AMENRA: De Doorn

Welcher Dorn steckt in deiner Pfote? AMENRA bringen dir darüber vielleicht eine Erkenntnis.

Im brennenden Dornenbusch offenbart sich Gott Mose und erteilt ihm den Auftrag, das Volk Israel aus Ägypten zu führen. Dass AMENRA ihr neues Album im Zuge von Feuerperformances in den vergangenen Jahren geschrieben haben und dass der Titel „De Doorn“ lautet, ist in diesem Kontext sehr spannend. So wie Mose das Volk führen soll, führen uns AMENRA einmal mehr an die Quelle unseres Schmerzes. Der sprichwörtliche Dorn in unserer Pfote ist das was uns auf unserem Lebensweg behindert. Zeit, ihn endlich zu ziehen.

„De Doorn“ könnte trotzdem eine weitere Messe sein, denn AMENRA zeigen sich rituell und ernsthaft, wie es ihrer Natur entspricht. Und doch entfernen sich die Belgier nicht nur konzeptuell, sondern auch musikalisch vom viel gepriesenen Vorgänger „Mass VI“, der in seinen Kompositionen deutlich komplexer war. „De Doorn“ hat aber offensichtliche Vorzüge. AMENRA navigieren stark zwischen den Kontrasten. Entweder sind sie leise und zart, oder unglaublich brutal. Das könnte kitschiger Post Metal sein, aber AMENRA klingen durch diese Reduktion auf das Wesentliche intimer denn je.

AMENRA navigieren auf „De Doorn“ stark zwischen den Kontrasten – und sind besonders intim, wenn es leise wird.

Die Beschäftigung mit diesem Album wirkt befreiender als in der Vergangenheit. In jeder Sekunde ist Mitgefühl zu spüren. Vermutlich zeigen AMENRA Mitgefühl zu sich selbst und ihren Schwächen, wir dürfen uns aber auch angenommen und umarmt fühlen, durch diese Performance. Beginnend mit den düsteren Drones von „Ogentroost“ mit dem Sprechgesang von Colin H. Van Eeckhout, das auch eine Rezitation der poetischen, rein muttersprachlichen Texte sein könnte, erreichen AMENRA mehr als mit verspielten, komplexen Elementen. Der Ausbruch in der zweiten Hälfte des Stücks als krasser Gegenpart lässt AMENRA dann so monolithisch wie zu „Mass V“ wirken, allerdings ist da nicht derselbe Nihilismus zu spüren. Auch wenn es auf „De Doorn“ heavy wird, sind sie immer für den Hörer da, wie ein spiritueller Begleiter.

Vielleicht sind es tatsächlich die flämischen Texte, die dieser Musik die totale Intimität verleihen. Das mit knapp fünf Minuten kürzeste Stück des Albums, „De Dood In Bloei“ besteht nur aus leisen Soundscapes und zärtlichem Sprechgesang. Spätestens hier fällt auf, wie wertvoll die Gastbeiträge von Caro Tanghe (OATHBREAKER) sind – sie ergänzt Colin H. Van Eeckhout, von dem man dachte, er hätte durch seine Entwicklung gar keine Stimme neben sich mehr nötig. Caros Stimme wirkt wie ein Farbtupfer in diesem Meer aus Grautönen – und doch ist es Colin, der durch seine zurückhaltende Performance des Sprechgesangs, „De Doorn“ so groß werden lässt.

Jede Träne ist es wert, zu „De Doorn“ geweint zu werden.

Mit „De Evermens“, das so finster klingt, dass mir gar der Begriff „Funeral Doom“ in den Sinn kommt, aber ein geradezu erlösendes Finale mit Colins bisher leidenschaftlichsten Gesangslinien auffährt und dem schleppenden „Het Gloren“, das gegen Ende fast zu einer Hymne wird, zeigen sich AMENRA vergleichsweise traditionell, gehen aber mindestens genauso unter die Haut, wie die restlichen Stücke. Am Ende ist es nochmal die Stille, die so wertvoll ist: „Voor immer“ zelebriert voller Leidenschaft knapp acht Minuten die leise Seite des Albums, bevor AMENRA ein letztes Mal mit aller Gewalt den Dornenbusch in Brand setzen, ein Fanal entzünden. Die letzten Minuten des Albums wirken wie die pure Läuterung.

Durch die perfekt ausbalancierte Produktion zwischen Klarheit und wuchtiger Brutalität und die zahlreichen Details erzeugen AMENRA ein Album, das sich immer wieder und wieder unglaublich intensiv anfühlt und so zum eindeutig besten Werk seit „Mass IIII“ wird. AMENRA zeigen immer wieder, warum der Schmerz so wichtig ist: Wenn wir über diesen gewissen Punkt gehen und einmal den Furor des Stachels spüren in dem Moment als er herausgezogen wird, wird dieses permanent schwelende Unwohlsein spürbar geringer. Kurz: Jede Träne ist es wert, zu diesem emotionalen, verwundbaren und wunderbarem Meisterwerk geweint zu werden.

Wertung: 4,5 von 5 Pinzetten

VÖ: 25. Juni 2021

Spielzeit: 47:27

Line-Up:
Colin H. Van Eeckhout – Vocals
Mathieu J. Vanderkerckhove – Guitars
Lennart Bossu – Guitars
Tim De Gieter – Bass
Bjorn J. Lebon – Drums
Caro Tanghe – Vocals

Label: Relapse Records

AMENRA „De Doorn“ Tracklist

1. Ogentroost
2. De Dood in Blei
3. De Evenmens (Official Video bei Youtube)
4. Het Gloren
5. Voor immer (Official Video bei Youtube)

Mehr im Netz:

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https://amenra.bandcamp.com/