Jahresrückblick 2021 von Captain Chaos

Bye bye 2021. Du Jahr voller Krisen, Erfolge und guter Musik. Keine Angst, hier geht’s nur um Letzteres.

Wenn ich Dich cool finden soll, liebst auch Du die folgenden 20 Alben:

PLEBEIAN GRANDSTAND: Rien Ne Suffit

DIE Überraschung 2021. Der Höhepunkt kreativer Heaviness. Herausfordernd, energetisierend, über die Maßen intensiv.

AMENRA: De Doorn

Sie kamen zur richtigen Zeit und läuteten das Ende einer einjährigen Finsternis ein.

EMMA RUTH RUNDLE: Engine Of Hell

Reduzierter und nackter geht es kaum. Das vermutlich mutigste Album des Jahres ist strahlend schön durch seine Unperfektheit.

FLUISTERAARS: Gegrepen Door de Geest der Zielsontluiking

Diese Energie! FLUISTERAARS legen den konsequenten Gegenwurf zu “Bloem” vor und überzeugen durch Furor einerseits und der Hingabe an den Moment und das Experiment andererseits.

FORHIST: Forhist

BLUT AUS NORD Mastermind Vindsval geht zurück zu seinen Wurzeln und liefert ein Black Metal-Meisterwerk, das den Spirit der Neunziger ins neue Jahrtausend holt. Kein Anachronismus, sondern ein exzellenter, liebevoller Genrebeitrag, geschrieben und performt von einem Meister. Ein einziges Heimkommen und sich-angenommen-fühlen.

ROPE SECT: Proskynesis

Sie sind einfach unglaubliche Songschreiber. Kein Wunder, dass ROPE SECT auch im Kurzformat süchtig machen und ihr letztjähriges Debütalbum mit spielerischer Leichtigkeit toppen.

AARA: Triade I: Eos

Das dritte erstklassige Album in drei Jahren. AARA laufen auf Hochtouren und liefern die besten Kompositionen zwischen Komplexität und Melodie im Black Metal, die man sich vorstellen kann.

FAWN LIMBS: Darwin Falls

Ein Wahnsinn. FAWN LIMBS pressen Darkjazz und Storytelling in ein Mathcore-Fundament. Dieses Wagnis hätte komplett in die Hose gehen können, aber es funktioniert von der ersten bis zur letzten Note.

TREHA SEKTORI: Rejet

Sterben mit DehnSora. Eine Meditation über Endlichkeit und das, was danach kommt: “Rejet” ist verstörend wie betörend. Ach, wäre Dark Ambient nur immer so intensiv und vielschichtig…

MÜTTERLEIN: Bring Down The Flags

Ein letzter Blick ins vergangene Jahr, ein tiefer Blick in den Abgrund. Schwer verdaulich und schwer empfehlenswert.

BETWEEN THE BURIED AND ME: Colors II

Das tat gut! “Colors II” ist mehr als nur eine schnelle Nostalgienummer von Musikern mit ADHS, sondern zeigt, dass BETWEEN THE BURIED AND ME ihr Handwerk nicht verlernt haben. Gewitzt, wild, liebevoll.

FRIEDEMANN: In der Gegenwart der Vergangenheit

Er ist nicht nur ein toller Gesprächspartner, sondern wird auch als Songschreiber immer besser. “In der Gegenwart der Vergangenheit” ist sein am stärksten reduziertes Album und spendet sehr viel Kraft durch seine direkte, ungekünstelte Art, seine klugen Texte und seine rauen Songs.

ISKANDR: Vergezicht

Wie machen die Akteure der niederländischen Black Metal-Szene das bloß? Gefühlt im Monatstakt kommt ein sensationelles Album nach dem anderen raus. ISKANDR stechen dennoch hervor. Mit großen, epischen Momenten erschaffen sie eine schnörkellose (und bessere) Variante von THE RUINS OF BEVERAST. Auf keinen Fall verpassen!

UNGFELL: Es grauet

Dieses Jodeln am Ende! Nicht nur deshalb stehen UNGFELL absolut verdient in dieser Liste. Die Verbindung von Folklore und Black Metal ist nichts Neues, aber dieses Duo scheißt charmant auf alle Klischees.

CONVERGE: Bloodmoon I

Es hätte ähnlich enttäuschend werden können wie EMMA RUTH RUNDLE & THOU oder CULT OF LUNA & JULIE CHRISTMAS, stattdessen kitzeln die Akteure gegenseitig das Beste aus sich heraus. Schaurig-schön!

THE AMENTA: Revelator

“Sere Money” ist der Hit des Jahres. Außerdem lohnt es sich, hinter die Kulissen zu blicken. Wer weiß, wie das Album entstanden ist, findet es noch besser, garantiert.

INFERNO: Paradeigma (Phosphenes Of Aphotic Entity)

Was für ein irrer Trip. Vielleicht die Antwort auf “Mestarin Kynsi”, vielleicht eine völlig andere Sphäre. Selbst nach über einem halben Jahr fordert mich dieses bizarre Album immer wieder heraus. Engage!

KÆLAN MIKLA: Undir köldum norðumljósumKÆLAN MIKLA Undir Köld Norðumljósum Album Cover

Naja, melancholische Musik aus Island eben. Perfekt zum Schwelgen und Schwofen.

