ENSLAVED: Utgard

ENSLAVED: Utgard

Brennende Fackeln erleuchten ein großes Tor, ungefähr acht Meter hoch und vier Meter breit. Ein Chor singt dunkle Beschwörungen und langsam öffnet sich das Tor, hinter dem eine Welt voller Schrecken und Wunder steckt. So eröffnen ENSLAVED ihr fünfzehntes Album „Utgard“ und nehmen uns mit auf eine Reise durch das Land in dem völlig andere Regeln herrschen. Das mag erstmal pathetisch wirken, aber ENSLAVED haben nie den großen Auftritt gescheut, oder? Der Ruf ins Unbekannte, der Beginn einer archetypischen Heldenreise, das ist es, was „Utgard“ repräsentiert. Das passt im Falle von ENSLAVED wie die Faust aufs Auge, mit diesem Konzeptalbum sind sie wieder da, wo sie hingehören: Auf einer spirituellen Reise, an unheimlichen und gefährlichen Orten der Seele.

Mein Herz pocht, wenn ich „Utgard“ höre und an die eine oder andere Seelenreise denke, die ich in meinem Leben schon mitgemacht habe. Das Archetypische atmet aus jeder Pore, und es ist gleichermaßen verwunderlich und doch wieder logisch, dass sich ENSLAVED diesem Stoff annehmen. Verwunderlich, weil sie auf dem enttäuschenden „E“ insgesamt ziemlich ihr Ziel aus den Augen verloren hatten (das wundervolle Stück „Storm Son“ nehme ich davon aber aus), und auch insgesamt war das irrsinnig hohe Niveau der Alben der 2000er in den 2010er Jahren nicht mehr gegeben. Andererseits passt das Erforschen von mythischen Welten besser zu ENSLAVED als zu den meisten anderen Bands, die plump und lieblos agieren würden – der deutsche Pagan Metal ist da abschreckend genug.

ENSLAVED haben auf „Utgard“ ihr Feuer und ihre Leidenschaft wiederentdeckt

„Utgard“ also, mit einem Artwork, das an eine traumartige Version von Mordor erinnert. ENSLAVED wirken auf den ersten Eindruck deutlich geerdeter als zuletzt, kommen schneller auf den Punkt, agieren weniger verkopft und spielen mit jugendlicher Entdeckerlust. Die Songs klingen spontan und leicht, so dass sich „Utgard“ wie ein Befreiungsschlag anfühlt. Neben grimmigen ENSLAVED-Trademarks experimentieren sie aber noch immer äußerst gerne: „Urjotun“ wird von einem tanzbaren Synthesizer-Drums-Gemisch mit Achtziger-Flair angetrieben, „Sequence“ stampft zwischen zwischen Simplizität und Fusion-Parts durch sechs immer verträumter werdende Minuten.

Dagegen fühlen sich „Jettegryta“ und „Flight Of Thought And Memory“ einerseits grimmig an, schmeicheln mit ihren Chören andererseits. Auch „Storms of Utgard“ zeigt die Bergener urwüchsig, aber angeführt von einem sagenhaft coolen Rock-Riff und mit IRON MAIDEN-Uptempo-Elementen. Richtig gut sind ENSLAVED auf „Utgard“ besonders dann, wenn sie ihre zugängliche, epische Seite zeigen. Der Refrain von „Homebound“ ist enorm und das abschließende „Distant Seasons“ klingt, wie der Aufstieg aus dem unterirdischen Reich. Am Ende ist die Schlacht gewonnen, die Narben bleiben. Stolz und Trauer, alles in einem. Dale Cooper blickt nach der schwarzen Hütte mit irren Augen in den Spiegel. Sagenhaft.

„Utgard“ hat Klassikerpozential, denn ENSLAVED sind so relevant und packend wie zuletzt in den 2000ern

Kein Wunder, dass „Utgard“ eine derartige Durchschlagskraft besitzt – die Band harmoniert auf den Aufnahmen richtig gut. Iver Sandøy spielt als neuer Schlagzeuger direkter als sein Vorgänger, aber gerade das gibt der Musik einen deutlichen Energieschub. Nachdem ich von Herbrand Larsen-Nachfolger Håkon Vinje auf „E“ enttäuscht war, weil er Larsen nur kopierte, statt der Musik neue Impulse zu geben, zeigt sich Vinje endlich losgelöst und bringt seine eigene Stimmfärbung und eigenen Ideen ein. Das macht sich auch beim Urduo Grutle Kjellson und Ivar Bjørnson bemerkbar, die samt Gitarrenposer Ice Dale hörbar mehr Spaß an Spiel, Radau und Direktheit haben. Passend dazu ist Daniel Bergstrands Produktion überraschend rau und kantig ausgefallen.

ENSLAVED sind 2020 so gut wie seit „Ruun“ und „Vertebrae“ nicht mehr, sie zeigen der Szene, wo – Verzeihung, dieses miserable Wortspiel muss sein – Thors Hammer hängt. Epik und Wildheit, Melodie und Experiment, all das steht auf „Utgard“ ebenbürtig und organisch nebeneinander. Es mögen wenige unmittelbare Hits auf dem fünfzehnten Album der norwegischen Legende zu hören sein, aber die Stücke gehen auch so ins Ohr und fordern im selben Atemzug heraus. Ob „Utgard“ den gleichen Klassikerstatus wie „Frost“, „Below The Lights“ und „Isa“ erreicht, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Tatsache ist aber, dass ENSLAVED in „Utgard“ ihr Feuer wieder gefunden haben. Kann man von einer Heldenreise mehr verlangen?

Wertung: 8 von 9 Unterwelten

VÖ: 2. Oktober 2020

Spielzeit: 44:48

Grutle Kjellson – Bass, Vocals
Ivar Bjørnson – Guitars
Arve „Ice Dale“ Isdal – Guitars
Håkon Vinje – Keyboards, clean Vocals
Iver Sandøy – Drums

Produziert von Daniel Bergstrand

Label: Nuclear Blast

ENSLAVED „Utgard“ Tracklist:

1. Fires in The Dark
2. Jettegryta (Video bei YouTube)
3. Sequence
4. Homebound (Video bei YouTube)
5. Utgardr
6. Urjotun (Video bei YouTube)
7. Flight of Thought And Memory
8. Storms of Utgard
9. Distant Seasons

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Captain Chaos
Ehemann, Vater, Musikenthusiast, Plattensammler, Trauerbegleiter, Logistiker, Autor, Wandergeselle