig Metal auf deiner Jahresbestenliste – warum empfiehlst du nicht gleich ein Rap-Album?“ Und klar: Auf diesen Einwand habe ich nur gewartet, vielen Dank! Das Rap-Album des Jahres kommt in diesem Jahr aus Nigeria: AUNTY RAYZOR mit „Viral Wreckage“. Die Frau mit den feuerroten Rastas rappt auf ihrem Debüt mit Autorität und Charisma über futuristischen Afrobeats, die einerseits minimalistisch und ganz zeitgeistig sind: Trap ist deutlich rauszuhören. Aber auch so komplex verschroben, experimentierfreudig und mit tief in den Eingeweiden pulsierenden Bässen, dass dies hier weit entfernt ist vom üblichen Einheitsbrei. Die am Jazz geschulte Polyrhythmik des 70er-Jahre-Afrobeats mit ihren teils absurden Brüchen wird hier in ein hartes und tanzbares Clubgewand gekleidet, das die Tanztempel der globalen Metropolen in schweißgetränkte Tropfsteinhöhlen verwandeln sollte.

Musik hat die Frau mit dem bürgerlichen Namen Bisola Olungbenga ursprünglich am Piano gelernt. Mit ihrer Mutter übte sie nach der Schule, wie sie in einem Interview erzählt, wenn sie besonders gut war, gab es als Belohnung ein Stück Schokolade. Die Musikalität ist hörbar, denn ihre Flows sind variabel und originell. Und obwohl Rap hier ganz klassisch zelebriert wird: Reime im zuweilen schwindelerregenden Tempo, so rappt sie doch hochmelodisch und wechselt gelegentlich in eine angenehme Singstimme, sodass Reggae und Soul immer mal wieder durchscheinen. Man höre sich ein Statement wie „Stuttrap“ an, ein explosives Stück Musik, das vor Energie berstet: Das Rasiermesser, das Olungbenga in ihrem Künstlernamen trägt, ist mehr als nur eine Behauptung. Ihr aggressives Stakkato trifft auf metallische Percussion und tief rollende Bässe, die der japanische Produzent Scotch Rolex, ein Veteran des Breakcore und Raggamuffin, vor ihr ausbreitet. Ohnehin ist die Auswahl der Produzenten auserlesen und zeugt vom Selbstbewusstsein der Interpretin: Gleich mehrere Tracks hat etwa Debmaster produziert, ein in Berlin lebender Franzose mit einem Studio in Ugandas Hauptstadt Kampala, der sich einen Namen in der Nyege Nyege-Szene gemacht hat. Das sagt einem nichts? Nyege Nyege ist ein Slang-Wort für einen plötzlichen, unkontrollierbaren Impuls zu tanzen. Mehr muss man nicht wissen, um einzuordnen, was hier geschieht. Wilde und funkelnde Exkursionen durch irrwitzig scheppernde Beats (verfremdetes Xylophon und Glocken), nervös fiepende Synthies, Polyrythmik und Bässe, die tiefer sind als der Mariannengraben.

Neben tanzbaren Clubtracks, die auch mal nach Party und Strohhalmgetränk klingen dürfen („Bounce“ macht Spaß, ist aber einer der weniger interessanten Songs), gönnt uns AUNTY auch mal eine Atempause. Die beiden Tracks mit dem ugandischen Sänger und Gitarristen TITI BAKORTA, die mit psychedelischen Gitarrenloops daherkommen, sind am ehesten dem klassischen Afro-Sound der 70er Jahre verpflichtet: “Fall Back” ist eine schöne Nummer mit Gospelchor, das abschließende “Sise” reitet durch fiebrig-nervöse Akkorde. Am besten ist „Viral Wreckage“ aber immer dann, wenn AUNTY Tempo aufnimmt, ihre Zeilen über harte Beats absurd springen lässt, wenn sie als Zeremonienmeisterin ihre Silben spuckt, rollt und frei durch die futuristischen Landschaften treibt. Ein tolles Album – dass sie auf Spotify gerade mal 3.000 Hörerinnen und Hörer im Monat hat, lässt mich mal wieder an der Welt zweifeln.

Beste Flaschenpost-Platte: NOAH GUNDERSEN: If This Is The End

Es gibt Musiker, die ich schätze, weil sie fast immer auf ganz eigenwillige Weise enttäuschen. NOAH GUNDERSEN war ab 2008 einer der ersten dieser – ehemals – blutjungen Musiker, die Americana, Singer/Songwriter und Indie-Folk wieder populär gemacht haben, wenn auch bei weitem nicht mit dem Erfolg der jüngeren PHOEBE BRIDGERS (mit der er das fantastische “Atlantis” aufgenommen hat) oder JULIEN BAKER. Und die, in Nachfolge von Musikern wie NICK DRAKE, einen eigenen Ansatz wählen: Folk als Instrument einer radikalen Innerlichkeit und Selbstbefragung, auch gesellschaftliche Themen werden durch die subjektive Brille gefiltert (Oft hat man in dem Genre ja so einen Welterklärungs-Gestus, den ich ehrlich gesagt nicht abkann).

Nun veröffentlicht er sein mittlerweile siebtes Album, und wieder zeigt er, was ihn schon früher auszeichnete: gnadenlose Nabelschau, vertonte Selbstzweifel, aber auch einen berstenden Lebenshunger – und Hoffnung. Nicht ohne Ironie und Brüche. Seine Texte sind eigentlich eine permanente Selbstbefragung, wie und warum man trotzdem weitermachen soll: mit der Musik, mit der Liebe, mit dem Leben. All das verpackt er in Songs, die manchmal zu viel wollen und nicht immer funktionieren, aber doch meist wunderbar komponiert und getextet sind. Manches ist kitschig, manches wirkt unfertig (“Swim” ist ein schöner Mutmach-Song mit starken Bildern: “Hold my breath underwater/ Til I’m strong enough to swim“, wird aber durch billige Keyboard-Effekte kaputt gemacht), manches pathetisch – und vieles wirklich großartig. Ohnehin haben seine Kompositionen oft etwas skizzenhaftes, was Raum schafft für Fragilität und Offenheit.

