ELLES VĀRTI: Elles Vārti [Eigenproduktion]

Noise, Dekonstruktion, Riffs, Schmerz. ELLES VĀRTI lässt selbst hartgesottene Doom und Sludge-Hörer ein neues Intensitätslevel erleben.

ELLES VĀRTI ist das Tor zur Hölle. Sowohl ganz nüchtern vom Lettischen ins Deutsche übersetzt, als auch musikalisch. Vor allem musikalisch. Etwas Schmerzhafteres und Abgründigeres als dieses Debütalbum muss man erstmal finden. Im Doom und Sludge, wo Extremität schnell zur Langeweile und Beliebigkeit wird, ist dies der konsequente Gegenentwurf. Überhaupt gibt es in Sachen Relevanz und Intensität derzeit in diesem Genre nichts Vergleichbares. Wer genau hinter ELLES VĀRTI steckt, ist nicht bekannt, es ist mutmaßlich das Projekt einer einzelnen lettischen Musikerin. Aber es braucht auch nicht mehr Informationen, vielleicht wäre jeder weiterer Hinweis zu ELLES VĀRTI sogar schadhaft, denn das selbstbetitelte Debüt lebt einerseits von der Intensität des zur Schau gestellten Schmerzes, andererseits eben von der konsequenten Kargheit.

ELLES VĀRTI zeigen ihren Wunden und zeigen sich selbst für Sludge und Doom erstaunlich intensiv.

Etwas mehr als eine halbe Stunde dauert dieses Durchschreiten des Höllentores. Extreme Feedback-Schleifen, die Nadeln ins Trommelfeld stecken, bis an die Unkenntlichkeit verzerrte Riffs unter deren Wucht das Drumming fast schon unter geht, ein paar versteckte, dissonante Melodien und schließlich dieser Gesang, der am Ende des Albums sogar in Richtung Sopran gehen darf. Und generell ist in den Vocals das ganze Spektrum enthalten: Speiend vor Ekel und Wut bis hin zu schmerzerfüllt gesungen. Dass das keine leichte Kost ist, versteht sich von selbst. Eine ähnliche Intensität habe ich zuletzt von einer obskuren mazedonischen Band namens POTOP im Jahr 2008 gehört oder eben von BURIED AT SEA.

Wir haben hier Berge an Riffs mit zahllosen Schichten an Gesang und Noise darüber. Das, wenn nicht zur konsequenten Dekonstruktion einlädt, was dann? Sprich, was sich hier langsam aufbaut, wird nach und nach auseinander genommen. Die Beschreibung des Projekts auf Bandcamp heißt schlicht: „Torn apart“. Und das bezieht sich wohl auf den Seelenzustand als auch auf die Musik. Es darf also nicht erwartet werden, dass ELLES VĀRTI packende Riffs und Melodien schreiben, viel mehr geht es hier um die Erfahrung. Es mögen einzelne Elemente im Gedächtnis bleiben, das Gesamtkonstrukt überrollt die Hörer geradezu. Wer auf immer hinter ELLES VĀRTI steckt, was auch immer sie erlebt haben muss, durch welche Hölle sie gehen mag, sie lässt ihre Hörer an ihrem Schmerz teilhaben. Es ist geradezu unerträglich.

Es geht kaum intensiver: ELLES VĀRTI Reise in den Abgrund ist schwer auszuhalten, aber absolut faszinierend.

Darin liegt aber auch der Reiz dieser fünf Songs. Aushalten, in die Finsternis abtauchen, weil es so eine Faszination ist, weil es so reinigend ist. So schnell das Album startet, so unvermittelt endet es auch. Es ist, als wollte ELLES VĀRTI diese Vision komprimieren um die Intensität zusätzlich anzukurbeln. Nun, tatsächlich geht es kaum intensiver. Und kaum unerträglicher. Klar ist, so ein extremes Sludge-Doom-Album wird nur ein kleines ein Publikum finden. Die lettische Künstlerin sollte aber von jedem gehört werden, der in dieser Stilrichtung neue Impulse sucht. Letztlich bleibt die Frage, ob wir wir zusammen mit der Musikerin in die Hölle schreiten oder aus ihr heraus. Ich glaube Zweiteres stimmt. Nach diesen fünf Songs hat sich zumindest einiges relativiert.

Wertung: 4 von 5 Fieberträume von Dante

VÖ: 28. Juni 2021

Spielzeit: 32:55

Label: Eigenproduktion

ELLES VĀRTI „Elles Vārti“ Tracklist:

1. Mierinājums ir muļķim
2. Katrs ceļš ved uz tumsu
3. Kad no murga nepamosties
4. Pēcnāves skarbais skūpsts
5. Mūžībai šeit

Mehr im Netz:

https://ellesvrti.bandcamp.com/