PROTECTOR: Excessive Outburst Of Depravity

Deutschland – ein Thrash Metal-Sommermärchen! Seit Anfang Juni tingelt “Total Thrash”, eine filmische Dokumention (Regisseur: Daniel Hofmann) mit alten und jungen Protagonisten der Thrash-Szene durch die Kinos der teutonischen Lande. Das deutsche Flaggschiff (of Hate) KREATOR hat mit “Hate Über Alles” ein wieder nahezu rundum überzeugendes Album abgefeuert und auch der Nachwuchs lässt sich bspw. in Form von den Balingern TRAITOR (“Exiled To The Surface”) nicht lumpen. Ach ja, nebenbei zerlegt auch noch das Killerpackage HEATHEN/TOXIK kleinere Bundesrepublik-Venues. Und als ob das nicht genügen wäre, knallen einem PROTECTOR mit “Excessive Outburst Of Depravity” mal eben ihr stärkstes Werk seit ihrer Wiedergeburt vor den Latz und stoßen damit in ihrem dritten Frühling hoffentlich in die Peripherie der oberen Phalanx vor!

Denn PROTECTOR, eine der Thrash-Formation der ersten Stunden, sind in den 80ern im Prinzip nie aus den Schatten der “Big Teutonic Four” herausgekommen (die insgesamt ordentlichen “Golem” und “Urm The Mad” werden allerdings im Underground nach wie vor verehrt). Sie haben sich im darauffolgenden Jahrzehnt sogar achtbar ein wenig am Death Metal orientiert (“A Shedding Of Skin” und “The Heritage) und lassen erst mit der “Wiederbelebung des Homunculus” 2013 wieder thrashigere Impulse durch die neuronalen Stränge laufen (nachzuhören vor allem auf dem respektablen “Cursed And Coronated”).

Die PROTECTOR-Dampfmaschine hält den Druck oftmals auf extrem hohem Level

“Excessive Outburst Of Depravity”, so der Titel des über High Roller Records releasten PROTECTOR-Werks, legt mit dem forschen Kriegsszenario-Opener “Last Stand Hill”, der die grobe Marschroute für die nächsten 47 Minuten vorgibt, furios los. Ein mega-tight vor sich hin prügelnder Carl-Gustav Karlsson (Ex-GRIEF OF EMERALD) jagt das messerscharfe, schön angerostete und aggressive Axtgeriffe von Michael Carlsson erbarmungslos vor sich her. Den beiden nachfolgenden “Pandemic Misery” und vor allem “Referat IV B 4” (das sog. “Eichmannreferat”, eine Abteilung im NS-Regime, das die Endlösung der Judenfrage koordinierte) bleiben im Prinzip nichts anderes übrig, als es dem letzten Widerstandshügel gleich zu tun. Was für ein Auftakt!

Ein herrlich anachronistisch wirkender “Show No Mercy”- Griffbrettklang und flüssig eingebaute Soli aus den schwedischen Händen Michael Carlssons (aka Nocturnal Skullsodomizer). Die ungehobelte, nach vorne peitschende Urgewalt galoppierenden Geprügels nach alter Ruhrpott-Art und giftig gekrächzte Martin Missy-Keifvocals im Aggro-Modus, bei dem man vor dem geistigen Ohr unweigerlich des öfteren ein kräftiges “Outbreak Of Evil”-Shouting ums Eck wanken hört, das sind die Trümpfe der unterbewerteten Altmeister anno 2022. Die Formation, die im Eingangstrio ohne Rücksicht auf Verluste eine Wahnsinnsperformance abliefert und erst in “Open Skies And Endless Seas” auch mal entlastende Momente gewährt, sind sich ihren Trademarks der letzten Alben treu geblieben und halten oftmals den Druck ihrer Dampfmaschine auf extrem hohem Level, ohne jedoch die Kontrolle über das Geschehen zu verlieren.

“Excessive Outburst Of Depravity” ist Teutonic Thrash at its freshest

Und damit auch das Soundgerüst Hand und Fuß hat, haben sie sich hier für die Oberaufsicht mit Fachkompetenz ausgestattet: Patrick W. Engel als aktueller Oberguru für Scheibenveredelungen spannt als verantwortungsbewusster Mix- und Mastermind die Brücke von der Vergangenheit zur Gegenwart, indem er der trocken sägenden Retro-Thrash-Gitarre (vergleichbar mit der auf dem aktuellen NOCTURNAL-Album) eine zeitgemäße und wuchtig donnernde Rhythmussektion gegenüberstellt. Und verdammt, klingt das geil!

Die mittlerweile in Stockholm und Uddevalla ansässigen Halunken thrashen sich auf “Excessive Outburst Of Depravity” teils mit ansatzlos und interessant gestalteten Tempiwechsel und weitgehend schlüssigem Songwriting durch elf Stücke durch, von denen noch der mehrschichtige Riffbanger “Perpetual Blood Oath” (mit oldschooligem DESASTER-Touch) und das stampfige “Shackled By Total Control” als unbedingte Anspieltipps erwähnt werden sollten.

Möge das Thrash Metal-Sommermärchen auch dank PROTECTOR noch lange anhalten

Die Truppe um Originalmikrofonbeschützer Martin Missy, der mittlerweile auch schon knietief in der sechsten Lebensdekade steckt, feuert auf “Excessive Outburst Of Depravity” Teutonic Thrash at its freshest ab, lassen dadurch (nicht nur) DESTRUCTION ziemlich alt aussehen und werden mit diesem starken Teil im Gepäck sicherlich die Festivalsaison (nach dem bereits absolvierten Auftritt auf dem CHRONICAL MOSHERS sind sie u.a. auf dem STORM CRUSHER zu sehen) vor dem ein oder anderen frenetischen Moshpit gut aushalten können. Möge das Thrash Metal-Sommermärchen noch lange anhalten…

Veröffentlichung: 1. Juli 2022

Label: High Roller Records

Spielzeit: 47:31 Minuten

Line-Up:

Martin Missy – Vocals
Michael Carlsson – Guitar
Mathias Johansson – Bass
Carl-Gustav Karlsson – Drums

Recorded by: Robert Pehrsson @ Studio Humbucker (Stockholm)

Mixed and Mastered by: Patrick W. Engel @ Temple Of Disharmony (Bamberg)

PROTECTOR “Excessive Outburst Of Depravity” Tracklist

01. Last Stand Hill
02. Pandemic Misery (Lyric-Video bei YouTube)
03. Referat IV B 4
04. Open Skies and Endless Seas
05. Infinite Tyranny
06. Perpetual Blood Oath
07. Thirty Years of Perdition
08. Cleithrophobia
09. Toiling in Sheol
10. Shackled by Total Control
11. Morse Mania

DISCOGRAPHY (nur Studioscheiben)

  • 1988: Golem (Atom H)
  • 1989: Urm the Mad (Atom H)
  • 1991: A Shedding of Skin (Atom H)
  • 1993: The Heritage (Major Records)
  • 2013: Reanimated Homunculus (High Roller Records)
  • 2016: Cursed and Coronated (High Roller Records)
  • 2019: Summon the Hordes (High Roller Records)
  • 2022: Excessive outburst of depravity (High Roller Records)