IRON MAIDEN: Brave New World

IRON MAIDEN: Brave New World

Ein Wunder! Wir haben doch noch ein Promoexemplar der neuen Maiden-Scheibe erhalten! Aber irgendwo ist es ja schon verständlich, dass das Management der eisernen Mannen vorab kein Material an die Redakteure der schreibenden Metalzunft rausrückte. Vorsichtige Schätzungen beziffern den Verlust, der nur durch die Schwarzkopien der deutschen Online-Redakteure entsteht, auf mindestens 97,685 Fantasttrilliarden Euro! Ohne Mehrwertsteuer! Na, da haben wir natürlich auch ein Einsehen und warten also bis nach dem Veröffentlichungsdatum geduldig auf das neue Scheibchen der Briten.

Nun aber zum wesentlichen – der Musik. Brave New World ist ein starkes Album geworden. Meiner Meinung nach ist es sogar eines der besten Maiden Alben überhaupt. Das mag nach alten Klassikern wie Number Of The Beast oder Somewhere In Time und den im Vergleich dazu songwriterisch doch deutlich schwächeren letzten Alben zwar etwas überzogen klingen, aber Brave New World ist ein Album voller starker Songs, guter Arrangements und einem Bruce Dickinson, der durch den Wiedereinstieg bei Iron Maiden um fünfzehn Jahre jünger geworden zu sein scheint. Vorbei die Zeiten, dass der gute Bruce die hohen Tonlagen kaum noch herausbekommt und ihm beim Singen fast die Luft wegbleibt (wer ihn kurz vor seinem Ausstieg bei Maiden live gehört hat, weiß was ich meine) – auf Brave New World glänzt Mr. Dickinson mit powervollem Gesang und einem Gespür für gute und ungewöhnliche Melodien. Man kann von dem Mann und seinen Aussagen der letzen Zeit halten was man will, aber mit diesem Album zeigt er, warum der Name Bruce Dickinson nie aus der Metal Hell Of Fame wegzudenken sein wird.

Brave New World weiß durch einen breitwandigen und fülligen Sound zu gefallen. Der typische Gitarrensound macht sofort klar, um welche Band es sich hier handelt und auch die Drums sind gewohnt druckvoll und klingen kristallklar. Das einzige, was unangenehm auffällt, ist der Bass Sound. Auf Brave New World fehlt einfach das prägnante metallische Geklacker von Steve Harris Fingeranschlag, das man von alten Maiden Alben gewohnt ist und auch definitiv zu einem Trademark des Bassers geworden ist. Wahrscheinlich haben Produzent Kevin Shirley und Steve Harris dies dem kompakten Gesamtsound geopfert, das schöne Scheppern fehlt allerdings schon auf dem Album.

Waren vor allem auf dem letzten Album Virtual XI einige arrangement-technische Durchhänger, hat man auf Brave New World wieder deutlich zugelegt. Der Opener und gleichzeitig die Single The Wicker Man gehört auf jeden Fall zu den schwächeren Songs des Albums (wobei The Wicker Man für eine Singleauskopplung durchaus in Ordnung geht), doch können die darauffolgenden Songs Ghost Of The Navigator und der Titeltrack Brave New World das locker wieder reinspielen. Diese beiden Songs gehören für mich jetzt schon zu Klassikern, die aus dem Maiden Repertoire nicht mehr wegzudenken sind. Ghost Of The Navigator würde ich musikalisch irgendwo in der Zeit zwischen Somewhere In Time und 7th Son… einordnen – ein Lied, das von den ersten Klängen des Intros bis zum Schluß voll überzeugen kann. Eine Spannungsgeladene Strophe entlädt sich über eine atmosphärische Bridge in einem bombastischen Refrain mit ungewöhnlichem Riffing, das in einen melodiösen Part aufgeht. Da freut sich der Maiden-Fan.

Ähnlich verhält es sich mit dem folgenden Titeltrack Brave New World. Einem ruhigen Intro mit den typischen Maiden-Gitarren folgt ein treibender Stophenteil. Auch hier dominiert der starke Gesang, der – wie oft auf dem Album – von einer Gitarre begleitet wird. Der Chorus des Songs hat locker Fear Of The Dark Qualitäten und dürfte live ein absoluter Killer werden. In diesem Song werden auch zum ersten Mal die drei Gitarren voll genutzt, was man mit diesen guten Gitarristen meiner Meinung nach sowieso mehr hätte ausbauen können. Was ich allerdings etwas schade finde ist, dass das eigentliche Thema Brave New World zu kurz kommt. Zwar hat man sich auf dem mal wieder genialen Cover, das eine bedrohliche Zukunftsvision Londons darstellt, und natürlich textlich in Brave New World dem Thema aus Schöne neue Welt von Aldous Huxley gewidmet, doch hätte ich bei Bruces Möglichkeiten textlich einfach mehr erwartet.

