BARONESS: Stone

BARONESS bleiben auch auf ihrem sechsten Album “Stone” eine Band, die sich Kategorien weitestgehend entzieht. Sie bauen ihre verwunschenen Kathedralen in kosmischen Sphären, öffnen mystische Räume und Falltüren: und zeigen trotz wiedergefundener Kompaktheit, dass Metal eine Abenteuerreise sein kann.

Scheiße! Was ist das für eine Musik? Ich fühle mich ein bisschen wie Alice im Kaninchenbau, wie Mr. Bean auf dem Weg nach Cannes, wie Charlie Brown beim Baseball. Große Ratlosigkeit und viele Fragezeichen. Die Musik ist prunkvoll glitzernd und von der Erhabenheit einer gotischen Basilika, sie ist erdfarben wie ein Rattenloch, sie ist dunkel und farbenfroh zugleich. Schichten über Schichten türmen sich auf, und doch ist hier alles reduziert und fokussiert. Und wenn das Album mit „Stone“ betitelt ist, dann sollte klar sein, um welchen Stein es sich hier handelt: ein Smaragd ist es, oder vielleicht doch ein Mondstein, Teil eines Meteoriten? Wir befinden uns ja auch auf einem Raumschiff, auf einer Arche, ach.

Ich bin jetzt nicht der BARONESS-Experte, da gibt es in der Redaktion andere, habe die Band stets mit Respekt begleitet, so manchen Song auf Playlists, das letzte Album durchaus auch durchgehört. Der Streit innerhalb der Fangruppen, ob früher nicht doch alles besser gewesen sei – bevor die Band 2012 bei einem beinahe tödlichen Unfall mit dem Tourbus neun Meter in die Tiefe krachte, zahlreiche Besetzungswechsel waren die Folge – berührt mich nicht. Wir verfolgen hier einen phänomenologischen Ansatz, ich muss da jetzt eintauchen. Jetzt und hier. In die Musik, in die Texte. Tiefe ist tatsächlich eines der prägendsten Merkmale. Und Untiefen lauern.

BARONESS hauchen mit „Stone“ den Steinen Leben ein

Die Schubladen sind schnell zur Hand: BARONESS spielen Progressive Metal, aber ohne überbordenden instrumentalen Ballast. Sie spielen Sludge, klingen aber weniger nach Sumpf und Wüstensand. Sie spielen Stoner Rock: aber schwebend, ohne zugedröhnte Schwere. Sie spielen Hard Rock: manchmal ganz klassisch, aber selten nostalgisch. Ist da nicht auch etwas Rituelles im Sound, in den repetitiven Momenten, in der ernsten, fast feierlichen Atmosphäre? Das OM eines Mantras, ornamentaler Barock? Gelegentlich kathartische Ausbrüche. Wer alle Schubladen gleichzeitig öffnen will, in die diese Band für gewöhnlich gesteckt wird, bräuchte viele Hände.

Für die Aufnahmen zu „Stone“ zog sich die Band in ein Ferienhaus in den Catskill Mountains zurück: ein Mittelgebirge im Bundesstaat New York, dicht durchzogen von Laub- und Nadelwäldern und vereinzelten Bergseen. Und tatsächlich duftet dieses Album zuweilen nach Holz: dort, wo es auch nach Seetang duftet, nach dem Weihrauch alter Kathedralen. Man hätte sich BARONESS auch 1969 auf dem Woodstock-Festival vorstellen können, mit ihren langen, zuweilen ausufernden Kompositionen, geboren aus Jam Sessions: die doch meist fokussiert sind, selten ausfransen, die klare Strukturen erkennen lassen. Zehn Songs werden hier geboten, und im Gegensatz zum überbordenden Vorgänger „Gold & Grey“ wird wieder mehr Wert auf Kompaktheit gelegt. Kein allzu buntes Panoptikum, in dem man vor lauter Eindrücken schon mal das Gleichgewicht verliert.

