FRIEDEMANN: Du gehst immer weiter, bis du tot bist (Interview Teil 1)

Mit seinem vierten Soloalbum „In der Gegenwart der Vergangenheit“ hat FRIEDEMANN ein wunderbar kraftspendendes Werk veröffentlicht, das eine klare Sprache spricht und thematisch perfekt in diese schwierigen Zeiten passt. „Bleib dem Frohsinn treu“ ist dabei nicht nur ein Songtitel, sondern eine Einladung auch in der Krise positiv in die Zukunft zu schauen, selbst wenn es mal schwer fällt. Ich treffe den Rüganer, der auch bei COR Sänger und Texter und seit kurzem Podcaster ist, an einem Sonntagabend per zoom und schnacke gut anderthalb Stunden mit ihm. Gewohnt herzlich und reflektiert spricht FRIEDEMANN über eine Vielzahl an Themen: Im Ersten Teil über Schicksalsschläge, neue Wege als Künstler zu gehen, eine andere Art von Lampenfieber und heilende Einsamkeit.

Hallo FRIEDEMANN, ich freue mich, dass es heute klappt.

Total gerne.

Vorweg, obwohl ich meinen Facebook-Account gelöscht habe, konnte ich dort sehen, dass bei dir etwas Heftiges vorgefallen sein muss – ohne zu wissen was es war, mein Mitgefühl dafür.

Mein Vater ist gestorben. Das war sehr plötzlich, er war eigentlich kerngesund, aber er hatte einen Herzinfarkt und war sofort tot. Das ist eine echt seltsame Situation für die ganze Familie, vor allem für meine Mutter.

Da bringen auch diese Sprüche nichts wie: Er kann froh sein, dass er nicht leiden musste, und so weiter. Die hast du sicherlich häufig gehört.

Ja, das hat jeder Zweite gesagt. Das ist auf der einen Seite total richtig, aber auf der anderen Seite macht es den Tod nicht ungeschehen. Das ist eben jetzt eine Zeit, die viele Fragen aufwirft. Ob man richtig lebt, ob das OK ist, so wie man es macht. Ich denke gerade wahnsinnig viel und wir stehen in der Familie eng zusammen. Und wir überlegen alle, ob das bis hierher so richtig war. Was man hätte besser oder schöner machen können. Aber ich bin auch pragmatisch, das gehört einfach zum Leben dazu. Ich glaube ein großer Teil der Trauer ist die Angst vor dem eigenen Vergehen. Ich bin 45 und dann denke ich mir doch, die Zeit wird langsam knapp und so.

Ich habe mich mit dem Thema im Zug einer Weiterbildung zum Trauerbegleiter stark beschäftigt. Und Trauer ist unglaublich wichtig. Viele drängen die Trauer an den Rand, lassen das gar nicht so präsent sein.

Das ist halt auch der Umgang mit dem Thema an sich. In vielen Ländern in Lateinamerika ist der Tod immer präsent. Und wir Mitteleuropäer haben das verdrängt, wir wollen, dass alles immer ewig ist und dass alles immer weiterwächst. Wir wollen einfach nicht vergehen, siehe Schönheitsoperationen, Fitnesswahn, Lebensverlängerung durch Operationen oder andere Maßnahmen. Ich glaube, da haben wir noch einiges aufzuholen. Für mich gehört das Vergehen dazu, ich bin ja Bauer. Wir halten Tiere und ich hatte auch immer Hunde. Und irgendwann musste ich halt für den Hund die Entscheidung treffen. Und weil wir nur Fleisch von unserem eigenen Hof essen, schlachten wir auch selber. Das ist jedes Mal ein Drama. Ich weiß jedenfalls dass wir alle vergehen und am Ende Erde sein werden. Ich sehe das jeden Tag beim Kompostieren. Das ist eigentlich Wahnsinn – aus Fleisch, aus Knochen, aus Gras wird Erde – das ist echt krass. Aber das ist ein guter Zyklus der Natur. Und damit beschäftige ich mit halt gerade. Und damit, was bleibt. Wenn man ein guter Typ war, dann lebt man in den Freunden und Bekannten weiter. Und wenn man ein Arschloch war, na ja (lacht), dann bleibt halt nicht viel übrig.

