PLEBEIAN GRANDSTAND: Rien Ne Suffit

PLEBEIAN GRANDSTAND lassen ihre Zuhörer in Plutonium baden: „Rien ne suffit“ verbindet die dissonante Black Metal-Mischung der Franzosen mit schwerverdaulicher Elektronik und Noise. Eine Zumutung – im positiven Sinn des Wortes.

Mir wird wieder bewusst, wie vergeblich es manchmal ist, Musik in Worte zu packen, getreu dem Titel dieses Albums: „Rien ne suffit“, nichts ist genug. Natürlich, es lässt sich beschreiben, was da zu hören ist, aber das wird dem nicht genug, was passiert. Also geht es initial eher darum, was diese Musik in mir auslöst? Vielleicht ist das die Spur, der es zu folgen gilt, um schließlich was Brauchbares zu erzeugen. Eins ist mal sicher: Die Kraftreserven sind endlich, aber irgendwas schlummert doch stets, das nur geweckt werden will. PLEBEIAN GRANDSTAND haben einen Effekt auf mich: Ich berste vor Energie, nachdem ich diese Musik gehört habe. Und ich glaube, ich weiß auch warum.

„Lowgazers“ (2014) und „False Highs, True Lows“ (2016) waren eine reine Höllenfahrt, sind aber nichts im Vergleich zur Intensität von „Rien ne suffit“. PLEBEIAN GRANDSTAND haben ihr Gesamtbild massiv erweitert, gehen aber deutlich fragmentarischer vor. Und genau das erzeugt ein Stop-And-Go, ein Wechselspiel aus dissonantem Black Metal und Sludge mit Hardcore-Wurzeln und kratzenden elektronischen Versatzstücken. Und weil sich diese Pole gegenseitig häufig unterbrechen, baut sich die Energie in mir immer mehr auf, statt dass sie entweichen kann. Und das allein fühlt sich schon intensiv an. Es wäre absurd, „Rien ne suffit“ als Wohlfühlalbum zu beschreiben. PLEBEIAN GRANDSTAND hinterlassen ein Publikum, dem arg zugesetzt wird, denn die Band aus Toulouse spielt nicht nur mit Erwartungen und Hörgewohnheiten, sie manipuliert die Zuhörer. „Rien ne suffit“ ist eine Zumutung, aber in diesem Wort steckt auch „Mut“. Konkret heißt das, dass sich die Anstrengung mehr als lohnt. Ein stärker forderndes Album war PLEBEIAN GRANDSTAND nicht möglich. Zwischen Wahn und Wut sorgen die fünf Franzosen dafür, dass die Komfortzone der Hörerschaft gründlich erweitert wird.

Bei PLEBEIAN GRANDSTAND entdecken die Zuhörer dass „Mut“ in „Zumutung“ steckt: „Rien ne suffit“ ist Komfortzonenerweiterung.

Es wäre unzureichend zu behaupten, dass die musikalische Basis der Vorgängeralben um Industrial, Noise und Power Electronics erweitert wurde, viel mehr stehen diese Elemente mittlerweile gleichberechtigt neben der Black Metal-Sludge-Mischung, würgen diese oftmals ab, drehen sie um, manipulieren sie. So wandelt sich „À droite du démiurge, à gauche du néant“ nach wenigen Minuten von einem extremen, dissonanten Metalsong in einen mit spastischen Beats unterlegten, dröhnenden Industrialtrack, der am Ende wieder komplett in Richtung Blast Beats ausbricht.