Es ist ein Balladenalbum, viele Songs sind sehr zurückgenommen und werden dominiert von seiner Stimme und dem Piano, auch wenn er das Album mit einer kompetenten Band aufnahm: und mit seiner Schwester, die wieder Backgroundgesang und Violine beigesteuert hat. Wer von einem reduzierten Song wie “Terrible Freedom”, der sich zu einem grandiosen Gospel-Finale steigert, nicht angefasst und durchgerüttelt wird, ist zum Eisblock erstarrt. Im Gespräch mit einem Freund thematisiert er gescheiterte Lebensentwürfe und Klischees von Männlichkeit anhand der eigenen Idole: Marlon Brando und Elvis, beide im fortgeschrittenen Alter aufgedunsen und entzaubert. Groß auch die abschließende Ballade “Love is blind”, eine Liebeserklärung an seine Frau, denn GUNDERSEN ist jung verheiratet: Er schmachtet, seufzt und leidet, wie es nur wenige können.

Das Album nahm Gundersen auf, nachdem er sich, desillusioniert vom Musikbusiness, eine Weile zurückgezogen und auf dem Bau gearbeitet hatte: Es ist nicht das erste Mal, dass er der Musik desillusioniert den Rücken gekehrt hat. Aber solche Musiker*innen sind mir lieber als jene, denen sofort und immer alles gelingt: die Suchenden, die Zweifelnden, manchmal am Rand des Scheiterns balancierend. Biografische Gründe nicht ausgeschlossen: Aber oft sind diese Interpreten gerade in ihrer Widersprüchlichkeit auch die interessanteren. Gundersen trägt so schwer an seinem Talent, dass er fast darunter begraben wird. Einige seiner Songs haben achtstellige Zugriffszahlen auf Spotify: Dass er keinen Erfolg hat, kann man nicht behaupten. In Deutschland aber wird er mit schöner Regelmäßigkeit übersehen. Ich fand keine einzige Rezension zu diesem Album in deutscher Sprache.

GUNDERSEN selbst will sein Album als Mutmacher verstanden wissen, das in Zeiten schwerer Lebenskrisen einen Türspalt offen lässt. Im wunderschönen “Haunted House”, gemeinsam gesungen mit seiner Schwester, textet er: “Du hast dich in einen sterbenden Stern verliebt/ In eine versagende Leber und ein gebrochenes Herz/ Aber wenn du mich für all das lieben kannst, was ich nicht bin/ Gebe ich dir den Rest von dem, was ich habe“. Zu seinem Album sagt er: “Hier ist eine weitere Flaschenpost – ich hoffe, sie wurde genau zum richtigen Zeitpunkt an Deine Küste gespült”.

Beste Edelstahl-Platte: ADORNED GRAVES: The Earth Hath Opened Her Mouth

Huch, da fällt mir ein, dass ich bis jetzt noch kein „klassisches“ Metal-Album besprochen habe. Weil es keine guten gab? Quatsch, wir hatten es in diesem Jahr mit einer ganzen Reihe hervorragender Alben zu tun, von SCREAMER über TAILGUNNER bis hin zu GATEKEEPER, SMOULDER, JAG PANZER oder RAVEN, die allesamt erstklassigen Edelstahl abgeliefert haben, aber Geheimtipp: Das könnt ihr auch in den Jahresrückblicken der anderen fleißigen VAMPSTER-Ameisen nachlesen.

Ich habe mich entschlossen, ein anderes Album auf den Stahlthron zu heben. Dafür müssen wir uns an den ehemaligen Königshof nach Kaiserslautern begeben. ADORNED GRAVES schmieden seit Jahren eine so edle Klinge, dass es ein Rätsel bleibt, warum sie nicht längst viel größer sind und mit an der Spitze des europäischen Metals stehen. Als Thrash-Band gestartet, haben sie sich mittlerweile eine ganz eigene Nische im eisernen Thronsaal erspielt, die irgendwo zwischen US-Powermetal der 80er, progressivem Thrash und epischem Bombast anzusiedeln ist. Kaum zu glauben, dass ihr neuestes Werk „The Earth Hath Opened Her Mouth“ (schon der Titel ist mächtig) in Eigenregie entstanden ist. Fast 75 Minuten lang wird hier alles geboten, was das edel verchromte Herz des Kuttenträgers mit gut sortierter Plattensammlung erfreut. Es handelt sich um eine vertonte Pilgerreise, meist in unruhigem Fahrwasser. Eine ganze Reihe von Gastsängern hat sich auf dem Album versammelt, die Liste ist ein Who is Who des Underground Metal (PRAYING MANTIS, WYTCH HAZEL, SEVENTH ANGEL), was der Kompaktheit keinen Abbruch tut.

Das Album beginnt mit „Epitaph I“, einem Song, der an den britischen Folk der 60er Jahre erinnert, getragen von einer stimmungsvollen klassischen Konzertgitarre und mehrstimmigem Satzgesang: Das muss man erst mal hinkriegen. Die Ruhe währt nicht lange, Pilgrim’s Path bricht über einen herein, mit reitenden Thrash-Gitarren und einem Refrain, der an die Matt-Barlow-Phase von ICED EARTH erinnert. Scheidende Riffs und orientalische Harmonien präsentiert uns das folgende “Progenitors”, bei dem Kobi Farhi von ORPHANED LAND einen Gastauftritt hat.