Ansonsten wird mein Vater weiterleben, solange wir da sind, und wir erzählen uns gerade viele Geschichten. Wir haben sogar auf dem Friedhof nach der Beerdigung noch gelacht – ich fand es super, dass die Pastorin eine schöne Predigt gehalten hat. Und sie hat da erwähnt, dass mein Vater gern gelebt und gefeiert hat. Und es war schön, dass die Pastorin es genauso erzählt hat wie es war und uns erinnert hat, dass wir auch das nicht vergessen sollen. Und alle haben gelacht und geweint und geweint und gelacht. Das wird bleiben, die fröhlichen Geschichten und die traurigen Geschichten. Und das ist auch mit Trauer zu verbinden, die Dankbarkeit, dass man zusammen so ein Leben hatte.

Mir tut es für meine Mutter wahnsinnig leid. Sie haben mit 18 geheiratet und hätten im November 50. Hochzeitstag gehabt, und meine Mutter ist da sehr stolz darauf. Sie haben sich sehr geliebt, und da ist sie natürlich sehr traurig. Für uns ist es der Vater, wir haben unsere Leben und die Familie, aber für Mutter ist alles weg. Sie ist jetzt zu uns aufs Dorf gezogen, wir haben ihr eine kleine Wohnung besorgt und so dichter an die Familie geholt.

Schön, dass ihr das macht.

Das muss man machen. Wir haben auch gerade zusammen Abendbrot gegessen.

Ich bin da auch recht dankbar, meine Eltern sind auch im hohen Alter und wir wohnen seit anderthalb Jahren im Familiensystem wieder relativ nahe beisammen. Ich habe ein Haus gebaut, mein Bruder wohnt nebenan, die Familie ist wieder vereint. Ich hätte mir vor wenigen Jahren nie gedacht, dass sich das so richtig anfühlen kann.

Wir sind sehr ländlich, wahrscheinlich so wie bei euch in Bayern auch. Ich war schon immer ein Freund davon, dass die Familie zusammen ist. Wenn es der Wohlstand ermöglicht, vielleicht nicht unbedingt immer im gleichen Haus. Aber man kann sich gegenseitig helfen. Wenn die Kinder krank sind, können die Eltern arbeiten gehen, weil Oma aufpassst. Wenn die Oma hingefallen ist, wird ihr geholfen und so weiter. Die Mutter meines Vaters ist vor zwei Jahren mit 96 gestorben. Sie war am Schluss in einem Pflegeheim, und die Leute haben da gute Arbeit geleistet. Aber es waren halt keine 20 m² für zwei alte Damen. Und ich und meine Frau haben uns geschworen, dass wir das anders machen müssen. Und deshalb ist meine Mutti jetzt hier. Ich finde da sollte jeder mal nachdenken: Wie gehen wir mit unseren Alten um? Und von diesem Egotrip runterkommen, den wir seit vielen Jahren fahren, denn das kann die Digitalisierung nicht leisten. Nichts gegen Digitalisierung, da gibt’s tolle Sachen, aber sie soziale Gemeinschaft, sich sehen, hören, riechen, fühlen, das kann nichts ersetzen. Als Mensch brauchst du das einfach. Wenn du vereinsamst, gehst du kaputt, vor allem in solchen Extremsituationen. Aber auch in der Freude ist das wichtig: Was nützt dir ein schöner Geburtstag, wenn keiner kommt? Ich freu mich immer, wenn meine Freunde kommen, ich freu mich über Geschenke, über alles. Ich finde die soziale Gemeinschaft absolut erstrebenswert.

Wie gesagt, ich lerne das auch gerade neu kennen, und wertschätze den Familienverbund.

Du kannst dich stützen, wenn es mal schlecht läuft, und du kannst auch die Freude teilen. Ich werde jetzt zum Beispiel Opa. Meine große Tochter ist 26 und alle freuen sich, wir sind da ganz aufgeregt.

Herzlichen Glückwunsch! Wann ist es soweit?

Danke (lacht). Im August ist Termin. Dann bin ich 46 und schon Opa.

Du warst halt früher dran. Ich bin 38 und meine Tochter ist zwei. Auf deiner Liveplatte hast du ja gesagt, dass du mit siebzehneinhalb Vater wurdest.

Ja, kurz vor 18. Meine Frau war damals 16.

Das ist eine Leistung, das so durchzuziehen.

Wir haben ja auch ein gutes Mädchen. Sie ist echt toll geworden und sie macht das super. Und wenn ich jetzt Opa werde, dann ist das so. Das hätte ich meinem Vater auch gerne gegönnt, noch Urgroßvater zu werden. Dann macht die Oma das jetzt.

