ENSLAVED: Caravans To The Outer Worlds [EP]

Endlich trauen sich ENSLAVED, hemmungslos zu experimenten. Die EP „Caravans To The Outer Worlds“ wirkt dennoch nicht zu Ende gedacht.

Für Bands wie ENSLAVED, die gerne über den Tellerrand blicken, wenn auch moderat, sind EPs eine tolle Sache. Auf den Hauptwerken den Hunger des Publikums stillen, im Kurzformat dem Drang zum Experiment nachgeben. Ja, warum machen ENSLAVED das eigentlich nicht regelmäßig? Vor zehn Jahren wagten sie sich zuletzt an das EP-Format: „Thorn“ und „The Sleeping Gods“ waren aber auch eher business as ususal. „Caravans To The Outer Worlds“ ist nun das Psychedelischste, was man von ENSLAVED erwarten darf. Und es war schon lange nötig. Komisch also, dass es nur vier Tracks mit einer Spielzeit von etwas weniger als 20 Minuten geworden sind: Ivar Bjørnsson hätte bestimmt noch mehr Ideen auf Lager gehabt.

ENSLAVED dürfen auf „Caravans To The Outer Worlds“ endlich dem Drang zum hemmungslosen Experiment nachgeben.

Ich persönlich mag EPs sehr gerne, vor allem, wenn sie trotz ihrer Kürze einen geschlossenen Gesamteindruck hinterlassen, einer Band eine neue Facette verleihen und und nicht nach ranziger Resteverwertung müffeln. Beides ist ENSLAVED hier tadellos gelungen, und trotzdem wirkt „Caravans To The Outer Worlds“ nicht zu Ende gedacht. Vielmehr wurde die EP um das Titelstück herum konstruiert – beginnend als typischer ENSLAVED-Track im Uptempo mit treibenden Riffs, einem keifenden Grutle mit Megaphon-Verzerrung und einem melodischen Refrain, wabert der Song gegen Ende durch krautige-proggige HAWKWIND-Sphären und hinterlässt einen wirklich guten Eindruck.

Im weiteren Verlauf der EP verlieren sich ENSLAVED immer mehr in diesen Welten, getreu der Textzeile: „Esoteric navigation through the astral storm“. Das liest sich aber aufregender als es ist. „Caravans To The Outer Worlds“ besteht neben dem Titelsong aus zwei leicht psychedelischen Intermezzi, die relativ obskur nach GOBLIN klingen, und dem Stück „Ruun II – The Epitaph“, das die Bergener auch eher von ihrer progressiven Seite zeigt. Alles nicht schlecht, aber so richtig mitreißen will das nicht. Interessante Details finden sich schon darin, aber zwingend ist das nicht. „Ruun II – The Epitaph“ wirkt eher zeremoniell und hätte sehr viel Potenzial gehabt, wenn es länger hätte sein und mehr Dynamik erfahren dürfen. Fans passen hier beim Namedropping auf: Von der Ruppigkeit des Albums „Ruun“ ist hier nichts zu spüren, und doch hat der Song einen irgendwie ritualistischen Charakter

Diese EP wirkt nicht zu Ende gedacht: ENSLAVED verlieren sich in den „Outer Worlds“ – und machen eher wieder Lust auf „Utgard“

Schade, dass diese EP, die theoretisch so gut funktioniert, in der Praxis eher unausgegoren wirkt. Eines ist ENSLAVED auf „Caravans To The Outer Worlds“ aber wirklich gut gelungen: Hier steht hörbar die Band als Ganzes im Vordergrund, und nicht die einzelnen Musiker. Niemand sticht sticht heraus, alle tragen zu dem Gesamtbild bei, und das tut ENSLAVED ziemlich gut. Dennoch ist „Caravans To The Outer Worlds“ nur für diejenigen unverzichtbar, die voll auf die Progseite der Band abfahren. Nach dem brillanten wie archaischen „Utgard“ schienen ENSLAVED wieder sehr auf Kurs, mit dieser EP verlassen sie diesen wieder. Alles in allem ist es sinniger, eher letztjähriges Album erneut aufzulegen. Für den proggigen Krauthunger zwischendurch darf es eben doch AMON DÜÜL bleiben.

VÖ: 1. Oktober 2021

Spielzeit: 18:13

Line-Up:
Grutle Kjellson – Vocals, Bass, Mouth Harp, Electronics, Effects
Ivar Bjørnson – Guitars
Arve Isdal – Guitars
Iver Sandøy – Drums
Håkon Vinje – Keyboards, Vocals

Label: Nuclear Blast

ENSLAVED „Caravan To The Outer Worlds“ Tracklist:

1. Caravans To The Outer Worlds (Official Video bei Youtube)
2. Intermezzo I – Lönnling Gudling
3. Ruun II – The Epitaph
4. Intermezzo II – The Navigator

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