„Valley of Anchor“ ist eine zehnminütige Reise auf einem verwunschenen Geisterschiff, auf dem es gefährliche Strömungen und Strudel zu überwinden gilt, vorbei an Eisbergen und Untiefen, den Gesang der Sirenen im Ohr. Zunächst geht es gemächlich im Midtempo groovend los, bis plötzlich Stürme über einen hereinbrechen, pfeilschnelle Gitarren sogar an Black Metal erinnern: bis das hölzerne Schiff schließlich abdriftet, die Segel zerreißen, die Crew durch bisher unerforschtes Terrain gezerrt wird, durch progressive Wendungen und Soli (ja, ich höre jetzt auf mit den schrecklichen Vergleichen). Das ist großartig und zeigt eine weitere Qualität der Band: eine düstere Atmosphäre, manchmal bleischwer und gespenstisch.

Die Höhepunkte sind zahlreich. „Beyond the Silence“ ist ein majestätischer Doom-Track wie aus den Katakomben der DIO-Phase von BLACK SABBATH. Sänger John Jaycee Cuijpers (PRAYING MANTIS) singt fantastisch, die Melodieführung ist erhaben. Das stimmungsvolle Instrumental „Wind over Glen“ ist fast lieblich, mit keltisch angehauchten Harmonien und verspieltem Grundrhythmus. Wer das alles auf hohem Niveau auf einem Album unterbringt und dabei noch einen unverkennbaren Stil bietet, der gehört eigentlich zu den Großen. Mächtig!

Beste Existenzkrisen-Platte: CAROL HODGE: Vertiginous Drops

Wenn mir der Facebook-Algorithmus neue Musik vorschlägt, verfehlt das meinen Geschmack meist so sehr wie Christoph Kolumbus Indien. THE DARK TENOR oder VANESSA MAI, das sind dann solche Sachen. Aber ich habe bisher davon abgesehen, Facebook wegen Mobbing zu verklagen, denn manchmal sind auch echte Perlen dabei. Wie der eigenwillige Sound der Britin CAROL HODGE, den mir Facebook im Mai in die Timeline spülte. Die Sängerin und Pianistin, die ursprünglich aus der Anarcho-Punk-Szene stammt (sie gehört unter anderem zum späten Line-Up von Steve Ignorants CRASS: ein Anarcho-Kollektiv, das Ende der 70er Jahre dadurch auffiel, dass es sein benötigtes Equipment auch mal zusammenstahl), hat ein Handicap: Ihre linke Hand ist verkrüppelt, was ihrer Musikalität keinen Abbruch tut. Sie selbst bezeichnet sich als siebenfingrige Klavierspielerin und zeigt die Hand offensiv auf dem Albumcover. Außerdem hat HODGE eine kräftige und wandelbare Stimme, die sie gern auch mal theatralisch ausreizt.

“Vertiginous Drops“ ist das mittlerweile vierte Studioalbum der 41-jährigen Musikerin, das sie als Verfechterin des „Do It Yourself“-Gedankens auf ihrem eigenen Label Midnight Stamp Records veröffentlicht hat. Und die Musik darauf ist gar nicht so einfach zu beschreiben. Sie ist klassisch – und doch wieder nicht. Oft getragene Songs, die man als Rockballaden bezeichnen könnte, wenn dieser Begriff nicht ein völlig falsches Bild vermitteln würde. Die ruhige Grundstimmung des Albums wird immer wieder von grittigen, subtil abgründigen Momenten durchbrochen. Auf „Clean The Slate“ hört man die krachende Gitarre von Chris Catalyst, der unter anderem mit den SISTERS OF MERCY und GHOST zusammengearbeitet hat. Das giftige „Oh Amanda“ ist eine Hommage an die BEATLES und den psychedelischen Sound der 60er Jahre. Auch Varieté-Atmosphäre, wie wir sie von den DRESDEN DOLLS und Amanda Palmer kennen, schimmert durch. Das Album kommt mit großen und umarmenden Melodien daher, die Arrangements sind liebevoll und ausgefeilt. Doch davon darf man sich nicht täuschen lassen, denn wenn dich HODGE sanft streichelt, zieht sie dir zugleich den Teppich unter den Füßen weg: „Die Blumen, die ich für dich schickte/ Nun, ich hoffe, sie sind alle vertrocknet oder haben nicht geblüht,/ Denn mein Respekt für dich/ Fällt ab, Blütenblatt für Blütenblatt für Blütenblatt/ Und du hast es nicht einmal gemerkt“.

Das Piano ist das tragende Instrument, aber es gibt auch viel Gitarre und Schlagzeug, es gibt tanzbare Synthie-Pop-Nummern, Streicher und Bläser. Hodge selbst sagt auf die Frage nach ihrem Stil, die Antwort verweigernd, sie schreibe Songs über ihre “andauernde existentielle Krise”. Es geht oft darum, sich in einer unwirtlichen Welt behaupten zu müssen, um Sehnsüchte und Enttäuschungen. Auch das könnte man missverstehen, denn ihr Hang zum Melodramatischen und Melancholischen ist gepaart mit schwarzem britischen Humor. „Never Run Out of Things to Worry About” heißt zum Beispiel ein Song. Vielleicht könnte man die Musik so beschreiben: Wenn „Fleabag“-Regisseurin Phoebe Mary Waller-Bridge „Alice in Wonderland“ als Dramaserie im heutigen Großbritannien ansiedeln würde, dann hätte man in etwa den Sound. Classic-Varieté-Rock, der dich mit einem Giftpfeil kitzelt.