Auf jeden Fall toll, wenn sie jetzt noch eine Aufgabe hat.

Ja, wir haben hier immer viel zu tun. Wir kriegen sie schon beschäftigt. (lacht) Bei uns ist immer Trubel. Wir haben zwei eigene Kinder und noch zwei Pflegekinder, da ist dauernd was zu tun. Und meine Mutter ist eine toughe Frau.

 

“Ich hatte ein wenig Angst, dass das nach hinten losgehen könnte, aber ich wollte das einfach mal ausprobieren.” – FRIEDEMANN über die  Idee, das Album als Abo zu veröffentlichen.

 

Du hast mich vor einigen Jahren ohne es zu wissen sehr begleitet und bestärkt, als ich in großen Phasen der Unsicherheit war. Da war mir dein Album „Wer hören will muss schweigen“ eine große Hilfe. Letztes Jahr habe ich nach fünf Jahren Pause wieder begonnen bei vampster zu schreiben, wegen Corona-Blues und dem Bedürfnis wieder was für mich zu machen. Und etwa zeitgleich ging das Abo von „In der Gegenwart der Vergangenheit“ los. Ich fand die Idee spannend und habe gleich mitgemacht. Das war eine ganz neue Art, ein Album zu entdecken. Ich bin lange auf „Das Sammeln von Licht“ hängen geblieben. Daher musste das Album ein bisschen wachsen, gerade weil die Struktur sich erst nach und nach festgesetzt hat. Und nicht alle Lieder haben gleich bei mir gezündet, aber das ist bei Liedermacherplatten normal.

Ich war mir darüber auch bewusst. Wenn du ein Gesamtwerk rausgibst, hast du eine fertige Platte und einen Schluss. Und wenn du die Lieder einzeln und nackig hinstellst, beschäftigt sich der Hörer viel mehr mit dem Album, hat aber den Gesamtfluss nicht. Ich hatte ein wenig Angst, dass das nach hinten losgehen könnte, aber ich wollte das einfach mal ausprobieren. Ich habe ein paar Hörer gehabt, die sagten, dass sie die neuen Songs gehört haben und dass es gar nicht ihr Ding war. Sie hatten trotzdem die LP schon bestellt. Und neulich haben sich zwei davon bei mir gemeldet und gesagt, dass sie das Album verstanden haben, jetzt wo es vollständig ist. Das ist eben das Spannende bei dieser Strategie.

Mir ging es auch ein wenig so. Ein paar Lieder fand ich von Anfang an super, wie „G-Land“. „Monster“ kommt im Albumverbund bei mir gut an, einzeln war es schwierig. Und jetzt trifft es wie die Faust aufs Auge, ebenso wie „Desillusioniert“. Im Gesamtverbund ist es ein schönes, rundes Werk, auch wenn es komplett anders ist als deine vorherigen Werke.

Ich spiele sehr viel Gitarre. Ich muss viel üben, weil ich kein guter Gitarrist bin, aber ich arbeite gerade auch mit wem zusammen, der viele Elektrosounds macht. Ich will die Dinge ausprobieren, weil ich höre zu Hause ja auch alles, von NAPALM DEATH bis ABBA. Ich hab heute erst eine Platte gefunden, die ich als Junge geliebt und jetzt bei meinem Vater im Nachlass gefunden hab. Ich höre DEPECHE MODE, EA80, DRITTE WAHL, Grindcore, MORBID ANGEL, OBITUARY, Blues, JOHNNY LEE HOOKER, TOWNES VAN ZANDT und so weiter, also total breit. Diesen Ansatz, Songs auf eine andere Art zu machen, behalte ich mir auch vor. Und wenn Leute kommen und sagen, dass die Platte anders klingt, aber trotzdem ganz einfach nach mir, dann freue ich mich, das finde ich schön. Viele Menschen, mich eingeschlossen, erwarten von einer Band eine gewisse Konstellation, wir wollen nicht so richtig überrascht werden. Aber als Musiker denke ich, dass ich nicht jedes Mal die gleiche Platte machen will. Ich lebe ja weiter – ich nehme ein Album auf und erlebe 365 Tage lang neue Sachen und das fließt in die Lieder ein. Du gehst immer weiter, bis du tot bist.