Gerahmt wird das Album von zwei ruhigen Folkstücken, „Embers“ und „Bloom“, beide geprägt durch den zweistimmigen Gesang von Bandkopf John Baizley, einzig verbliebenes Originalmitglied, und Gitarristin Gina Gleason. Es sind stimmungsvolle Songs mit reduzierter Melodie, und es zeigt sich, dass Gleason den Sound der Band immer mehr prägt. Es ist das zweite Album der Band, auf dem sie mitwirkt, oft ist ihre Stimme zu hören: ein klarer Gesang, der aber nie zu lieblich klingt, eher an Alternative geschult ist (Sie spielte zuvor unter anderem mit den SMASHING PUMPKINS und Punk-Legende JELLO BIAFRA). Schon aufgrund ihrer höheren Stimmlage bildet sie einen angenehmen Kontrast zum heißeren Croonen und Rufen von Baizley. Der singt noch immer, als wolle er den gesamten Weltgeist in einem Fangnetz aus Schmerz bündeln: drängend und dringlich, die Silben manchmal fast überbetont.

„Last Word“ ist dann ein erster Hit der Platte: oder auch nicht. Denn er zeigt, wie BARONESS selbst ihre eingängigsten Nummern aufbrechen und erweitern, sodass ein Extra hinzukommt. Ist die Melodie auch eingängig, geht die mehrstimmige Strophe auch schnell in einen einprägsamen Refrain über, wird hier auch ein knarzendes und groovendes Sludge-Riff geboten, so gibt sich die Band damit nicht zufrieden. Die Gitarren sind nicht nur schwer, sie sind auch quirlig: Sie umkreisen dich, bauen Riffs aus vielen Halb- und Viertelnoten, sie ziehen dich in einen Sog. Der Bass von Nick Jost bricht immer wieder aus dem Fundament aus, umkreist die Gitarren mit jazzigem Spiel, akzentuiert sie. Das Solo von Gina Gleason, wild und ekstatisch, ist außergewöhnlich gut: so abrupt, wie es einsetzt, so abrupt endet es auch.

Berstende Melancholie: und Texte von existentialistischer Schwere. Die Sonne ist ein wiederkehrendes Motiv. Baizley übersetzt Lebenswege in starke Landschaftsbilder: gewohnt symbolisch aufgeladen. Der Prozess des Erinnerns wird eine Art Ikarusflug. „Wenn ich mit dem Vergessen verdrahtet bin,/ bin ich dem Ende näher,/ Wir alle werden zur untergehenden Sonne/ Wir können nirgendwo mehr hinlaufen“, singt der bärtige Melancholiker. „Ich erinnere mich an jedes letzte Wort/ Ich erinnere mich an alles“. Wer zur Sonne mutiert, sich ihr nähert -sie entzieht sich auch, bleibt unfassbar- der brennt lichterloh.

BARONESS sind eine Metalband: irgendwie auch

Und ja: BARONESS sind eine Metalband. Irgendwie auch. Die Gitarren in „Beneath the Rose“ galoppieren im flotten Tempo, sie bewegen sich im Rhythmus einer Speed-Metal-Band. Sie harmonieren im Duett der Eisernen Jungfrauen. In der Strophe gibt Baizley den dunklen Prediger mit bedrohlichem Sprechgesang. Er ist Verführer und Untergangsprophet. Er ist Tröster und Wundheiler zugleich. Er führt den Hörer in geisterhafte Welten: „Das Klicken des Schlosses/ Das Läuten der Glocke/ Das Ächzen des Holzes/ Und die Ätzungen in meiner Zelle/ Da sind Spuren auf dem Gehsteig/ Da ist Kreide auf dem Boden/ Der Chor, unsichtbar, klopft//Klopfen/ Klopfen/ Klopfen“. Kehlig-aggressiver Gesang im Refrain. Was diese Band von anderen unterscheidet, ist nicht allein ihre Verspieltheit, das Aufbrechen des Raumes, die Vieldeutigkeit. Die Musik ist sinnlich: Sie fasst dich an, berührt dich, brennt auf deiner Haut – manchmal auf unangenehme Weise. Die Vergänglichkeit des eigenen Körpers ist ein wiederkehrendes Thema.