Beste Ende-der-Menschheit-Platte: FVNERALS: Let The Earth Be Silent

Na, endlich mal wieder Lust auf Musik, die sich durch und durch unkomfortabel anfühlt? Musik, die in die Knochen fährt wie ein eisiger Nordwind, während man bei zwölf Grad Minus, nur mit T-Shirt begleitet, vor einer verlassenen Ruine steht, das Gesicht schon bläulich vom beißenden Frost? Die Ruine war einst ein Hotel, aber das Dach ist fortgeweht, in der Lobby gefrorene Leichen, am Empfang wartet der Sensenmann. Und Ihr erkennt: Ihr seid der letzte Mensch auf dieser Erde, alles Leben ist erloschen. Tretet ein, lasst alle Hoffnung fahren. Und herzlich willkommen im Soundkosmos von FVNERALS!

„Dark Ambient Doom“ nennt das Duo Tiffany Ström und Syd Scarlet seine Musik. Seitdem die beiden 2013 auf der Bildfläche erschienen sind, sind sie bekannt für ihre pechschwarzen, abgründigen Klänge. Das neue Album, ihr mittlerweile drittes, steigert aber alles bisher Gewesene. Denn tatsächlich ist „Let The Earth Be Silent“ eine vertonte Auslöschung. Es ist ein Requiem für die Menschheit, ein in Klang gemeißeltes Krematorium. Wie fühlt es sich an, wenn alles Leben ausradiert ist? Entgegen dem Titel muss gesagt werden: nicht wie Stille. Es ist ein Dröhnen, Choral für einen gottlosen Himmel. Beschwörung der Trauer. Es ist, als würde man hinabblicken in ein geöffnetes Massengrab. Die von Menschen geschaffene Hölle.

Der Opener „Ashen Era“ ist noch einer der zugänglicheren. Ein Sirren setzt ein, ein Dröhnen: Soundeffekte wie die Trompeten der Apokalypse. Sie werden lauter, schwellen an, ein dumpfes Schlagen tritt hinzu – und ein betörend schöner, aber von Schwermut zersetzter Soprangesang. Erinnerungen an DEAD CAN DANCE werden wach, die ähnlich betörend in rituelle Gefilde entführt haben. Doch dann die schweren Gitarren und Bässe. Es ist die Ästhetik des Death Doom, denn hier werden keine schneidig groovenden Riffs gefahren. Die Gitarren stellen sich stattdessen in den Dienst der Schwermut, sie dröhnen und hallen und hallen, sie legen sich monolithschwer über die Musik.

Bereits beim zweiten Song „Descent“ wird deutlich, dass Sängerin Ström keineswegs nur auf ihren betörend schönen Gesang setzt. Im Gegenteil: oft überwiegt ein dunkler Sprechgesang, manchmal die Form eines schamanischen Murmelns annehmend, dann wieder sirenenhaft anschwellend. Gelegentlich spitze, schmerzhafte Schreie. Die Stimme ist in den Hintergrund gemischt, die Texte sind mitunter kaum zu verstehen. Oft tönen die cineastischen Klangkulissen wie die Holzbläser eines Orchesters, oft erinnert das Schlagzeug an Pauken. Das trägt zum ernsten Soundbild bei. Unterstützt wird das Duo von Perkussionist Thomas Vaccargiu, der gleichmäßig schreitende, aber variable und geheimnisvolle Rhythmen kreiert.

Auf eine Songstruktur im Sinn von Strophe und Refrain verzichtet die Band vollends. Und doch haben die einzelnen Titel eine Dynamik, die Songs entwickeln sich: mäandern um musikalische Muster und Motive, Schichten überlagern sich und schieben sich übereinander wie tektonische Platten. Ständige Bewegung: Gebirge falten sich auf. Kein Instrument sticht hier hervor, in dem Sinne, dass es die Musik dominieren würde. Stattdessen wird alles dem Sog der Musik untergeordnet, ein meditativer Rausch, sakrale Klänge von berstender Kälte. Zwar ist es kein neues Konzept, mit tief hallenden Lärmwänden den Hörer in einen kathartischen Fiebertraum zu versetzen, Bands wie SWANS oder Sunn O))) verfolgen einen ähnlichen Ansatz. Aber der Abgrund, den die Leipziger Band hier öffnet, funkelt in einem eigenen Schwarz.

Beste perlende Platte: HEATHER WOODS BRODERICK: Labyrinth

HEATHER WOODS BRODERIK ist eine Meisterin der Zwischentöne. Ihre poetischen Miniaturen sind einerseits enorm vielschichtig, andererseits aber so reduziert, dass sie sanft tänzeln wie eine Feder, die von leichtem Wind über einen Fluss getragen wird. Selbst die Melancholie, von der es auf diesem Album reichlich gibt, kommt leicht daher. „Labyrinth“ ist das fünfte Soloalbum der Wahl-Kalifornierin mit den markanten Wangenknochen, die immer etwas unter dem Radar fliegt. Auch, weil sie viel als Session-Musikerin beschäftigt ist: bevorzugt bei Artists, die zwischen Folk, Indie-Rock und Singer-Songwriter angesiedelt sind, SHARON VAN ETTEN, DAMIEN JURADO, LISA HANNIGAN. Wer stilistische Fixpunkte braucht, kann sich daran ungefähr orientieren. Das Problem: BRODERICK ist so außergewöhnlich gut, dass sie den Genannten mindestens ebenbürtig ist.