FULL OF HELL: Garden Of Burning Apparitions

FULL OF HELL mögen auf hohem Niveau stagnieren, aber “Garden Of Burning Apparitions” ist verflucht gut. So muss Death-Grind im Jahr 2021 klingen.

HULDER: Godslastering Hymns Of A Forlorn Peasantry

Schrammt gekonnt am Kitsch des Mittelalter-Keyboard-Black Metal vorbei. Ein (nicht mehr-)Geheimtipp mit passender Fuck Off-Attitüde und epischen Songs. Wer’s bisher noch nicht gehört hat, sollte das jetzt dringend nachholen.

Bonusplatten:

Sanfte Highlights:

MAX RICHTER: Exiles

MAX RICHTER ist ein Poet. “Exiles” ist sein Tribut an alle, die ihre Heimat verlassen mussten, um eine unsichere Zukunft zu finden. Das ist in Musik gegossene Empathie.

THE LOVECRAFT SEXTET: In Memoriam

Endlich wieder Darkjazz. Jason Koehnen startet nach dem unrühmlichen Ende von THE THING WITH FIVE EYES mit  THE LOVECRAFT SEXTET erneut durch. Wunderbar finster, perfekt für Barnächte in Innsmouth.

THE EYE OF TIME: Acoustic II

Poesie im Herzen, Revolution im Bauch. Mit großem Geschick komponiert Marc Euvrie die besten THE EYE OF TIME-Stücke seit Jahren.

Newcomer:

ELLES VARTI: Elles Varti

Unfassbar brutal und schmerzhaft – ein Naturereignis für alle, die Feedbackschleifen und tiefste Riffs mögen.

DOLA: Czasy

Losgelöst von den Fesseln der Metal-Szene erschaffen DOLA ein dunkles Märchen zwischen Jazz, Improv, Ambient und Post Black Metal.

Außer Konkurrenz:

IRON MAIDEN: Senjutsu

Tatsächlich noch besser als “The Book Of Souls”. Ein würdiges Spätwerk einer legendären Band, die einfach nicht alt wird.

WOLVES IN THE THRONE ROOM: Primordial Arcana

Das Feeling von damals ist einfach nicht mehr da. Immerhin ist das Album besser als “Thrice Woven.”

ENSLAVED: Caravans To The Outer Worlds

Eine psychedelische EP von ENSLAVED? Her damit! Nur leider bleiben ENSLAVED hier völlig unter ihren Möglichkeiten.

THRICE: Horizons / East

Trotz vereinzelt starker Songs ein erschreckend uninspiriertes Album.

CULT OF LUNA: The Raging River

Dass sich CULT OF LUNA nicht mehr aus ihrer Komfortzone wagen ist nichts Neues, aber “The Raging River” lässt sogar das packende Songwriting vermissen, dass die Band in den letzten Jahren stets retten konnte.

2021 war konzertfrei, zum ersten Mal seit 1996. Ein paar Shows habe ich verpasst, weil ich unter einem Stein lebe,  zu einigen konnte ich mich einfach nicht aufraffen. Aber irgendwie habe ich Musik lieber in dem von mir gewählten Umfeld genossen. 2022 wäre es dennoch schön, wenn ich die eine oder andere Band live erleben dürfte.

– Inspirierende, mutige und tiefgründige Gespräche mit FRIEDEMANN, Colin von AMENRA und EMMA RUTH RUNDLE.

– Meine Tochter mag Iwon Maidn, weil Gitallist Bluce auf dem Cover einer Musikzeitschrift mit dem Schwert fuchtelt. Deshalb läuft “Senjutsu” durchaus manchmal auf dem Weg in die Kita. Aber sonst mag sie keine Papa-Musik, außer ARCHGOAT, aber nur wenn sie wütend ist.

– Vorfreude auf die Geburt meines Sohnes.

– Wandel und Abschied: Der Abschied von meinem alten Job wurde 2021 vollzogen, im Januar geht’s in neuer Position in einem neuen Unternehmen los.

– OOoS ist zu einer wunderbaren Familie von Musikenthusiasten geworden.

– Ich habe endlich einen neuen Plattenspieler, nachdem der alte nun wirklich seinen Dienst getan hatte, und einen neuen Amp. Endlich macht Musikhören im Wohnzimmer wieder Spaß. Also zumindest mir.

Ein gespaltete Gesellschaft kann nicht die Arschbacken zusammenkneifen und sich drängenden Herausforderungen entgegenstellen, z.B. dem Klimawandel. Ein Schiff im Suezkanal zeigt, wie fragil die weltweite Versorgung ist, sodass am Ende selbst Tapekäufer das Nachsehen haben, weil die kleinen Schrauben, die die linke und rechte Seite vom Gehäuse zusammenhalten irgendwo auf See oder in einem Hafen stecken.

Und natürlich, dass die Veröffentlichungspolitik der Majors dafür sorgt, dass Vinylversionen von Underground-Bands teilweise erst nach Monaten erhältlich sind.

2022 wird weniger gevampstert. Mein Sohn, der im März geboren wird, hat Vorrang. Das haltet ihr aus, oder?