Auch der nächste etwas ruhigere und epische Track Blood Brothers ist sehr stark. Wieder sehr schön ist die Gitarrenarbeit, in dem Song wird auch mal mit versetzten Gitarrenstimmen gearbeitet, hier liegt also noch eine Menge Potential. Leider hält der Song nicht über die gesamte Länge das hohe Level, gegen Ende flacht er dann doch ziemlich ab und wir haben wieder das alte Problem: auch die dritte Wiederholung einer guten Idee macht diese nicht besser. Der folgende Song The Mercenary ist etwas an den Opener Prowler des ersten Albums angelehnt. Der Song ist einer der unspektakuläreren, besticht aber vor allem durch seinen Ohrwurmrefrain und man freut sich jedes Mal auf die Wiederholung des Refrains nach dem Solo, wenn er von diesem kleinen aber feinen Break eingeleitet wird.

Danach kommt Song Nummer sechs Dream Of Mirrors, der wieder durch ein starkes Intro und einen ruhigen, sehr stark gesungenen Part eingeleitet wird. Der Refrain des Lieds ist zwar ziemlich posig, eignet sich aber hervorragend zum mitsingen – und wer sich nach etwa fünfeinhalb Minuten des Songs in die ruhigen Klänge hat einlullen lassen, wird unerwartet aus seiner Trance gerissen, wenn uns Nicko Mc Brain plötzlich drei Minuten am Stück mit seinem schnellen rechten Fuß in den Arsch tritt.

The Fallen Angel ist ein echter geradliniger Nackenbrecher, an dessen Songwriting Adrian Smith beteiligt war. Es ist ein rockiger Song ohne große Spielereien, mit Gitarrenduellen und einer großen Hookline. Recht unspektakulär aber nett.

Beim nächsten, orientalisch angehauchtem Song The Nomad scheiden sich die Geister. Die einen hier im vampster-Headquarter finden ihn schlicht langweilig, die anderen dafür gigantisch. Ein Vergleich mit Powerslave liegt alleine schon wegen dem Sound nahe, doch entwickelt sich der Song in eine andere Richtung als der ´84iger Song. Beginnen tut´s mächtig heftig in orientalischen Klängen und einem massiven Chorus, doch zeichnet sich nach etwa 5 Minuten eine Wende im Song ab. Die Gitarren werden ruhiger und der Bass läutet einen langen, atmosphärischen Akustikpart ein, wie man ihn schon aus alten Zeiten kennt.

Beim vorletzten Song Out Of The Silent Planet geht Maiden nun doch leider langsam die Luft aus. Das, was die anderen Songs des Albums bisher auszeichnet, fehlt diesem Song leider. Out Of The Silent Planet ist zwar kein schlechter Song, leider aber etwas flach und glatt geraten. Der Song, der stimmungsmäßig auch ganz gut in die 7th Son Zeiten gepasst hätte, hat einen eingängigen Refrain, der im Song zu stark im Vordergrund steht, es fehlt einfach an Abwechslung. Für mich der schwächste Song des Albums. Da helfen auch die schönen mehrstimmigen Gitarren am Ende nicht mehr viel.

Beim Rausschmeißer The Thin Line Between Love & Hate wird dann dafür wieder etwas tiefer in die Maiden Trickkiste gegriffen. Fragt mich nicht, warum mich die Brigde an Voivod erinnert, aber der ganze Song ist recht ungewöhnlich. Auch in diesem Song variiert Bruce den Gesang, nach einem gedämpften Start mündet der Song in einem treibenden Part, wie man ihn beispielsweise von The Lonelines Of The Long Distance Runner des Somewhere In Times Album kennt. Insgesamt ist auch hier der Gesang recht ungewöhnlich und die Gitarrenarbeit ist besonders gegen Ende des Songs wieder erstklassig.

Um es also noch mal zusammen zu fassen: Brave New World ist eines der besten Maiden Alben geworden und beinhaltet definitiv einige Maiden Klassiker. Manch einer, der die Band totgesagt hat und nichts mehr von Steve Harris und seinen Mannen erwartet hatte, dürfte überrascht sein – und Maidens Fans wird das Album nicht nur einen Schauer über den Rücken jagen.

Line Up:

Bruce Dickinson – Vocals

Dave Murray – Lead & Rhythm Guitars

Adrian Smith – Lead & Rhythm Guitars

Janick Gers – Lead & Rhythm Guitars

Steve Harris – Bass, Keyboards

Nicko McBrain – Drums

Tracklist:

The Wicker Man

Ghost Of The Navigator

Brave New World

Blood Brothers

The Mercenary

Dream Of Mirrors

The Fallen Angel

The Nomad

Out Of The Silent Planet

The Thin Line Between Love & Hate

Produziert von: Kevin Shirley und Steve Harris

Label: EMI

Homepage: www.ironmaiden.com

Veröffentlichungstermin: 29.05.2000

Spielzeit: 67:03 Min.

Markus
Markus ("boxhamster") hat das Magazin 1999 gegründet und kümmert sich um die Technik und die Weiterentwicklung von vampster, schreibt ab und zu Reviews und fotografiert bei Festivals und Konzerten.