„Labyrinth“ hat BRODERICK weitgehend in Lockdown-Zeiten allein geschrieben und aufgenommen, unterstützt von nur wenigen Musikern. Es ist ein Album über das Unterwegssein, was bei ihr einen dreifachen Sinn hat: Unterwegssein auch als Lebensreise, Unterwegssein zu sich selbst. Es ist ein Album über das Zwischenmenschliche, über Begegnungen. Sie eröffnet das Album mit einem introartigen Song, „As I Left“ legt ein schlichtes Pianomuster unter ihre leicht angeraute, aber ätherisch schöne Stimme. Dann packt sie ihren Zauberkasten aus: behutsam lässt sie Melodien fließen, die wie warmer Regen auf der Haut perlen, verführt mit sanfter Schwermut, gleitet durch Refrains, die große Melodien auffalten, aber nie aufdringlich sind. Oft baut sie ihre Melodien aus wenigen Tönen, die leicht variiert und angereichert werden, so einen medidativen Sog entfalten. Weit stärker als auf ihren früheren Alben unterlegt sie die Songs mit elektronischen Rhythmen, oft komplexe, trippige Patterns. Auch das Schlagzeug streut ungewöhnliche Rhythmen, ist aber dezent in den Hintergrund produziert. Der Webseite „brooklynvegan.com“ erzählte sie, dass ihre Beats auch von lateinamerikanischer Musik inspiriert wurden, von Cumbia und Tresillo.

Wenn sie ausbricht, dann ohne die Grundstimmung zu zerstören. „Crashing against the Sun“ bewegt sich zwischen Synthie Pop und rockigem Refrain und ist fast schon tanzbar. Ein ständiges Ver- und Ineinanderfließen, das plötzliche Momente der Reflexion und Klarheit offenbart, Überraschungsmomente wie den titelgebenden Zusammenstoß mit der Sonne bereithält – und die sich dann doch wieder entziehen, der Erkenntnis verweigern. „Am Horizont zeichnen sich wechselnde Szenen ab/ Die einst eine klare Linie bildeten/ Es ist eine flüchtige Natur in den gewissen Dingen/ Sie verwässern mit der Zeit/ Ich war auf der Suche nach Reflexionen/ Die auf der Wasseroberfläche flackern/ Wenn Ebbe und Flut sich beruhigen/ Gibt es eine definierte Klarheit/ Die alle bleibenden Ideen offenbart/ Es ist okay, vielleicht beim nächsten Mal“, singt sie. Naturbeobachtung und Introspektion werden oft ineinander geblendet.

Im traumhaft schönen „Admiration“, das mit pluggernden Trip-Hop-Patterns daherkommt, fallen verfremdete Gitarrenklänge wie Regentropfen in den Song hinein. BRODERICK schrieb den Song, als sie in ihre alte Heimat Oregon reiste, dort die Waldbrände beobachtete, eingeschlossen war von Flammen und Rauch. „Ich hatte Angst, vermisste meinen Partner und wusste nicht, ob ich flüchten sollte und auf welcher Straße ich die besten Chancen hätte, rauszukommen. Inmitten meiner Angst und meines Gefühls der Hilflosigkeit erinnerte ich mich auch daran, wofür ich dankbar sein kann – ich versuchte, Angst und Ungewissheit als Mittel zur Hoffnung zu nutzen“, sagt sie in einem Interview. Auch hier nutzt sie Überblendungseffekte, um das Wechselspiel aus Angst und Hoffnung zu gestalten. Der Rhythmus stolpert leicht, eine elektronische Orgel schafft eine feierliche wie bedrohliche Atmosphäre, die Sanfmut wird kontrastiert mit einer leicht zittrigen Stimme.

Nein: Auch wenn dies ein schwebendes, manchmal traumhaft schönes Album ist, ist es keines zum Nebenbeihören, kein Easy Listening. Es ist ein Album für introspektive Momente, das vielleicht sogar einige Durchläufe braucht. Es ist tatsächlich ein Album für das Unterwegssein: für einsame Strandspaziergänge, für verregnete Zugfahrten, für schweißgetränkte Nächte, in denen die Gedanken kreisen. BRODERICK, verliebt in Details, weiß kleine Überraschungsmomente zu gestalten: etwa einen Song wie „Wherever I Go“, in dem der Bass flirrt und fast proggige Patterns zaubert, das Schlagzeug zudem flott voranschreitet. Man schreckt auf, wenn sich ein hallender Beat im letzten Titel „What Does Love Care“ in den Vordergrund drängt. Es ist ein ruhiges Album, das aufwühlen und tief ins Fleisch schneiden kann, um dir dann doch ein glückliches Innehalten zu ermöglichen: “Aber es geht um die Liebe, und was kümmert das die Liebe?/ Sie schämt sich nicht für ihre feurigen, feurigen Fackeln/ Es geht nur um die Liebe, und was braucht die Liebe?/ Etwas Verständnis, etwas Raum zum Atmen“.

Beste Coveralben-Platte (die gar keine ist): CROWN LANDS: Fearless

Einen Innovationspreis gewinnt dieses Album sicher nicht. Im Gegenteil: Auf die Frage „Wie klingt das Album?“ ist die Antwort schnell gegeben: nach RUSH, nach RUSH und noch mehr nach RUSH. Fast schon unverschämt nach RUSH also. Was allein deshalb schon ein Widerspruch ist, weil RUSH ihren Sound permanent weiterentwickelt haben und auf keinem Album identisch klangen. Also genauer: Es klingt nach RUSH im Jahre 1976, zu “2112”-Zeiten. Das als „Progressive Rock“ zu bezeichnen, passt bestenfalls als Genrebegriff, nicht als Idee, denn das Gebotene ist gnadenlos nostalgisch.