Wer Musik und Texte zahlenmystisch deuten will, kann sich daran versuchen. Die Drei – hier scheinbar eine magische Zahl. Da ist ein Triptychon in der Mitte des Albums versteckt, ein dreiteiliges Gemälde. Es ist zugleich eine verwunschene Kirche, ein Ort schwarzer Magie. „Hier die dunkle Madonna/ In goldenen Ketten aus Feuer/ Mit Fleisch wie sonnenverbranntem Firnis/ Ein Wandteppich aus Narben/ Sie schleicht durch die unbeleuchteten Ecken/ Sie spukt nachts in meinem Zimmer/ Damit ich meine Augenlider/ Als Schutzschild gegen ihr Licht benutzen kann“. Die Madonna hat weiche und zarte Krallen: eine Metapher, die man getrost auf die Musik von BARONESS anwenden kann. „Ich hoffe, sie singt für immer/ In silbernen Tönen der Trauer/ Denn wenn das Klagelied verstummt ist/ Gehen wir allein zu Boden“. Dunkle Rock-Elegien, ekstatische Wogen. Auch die ruhigen Folkstücke auf diesem Album bilden einen Dreiklang: Sie stehen am Anfang, in der Mitte und am Ende von Stone.

BARONESS bieten Eingängigkeit – doch sie tänzeln, kreisen und schlingern

Nein: Es ist kein Sog, dem man sich nicht gerne hingibt. Kein Strudel, der alles verschlingt. BARONESS bieten Eingängigkeit. Sie liefern die Hits. Eingängige Songs, die hängen bleiben. „Last Word“ ist so ein Hit, „Beneath the Rose“ auch. „Anodyne“, dessen schwere Doom-Riffs fast im Mickey-Mousing-Stil pointiert voranschreiten, ist ein Musterbeispiel für bittersüße Harmonie: flotter Alternative Metal, wieder verführerisch im gemeinsamen Gesang von Baizley und Gleason daherkommend.

Und dann wäre da noch „Shine“, ein schneller und harter Festival-Song, fast optimistisch, zu dem man headbangen könnte: im Grunde eine klassische Hard-Rock-Nummer. Aber gerade „Shine“ zeigt wieder, wie BARONESS die Songstrukturen aufbrechen, wie sie den Raum öffnen, sich der Weite des Alls anheim geben: in der Mitte des Songs beginnt wieder das quirlige Spiel, schwere Riffs gepaart mit kaum verzerrten, aber hallenden Gitarren, der rauschhafte Loop verschlungener Patterns. BARONESS mischen die Schwere des Sludge mit der cineastischen Lebendigkeit des Post Rock: Die Gitarren tänzeln und schlingern, sie umkreisen dich, sie fangen dich ein und stoßen dich weg. Ein rauschaftes Erlebnis.

BARONESS sind keine Band. Sie sind zuweilen Magier, zuweilen Bergarbeiter. Raketenforscher. Psychologen. Sie legen dich offen, reichen dir ihren Druidendrang. Sie dringen ins Herz ein, in die Galle. Alles ist hier in Bewegung. Ein Flirren, schwebend und geerdet zugleich. Könnte ein Gürteltier fliegen, mit der Anmut eines Engels: Wir sähen BARONESS am Himmel.

VERÖFFENTLICHUNG: 15. September 2023

LABEL: Abraxan Hymns

SPIELZEIT: 46:02

Line-up:
John Baizley (Gesang, E-Gitarre)
Gina Gleason (E-Gitarre, Gesang)
Sebastian Thomson (Schlagzeug)
Nick Jost (E-Bass, Keyboard)

BARONESS “Stone” Tracklist

1. Embers
2. Last Word (Video bei YouTube)
3. Beneath the Rose (Video bei YouTube)
4. Choir
5. The Dirge
6. Anodyne
7. Shine
8. Magnolia
9. Under the Wheel
10. Bloom

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