FORHIST: Forhist

Nostalgie ist in Zeiten der Unsicherheit und Krise ein probates Mittel, sich seiner Kräfte und eigentlichen Potenziale immer wieder gewahr zu werden. Wo komme ich her? Wo gehöre ich hin? Ob sich Vindsval diese Fragen auch gestellt hat, als er anfing an FORHIST zu arbeiten? Vielleicht, denn das legendäre Black Metal-Chamäleon BLUT AUS NORD steht im Großen und Ganzen für Fortschritt und Entwicklung. Vindsval scheint in den letzten Jahren sein Werk mehr zu definieren: In YERUSELEM zeigte er mit dem Debütalbum „The Sublime“ seine dem Industrial zugewandte Seite, FORHIST ist ein Tribut an seine eigene Vergangenheit.

In den letzten zwölf Jahren waren BLUT AUS NORD nur zwei Mal traditioneller gepolt, und zwar mit „Memorial Vestusta II: Dialoge With The Stars“ und „Memorial Vetusta III: Saturnian Poetry.“ Nun könnte FORHIST auf den ersten Blick wie „Memorial Vetusta IV“ klingen, immerhin ist der Name des Projekts ja auch ein Songtitel von „Memorial Vetusta III“, aber hier steckt der Teufel im Detail. FORHIST sind weniger verspielt als die beiden genannten BLUT AUS NORD-Werke. Die spirituelle Reise, auf die uns Vindsval mitnimmt, ist bei FORHIST viel erdiger und direkter. Es gibt keine wirkliche Agenda, außer vielleicht den Spirit der 1990er wieder aufleben zu lassen. So werden die acht Lieder auf „Forhist“ zu einem Stillleben. Als würde sich ein Tor öffnen und das heutige Ich darf in die Zeit vor 25 Jahren schauen. Und es wundert sich, wie relevant die wilde Jugend eigentlich noch immer ist.

Vindsval nimmt den Hörer auf “Forhist” mit auf eine Reise in die Vergangenheit, bleibt aber mit einem Bein in der Gegenwart

Nun ist Nostalgie im Black Metal gerade wieder im Kommen. Ob Zufall oder nicht, aber kürzlich begeisterten STORMKEEP mit „Galdrum“ und HULDER mit „Godslastering Hymns Of A Forlorn Peasantry“ in genau diesem Bereich. Vindsval toppt diese beiden Genrebeiträge aber mit spielerischer Leichtigkeit. Warum? Es gibt wenige andere Künstler, die sofort erkennen lassen, wer da spielt. Die Gitarrenriffs, der Sound und die Melodieführung der Leadgitarren, das Klangbild, das ist alles unverkennbar Vindsval. „Forhist“ ist sehr riffbasiert, immer wieder gibt es atmosphärische Keyboards, das Geschrei ist in den Hintergrund gemischt, geisterhafte Chöre finden sich dazwischen ein – FORHIST könnte von keinem anderen Musiker sein, als von Vindsval.

Und seine Standards sind um einiges höher als die von anderen Künstlern. Er überlässt nichts dem Zufall, und schafft es dennoch geerdet und intuitiv zu klingen. Selbst die kurzen Songs, mit einer Spieldauer von unter vier Minuten wirken wie eine vollständige Komposition und nicht wie ein Fragment. Die Primitivität gaukeln FORHIST dem Hörer nur vor, stattdessen sind die acht unbetitelten Stücke so präzise wie möglich geschrieben. Eben so, dass Luft bleibt, um die Musik zu spüren und dass sie atmen kann. Die unterschiedlichen Stimmungen der Songs kommen jeweils sehr gut zur Geltung: Von rasend und wild („II“, „III“ und „VIII“) über getragen und majestätisch („VII“) geht das Spektrum. Schon das erste Stück, das diese beiden Pole kohärent verbindet, brilliert.

Das Gefühl, das Black Metal in den Neunzigern vermittelte, ist wieder präsent: FORHISTs Debüt ist wunderschön geworden

Die acht unbetitelten Stücke laden zur Reflexion ein, zur Einsamkeit, wahrscheinlich weil sie auch aus Einsamkeit entstanden sind. Dieses Gefühl, das Black Metal in den Neunzigern vermittelte – ich denke an „In The Nightside Eclipse” oder “Bergtatt” –, ist wieder präsent: Abgrenzung von anderen Menschen, eine Zugewandtheit an den Nachthimmel, den Schnee, die Wälder, die Tiere. Wer jetzt an PAYSAGE D‘HIVERs „Im Wald“ denkt, sollte aufpassen, denn so repetitiv und LoFi ist FORHIST zu keiner Sekunde. Und weil „Forhist“ auch nicht produziert ist wie ein Album aus den Grieghallen, sondern ganz zeitlos klingt, schafft es Vindsval auch, dass dieses Projekt nicht nur auf der Nostalgiewelle reitet – er bleibt mit einem Bein in der Gegenwart.

Und genau deshalb ist FORHIST auch so wunderschön geworden. Eine Dreiviertelstunde losgelöst zu sein von den irdischen Problemen, stets im Bewusstsein, dass die Vergangenheit vergangen ist und die Zukunft noch nicht geschrieben wurde. „Forhist“ ist eine Meditation, mehr als nur ein Nebenprojekt und passiert zurecht außerhalb des BLUT AUS NORD-Kosmos. Das unglaublich schöne Artwork von DehnSora verdeutlich es: Diese acht Lieder sind da, um zu sich zu finden, Kraft zu sammeln und die Aura der Natur in sich aufzusaugen. Das gesampelte Vogelzwitschern deutet es an, wie nach einem Winterschlaf finden wir langsam wieder im ewigen Kreislauf aus Werden und Vergehen zurück. Weil auch wir ein Teil des sich ewig drehenden Rades sind. Und weil auch Vindsval ein Teil davon ist.

Wertung: 7,5 von 8 Fuchshöhlen

VÖ: 26. Februar 2021

Spielzeit: 42:41

Line-Up:
Vindsval

Label: Debemur Morti Productions

FORHIST „Forhist“ Tracklist:

I (Official Audio bei Youtube)
II (Official Audio bei Youtube)
III
IV
V
VI
VII
VIII

Mehr im Netz:

https://blutausnord.bandcamp.com/album/forhist