Trotzem landen CROWN LANDS auf der Jahresbestenliste? Ja, denn das Gebotene ist auch unverschämt gut. Es ist eine Hommage an die Zeit der 70er, als Progrock noch wild und rau klingen durfte, geboren aus Jam-Sessions. Musik, die sich ohne Kompass und Karte (oder heute Google Maps) auf den Weg macht, verschlungene Pfade erkundet: wenn nicht im Sound, so doch in den Kompositionen. Diese sind ausladend und mit hohem instrumentalen Anteil, und sie scheuen kein Risiko: Hat man sich in ein Riff oder in eine Songidee verliebt, ist die Band schon wieder woanders. Progressive Rock zeichnet sich seit jeher auch dadurch aus, dass die Bands nicht an einer guten Songidee festhalten, sondern gleich die nächste ausloten: Das mag man bedauern, trägt aber dazu bei, dass die besten Alben des Genres wilde Entdeckungsreisen sind. Auch durch weniger angenehmes Terrain: Ja, der hohe Gesang von Frontmann Cody Bowles nervt manchmal, klingt schrill, selbst das leicht Fistelige hat er vom frühen Geddy Lee übernommen. Ja, in den verschlungenen Grooves und quirligen Harmonien steckt auch nerdiges Mackertum.

Trotzdem ist „The Shadow“ auch wegen der Gesangsharmonien ein wunderschöner Song. Trotzdem ist die klassische Konzertgitarre in „Penny“ ganz großes Kino. Und trotzdem gibt es genug eingängige Momente, um sich nicht überfordert zu fühlen: Den Refrain von „Lady of the Lake“ kann man schon nach kurzer Zeit mitgrölen, sofern man die hohen Töne auf ähnlich gekonnte Weise verfehlt. RUSH-Gitarrist Alex Lifeson schaute im Studio vorbei und gab seinen Segen. Jetzt muss die Band noch mehr Eigenständigkeit entdecken, sonst enden sie als die GRETA VAN FLEET des Progressive. Aber auch solche Momente sind angelegt: Die schwelgerische Power-Ballade „Citadel“ etwa klingt nicht nach RUSH. Klingt sie nach CROWN LANDS?

Beste Chanson-Platte: FREDDA: Phosphène

Auf dem Cover sehen wir eine Frau mit nacktem Oberkörper, die muskulösen, mit Blumenranken tätowierten Arme vor der Brust verschränkt, das Gesicht zur Seite gedreht, so dass man es nicht erkennen kann. Aber man sieht: eine markante Nase, einen sinnlichen Mund. Frédérique Dastrevigne, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen FREDDA, zählt mittlerweile 53 Lenze und gilt immer noch als Geheimtipp des französischen Chansons. Ihr siebtes Album „Phosphène“ hat sie in den Black Box Studios aufgenommen, einem umgebauten Bauernhof in der französischen Provinz nordwestlich von Paris. Zum ersten Mal mit einer Band, den Begleitmusikern des Indie-Chansonniers Matt Low. Und so mischen sich nun stärker Elemente von Rock, Blues und Americana in ihren Sound, eine Leidenschaft, die schon auf früheren Alben durchschien. Man hört Bläser, Gitarren und Saxophon, man hört ein sehr zurückgelehntes Schlagzeug über dem federnden, rhythmisch akzentuierten Piano: und FREDDAS sinnlich schöne Stimme, butterweich und doch bestimmt.

Traditionell liegt der Schwerpunkt des Chansons stark auf der Strophe, auf den erzählerischen Momenten: Dastrevigne beherrscht das meisterhaft. Ihre reifen Kompositionen atmen und haben eine eigene Dynamik, eine Art schwebende Erdverbundenheit. Ihre Stimme gleitet über die Instrumente mit diesem sinnlich kitzelnden Timbre, das man vielleicht nur im Chanson findet: Wo sonst fühlt sich Musik so körperlich an wie eine warme, innige Umarmung? FREDDA ist eine Croonerin, dehnt die Silben mit sanftem Nachklang, ihr Gesang ist in den tieferen Stimmlagen angenehm angeraut, in den hohen glockenklar.

Doch nicht umsonst hat sie auf dem Cover die Arme verschränkt, sie zeigt sich auch distanziert: Mehrere Songs ihres aktuellen Albums sind starken Frauengestalten aus Mythologie und Geschichte gewidmet, ihren tragischen Schicksalen: Mata Hari, Marilyn Monroe. Die Texte sind poetisch verdichtet und voller starker Bilder. „Driftende Ophelia/ Walfischmädchen in Seidenstrümpfen/ Man hätte mich dort gefunden/ In den arktischen Gewässern/ Im Licht der Kälte/ Driftend zu dir“, singt sie im Opener „Nordique Ophelique“, der den Shakespeare-Stoff in der Kälte des ewigen Eises ansiedelt. Man darf die Sinnlichkeit des Chansons nicht missverstehen. Zwischenmenschliche und gesellschaftliche Konflikte, Gewalt und Tragik sind seit jeher wiederkehrende Themen, aus denen das Genre seine Relevanz und Aktualität bezieht.

Und FREDDA ist eine eigene Stimme im Nouveau Chanson. Die Leichtigkeit paart sich mit Melancholie, die Melodien besitzen eine ernste Feierlichkeit. In „Long“ treibt das Schlagzeug voran, der Bass pulsiert leise im Hintergrund, das Piano klingt fast, leicht nur, nach Italo-Western-Saloon. So badet sie ihren Chanson auch im Schlamm, ganz sanft, ohne dass die Eleganz und Schönheit ihrer Kompositionen in Gefahr geriete. Westerngitarren auch im folgenden „Aube“. Der Song beschreibt die letzten Momente der Tänzerin und Spionin Mata Hari aus personaler Perspektive. Mata Hari blickt auf ihr Leben zurück, erwartet die Schüsse des Hinrichtungskommandos, der Moment wird überblendet von FREDDAs Reflexionen. Als „freie Puritanerin“ und „dornige Königin“ wird Mata Hari besungen, und sie behält die Oberhand in dem Moment, in dem sie mit ihrem Tod zur Legende wird: „Diese Morgenröte ist die ihre“.