„Rien ne suffit“ ist ein janusköpfiges Album, denn diese Koexistenz der Pole, die sich gegenseitig kontant anziehen wie abstoßen, zieht sich durch das ganze, fünfzigminütige Album. Und ja, das ist alles andere als leicht verdaulich, aber die auch die Basis für dieses ungeheuerliche Niveau. Unmöglich, dass PLEBEIAN GRANDSTAND ein großes Publikum mit ihrem vierten Album finden. Aber wer ein starkes Nervenkostüm hat, wird dieses Album spannend finden. Und wer eine große Schmerztoleranz hat und es komplex und unkonventionell mag, wird das „Rien ne Suffit“ gar mit Haut und Haar verfallen. Das Konzept der gegenseitigen Anziehung, Abstoßung und Ergänzung von „À droite du démiurge, à gauche du néant“ wird auf dem restlichen Album fortgeführt, aber niemals kopiert, sondern klug und impulsiv variiert. Und so dürfen sich die Hörer niemals in Sicherheit wiegen, denn stets folgt ein weitere, unerwarteter und manischer Ausbruch.

PLEBEIAN GRANDSTAND spielen mit Hörgewohnheiten und Erwartungen: „Rien ne suffit“ liegt abseits von den Normen und Standards.

Kein Wunder, dass Songs wie „Tropisme“ mit seinem wilden, kraftvollen elektronischen Beat und bizarren, verzerrten Synthesizern trotzdem unglaublich kraftvoll ist. Wenig überraschend dass „Part maudite“ und „Angle morts“ als recht klassische PLEBEIAN GRANDSTAND-Stücke mit einer neuen Fülle an Details sehr tief wirken und gleichzeitig durch die abartigen, scharfkantigen Blast Beats ein neues Level an Intensität erreichen und dabei das Niveau von Bands wie DODECAHEDRON oder DEATHSPELL OMEGA mühelos halten können. Sludge-Momente („Espoir nuit naufrage“) fehlen ebensowenig wie eine Gesangsperformance, die an Energie und Wildheit kaum zu überbieten ist („Aube“) – es klingt, als hätte Adrien Broué mitten ins Studio gekotzt.

Eine unglaubliche Fülle an Details zeichnet „Rien ne suffit“ aus, die zahllosen Schichten bieten extrem viel Platz, um in der Musik vielerlei Details zu verstecken, vor allem dort, wo man sie nicht erwartet. So entsteht eine Sogwirkung, denn das Album ist unglaublich faszinierend und chaotisch, und hält selbst lange nachdem es sich den Rezipienten scheinbar erschlossen hat, noch immer neue Dimensionen bereit. Das ist natürlich bei komplexer Musik nicht ungewöhnlich, aber da PLEBEIAN GRANDSTAND nicht nur Kopf- sondern auch Bauchenergie besitzen, ist „Rien ne suffit“ umso ganzheitlicher.

„Rien ne suffit“ gleicht einem Bad in Plutonium – PLEBEIAN GRANDSTAND blasen zum Angriff auf Beliebigkeit und Harmlosigkeit

Was bleibt nach fünfzig Minuten? Die ersten drei, vier Male sind da Hörer, die an ihre Grenzen getrieben werden. Und irgendwann dreht sich das um. Irgendwann fühlt es sich nach jeder neuerlichen Erfahrung von „Rien ne suffit“, als habe man in Plotonium gebadet und könnte es mit allem und jedem aufnehmen. PLEBEIAN GRANDSTAND sind mit ihrem zeitlosen wie hypermodernem Angriff auf die Beliebigkeit einer harmlos gewordenen Metal- und Hardcore-Szene zusammen mit FAWN LIMBS ein monumentales Gegengewicht. Dieses Album wird garantiert die meisten Menschen anpissen, aber es verdient allen Respekt und alle Liebe, die es gibt.

Wertung: 9,5 von 10 Genugtuungen

VÖ: 19. November 2021

Spielzeit: 50:33

Line-Up:
Adrien Broué – Vocals
Simon Chaubard – Guitar
Ivo Kaltchev – Drums
Olivier Lolmède – Bass
Amaury Sauvé

Label: Debemur Morti Productions

PLEBEIAN GRANDSTAND „Rien ne suffit“ Tracklist

1. Masse critique
2. À droite du démiurge, à gauche du néant
3. Tropisme
4. Part maudite
5. Angle mort
6. Espoir nuit naufrage
7. Nous en somme là
8. Rien n’y fait
9. Jouis, camarade
10. Aube

Mehr im Netz:

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