Ich habe da eine Theorie, warum die neue Platte nackter klingt. Ich sag einfach mal nackter, weil das bist ja im Endeffekt du und deine Gitarre.

Ich habe viel live aufgenommen. Anfangs habe ich versucht, das ganze Step by Step aufzunehmen, weil ich kein so guter Gitarrist bin. Ich nehme immer mit Eike in den Chamäleon Studios in Hamburg auf und ich saß da und sagte: „Das klingt kacke, ich ich hab da kein Feeling.“ Er sagte: „Ja, ich hör das. Und ich weiß, dass du das nicht gerne machst, weil du denkst, dass das dann technisch nicht perfekt gespielt und gesungen ist, aber setz dich mal hin und hau die Dinger so raus wie sie sind.“ Nur bei zwei, drei Liedern wie „Monster“ haben wir mehr gemacht, ein bisschen Schlagzeug eingespielt zum Beispiel. Wir haben gemerkt, dass die Songs vielleicht nicht perfekt performt sind, wenn die Stimme mal ein bisschen abkratzt, aber ansonsten hat das einen Spirit wie die Liveplatten. Und deshalb haben wir es so gelassen. Das ist so roher, rauer und ehrlicher. Wenn ich nicht erst spiele und dann singe, sondern das gleichzeitig tue, dann zerdenke ich das Lied nicht und fühle es mehr.

Ich dachte eigentlich, dass du das so reduziert spielst, weil das Livealbum „Mehr Sein als Schein“ das letzte war, das mit deiner kleinen Besetzung entstanden ist. Das hat sich danach mehr oder weniger zerschlagen, oder?

Ja, das hat sich zerschlagen. Ich habe ja nie gesagt, dass wir für immer zu viert zusammen bleiben. Sondern ich habe ihnen gesagt, dass ich sie mitnehme und wir dann kucken, was wir machen. Und durch persönliche Umstände hat sich das geändert. Matze ist komplett aus allem ausgestiegen, Janko ist sehr krank geworden und mein Bruder Johannes hat eine Familie gegründet. Ich stand dann alleine da, als mir Janko kurz vorher abgesagt hat. Ich habe eine Tour komplett solo gespielt, über dreißig Städte. Ich hatte totale Angst, es hat aber trotzdem gut geklappt.

Das hat sich wohl auch aufs neue Album ausgewirkt, oder?

Ja, auf jeden Fall. Ich war alleine unterwegs und habe viel nachgedacht. Ich bin mehrere tausend Kilometer Auto gefahren, habe nebenbei komponiert. Das war auch ganz schön. Diese sozialen Spannungen gab es dabei eben nicht. Wenn du mit mehreren unterwegs bist, hat der eine morgens schlechte Laune, der andere abends, einer möchte Pils trinken, der andere Wasser, einer isst Fleisch, der andere vegetarisch, und das wird schnell kompliziert. Ich habe das Alleinsein nach dem ersten Konzert genossen. Ich bin jemand, der nicht viel braucht und habe viel draußen geschlafen, weil ich ein Auto mit so einem Wohnaufbau habe, das ist mein Hof Pick-up. Bei Minus zwei Grad draußen so zu übernachten hätte ich mit anderen nicht machen können. In dieser Zeit konnte ich auch sehr zu mir selbst finden. Das war wirklich eine schöne Tour und hat Spuren für die neue Platte hinterlassen.

Das war ja fast eine Art Jakobsweg. Ewig unterwegs und allein.

Aber schön! Und das obwohl ich die Hosen so richtig voll hatte. Ich weiß gar nicht mehr, wo das erste Konzert war, aber ich hatte solche Angst. Kennst du das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“? Wo der kleine Bengel sagt: „Der hat ja gar nichts an.“ Und genauso hab ich mich gefühlt. Ich dachte, ich spiele da vor den Leuten und einer sagt: „Das ist ja totale Scheiße.“ Das ist aber zum Glück nicht passiert. So einen Puls hatte ich die Jahre davor nie mehr. Meine Frau hatte vor der Tour angemerkt, dass ich zu Hause ja auch so spiele und dass es da schön klingt. Also machen und nicht heulen.

So sind die Frauen.

Ja, ich werde von ihr sehr unterstützt, sonst könnte ich nicht so sein, wie ich bin.

Weiter geht’s in Kürze mit dem zweiten Teil des Inteviews mit FRIEDEMANN.