FREDDA mischt die sehnsuchtsvolle Sinnlichkeit des Chansons mit der erdigen Bodenständigkeit des Americana. Am ehesten kennen wir einen solchen Sound von Musikern aus dem kanadischen Québec, von MAUDE AUDET oder RICHARD SEGUIN, wo der Chanson ebenfalls auf Spielarten des amerikanischen Folk trifft. Aber man darf das Beschriebene nicht missverstehen: FREDDA trägt keinen Cowboyhut, der Bauernhof ist ein französischer, sie bleibt der Melodramatik und sanften Melodieführung des zeitgenössischen Chansons treu. Im Refrain von „Argent“ klingt ihr Gesang ganz weltentrückt. Die Bläser betten sich sanft in die warmen analogen Klänge. Eines der schönsten Alben des Jahres.

Beste Live-Platte: VILLAGERS OF IOANNINA CITY: Through Space and Time

Am 05. Mai 2021, mitten in Lockdown-Zeiten, streamte eine griechische Band, die in Deutschland bestenfalls Geheimtipp-Status genießt und erst zwei Studioalben zählt, ein Konzert. Live gefilmt und aufgenommen ein Jahr zuvor in Athen: Dort, wo auch schon Aischylos und Sophokles Denkwürdiges auf die Bühne brachten. Und es ereignete sich Folgendes (Ich übertreibe nur ein bisschen): Erwachsene Männer, die das Spektakel an den Bildschirmen verfolgten, lagen sich weinend in den Armen – und waren plötzlich in der Lage Kinder zu gebären. Es herrschte für kurze Zeit Weltfrieden. Nächstenliebe wurden zu einem höheren Kurs gehandelt als Gold und Platin. Auf dem Boden des Woodstock-Festivals bebte die Erde. Sogar Aristoteles stand für einen kurzen Moment von den Toten wieder auf – legte sich aber wieder ins Grab, nachdem er den Zustand der Welt betrachtet hatte. Und ein völlig überwältigter Leipziger namens Mirko Wenig schrieb auf Youtube einen Kommentar in schlechtem Englisch, der innerhalb weniger Stunden fast 500 Likes sammelte (Bitte mit sächsischem Akzent denken): „You have to release this as a live album. Sound, mood, atmosphere: everything here is perfect!“. Man sah tausende euphorisierte Fans, die Bengalos zündeten und textsicher mitsangen – und nicht, wie es das deutsche Publikum so oft fälschlicherweise tut, vor der Bühne unrythmisch mitklatschten. Man sah einen charismatischen Sänger und eine grandiose Lichtshow. Man sah, wie Orient und Okzident ein gemeinsames Kind zeugten. Man sah Liebe und Ekstase. Sogar der Weltgeist tanzte vor der Bühne. Und zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit verstand ein Musikwissenschaftler, warum der Dudelsack erfunden wurde: Nicht um Menschen zu quälen und zu foltern, sondern weil er hier plötzlich Sinn machte. Das war auch der Moment, in dem Roger Waters komplett dem politischen Wahnsinn verfiel – weil er unbewusst merkte, dass er ein solches Spektakel nicht mehr auf die Bühne wird bringen können. Die Band spielte Stoner Rock – Musik, geschaffen aus den Steinen von Stonehenge, aus den Ruinen der Akropolis. Aber sie spielte ihn wild und entfesselt und komplett eigenständig, mit Klarinettensolo und Flöten und Dudelsäcken und beschwörenden Gitarren und einem perfekt ausbalancierten Sound zwischen Schroffheit und ungebändigter Energie. Da wurde sogar Pan treu und heiratete kurz darauf eine katholische Priesterin. Seither gibt es einen gar nicht mal so kleinen Geheimbund namens „Zeugen der VILLAGERS OF IOANNINA CITY“, der alles daran setzt, dass diese Band eines Tages „Rock am Ring“ wird headlinen können – denn diese Band braucht die größte Bühne, die größten Boxen, den größten Background-Chor, die gewaltigste Lichtshow: und ein komplett fanatisches Publikum (Da sehe ich in Deutschland schwarz). Wer diese Band nachmittags als Opener verheizt, vergeht sich an den Göttern des RocknRoll. Das Dokument, auf das die Zeugen der Villagers ihren Eid schwören müssen, wurde schließlich erstmals im Februar 2023 historisch belegt: „Through Space and Time“. Es ist ein Live-Album 🦄.

Beste “Hurra, wir werden groß!”-Platte: MID CITY: Happy Ever After

Zum Glück gibt es sie noch: junge Rockbands, die daran glauben, dass sie groß werden können. Die ohne Gurt und Bremse so euphorisch durch die Wohnzimmer und über die Festivalbühnen krachen, dass einem der Schweiß von der Stirn rinnt. Und Euphorie ist das richtige Wort für die vier Australier von MID CITY. Ihr Indie-Rock kommt mit einer Überdosis Energie und Massenappeal daher. Hymnische Songs, massive Singalongs, treibende Rhythmen, raue und laut abgemischte Gitarren: Hier ist alles verdammt groß gedacht. Der Song „Happy Ever After“: ein Hit. „Compromise“: ein Hit. „Choke Mint“: ein Hit. „Car Wreck“: natürlich auch ein Hit. So könnte ich weitermachen und alle Songs des Albums aufzählen. Nur das ruhige „Someone like you“ fällt etwas ab, denn MID CITY sind immer dann am besten, wenn Sänger Joel Griffith nervös die Silben spuckt und dehnt und die Songs mit zittriger, aber kraftvoller und rotziger Stimme zum Höhepunkt treibt. Wenn die Gitarren machtvoll riffen und auf ihr Recht beharren, eigene Melodien zu den Hooks zu kredenzen. Wenn das Schlagzeug Treffer setzt wie ein Preisboxer-Känguru. Sie selbst sagen, dass sie zweieinhalb Jahre an dem Album geschrieben und gearbeitet haben. Vielleicht das Qualitätsgeheimnis: euphorischer, rasender Perfektionismus. Mit ihrer Euphorie sind MID CITY zum Glück nicht allein. Bands wie CORELLA, CVC und die ohnehin gehypten WET LEG könnten ein kleines (oder großes) Indie-Revival auslösen.

