IRON MAIDEN: Senjutsu

“Senjutsu” ist ein gutes Album geworden, hat aber auch Schwächen. Doch auch wenn die Lieder an der ein oder andern Stelle zu lang geraten sind, auch wenn die ein oder andere Passage nicht vor Originalität strotzt: MAIDEN sind noch ernstzunehmen und auch 2021 überaus hörenswert.

Ehrlich gesagt waren meine Erwartungen an das 17. Studioalbum von IRON MAIDEN nicht besonders hoch.”Senjutsu” (auf Deutsch bedeutet das in etwa ‘Taktik und Strategie’ ) überraschte zwar im Vorfeld mit einem für Maiden ungewöhnlichen, asiatisch angehauchten Cover-Artwork, die erste Singleauskopplung lockte mich allerdings nicht wirklich hinter dem Ofen hervor, zu unspektakulär wirkte der das erste Lebenszeichen nach “Book Of Souls“. Und auch der erste komplette Durchlauf hatte mich nicht umgehauen. Doch seither wächst das Album mit jedem Durchlauf – wenn auch mit Abstrichen.

IRON MAIDENs “Senjutsu” wächst mit jedem Durchlauf – hat aber auch Schwächen

Los geht es mit “Stratego”, einem Midtempo-Rocker. Und schon hier zeichnet sich die Trademarks ab, die sich durch das ganze Album ziehen: eine hervorragende Gesangsleistung von Brucke Dickinson, eine überzeugende Gitarrenarbeit der drei Gitarristen Murray, Smith und Gers (vor allem in den Solo-Passagen toben sich die drei wieder hörenswert aus, hier steckt viel Arbeit drin), ein tolles Druming von Nicko McBrain – und  (und man muss es leider erwähnen) – ein Bandchef  Steve Harris, der offenbar auf Zeitreise zurück in die Neunziger war, wo er leider eine Kiste alter Song-Muster ausbuddelte, die damals schon niemand hören wollte. Das ist wirklich der einzige Schwachpunkt von “Senjutsu”: Großartige Musiker spielen grundsätzlich tolle Songs, verlieren sich aber hin und wieder in lieblos aneinander gereihte Songstrukturen und künstlich verlängertem Liedmaterial. Das ist wirklich schade – und unnötig. Und, was zum Geier diese unsäglichen Billig-Synthisizer-Teppiche auf diesem Album zu suchen haben, kapiere ich auch nicht. Hallo nach England! Ihr habt drei hervorragende Gitarristen, die auch ganz toll “atmosphärisch” spielen können  – also, was soll das?! Überflüssig fand ich diese Teppiche bei Maiden früher auch schon, aber bei diesem Album fallen sie mir noch stärker negativ auf.

Bruce Dickinson singt auf “Senjutsu” in einer eigenen Liga

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass Bruce Dickinson auf “Senjutsu” offenbar in der Form seines Lebens ist? Das ist für mich die größte Überraschung. Klar, die Maiden-Alben der Achtziger: Kult. Die Neunziger: Abgehakt. Seit 2000 / “Brave New World“: Maiden sind zurück! Aber “Senjutsu”? Mein lieber Scholli, der alte Herr will es nochmal wissen. Hier wird mit der Stimme experimentiert, mehrstimmig gesungen, sich an schwierige Tonfolgen gewagt, erst leise und dann kräftig und laut gesungen – kurz: Der Gesang ist unglaublich dynamisch und ausdrucksstark. Und das zieht sich durch das ganze Album auf gleichbleibend hohem Niveau.

Der Sound von IRON MAIDEN 2021: differenziert, druckvoll, warm – aber…

“Senjutsu” wurde wie seine Vorgänger von Kevin Shirley produziert, welcher hervorragende Arbeit geleistet hat. Die Songs kommen druckvoll durch die Lautsprecher, klingen aber wunderbar differenziert: Das Schlagzeug hat Raum, der Bass scheppert schön, wie sich das für Maiden gehört, und die drei Gitarren klingen einfach zum Verlieben schön: Druckvoll in den Rhythmuspassagen, singend beim Solieren, perlend in den Akkustik-Teilen, warm in den mehrstimmigen Gitarrenarrangements oder als Begleitung des Gesangs, wie im Mittelteil von “The Parchment”. Das macht wirklich Spaß und erzeugt wohlige Gänsehaut. Anspielungen an (eigene) Glanztaten gibt es auf “Senjutsu” dann auch noch zuhauf. Hier eine Prise “To Tame A Land” und “Clansman”, da ein Schuss “Rime Of The Ancient Mariner”, immer wieder verbinden sich alte Trademarks mit neuen Passagen, meist gut eingebettet in den oben beschriebenen Gesamtsound. Aber leider ist das Album nicht zu jeder Zeit so perfekt umgesetzt, zumindest beim Opener scheint jemand an ein paar Regler gekommen zu sein, hier klingt das Schlagzeug stellenweise arg laut. Keine Ahnung, ob das als Joke gedacht ist, genau genommen nervt das zu laute Getrommel in manchen Passagen ziemlich.

Up The Irons!

“Senjutsu” ist alles in allem also ein gutes Album geworden, wenn auch mit Schwächen. Für mich als MAIDEN-Fan seit den glorreichen Achtzigern ist es einfach schön zu sehen und zu hören, dass die Helden meiner Jugend immer noch ernstzunehmende Musik machen und seit gut zwanzig Jahren wieder auf einem sehr guten Niveau Alben veröffentlichen. Auch wenn die Lieder an der ein oder andern Stelle zu lang geraten sind, was in einer Gesamtspielzeit von etwa 82 Minuten mündet, auch wenn mein Liebling Dave Murray keinen einzigen Song beigetragen hat, auch wenn die ein oder andere Passage nicht vor Originalität strotzt: MAIDEN sind noch ernstzunehmen und überaus hörenswert – und das hoffentlich noch ganz, ganz lange.

Veröffentlichungstermin: 03.09.2021

Label: Parlophone Records

IRON MAIDEN “Senjutsu” Tracklist

  1. Senjutsu (Adrian Smith, Steve Harris) – 8:20
  2. Stratego (Janick Gers, Steve Harris) – 4:59
  3. The Writing on the Wall (Adrian Smith, Bruce Dickinson) – 6:13
  4. Lost in a Lost World (Steve Harris) – 9:31
  5. Days of Future Past (Adrian Smith, Bruce Dickinson) – 4:03
  6. The Time Machine (Janick Gers, Steve Harris) – 7:09
  7. Darkest Hour (Adrian Smith, Bruce Dickinson) – 7:20
  8. Death of the Celts (Steve Harris) – 10:20
  9. The Parchment (Steve Harris) – 12:39
  10. Hell on Earth (Steve Harris) – 11:19

IRON MAIDEN Besetzung

Gesang: Bruce Dickinson (1981–1993 und seit 1999)
Gitarre: Dave Murray (1976 und seit 1977)
Gitarre: Adrian Smith (1980–1989 und seit 1999)
Gitarre: Janick Gers (seit 1990)
Bass, Keyboard Steve Harris (seit 1976)
Schlagzeug: Nicko McBrain (seit 1982)