CONVERGE: Bloodmoon: I

Hält „Bloodmoon: I“, die heiß ersehnte Kollaboration der Koryphäen CONVERGE, CHELSEA WOLFE und CAVE IN, was sie verspricht?

Ich mag mich hiermit unbeliebt machen, aber Kollaborationen halten oftmals nicht das, was sie versprechen, die große Chance wird von den Künstlern allzuoft nicht genutzt. „Mariner“ von CULT OF LUNA und JULIE CHRISTMAS war so eine Angelegenheit: Die Band zieht ihr Ding durch und die Sängerin, die eine verdammt gute Leistung bringt, kann durch das stilistische Korsett keine eigenen Akzente außer ihren charakteristischen Vocals setzen. Ebenso war es bei THOU und EMMA RUTH RUNDLE. Und nun versuchen sich CONVERGE an einer Kollaboration. Hier sind die Grundvoraussetzungen ein wenig anders, denn diese Crew hat 2016 bereits einen Testballon gestartet – und das macht sehr, sehr viel aus.

Vor allem geht es dieses Mal nicht darum, eine Band mit einer Sängerin zu kreuzen, es ist auch noch CHELSEA WOLFEs langjähriger Songwriting-Partner Ben Chisholm an Bord und prägt das Album entscheidend. Nicht zuletzt ist CAVE IN-Frontmann Steve Brodsky dabei, dessen charakteristische Handschrift auch in zahlreichen Momenten durchscheint. Vielleicht funktioniert „Bloodmoon: I“ so gut, weil es ein Eigenleben entwickelt hat, verursacht durch Akteure, die loslassen konnten. Somit ist dieses einstündige Werk einerseits eine stilistische Wundertüte, getreu dem Motto, dass alles möglich ist was gefällt. Andererseits ist es aber auch ein atmosphärisch dichtes, schaurig-schönes Album geworden.

„Bloodmoon: I“ ist eine echte Kollaboration, in der sämtliche Mitwirkende ihre Komfortzone verlassen dürfen – allen voran CONVERGE selbst

Vielleicht ist das Ergebnis dieses Albums auch deshalb überraschend. Denn es ist besonders schön zu sehen, wie es hier vor allem die Alteingessenen sind, die Legenden, die aus der Komfortzone gelockt werden. CONVERGE sind es, die das Grundgerüst an Heaviness bieten, aber sich am meisten im Verlauf dieser Stunde anpassen müssen. Und das, obwohl sie sowieso zu den experimentelleren Hardcore-Bands zählen. Die Chancen für ganz große Momente stehen also gut. Dabei ist der Titelsong zu Beginn noch etwas gebremst, erinnert an „You Fail Me“ mit ein wenig morbider CHELSEA WOLFE-Atmosphäre. Gut gemacht, ein kleines Aha-Erlebnis, aber keine wirkliche Sensation. Dann lockern die Protagonisten ihre Zügel und „Bloodmoon: I“ beginnt so richtig.

„Viscera of Man“ hat den einzigen D-Beat des Albums parat, ganze 16 Sekunden darf Ben Koller Gas geben, dann wird es auch hier langsam und tonnenschwer. Weitere Irritationen gibt es auf „Bloodmoon: I“ zu hören, aber das Kollektiv setzt all das kohärent in Szene. Es funktioniert nicht nur hier, sondern auch bei den weiteren Nummern, die sich auf Heaviness konzentrieren. „Tongues Playing Dead“, „Lord Of Liars“, der quasi CAVE IN-Song „Failure Forever“ und „Daimon“ klingen unverschämt gut und zeigen, dass CONVERGE durch ihre breitgefächerte Basis keinerlei Probleme haben, sich an Chisholm, Wolfe und Brodsky anzupassen. Im Gegenteil, sie klingen stellenweise geradezu locker.

Zwischen Heaviness und schaurig-schöner Atmosphäre: CONVERGE, CHELSEA WOLFE und Steve Brodsky pendeln  zwischen den Extremen und schaffen Momente, die zum Sterben schön sind

Dann gibt es diese Gänsehautstücke, die sich wie – im besten Sinne – Soundtracks von Tim Burton anhören. Diese schaurige Atmosphäre ist das, was am besten funktioniert und am meisten überrascht. „Coil“, „Flower Moon“ und „Blood Dawn“ erzeugen eine Atmosphäre, die weder CHELSEA WOLFE noch CONVERGE bisher in ihrer Karriere erzeugt haben. Perfektioniert wird dies in dem epischen „Crimson Stone“, das sich dynamisch massiv aufbaut und einen Chorus zum Sterben hat. Geradezu unglaublich ist jedoch „Scorpion’s Sting“. Hier klingt die Band, als hätten THE MARS VOLTA eine Ballade mit Sängerin CHELSEA WOLFE geschrieben, die hier besonders sinnlich singt. Ein Stück, das die erotischen Szenen in „Blue Velvet“ untermalen könnte. Das ist die absolute Sternstunde des Albums.

Das Fazit ist eindeutig: „Bloodmoon: I“ ist ein Volltreffer von fast durchgehend hoher Qualität und ohne nennenswerte Längen. Sämtliche Protagonisten harmonieren hervorragend miteinander, packen neben das starke Songwriting noch allerhand Details und Finessen. Niemand muss sich in den Vordergrund drängen. Die elf Stücke wurden von Kurt Ballou standesgemäß mittels einer voluminösen, glasklaren und dynamischen Produktion veredelt, sodass selbst die ruhigen Momente extrem kraftvoll wirken. Hoffentlich folgt Teil zwei in nicht allzu ferner Zukunft mit ein ähnlich hohen Niveau, dann aber mit einer weniger katastrophalen Veröffentlichungspolitik (lieblose CD und Vinyl erst in sechs Monaten). Dann würde sich diese Kollaboration nicht nur hören, sondern auch sehen lassen können.

Wertung: 9 von 11 Chimären

Veröffentlicht am 19. November 2021

Spielzeit: 58:47

Line-Up:
Jacob Bannon
Kurt Ballou
Nate Newton
Ben Koller
Chelsea Wolfe
Ben Chisholm
Steve Brodsky

Produziert von Kurt Ballou

Label: Epitaph

CONVERGE „Bloodmoon: I“ Tracklist:

1. Blood Moon (Official Video bei Youtube)
2. Viscera of Man
3. Coil (Official Video bei Youtube)
4. Flower Moon
5. Tongues Playing Dead
6. Lord Of Liars
7. Failure Forever
8. Scorpion’s Sting
9. Daimon
10. Crimson Stone
11. Blood Dawn

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