Beste “Wir geben noch nicht auf”-Platte: THE ALARM: Forwards

Seit Jahrzehnten kämpft THE ALARM-Frontmann Mike Peters gegen eine chronische Form von Leukämie, an deren Ausbruch er im September 2022 beinahe gestorben wäre. Auch seine Frau und Keyboarderin Jules Jones Peters war an Brustkrebs erkrankt und ist dem Tod von der Schippe gesprungen. Und was macht dieses musizierende Lazarett? Es nimmt zwischen all den Krankenhaus-Aufenthalten ein durch und durch optimistisches, lebenshungriges und Mut machendes Album auf. „Forwards“ bietet straighten, leidenschaftlichen Stadionrock mit kämpferischer Indie-Attitüde und durchweg starken Songs. Es ist das mittlerweile 21. Studioalbum der in den 80er Jahren gefeierten, später aber oft belächelten Band, deren markantestes Markenzeichen wohl ihre seltsamen Vokuhilas waren. Zugegeben: In seinen besten Zeiten sah Peters dem PUR-Frontmann Hartmut Engler nicht unähnlich. Eine Steilvorlage für hämische Kritiker, die die Band mehr als einmal abschreiben wollten.

THE ALARM galten in ihrer Blütezeit in den 80er Jahren als politische Band. Sie sangen, oft aus der Ich-Perspektive und autobiografisch gefärbt, von der Perspektivlosigkeit der Jugend zu Zeiten Margaret Thatchers, vom Arbeitskampf der Bergarbeiter, von Straßengangs und Armut. All das verpackten sie in energiegeladenen, eingängigen Rock, zunächst rau und punkig auf ihrem Debüt „Declaration“ von 1984, später auf große Stadionbühnen schielend, dem Mainstream-Rock nicht abgeneigt (PS: Dass ihre Stadionrock-Phase Ende der 80er Jahre so manche musikalische Banalität bereithielt, gehört zur Wahrheit). Auf der Habenseite der Waliser stehen sechs Millionen verkaufte Alben und 17 Singles in den britischen Charts. Das brachte ihnen Tourneen im Vorprogramm von U2 ein, mit denen sie persönlich befreundet sind – und mit denen sie oft verglichen werden.

Der Vergleich mit U2 ist nicht ganz fair, denn wo diese viel experimentierten und deutlicher auf das Radio schielten, bieten THE ALARM auf ihren besten Releases mehr Uptempo und Geradlinigkeit, ohne ihre Punkwurzeln zu verleugnen. Ein Kritiker von Allmusic schrieb einmal, dass sie jeden Song mit einer Leidenschaft aufnehmen, als wäre er der Höhepunkt ihres Live-Sets. Das traf auf viele frühere Alben nicht mehr zu. Doch nun ist die Energie wieder da, die Leidenschaft. Zu verständlich wäre es gewesen, wenn Mike Peters, körperlich geschwächt und um sein Überleben kämpfend, diese Momente in traurig-schmerzvolle Balladen übersetzt oder zumindest bittere, zynische Rocknummern geschrieben hätte. Aber nichts dergleichen. Der Texter und Hauptsongwriter zeigt, wie man mit den Themen Tod und Krankheit noch umgehen kann. Auch wenn Melancholie mitschwingt, auch wenn er mal nachdenklich wird, überwiegt auf „Forwards“ eine optimistische Grundstimmung. Und auch wenn er gelegentlich Bilanz zieht, etwa in „Love and Forgiveness“ um Vergebung bittet und sich für die ihm entgegengebrachte Liebe bedankt, ist das Album doch in die Zukunft gerichtet. In seinen dunkelsten Momenten feiert Peters das Wunder des Lebens.

Schon der titelgebende Opener „Forwards“ ist ein Song, der in den 80er Jahren auf großen Festivalbühnen funktioniert hätte, mit hallenden, atmosphärischen U2-Gitarren, wirbelnden Drums und einer feierlichen Stimmung. Ähnlich geht es mit „The Returning“ weiter. Ein marschierendes Schlagzeug, Peters fordernde Stimme: „Dream out loud if you want to stay alive/ May the spirits be your guide in the afterlife“. Dass mit dem treibenden „Another Way“ eine Absage an den Fatalismus folgt, passt gut ins Bild. „Hast Du die Nachricht erhalten, dass alles vorbei ist?/ Hast Du sie reden hören, dass es von hier aus keinen Ausweg gibt?“ Nicht mit Peters. „Das glaube ich nicht, es gibt immer einen anderen Weg. Ich bin bereit für das, was kommt!“, singt er. Und wer diesen Sound als altmodisch abtun will, als Relikt der 80er Jahre, der hat nicht zugehört, wie viele hochgelobte Nachwuchsbands in Großbritannien heute klingen: Sie klingen ähnlich. Die Produktion ist rau und kernig, gelegentlich wagt die Band Ausflüge in Americana, epische Balladen oder ins Psychedelische. Das ist eine gute, eine dringliche Indie-Rock-Platte altgedienter Veteranen.

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